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28.04.2017, 09:55

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Workshop zu Grundlagenfragen naturreligiöser Traditionen

5. bis 7. Oktober 2007, Köln

Die AG Bahnhof des Rabenclan e.V. veranstaltete in Kooperation mit der Kulturinitative "Der Dritte Ort" in Köln vom 5. bis 7. Oktober 2007 einen Workshop mit dem Kulturtheoretiker PD Dr. Narahari Rao (Universität Saarbrücken) zu grundlegenden Fragen beim Verständnis heidnischer und neuheidnischer Traditionen. Neun Vereinsmitglieder und Interessierte nahmen an dem Workshop teil. Der intensive, zweieinhalbtägige Dialog wurde von dem Philosophiedozenten ganz in einem mäeutischen Stil moderiert. Rao ist selbst in zwei Kulturkreisen zu Hause und kennt die Problematik, wie Begriffe und Vorstellungen der westlichen Forschungstradition, die unzweifelhaft vom Christentum geprägt sind, das Verständnis von Lebensweisen in polytheistischen oder animistischen Traditionen und Milieus behindern. Aufgrund eigener Erfahrung ist er mit den Herausforderungen vertraut, die sich bei der Entwicklung und Etablierung sogenannter "alternativer Lebenszusammenhänge" ergeben.

Der Workshop war die Fortsetzung einer ersten, mehrstündigen Diskussionsrunde mit Narahari Rao über das Verhältnis von Ritual, Gesellschaft und Religion, die am diesjährigen Treffen zur Walpurgisnacht im Rittergut Lützensömmern stattfand. Ausgangspunkt der Diskussionen war nun aber die grundsätzlichere Frage danach, was ein gutes Leben ausmacht und was die Bedingungen eines solchen sind. Im Nachvollzug der bekannten idealtypischen Einteilung bei Aristoteles (Familie, Dorf, Stadtstaat) stellte sich dann die im naturreligiösen Milieu mit seinen kommunitären Vorlieben durchaus brisante Frage, welche Größe gemeinschaftliche Strukturen haben müssen, damit die Bedingungen für ein gutes Leben gegeben sind. Weitergefasste Strukturen wie z.B. Nationalstaaten oder internationale Beziehungsgeflechte in der globalisierten Welt kannte Aristoteles noch nicht, und ihre Bedeutung heute kann auch nicht mehr ignoriert werden, allerdings ist das zentrale Vorteil der Überschaubarkeit der Polis ein guter Hinweis, was der Preis großer sozialer Gebilde ist und wo Anonymisierungseffekte komplexer Interdependenzketten durch weitere Elemente einer Lebensform wieder kompensiert werden sollten. Allein die Komplexität einer Polis macht aber deutlich, daß größere Strukturen auch die eigengesetzliche Entwicklung und Verfeinerung neuer Bedürfnisse, Notwendigkeiten, Fertigkeiten und Institutionen zur Folge haben.

Im Fortgang des Workshops schälte sich die Bedeutung von Festen und Ritualen für die Etablierung und Verfeinerung des Ethos und des Sets an Fertigkeiten heraus, die für eine Gemeinschaft und das individuelle Leben wichtig sind. Anhand von Danksagungen bei Feiern (z.B. bei der Lebensrückschau anläßlich von Geburtstagen) wurde exemplarisch die Frage erörtert, wie Rituale Ethos und Haltungen trainieren. Dankbarkeit und dankbar zu sein steht in einem engem Verhältnis zu einer Anerkenntnis des "Verschuldet Seins" gegenüber jemandem. Letzteres ist eine eigentümliche Verpflichtung, die sich aus der erhaltenen Wohltat ergibt. Eine Analyse dieser Verpflichtung erhellt wiederum auch die Frage, wer überhaupt Teil der sozialen Gemeinschaft ist, für die die Frage nach den Bedingungen des guten Lebens geklärt werden muß.

Der als Ausgangsbasis für die weitere Diskussion verwendete Aufsatz von Ernst Tugendhat "Wem kann ich danken? Über Religion als Bedürfnis und die Schwierigkeit seiner Befriedigung" thematisiert diese Problematik des personalen Bezugsrahmens beim Phänomen des Dankens. Tugendhat hält es für "schwer vorstellbar, dass Menschen nicht ein wesentlicher Aspekt ihres Lebens entgeht, wenn sie für ihr Leben und für das, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist, nicht danken können." Zugleich erscheint ihm die Meinung unbefriedigend, "dass alles Danken sich auf das Bewusstsein reduzieren lasse, dass andere natürliche Personen für das Geschehen dessen, was für einen gut ist, verantwortlich seien; ein darüber hinausgehendes Danken gebe es nicht." Er spitzt aber die Problematik voreilig theologisch auf den Gottesglauben zu, wenn er konstatiert: "Unbefriedigend ist zweitens die Ansicht, dass ein solches Danken, das über die Dankbarkeit gegenüber natürlichen Personen hinausgeht, auch anonym sein könne, dass also das Objekt des Dankens, das im Dativ steht, nicht eine Person sein müsse. Es gäbe dann ein Danken gegenüber einem nichtpersonalen Wesen. Demgegenüber erscheint es mir evident, dass man nur einem Wesen danken kann, dem gegenüber es auch sinnvoll sein kann, etwas zu erbitten; und es ergibt keinen Sinn, ein nichtpersonales Wesen um etwas zu bitten. Es erscheint also sinnwidrig, zu einer nichtpersonalen Instanz zu beten oder ihr zu danken; und das heißt, es wird dann sinnlos, für Dinge zu danken, für die man nicht einer natürlichen Person danken kann." Da nach Ansicht des Tübinger Philosophen der Glaube an einen christlichen Gott, dem man danken kann, die intellektuelle Redlichkeit verletzt, kreist der Aufsatz dann um dieses Dilemma und verpasst so die Möglichkeit die Komplexität des Phänomens der Dankbarkeit befriedigend auszuloten.

Im Verlauf der weiteren Diskussion ermittelten die Workshopteilnehmer eine Vielzahl an Grenzbereichen, in denen Dankbarkeit sinnvoll auf etwas ausgerichtet werden kann, das im Grenzgebiet der Personalität liegt (intellektuelle oder kulturelle Traditionen, Institutionen, verstorbene Ahnen, Tiere, Pflanzen usw.), selbst wenn an der etablierten begrifflichen Unterscheidung von nicht-intentionalem Ereignis versus absichtsvoller Handlung, anhand derer sich Personalität diagnostizieren lässt, festgehalten wird. So wie wir Personen für ihre schlichte Existenz dankbar sein können, wenn sie allein durch ihr Dasein und ohne bewusste Intention ihrerseits unser Leben bereichern, so können wir auch nicht-menschlichen Lebewesen dankbar sein, wenn sie unser Leben bereichern (- beliebtes, viel Heiterkeit auslösendes Beispiel war der Maulwurf mit seinen charakteristischen Erdaushubaktivitäten). Und in beiden Fällen kann sich über die Dankbarkeit jenes oben erwähnte Bewusstsein eines "Verschuldet Seins" herausbilden, das doch eigentlich Kennzeichen einer Beziehung zu einem personalen Wesen ist.

Rituale in naturreligiösen Kulturen thematisieren oft genau solche eigentümlichen personalen Beziehungen zu aus heutiger, anerkannter Sicht "nicht-personalen" Wesen und trainieren so einen spezifischen Ethos. Dieser Ethos macht auch deutlich, daß sowohl Stellvertreterhandlungen (ein spezifisches Objekt oder Lebewesen erfährt bei Gelegenheit oder in ausgewählten Situationen besondere Aufmerksamkeit, Pflege oder Ehrung), als auch eben Rituale kein Ersatz für die Erfüllung der Ansprüche sind, die sich aus den Verpflichtungen gegenüber solchen Wesen ergeben. Im Gegenteil: beide thematisieren diese Verpflichtungen, erinnern an sie und üben ein, in welcher Haltung ihnen nachgekommen werden muß. Wer z.B. die Ahnen ehrt, kommt also nicht um die Aufgabe herum, dennoch die Tradition zu pflegen und weiterzugeben, die die Ahnen gestiftet haben. Und wer den "Herr der Tiere" ehrt, ist nicht von dem Anspruch befreit, auch in anderen Bereichen des Lebens sorgsam und umsichtig mit Jagdtieren umzugehen.

In Ritualen drückt sich also eine Vernünftigkeit aus, die Ergebnis einer spezifischen lebensweltlichen Erfahrung ist. Diese Vernünftigkeit kann nicht ohne weiteres mit dem Argument bestritten werden, daß hier "Kultur" mit "Natur" verwechselt wird, da Bäume nun einmal Objekte (Dinge, Sachen) sind, aber keine Personen. Es ist bereits Folge einer historisch kontigenten Lebenspraxis, eines Umgangs und einer darauf aufsetzenden Tradition, nicht einfach Konsequenz einer simplen Wahrnehmung, daß Bäume der Kategorie "Dinge" zugeordnet werden, daß ihnen also nur Ereignisse widerfahren und sie nur Teil von Ereignissen sein können, aber nichts, von dem Handlungen ausgehen.

Diese Vernünftigkeit eines Ethos, der die Dankbarkeit gegenüber Wesen beinhaltet, deren Personalität heute im anerkannten Diskurs abgestritten wird, zeigt sich auch in einem reifen Verhältnis zur Begrenztheit des Menschen. Denn die Dankbarkeit gegenüber allem, was unser Leben bereichert, schützt uns nicht davor, sich gegenüber diesem zu vergehen und die sich aus der Dankbarkeit ergebenden Verpflichtungen lassen sich auch niemals vollständig einlösen. Hier zeigt sich eine Anerkenntnis der tragischen Situation des Menschen, wie sie z.B. auch in den germanischen Heroenepen oder im antiken griechischen Drama zur Sprache kommt.

Bemerkenswert bei dieser Betrachtung ist, daß Rituale nicht als symbolisches Ausdruckssystem gedeutet werden, als verklausulierte, metaphorische Umschreibung eines "Glaubenssystems", sondern als Aktualisierung und Einübung eines Handlungswissen, einer Fertigkeit, eines Know Hows. Sie trainieren eine Haltung und tun dies, indem sie Handlungen ausführen und in Handlungsabläufe einüben, nicht indem sie verbale Lehren erteilen. Die Einübung der Handlungsabläufe beinhaltet in sich den Anspruch auf Aufmerksamkeit, die den rituellen Ablauf aus der Routine reißen soll. Wenn also beklagt wird, daß ein tradiertes Ritual zur bloßen Routine verkommen ist, so ist dies kein Argument dafür, daß das Ritual gescheitert oder obsolet ist. Nicht das Ritual hat gefehlt, sondern diejenigen, die den grundsätzlichen Anspruch jeden Rituals nach Aufmerksamkeit nicht mehr nachgekommen sind. Rituale wandeln sich in der Regel aufgrund sich verändernder Lebensumstände, die bestimmte rituelle Formen verunmöglichen können. Rituale können aber daneben tatsächlich obsolet sein, z.B. dann, wenn der von ihnen durch die rituellen Handlungen eingeübte Ethos nicht mehr als akzeptabel erscheint.

So weit ein Ausschnitt aus dem Spektrum der in der Diskussion geäußerten Gedanken. Der hier skizzierte Gedankengang kann den inhaltlichen Diskussionsverlauf lediglich andeuten. Es versteht sich von selbst, daß nicht jeder Aspekt dieser Überlegungen von allen Workshop-Teilnehmern geteilt wurde. Eine Vielzahl weiterer Überlegungen zum Verhältnis von Ritual und Kunst, zu Ritualen mit Pflanzen, Tieren und Verstorbenen, zu den Eigenschaften und dem Sinn von Festen, dem tragischen Bewußtsein angesichts der Unabsehbarkeit von Handlungen und der Unwiderruflichkeit des Getanen, dem Phänomen der Weitergabe von Traditionen (unsentimental verstanden als Hort von Fertigkeiten, Sitten, Aussagensystemen, Ethos und Weltanschauung) und den detaillierten Bedingungen des guten Lebens war ebenfalls Teil der intensiven Dialogs.

Auch jenseits der offiziellen Diskussionsrunden wurde überlegt, argumentiert und analysiert, teilweise bis spät in die Nacht. Oft konnte nur eine erste Fährte für weitere zukünftige Überlegungen gelegt werden, die aber für die sichtlich zufriedenen Teilnehmer eine gute Ausgangsbasis für eigene Forschungen und Reflexionen bildeten. Gerade die Tatsache, daß der Teilnehmerkreis sich aus Menschen mit ganz unterschiedlichem persönlichen Hintergrund zusammensetzte (Universität, Marketing, NGO, alternative Lebensweisen etc.) und sich nicht nur aus dem akademischen Milieu rekrutierte, war für die Diskussion sehr hilfreich, da so lebensweltliche Erfahrungen und Intuitionen noch unbeschwert und unbehindert von schulphilosophischen Deutungsautomatismen eingebracht werden konnten.

Wie nicht anders zu erwarten blieb der Dialog unabgeschlossen. Eine Folgeveranstaltung ist für den Jahresbeginn 2008 geplant.

AG Bahnhof

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