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28.04.2017, 09:55

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Austausch mit der Göttin

Nicht alle tantrischen Schulen beinhalten explizite sexuelle Praktiken. Mehr noch: Heute sind die sexuellen Praktiken in der tantrischen Kultlandschaft weitgehend ein Randphänomen. Gerade die Tatsache, dass seit zwei Jahrhunderten im Westen die sexuellen Varianten besonders betont werden, ist ein trauriges Beispiel für die Sucht, den Osten als besonders befremdlich und exotisch darzustellen. Andererseits hat der Tantraforscher David White vor einigen Jahren überzeugende Argumente vorgelegt, dass der sexuelle Akt und die geschlechtlichen Unterschiede tief in das Herz der tantrischen Kultfamilie eingelassen sind. Er ermittelte in den sogenannten Kaula-Praktiken, wie sie in Zentralindien im 8./9. Jahrhundert n. Chr. entstanden, einen entscheidenden Knotenpunkt in der jahrhundertealten geschichtlichen Herausbildung von Tantra. Auch wenn sie weder damals noch später den Mainstream des Tantra bildeten, sind sie eine Art historischer Kern, der viele Aspekte des Tantra verdichtet und zugleich der Ausgangspunkt für seine weitere Geschichte auf dem indischen Subkontinent und in den Nachbarregionen ist. Man sollte dieses frühe Tantra aber nicht als ein Ur-Tantra begreifen, das allen anderen tantrischen Traditionen zugrunde liegt, sondern als eine Schule, die gemäß dem White'schen Deutungsansatz zentrale Aspekte dieser Traditionen gleichsam auf den Punkt bringt und deshalb in der Kultfamilie besonders wirkmächtig wurde.

Das, was White als geschichtlichen Kern des Tantra rekonstruiert, ist jedoch noch weiter weg von jenem putzigen, pseudospirituellen oder verklärten Bild, das heute in der New-Age-Kultur gezeichnet wird. Tantra war demnach eine okkulte, magische Selbstformungskunst, die nicht der harmonischen Begegnung der Geschlechter diente und auch nicht der spirituellen Befreiung, sondern der Gewinnung von Macht. Es entstand aus der Individualisierung und Sexualisierung von clanbezogenen Kulten, in denen blutige Tieropfer und auch Menschenopfer als Nahrung für gefährliche, rachsüchtige weibliche (Halb-)Gottheiten dargeboten wurden, an abgelegenen Orten wie Höhlen, Bergen und nicht zuletzt auch Friedhöfen. Entwickelt von einer religiösen Spezialistengruppe rund um die Königshäuser, diente es dazu, sich an das Kräftesystem dieser Göttinnen und Halbgöttinnen anzuschließen und so selbst göttliche Fähigkeiten zu entfalten, allerdings in einem Sinne, den die meisten Inder und Deutschen nicht gerade als „spirituell hochwertig“ empfinden würden:

Reichtum, Unverwundbarkeit gegen Waffen, langes Leben, unsichtbar zu sein, sich schneller als der Wind zu bewegen, Frauen in Scharen an sich ziehen zu können, wilde Tiere und ganze gegnerische Heere zu besiegen usw.

Die Göttinnen, um die es hier geht, sind mit einem merkwürdigen Phänomen verbunden, das die Sphäre der Menschen mit der der Götter partiell verschmilzt: die Yoginī. Der Begriff ist vieldeutig: Einerseits ist damit eine Gruppe von Halbgöttinnen oder Dämoninnen gemeint, die Emanationen einer Göttin sind und jeweils an einen Clan, eine Familie etc. gebunden sind. Sie sind gefährlich, machtvoll und hungrig, ernähren sich über Krankheiten, Kindstot und Unglück von menschlichen Opfern, wenn sie nicht mit Blutsopfern zufrieden gestellt werden. Andererseits bezeichnet der Begriff Frauen, die als Ritualpartnerinnen − manchmal auch als designierte Hexe oder Zauberin − die Verkörperung eben dieser Halbgöttinnen sind und huldvoll ihrem Gegenüber die Verehrung mit unterschiedlichen Gaben und Gegengeschenken danken.

Zentraler magischer Bezugspunkt des Tantrikers ist die Frau: Ihre Yoni (die weiblichen Genitalien) ist notwendiger Bestandteil seiner magischen Operationen, in ihr verehrt er die Göttin: Das flüssige Kräftesystem, das das Universum wie ein Adernetzwerk durchzieht, verbindet die Zentren dieses Systems, die göttliche Yoni mit der Yoni jeder Frau. Rot ist die Farbe der Göttin und Rot die gefährliche, unreine Flüssigkeit, die sich monatlich bei jeder Frau zeigt. Der tantrische Akt war ein Blutsopfer. Aber wenn er auch weiterhin von anderen Blutsopfern wie der Schlachtung von Tieren begleitet wurde, so stellt er als Opfer zur Nährung der Göttinnen nun das Höchste zur Verfügung, was ein Mann zu bieten hat: den eigenen Lebenssaft, den männlichen Samen. Gemeinsam mit dem Menstruationsblut wurde daraus im tantrischen Sexualakt ein machtvoller „Nektar“ hergestellt und getrunken − in manchen Schulen direkt aus dem Lotusmund der Frau, ihrer Scheide.

Der Mix aus Blut und Sperma wurde zum magischen „Botenstoff“: Durch ihn konnten die Kräfte der Göttinnen auf denjenigen übertragen werden, der ihn trank. Zugleich übertrug er innerhalb des Clans das Wissen der Älteren auf die Jüngeren. Indem der Trank dem Schüler verabreicht wurde, konnte die Übertragungslinie zwischen Meister und Schüler fortgesetzt werden. Letzteres ist eine wichtige Funktion bei einer ganzen Reihe der zahlreichen tantrischen Rituale: Die Sicherstellung der Abstammung einer Clan-Göttin, die Herstellung oder Bestätigung zugleich der geistigen wie der biologischen Verwandtschaft innerhalb des Clans und der Tradition. Das bedeutet jedoch nicht, dass die beteiligten Frauen selbst notwendigerweise Teil des Clans sind. Nicht selten können nur Männer die Clan-Essenz verkörpern und deshalb Clanmitglieder im vollen Sinne sein, das Blut der Frauen ist nur das Medium für die Übermittlung von Mann zu Mann.

Dieses „linkshändige“ Tantra ist eine bewusste Interaktion mit strengen Reinheitsregeln der umgebenden Kultur. Das Konsumieren von fremden Körperflüssigkeiten − noch dazu Menstruationsblut − ist im vedischen Kontext ein gefährlicher und verunreinigender Akt. Im Tantra ist es Teil einer komplexen Überschreitung vielfältiger Grenzen: Ein Mensch (Mann) verbindet sich mit der Verkörperung der Göttin (Frau) und wird so selbst zum göttlichen Widerpart. Nicht die geliebte Ehefrau, die ja Teil der regulären Ordnung gewesen wäre, war die bevorzugte Partnerin, sondern möglichst Prostituierte, Frauen aus „unreinen“ Bevölkerungsgruppen oder die Ehefrau eines anderen Mannes. Beim Akt saß die Frau „unnatürlicherweise“ auf ihm, statt dass sie unter ihm lag. Es ging um die Produktion eines magischen Mittels, nicht um die Zeugung eines Kindes. Fleisch, Fisch, Alkohol sind weitere grenzüberschreitende Bestandteile dieses linkshändigen Pfades des Tantra. Je extremer die Grenzüberschreitung, desto mächtiger das Ritual. Der tantrische Meister ist jemand, der ultimative Grenzen überschreitet und deshalb auch in der Lage ist, die normale soziale und natürliche Ordnung zu überschreiten. Weil er dadurch alle Dualitäten überwindet, überwindet er auch die Dualität zwischen göttlicher und irdischer Sphäre. Er wird gottgleich.




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Óskmejyar Teil 1 - Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I (von Hans Schuhmacher)
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