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28.04.2017, 09:55

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Studentische Anfrage zum Thema "Neugermanische Gruppen und deren Umgang mit wissenschaftlichen Quellen"

Beantwortet durch eine persönliche Einschätzung Hans Schuhmacher (Ariosophieprojekt)

Hallo liebe Mitglieder des Rabenclans,

Ich bin beim Stöbern im Netz auf eurer Seite gelandet und möchte mich - da ich gesehen habe, dass ihr oft und anscheinend auch gern auf Anfragen Auskunft gebt - mit einer Frage an euch richten.

Ich beschäftige mich gerade mit der Vorbereitung zu meiner Magisterarbeit im Fach "Skandinavistik" und eins der Themen, die für mich (auch aufgrund persönlichen Glaubens, obwohl ich nicht soweit gehen würde mich - schon - als Asatruar oder Odinist zu bezeichnen) in die engere Auswahl kommen, ist die Frage, inwieweit Neuheiden - oder in meinem "Spezialgebiet" speziell Asatruar - sich in ihrem heutigen, modernen Glauben wirklich auf historische Quellen verlassen können. Damit meine ich: Welchen Glaubensgrundsätzen hängen organisierte Asatruar an und sind diese durchweg in eddischen Quellen o.ä. auch "historisch nachweisbar" - oder wurden "Quellenlöcher" einfach nach eigenem Gusto (eventuell auch nach bestem Wissen und Gewissen) "aufgefüllt - wie z.B. beim ja heutzutage mehr als umstrittenen Thema "Ostara". Deshalb interessiere ich mich - da mir die historischen Quellen im Normalfall zur Verfügung stehen - vor allem für die Grundsätze der Neuheidnischen Gesellschaft - quasi ihre Glaubensregeln und Codices, sofern solche bei den einzelnen Gruppen überhaupt existieren.

Ich hoffe, von euch ein paar Informationen erhalten zu können, von denen aus ich meine Forschungen weiter fortsetzen kann.

Liebe Grüße xy

Antwort durch Hans Schuhmacher (Ariosophieprojekt):

"Hallo xy!

Deine Anfrage ist an mich weitergeleitet worden.

Deine Frage führt auf ein außerordentlich komplexes und vielschichtiges Feld. Ob nämlich "Glaubensgrundsätze" einzelner Asatru-Gruppen sich mit (beispielsweise) Eddatexten "historisch belegen" lassen, kann freilich nicht einfach dadurch beantwortet werden, indem man nachschaut, ob ein Bezug auf solche Stellen stattfindet oder nicht. In vielen Fällen - dies möchte ich meiner kurzen Darlegung vorausschicken - werden nämlich nicht "Quellenlöcher" nach eigenem Gusto gefüllt, sondern ganz im Gegenteil die Quellen dazu herangezogen, ein Lehrgebäude (das von Gruppe zu Gruppe krass unterschiedlich sein kann und in der Praxis auch ist) zu untermauern und dessen Löcher zu stopfen. Es wird nicht etwa von den Quellen ausgegangen und durch einen diskursiven Prozess ein wie auch immer geartetes Konstrukt zB frühmittelalterlich-germanischer Vorstellungen erstellt,also quasi eine Art Replika, welche dann im Rahmen eines weiteren diskursiven Prozesses zeitgenössisch adaptiert wird. Im Gegenteil: A priori vorhandene Vorstellungen werden mit Quellenstellen "belegt", untermauert, gegen Kritik verteidigt und hie und da vielleicht ein wenig modifiziert, um einen Eindruck von Stimmigkeit hervorzurufen - ob bei sich selbst oder anderen, bleibe dahingestellt. Die Quellen sind nicht das Primärmaterial, sondern der Füllstoff.

Auf die a priori vorhandenen Vorstellungen werde ich noch kurz eigehen.

Zunächst gilt es, zu unterscheiden, wie intensiv der Quellenbezug überhaupt ist und wie mit den Quellen umgegangen wird. Hierzu zwei kurze Beispiele.

Erstens: Der "Allsherjagode" Geza von Nemenyi äußert sich in den letzten Jahren oft und weitschweifig zu Eddatexten, die er allem Anschein nach für originär göttliche Äußerungen hält, welche den menschlichen Autoren quasi "diktiert" wurden. In vielfältiger Weise - zB durch Schilderung seiner Karriere - legt er dar, warum ihm die Deutungshoheit über diese Offenbarungen zusteht. Weiterhin bemüht er sich, durch Bezug auf (meist veraltete) wissenschaftliche Literatur, die er in sehr eigener Weise interpretiert, auch "wissenschaftlich" zu argumentieren. Auf http://www.germanische-glaubens-gemeinschaft.de/ unter dem Menüpunkt "Quellen" bietet er eine sehr umfangreiche Auflistung von Quellen. Die Menüpunkte zur Älteren sowie der Jüngeren Edda enthalten umfangreiche quellengeschichtliche Angaben. Nemenyi ist bestrebt, seine sämtlichen Aussagen sowie all seine Ansprüche mit Quellenstellen zu belegen (hierzu auch http://www.allsherjargode.de). Rein quantitativ ist sein Aufwand enorm. Allerdings belegt Nemenyis Praxis sehr deutlich meine These: Die Quellen dienen ihm lediglich zur Untermauerung seines Lehrgebäudes, das nicht nur seitens des Ariosophieprojekts, sondern auch seitens so gut wie aller Asatru-Gruppierungen im deutschsprachigen Raum massiv kritisiert wird.

Zweitens: Im krassen Gegensatz zu Nemenyis Akribie steht die Praxis des Yggdrasil-Kreises, den man, wie ich hinzufügen möchte, nur bedingt als Asatru-Gruppierung einstufen kann, insofern als man sich dort mit Runen und derlei beschäftigt: Eine derartige explizite Selbstbezeichnung liegt nicht vor. Der Yggdrasil-Kreis hat aber einen eigenen "Rat der Goden". Was nun Art und Umfang des Bezugs auf Quellen angeht, so findet man sehr im Gegensatz zu Nemenyis Praxis auf http://www.yggdrasil-kreis.org keinen intensiven Bezug auf Quellentexte. Es heißt dort: "Eine der Bezeichnungen für die Europäische Naturreligion "ASATRU" bedeutet soviel wie "Wissen der Asen" oder "Weisheit der Asen". Es verbindet auch "Asa" mit "Tru"= Treue. Diese Treue gilt den Asen, d.h. den altnordischen und germanischen Gottheiten." Selbstverständlich bedeutet "asatru" nicht "Wissen der Asen". Nach wie vor verkündet der Yggdrasil-Kreis: "Der Name wird unterschiedlich gedeutet. Für uns bedeutet Yggr dra sal Ich trage die Seele, der Baum bzw. der Wald ist also der Seelenträger." Bereits vor etlichen Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass "Yggdrasil" nur und ausschließlich nach List´schem, also ariosophischem Deutungsmuster "ich trage (was auch immer)" bedeuten kann. (Damals wurde noch das "Heil", nicht die "Seele" getragen.)

Angaben wie "Bei Runenübungen wird der magnetisch-elektrisch-ätherische Kreislauf zum Fließen gebracht und die Gesundheit und das Wohlbefinden gestärkt Gleichzeitig wird das wesentliche des Menschen entdeckt und verwandelt" deuten auf runengymnastische Praxis hin, die auf den ariosophischen Autor Marby zurückgeht und bis zum heutigen Tag von rechtslastigen Autoren wie zB Edred Thorsson weiterkolportiert wird.

Welche Rolle spielen die Quellen bei alledem? Laut Yggdrasilkreis: "Unser Weg ist der Alte Weg. Die YGGDRASIL GEMEINSCHAFT lebt das Brauchtum soweit überliefert gemäss der authentischen traditionellen naturreligiösen Strömungen und Systeme Europas. (...) Das Kernstück unserer Arbeit bilden die 24 germanischen Runen und die praktische Arbeit mit Klang, Gesang und Bewegung - sowie die Erforschung der aufgeschriebenen Quellen und Mythen bzw. Sagas und Edda /Kalevala u.s.w... Der Weg der Naturreligion ist traditionsgemäß in verschiedene Stufen unterteilt. Das Mysterienwissen geht mit entsprechenden Initiationsriten und so mit inhaltlichem Wissen und Erfahrungen gleichermassen einher..." Also: "Ich trage Seele", Einweihungsstufensystem und Runengymnastik sollen den "authentischen traditionellen naturreligiösen Strömungen und Systeme(n) Europas" unmittelbar entsprechen (!), die Quellen werden hierzu und hierbei "erforscht". Nirgends jedoch werden Quellen und Angaben über Inhalte und Praxis der Organisation unmittelbar miteinander in Bezug gesetzt - dies, wie gesagt, im Gegensatz zu Nemenyi, der dies an jeder möglichen Stelle tut. Der Yggdrasilkreis bildet ein in Stufen gegliedertes Einweihungssystem, bei dem die Deutungshoheit freilich an der Spitze zu verorten ist. Es wird deutlich, wie der Umgang mit den Quellen einerseits krass von der Praxis der jeweils anderen Gruppe abweicht, aber andererseits in beiden Fällen eine Deutungshoheit, auch der Quellen, erarbeitet wird: Im Falle der GGG Nemenyis Deutungshoheit durch seine Quelleninterpretation, die seine Ansprüche untermauert; im Falle des Yggdrasilkreises durch das System der Einweihungsstufen, das es dem Leiter, Volkert Volkmann, erlaubt, darüber zu verfügen, was die Quellen besagen.

Man stellt also fest, dass in Art und Umfang völlig unterschiedlicher Umgang mit den Quellen dazu dienen kann, ein und dasselbe Ziel zu erreichen. Ich habe diese Beispiele ausgewählt, weil GGG und Yggdrasilkreis Organisationen der alten Heidenszene sind. In dieser ist es ein typologisches Merkmal, dass die Figur des Leiters letzten Endes den Fokus jeglicher Betätigung, auch der religiösen, darstellt.

Berna Kühne-Spicers jüngst im Magazin des Rabenclan veröffentlichte umfangreiche Arbeit über den Odinic Rite Deutschland zeigt exemplarisch, dass Gruppen jüngeren Datums völlig anders strukturiert sind. Ich verweise auf Kapitel 4, Inhaltliche Grundlagen des ORD. Dort wird deutlich, wie beim ORD ein ganz bestimmtes Bild der germanischen Kultur konstituiert wird, das dann als Grundlage der Praxis des ORD dient. Quellen gleich welcher Art dienen auch hier nur dazu, dieses Bild zu untermauern.

Beispiel Priestertum: "Dergleichen (die herausgehobene Stellung von Priestern, H.S.) ist aus der germanischen Tradition nicht zu begründen. Priestertum ist in ihr nirgendwo als persönliche Sonderstellung und Einweihungsgrad, sondern immer nur als ein Amt der Gemeinschaft bezeugt, die Priester und Priesterinnen einsetzt, um Aufgaben im Dienst der Gemeinschaft zu übernehmen. Die Frage ist also nicht: Welches Wissen, welche Fähigkeiten, welche Weihen müssen Priester haben? Sondern: Wozu braucht die Gemeinschaft Priester? (...) Gewiss nicht, um Lehren zu verkünden, denn das germanische Heidentum ist kein Glaube an Lehren, sondern eine Kultreligion, in deren Mittelpunkt die Verehrung der Götter steht."

Diese Äußerung von der Website des ORD dient zur Untermauerung struktureller Elemente des ORD sowie zur Abwehr von Kompetenzansprüchen, wie diese Nemenyi exemplarisch verkörpert. Sie richtet sich sogar, behaupte ich, spezifisch gegen diesen und gehört in den Zusammenhang der permanenten Auseinandersetzung zwischen Nemenyi und dem ORD. Nemenyis intensive Quellenarbeit dient, wie ich oben gezeigt habe, der Untermauerung gerade der Ansprüche, die der ORD ablehnt.

Ich empfehle daher diese Unterthematik, also Priestertum in den Quellen, zur Vertiefung der Thematik insgesamt. Nemenyis Ausführungen gerade zu diesem Thema sind außerordentlich umfangreich. Man wird finden, dass beispielsweise Reinhard Wenskus (Stammesbildung und Verfassung, 1961) sich mit der gesellschaftlichen Stellung der taciteischen sacerdotes intensiv beschäftigt hat. Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist weder, dass besagte sacerdotes etwa keine gesellschaftliche Sonderstellung innegehabt hätten (wie der ORD behauptet), noch, dass ihre Stellung der von Nemenyi beschriebenen entspricht. Beide, also Nemenyi und der ORD, nutzen die Quellen leiglich zur quasi-historischen Untermauerung ihrer jeweiligen Argumentation, welche wiederum die jeweilige Organisation "authentischer" erscheinen lassen soll.

All dies ist allerdings quasi nur eine Dimension der Problematik. Während nämlich in der alten Heidenszene "Asatru" eine kultisch-mystomagische Angelegenheit ist, bringt der ORD als Beispiel für die jüngeren Organisationen kulturell-gesellschaftliche Aspekte stärker in den Vordergrund. Die Verankerung von Religion in einer Kultur wird beim ORD sehr viel stärker herausgearbeitet als bei der GGG, geschweige denn beim Yggdrasil-Kreis. Warum die biologistische Sichtweise des ORD problematisch ist, hat Berna Kühne-Spicer herausgearbeitet. Aber auch ohne diese Entwicklung, nämlich weg von den Kultgruppen hin zu den kulturalistischen, bestand und besteht in der Sache das Problem des Kontexts: Keine Religion besteht ohne intensive und äußerst vielfältige gesellschaftliche Bezüge. Es kann also nicht genügen, lediglich den Gebrauch der Quellen bei der Untermauerung von Gruppenstruktur und Kultpraxis zu untersuchen. Jede Asatru-Gruppe erschafft quasi - implizit oder explizit - ein Phantom germanischer Gesellschaft, und dieses muss herausgearbeitet, mit den Ergebnissen der historisch-archäologischen Forschung verglichen und, dies insbesondere, bezüglich seiner aktuellen politischen und sozialen Implikationen untersucht werden. Das alles ist erforderlich, will man die Frage nach der Rolle der Quellen bei Asatru-Gruppen gründlich und umfassend nachgehen.

Weiterhin habe ich im entsprechenden Kapitel meiner Arbeit zum Thema "Thesen zur germanische Frau" noch einige kosmologische Aspekte angesprochen, die auch noch zu berücksichtigen wären.

Eingangs habe ich die Bemerkung gemacht, dies alles beruhe letzten Endes darauf, dass a priori vorhandene Vorstellungen die Quellenverwendung von Asatru-Gruppen quasi determinieren. Dazu möchte ich mich noch kurz äußern.

In einigen Arbeiten des Ariosophieprojekts habe ich darauf hingewiesen, dass niemals eine neue rechte Ideologie in der Heidenszene - oder Teilen von ihr - entstanden ist. Dies gilt ebenso für alle Vorstellungen über "Germanen" und ihre "Religion". Im deutschsprachigen Raum erwiesen sich die nationalistischen und rassistischen Konstrukte des 19. Jahrhunderts als derart prägend, dass bis heute jegliche Beschäftigung mit diesen Themen davon überschattet ist. Die "Germanenstigmatisierung" der BRD half dagegen keineswegs, im Gegenteil. Darüber hinaus spielen Vorstellungen bezüglich "Religion" und "Glaube" in der Moderne bei alledem eine wichtige Rolle. Diese Vorstellungen können aber schwerlich etwas mit der Kosmologie der taciteischen germanischen gentes oder der frühmittelalterlichen Skandinavier zu tun haben.

Den aus alledem hervorgehenden Schwierigkeiten ist im deutschsprachigen Raum noch keine Asatru-Gruppe gerecht geworden.

Ich hoffe, geholfen zu haben, und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Hans Schuhmacher Ariosophieprojekt

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