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Perchtenpracht Connection
19.09.2004, 18:13

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Neue Mutproben für Bürgermeister - Das naturreligiöse Revival

0,1% Schuld

Der Connection-Herausgeber Sugata Wolf Schneider über jüdische Schuld
(Autor: Perchtenpracht)

In der Zeitschrift Connection (Ausgabe Juli/August 2004) habe ich einen Artikel veröffentlicht, der sich mit dem Thema "Elitäre Ideologien" in Esoterik und Neuheidentum beschäftigt. Er ist eine gekürzte Version des ersten Teils meiner Einführung in das Thema "Demokratiefeindliche Strömungen im Neuheidentum." Im Fokus dieses Artikels waren bewusst nicht rassistische oder rechtsradikale Strömungen des Neopaganismus, sondern antidemokratische Einstellungen, die sich in jenem naturreligiösen Milieu finden, dass man weniger dem völkischen als dem grünalternativen Lebenszusammenhang zuordnen kann.

Die Zeitschrift kündigt im Inhaltsverzeichnis meinen Artikel mit dem Satz an: "Der Autor hat was gegen Bewusstseinsprotze, die sich über Demokratie erhaben fühlen." In der Tat, ich habe etwas gegen Bewußtsseinsprotze. Und weil das so ist, traute ich meinen Augen nicht, als ich in dem frischgedruckten Heft auch einen Aufsatz des Herausgebers Sugata Wolf Schneider vorfand, in dem er sich über sein hartes unternehmerisches Schicksal als Verleger in einem kapitalistischen System und über die dümmlichen Kommentare der Selbsterfahrungsszene beschwert. Nicht, dass Sugata Schneider sich nicht beschweren darf über Globalisierungsprozesse, Konsumismus und den allgegenwärtigen Zynismus des modernen Wirtschaftssystems. Sprachlos machte mich allerdings ein Passus, in dem Wolf Schneider seine sicherlich missliche wirtschaftliche Lage mit dem unerträglichen Leid, das Menschen in Auschwitz erduldet haben, in Verbindung bringt:

"Wenn ich klage, wie schwer man es als Kleinunternehmer hat, speziell dann, wenn man keine ethischen Kompromisse machen möchte, bekomme ich von spirituell geschulten Besserwissern zu hören: »Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, was das mit dir zu tun hat?« - »mal«??? 19 Jahre lang habe ich mich das gefragt, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Ich war ein braver Adept der Innerlichkeit. Ich habe tief in mich geblickt und bin dabei auch immer auf die eine oder andere Art fündig geworden. Aber ich weiß auch: Bevor ich die Zeitschrift connection begann, hatte ich immer genug Geld. Ich arbeitete viel weniger als jetzt und hatte reichlich Geld und Zeit zu verschenken. Seit ich connection mache, bin ich fast immer in Zeitnot und habe viel zu wenig Geld für das, was der Verlag eigentlich bräuchte.

Die Szene, die da auf ihre Fahnen schreibt: »Alles, was du erlebst, hast du dir selbst kreiert« - durch deine Überzeugungen, dein Karma, deine unterbewussten Muster - diese Szene ist verdammt gut in der Selbstanalyse, aber diese Selbstanalyse artet ebenso oft in Selbstbezichtigung aus. Übernimm Verantwortung! Ja gerne - aber nicht für alles. Es gibt auch äußere Einflüsse. Die Juden, die 1944 in Viehwaggons nach Auschwitz transportiert wurden, haben die das »sich selbst kreiert«? Sie mögen versäumt haben, vorher zu fliehen, sie mögen naiv gewesen sein gegenüber der Perfidie des Naziregimes, aber man kann ihnen nicht die ganze, schwere Schuld des Holocaust auferlegen, ja kaum einen Teil davon.

Ich habe unternehmerische Fehler gemacht, Managementfehler, vertriebsstrategische Fehler, falsche Personalscheidungen getroffen und anderes, mit des öfteren schweren, manchmal bitteren Folgen. Sollte ich deshalb aufgeben und mir zur weiteren Selbstbestrafung noch ein paar chronische Krankheiten zulegen?"

War der Vergleich an sich schon abgeschmackt, in dem Schneider von der Behandlung des Holocausts zu Reflektionen über seine Managementfehler weitereilt, so wurde ich noch sprachloser, als ich jenen Satz immer und immer wieder las, in dem Schneider mal ganz locker in zwei Sätzen über die Frage räsoniert, ob Juden nicht doch ein bisschen schuld daran waren, dass man sie im industriellen Stil ermordet hat. Meint der das wirklich so? Hält sich Wolf Schneider wirklich für einen solchen Bewusstseinsgiganten, dass er meint, allen Ernstes den Opfern der NS-Vernichtungspolitik "kaum einen Teil" (also eben doch einen Teil) der "Schuld des Holocaust" zusprechen zu können? Oder hat er sich vielleicht nur in seinen Äußerungen "missgeschickt" ausgedrückt - was ja schon schlimm genug wäre?

Wolf Schneider hat sich nicht missgeschickt ausgedrückt. Sondern genau so, wie er es gemeint hat. Denn auf die einsetzende Kritik antwortet er im Internet mit einer pathetischen Stellungnahme, in der er als Bezugspunkt seiner Arbeit die von dem Nazi-Regime verfolgten Journalisten Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky anruft, um dann in der allzu bekannten Tonlage des Man-muss-doch-mal-sagen-dürfen festzustellen:

"Und doch, wenn man das Argument des »Tat tvam asi« und der Selbstverantwortung für die erlebte Wirklichkeit ernst nimmt, dann muss man sagen, dass SOGAR die Juden in den Viehwaggons nach Auschwitz, nicht 100% Opfer waren, sondern vielleicht nur 99.9%. Das entschuldigt in keiner Weise die perfiden, grausamen, unentschuldbaren Taten ihrer Henker und Peiniger. Nicht eine Andeutung einer solchen Entschuldigung findet sich in meinem Text und ich möchte einer solchen auch nicht, so weit es in meiner (begrenzten!) Macht steht, auch nicht Vorschub leisten oder Nahrung geben. Und doch .... betrügen wir uns nicht. Schauen wir genau hin. Nichts ist monokausal. Alles hat viele Ursachen, SOGAR der Holocaust. Und auch wenn das jetzt politisch hochgradig inkorrekt ist, will ich das jetzt sagen, denn ich schulde es der Wahrhaftigkeit: Selbst die im Nazireich wie Vieh abtransportierten, grausam internierten und schuldlos hingerichteten Juden - oder einige von ihnen oder ihre Vorfahren oder ihre Ideologen hätten, zumindest in gewissen Maße irgendwann in der Kausalkette, die zu diesem Genozid geführt hat, hatten ein gewisses Maß an Wahlfreiheit gehabt."

Der Herausgeber der Connection scheint für die eigene Vermessenheit kein Gefühl mehr zu haben. Im Gegenteil, er liefert auch gleich noch die Begründung zu seiner Diagnose, damit auch die Ursachen nicht ungenannt bleiben:

"Einige hätten fliehen können und sind doch nicht geflohen. Und selbst in der Ideologie oder der Religion dieses Volkes - hier befinden wir uns auf einem weiteren Minenfeld - kann man, darf man, sollte man vielleicht nach Ursachen suchen, die »möglicherweise« einen Einfluss auf das schreckliche Schicksal der Juden in Europa hatten. Die Idee des »von Gott auserwählten« privilegierten Volkes zum Beispiel. Ja, ja, ich weiß, ein Minenfeld. Man darf das nicht sagen, man sollte das nicht denken."

Wer sich für das auserwählte Volk Gottes hält, der hat halt auch Schuld daran, wenn er ein Opfer von Mord, Totschlag und Barbarei wird? Und wer nicht fliehen will aus Deutschland, der ist auch schuld, wenn er im Konzentrationslager umgebracht wird? Nur ein bisschen, versteht sich, die prozentuale Aufteilung (sicherlich nur näherungsweise) liefert Schneider dem Leser ja mit: zu 0,1 Prozent schuld an der Vergasung.

Fast folgerichtig bei soviel Wahrhaftigkeit scheint der Umstand, dass Kritiker, die empört auf solcherlei Statements reagieren, von Schneider für zukünftige "Holocausts" (sic!) gleich mitverantwortlich gemacht werden. Dem Leserbriefschreiber Jens Scholz gibt er den Bescheid, dass "Fanatiker" wie er "ihren kleinen Teil dazu bei [tragen], dass die Gewaltspirale nicht aufhört und die Welt sich auf weitere Holocausts gefasst machen muss, denn die Holocausts der Zukunft werden geistig vorbereitet, bevor Hände, Stiefel, Gewehrläufe und Gaskammern sie real werden lassen."

Doch die "fanatischen" Kritiker scheinen sich von Tag zu Tag zu mehren, und das, woran sie Anstoß nehmen, scheint in eine ähnliche Richtung zu zielen. Auch darauf reagiert Schneider: Wenige Tage nach seiner Reflexion zu der Frage, zu wieviel Prozent die Juden Schuld am Holocaust haben, veröffentlicht er eine zweite Stellungnahme, diesmal zur Frage, was man vergleichen darf. Unter der Überschrift "Redeverbot ? Was Deutsche über Juden sagen dürfen" geht es ihm jetzt um das "Verbot", dass "Juden nicht mit Deutschen, die heutige Zeit nicht mit einer anderen und nichts auf der Welt mit dem Holocaust" verglichen werden darf.*

Von Bäumen und Sträuchern ist dann die Rede, die man ja auch miteinander vergleichen dürfe - und von Elephanten und Mäusen:

"Gestern behauptete ich: »Elephanten sind größer als Mäuse.« Da kam eine Delegation des Elephantenverbandes auf mich zu und stellte mich zur Rede: Wie könne ich nur sowas behaupten?! Elephanten sind doch SO VIEL GRÖSSER als Mäuse, das könne man nicht vergleichen. Aber eben diese Aussage ist ein Vergleich. Die Aussage eines großen Größenunterschiedes ist ebenso ein Vergleich wie die eines kleinen Größenunterschiedes. Es könnten ja auch die Mäuse beleidigt sein, dass sie hier »in einem Atemzug« mit den Elephanten genannt wurden, wo die doch so viel größer sind."

Herr Schneider möchte zu diesen und anderen Äußerungen einen "konstruktiven Streit". Man möge mir verzeihen, dass ich diesen Streit nicht führen werde. Nicht mit ihm, nicht mit jemandem, der sich zu solchen Aussagen, Vergleichen und unangemessenen Tonlagen versteigt. Ich weiß, dass ich damit zu denjenigen gehöre, die vermutlich Schneiders Kriterium der Dummheit und des Gutmenschentums erfüllen. Das ist mir völlig gleich.

Was mir nicht gleich ist, was mir absolut nicht gleich ist, ist der Umstand, dass in einer Zeitschrift, in deren Printversionen und Onlineangeboten solcherlei zu finden ist, ein Artikel von mir erschienen ist.

Es ärgert mich, es beschämt mich. Und eines ist sicher: es wird der erste und letzte gewesen sein.

Perchtenpracht

*bemerkenswert auch die Unterscheidung zwischen Juden und Deutschen.

Zum Weiterverfolgen (chronologische Reihenfolge):

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