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Kuehne Spicer ORD Kap 8
11.07.2005, 16:02

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Der Odinic Rite Deutschland - Neuheidentum im Spannungsfeld neurechter Religiosität

von Berna Kühne-Spicer
- Alle Rechte bei der Autorin -

8. Fazit

Der Odinic Rite Deutschland (ORD) kann nicht als faschistische oder rechtsradikale Organisation bezeichnet werden. Allerdings besteht auch kein Anlass, ihm, was seine Anbindung an rechtsradikale Zusammenhänge und Ideologien betrifft, einen Freifahrtschein auszustellen. Zu zweifelhaft ist das Spannungsfeld, in dem er sich bewegt: Der britische Odinic Rite, aus welchem der Odinic Rite Deutschland hervorgegangen ist, kann als rechtsradikal eingeordnet werden, und die in ihm vorherrschende Ideologie als Beispiel für kulturalistischen Rassismus gelten. Der ORD postuliert zwar organisatorische und inhaltliche Unabhängigkeit von seiner Mutterorganisation und beansprucht für sich, kein "Folkish Asatru" zu vertreten. Diverse Formulierungen in seinen eigenen, aktuellen Veröffentlichungen aber erinnern zumindest deutlich an Motive, wie man sie aus dem kulturalistischen Rassismus kennt. Die in der Mutterorganisation verbreitete Ideologie dürfte allein schon aus historischen Gründen den geistigen Hintergrund dafür bilden.

Soweit den öffentlich zugänglichen Publikationen des ORD zu entnehmen ist, wurden diverse Inhalte und einige Strukturmerkmale der Mutterorganisation übernommen, die "sektenähnlichen" Elemente jedoch anscheinend nicht. Ob im Gegensatz zur britischen Mutterorganisation nach erfolgtem Schwur ein Austritt aus dem Odinic Rite Deutschland problemlos möglich ist, geht aus den Veröffentlichungen des Vereins nicht hervor.

Der Odinic Rite Deutschland betrachtet sich als unabhängig vom internationalen Odinic Rite. Diese Sicht scheint seitens der Mutterorganisation nicht unbedingt geteilt zu werden. Dort gilt "der deutsche Zweig" als integraler Bestandteil der odinistischen Bewegung, und es scheint nicht ausgeschlossen, dass gewisse Loyalitätsforderungen seitens des internationalen Odinic Rite an die Mitglieder des Odinic Rite Deutschland gestellt werden könnten, insbesondere an jene Gründungsmitglieder des ORD, die einen unwiderruflichen Eid direkt auf den britischen Odinic Rite abgelegt haben und sich damit - dem Selbstverständnis des britischen Odinic Rite zufolge - nicht mehr von diesem lösen können.

Doch nicht nur die Anbindung an eine rassistisch orientierte Mutterorganisation und eigene, hochbrisante Ideologiebestandteile sind das Problem des ORD: Über einige seiner aktiven Mitglieder hat der Odinic Rite Deutschland überdies verschiedenste Verbindungen ins rechtsradikale bzw. neurechte Milieu. Wer solche Mitglieder in seiner Reihen toleriert, mehr noch, ihnen eine besondere Plattform für Engagement bietet, braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn er von der Gesellschaft nicht als seriös betrachtet werden kann. Schaut man sich zudem an, welche Rolle die betreffenden Mitglieder im Verein zu spielen scheinen, dann ist klar, dass ihre rechtsradikale Gesinnung eben nicht von ihrem sonstigen Engagement getrennt werden kann. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Verein - unter Umständen ohne dass sich die Mehrzahl der Vereinsmitglieder bisher darüber im Klaren ist - von rechtsextremen Kreisen dazu genutzt wird, ihre Ideologien im neuheidnischen Umfeld zu verbreiten, auch wenn oder gerade weil der Odinic Rite Deutschland sich als unpolitisch versteht.
Angesichts solcher Kontakte und ideologischen Verstrickungen des ORD ist seine Abgrenzung vom Rechtsradikalismus meines Erachtens nicht uneingeschränkt glaubwürdig.

Nach seiner Reform zu Ostern 2004 nahm der ORD einen Imagewandel vor, der sich hauptsächlich im Wechsel der in seinen Publikationen genutzten Schriftarten äußert, aber auch in der stark reduzierten Verlinkung zu problematischen Internetseiten. Der ORD bemüht sich verstärkt um Kontakte und Anerkennung durch bestimmte Asatru-Organisationen der deutschen Neuheidenszene, die als politisch unbedenklich gelten - möglicherweise, um auf diese Weise seinen Ruf als dubiose Tochter einer völkisch-rassistisch orientierten Mutterorganisation loszuwerden. Um dieses Ziel jedoch für die kritische Öffentlichkeit glaubwürdig zu erreichen, sind eine tiefgreifende Reflexion hinsichtlich des eigenen theoretischen Fundaments und eine offene Auseinandersetzung mit den politischen Aspekten neugermanischen Heidentums unerlässlich. Anschließend empfiehlt sich eine diesbezügliche, politisch konsequente Positionierung - eine Maßnahme, die beim ORD bisher sorgsam vermieden wurde.

Es bleibt zu hoffen, dass jene Mitglieder des ORD, die eine nichtrassistische Variante der neuheidnischen Richtung Asatru leben wollen, sich bei möglicherweise stattfindenden, internen Diskussionen durchsetzen werden. Solange dies nicht der Fall ist, geben die in dieser Untersuchung zusammengetragenen Informationen ausreichend Anlass, vor dem Odinic Rite Deutschland als Organisation zu warnen.


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