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Heinrich Heine Elementargeister 5
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Elementargeister

von Heinrich Heine (veröffentlicht 1837)


Schwanenjungfrauen und die drei alten Jungfern

Zur Ergänzung der Sagen von Nixen und Elfen habe ich noch der Schwanenjungfrauen zu erwähnen. Die Sage ist hier sehr unbestimmt und mit einem allzu geheimnißvollen Dunkel umwoben. Sind sie Wassergeister? Sind sie Luftgeister? Sind sie Zauberinnen? Manchmal kommen sie aus den Lüften als Schwäne herabgeflogen, legen ihre weiße Federhülle von sich, wie ein Gewand, sind dann schöne Jungfrauen, und baden sich in stillen Gewässern. Ueberrascht sie dort irgend ein neugieriger Bursche, dann springen sie rasch aus dem Wasser, hüllen sich geschwind in ihre Federhaut, und schwingen sich dann als Schwäne wieder empor in die Lüfte. Der vortreffliche Musäus erzählt in seinen Volksmährchen die schöne Geschichte von einem jungen Ritter, dem es gelang eins von jenen Federgewänden zu stehlen; als die Jungfrauen aus dem Bade stiegen, sich schnell in ihre Federkleider hüllten und davon flogen, blieb eine zurück, die vergebens ihr Federkleid suchte. Sie kann nicht fortfliegen, weint beträchtlich, ist wunderschön, und der schlaue Ritter heurathet sie. Sieben Jahre leben sie glücklich; aber einst, in der Abwesenheit des Gemahls, kramt die Frau in verborgenen Schränken und Truhen, und findet dort ihr altes Federgewand; geschwind schlüpft sie hinein und fliegt davon. In den altdänischen Liedern ist von einem solchen Federgewand sehr oft die Rede, aber dunkel und in höchst befremdlicher Art. Hier finden wir Spuren von dem ältesten Zauberwesen. Hier sind Töne von nordischem Heidtthum, die, wie halbvergessene Träume; in unserem Gedächtnisse einen wunderbaren Anklang finden. Ich kann nicht umhin ein altes Lied mitzutheilen, worin nicht bloß von der Federhaut gesprochen wird, sondern auch von den Nachtraben, die ein Seitenstück zu den Schwanenjungfrauen bilden. Dieses Lied ist so schauerlich, so grauenhaft, so düster, wie eine skandinavische Nacht, und doch glüht darinn: eine liebe, die an wilder, Süße und, brennender Innigkeit nicht ihres Gleichen hat, eine Liebe, die immer gewaltiger entlodernd, endlich wie ein Nordlicht ernporschießt und mit ihren leidenschaftlichen Stralen den ganzen Himmel überflammt. Indem ich hier dieses ungeheure Liebesgedicht mittheile, muß ich vorausbemerken, daß ich mir dabey nur metrische Verändrungen erlaubte, daß ich nur am Aeußerlichen, an dem Gewande, hie und da ein bischen geschneidert. Der Refrain nach jeder Strophe ist immer: "So fliegt er über das Meer!"

Sie schifften wohl über das salzige Meer,
Der König und die Königinn beide;
Daß die Königinn nicht geblieben daheim,
Das ward zu großem Leide.

Das Schiff das stand auf einmal still,
Sie konnten's nicht weiter lenken;
Ein wilder Nachtrabe geflogen kam,
Er wollt's in den Grund versenken.

"Ist jemand unter den: Wellen versteckt,
Und hält das Schiff befestigt?
Ich gebe ihm beides Silber und Gold,
Er lasse uns unbelästigt.

So du es bist, Nachtrabe wild,
So senk' uns nicht zu Grunde,
Ich gebe dir beides Silber und Gold,
Wohl fünfzehn gewogene Pfunde."

"Dein Gold und Silber verlang ich nicht,
Ich verlange bessere Gaben,
Was du trägst unter dem Leibgurt dein,
Das will ich von dir haben."

"Was ich trage unter dem Leibgurt mein,
Das will ich dir gerne geben,
Das sind ja meine Schlüssel klein,
Nimm hin, und lass' mir mein Leben."

Sie zog heraus die Schlüssel klein,
Sie warf sie ihm über Bordte.
Der wilde Rabe von dannen flog,
Er hielt sie freudig beim Worte.

Und als die Kön'ginn nach Hause kam,
Sie ging am Strande spatzieren,
Da merkt' sie wie German, der fröhliche Held,
Sich unter dem Leibgurt thät rühren.

Und als fünf Monde verflossen dahin,
Die Königinn eilt in die Kammer,
Eines schönen Sohnes sie genas,
Das ward zu großem Jammer.

Er ward geboren in der Nacht,
Und getauft sogleich den Morgen,
Sie nannten ihn German den fröhlichen Held,
Sie glaubten ihn schon geborgen.

Der Knabe wuchs, er wußte sich gut
Im Reiten und Fechten zu üben,
So oft seine liebe Mutter ihn sah
Thät sich ihr Herz betrüben.

"O Mutter, liebe Mutter mein,
Wenn ich Euch vorübergehe,
Warum so traurig werdet Ihr,
Daß ich Euch weinen sehe?"

"So wisse, German du fröhlicher Held,
Dein Leben ist bald geendet,
Denn als ich dich unter dem Leibgurt trug,
Hab' ich dich dem Raben verpfändet."

"O Mutter, liebe Mutter mein,
O laßt Eur Leid nur fahren,
Was mir mein Schicksal bescheeren will,
Davor kann mich niemand bewahren."

Das war eines Donnerstags, im Herbst,
Als kaum der Morgen graute,
Die Frauenstube offen stand,
Da kamen krächzende Laute.

Der häßliche Rabe kam herein,
Setzt sich zu der Königinn dorten:
"Frau Königinn, gebt, mir Eur Kind,
Ihr habt's mir versprochen mit Worten.

Sie aber hat beim höchsten Gott,
Bey allen Heilgen geschworen,
Sie wüßte weder von Tochter noch Sohn,
Die sie auf Erden geboren.

Der häßliche Rabe flog zornig davon,
Und zornig schrie er im Fluge:
"Wo find ich German den fröhlichen Held,
Er gehört mir mit gutem Fuge."

Und German war alt schon fünfzehn Jahr"
Und ein Mädchen zu freyen gedacht er
Er schickte Boten nach Engelland,
Er warb um des Königs Tochter.

Des Königs Tochter ward ihm verlobt,
Und nach England zu reisen beschloß er.
Wie komm' ich schnell zu meiner Braut,
Rings um die Insel ist Wasser?

Und das war German der fröhliche Held
In, Scharlach sich kleiden that er,
in seinem scharlachrothen Kleid
Vor seine Mutter trat er.

"O Mutter, liebe Mutter mein,
Erfüllet mein Begehre,
Und leiht mir Euer Federgewand,
Daß ich fliegen kann über dem Meere."

"Mein Federgewand in dem Winkel dort hängt,
Die Federn die fallen zur Erde;
Ich denke daß ich zur Frühjahrzeit
Das Gefieder ausbesseren werde.;

Auch sind die Fittige viel zu breit,
Die Wolken drücken sie nieder
Und ziehst du fort in ein fremdes Land,
Ich schaue dich niemals wieder."

Er setzte sich in das Federgewand,
Flog fort wohl über das Wasser;
Da traf er den wilden Nachtraben an,
Auf der Klippe im Meere saß er.

Wohl über das Wasser flog er fort,
Inmitten des Sundes kam er;
Da hört' er einen erschrecklichen Laut,
Eine häßliche Stimme vernahm er:

"Willkommen, German, du fröhlicher Held
So lange erwarte ich deiner;
Als deine Mutter dich mir versprach,
Da warst du viel zarter und kleiner."

"O lass' mich fliegen zu meiner Braut,
Ich treffe (bey meinem Worte!)
Sobald ich sie gesprochen hab',
Dich hier auf demselben Orte."

"So will. ich dich zeichnen, daß immerdar
Ich dich wiedererkenne im Leben,
Und dieses Zeichen erinnere dich
An das Wort, das du mir gegeben."

Er hackte ihm aus sein rechtes Aug',
Trank halb ihm das Blut aus dem Herzem
Der Ritter kam zu seiner Braut,
Mit großen Liebesschmerzen.

Er setzte sich in der Jungfraun Saal,
Er war so blutig, so bleiche;
Die kosenden Jungfraun in dem Saal,
Sie verstummten alle sogleiche.

Die Jungfraun ließen Freud und Scherz,
Sie saßen still so sehre;
Aber die stolze Jungfrau Adelutz
Warf von sich Nadel und Scheere.

Die Jungfraun saßen still so sehr,
Sie ließen Scherz und Freude;
Aber die stolze Jungfrau Adelutz
Schlug zusammen die Hände beide.

"Willkommen, German der fröhliche Held,
Wo habt Ihr gespielet so muthig?
Warum sind Eure Wangen so bleich
Und Eure Kleider so blutig?"'

"Adee, stolze Jungfrau Adelutz,
Muß wieder zurück zu dem Raben,
Der mein Aug ausriß, und mein Herzblut trank,
Auch meinen Leib will er haben."

Einen goldnen Kamm zieht sie heraus
Selbst kämmt sie ihm seine Haare;
Bey jedem Haare das sie kämmt,
Vergießt sie Thränen viel klare.

Bey jeder Locke, die sie ihm schlingt,
Vergießt sie Thränen viel klare;
Sie verwünscht seine Mutter, durch deren Schuld,
Er so viel Unglück erfahre.

Die stolze Jungfrau Adelutz
Zog ihn in ihre Arme beide:
"Deine böse Mutter sey verwünscht,
Sie bracht uns zu solchem Leide."

"Hört, stolze Jungfrau Adelutz,
Meine Mutter verwünschet nimmer,
Sie konnte nicht wie sie gewollt,
Seinem Schicksal erliegt man immer."

Er setzte sich in sein Federgewand,
Flog wieder fort so schnelle.
Sie setzt sich in ein andres Federgewand,
Und folgt ihm auf der Stelle.

Er flog wohl auf, er flog wohl ab,
In der weiten Wolkenhöhe;
Sie flog beständig hinter ihm drein,
Blieb immer in seiner Nähe.

"Kehrt um, stolze Jungfrau Adelutz,
Müßt wieder nach Hause fliegen;
Eure Saalthür ließet Ihr offen stehn,
Eure Schlüssel zur Erde liegen."'

"Lass' meine Saalthür offen stehn,
Meine Schlüssel liegen zur Erde;
Wo Ihr empfangen habt Eur Leid,
Dahin ich Euch folgen werde."

Er flog wohl ab, er flog wohl auf,
Die Wolken hingen so dichte,
Es brach herein die Dämmerung,
Sie verlor ihn aus dem Gesichte.

Alle die Vögel die sie im Fluge traf,
Die schnitt sie da in Stücken;
Nur dem wilden häßlichen Raben zu nahn
Das wollt' ihr nicht gelücken.

Die stolze Jungfrau Adelutz,
Herunter flog zum Strand sie;
Sie fand nicht German den fröhlichen Held,
Seine rechte Hand nur, fand sie.

Da schwang sie sich wieder erzürnt empor,
Zu treffen den wilden Raben;
Sie flog gen Westen, gen Osten sie flog,
Von ihr selbst den Tod sollt' er haben.

Alle die Vögel, die kamen vor ihre Scheer',
Hat sie in Stücken zerschnitten;
Und als sie den wilden Nachtraben traf,
Sie schnitt ihn entzwey in der Mitten.'

Sie schnitt ihn und zerrt ihn, so lang bis sie selbst
Des müden Todes gestorben.
Sie hat um German den fröhlichen Held
So viel Kummer und Noth erworben.

Höchst bedeutungsvoll ist in diesem Liede nicht bloß die Erwähnung des Federgewandes, sondern das Fliegen selbst. Zur Zeit des Heidenthums waren es Königinnen und edle Frauen von welchen man sagte, daß sie in den Lüften zu fliegen verstünden, und diese Zauberkunst, die damals für etwas Ehrenwerthes galt, wurde später, in christlicher Zeit, als eine Abscheulichkeit des Hexenwesens dargestellt. Der Volksglaube von den Luftfahrten der Hexen ist eine Travestie alter germanischer Tradizionen und verdankt seine Entstehung keineswegs dem Christenthum, wie man aus einer Bibelstelle, wo Satan unseren Heiland durch die Lüfte führt, irrthümlich vermuthet hat. Jene Bibelstelle könnte allenfalls zur Justifikazion des Volksglaubens dienen, indem dadurch bewiesen ward, daß der Teufel wirklich im Stande sey die Menschen durch die Luft zu tragen.

Die Schwanenjungfraun, von welchen ich geredet, halten manche für die Valkyren der Skandinavier. Auch, von diesen haben sich bedeutsame Spuren im Volksglauben erhalten. Die Hexen die Shakespear in seinem Makbeth auftreten läßt, werden in der alten Sage, die der Dichter fast umständlich benutzt hat, weit edler geschildert. Nach dieser Sage sind dem Helden im Walde, kurz vor der Schlacht, drey räthselhafte Jungfrauen begegnet, die ihm sein Schicksal voraussagten und spurlos verschwanden. Es waren Valkyren, oder gar die Nornen, die Parzen des Nordens. An diese mahnen auch die drey wunderlichen Spinnerinnen, die uns aus, alten Ammenmährchen bekannt sind; die eine hat einen Plattfuß, die andre einen breiten Daumen und die dritte eine Hängelippe. Hieran erkennt man sie immer, sie mögen sich verjüngt oder verältert präsentiren.

Ich kann nicht umhin hier eines Mährchens zu erwähnen, als dessen Schauplatz mir die rheinische Heimath wieder recht blühend und lachend ins Gedächtniß tritt. Auch hier erscheinen drey Frauen, von welchen ich nicht bestimmen kann, ob sie Elementargeister sind oder Zauberinnen, nemlich Zauberinnen von der altheidnischen Observanz, die sich von der späteren Hexenschwesterschaft, durch poetischen Anstand, so sehr unterscheiden. Ganz genau habe ich die Geschichte nicht im Kopfe; wenn ich nicht irre wird sie in Schreibers Rheinischen Sagen aufs umständlichste erzählt. Es ist die Sage vom Wisperthale, welches unweit Lorch am Rheine gelegen ist. Dieses Thal führt seinen Namen von den wispernden Stimmen, die einem dort ans Ohr vorbeypfeifen und an ein gewisses heimliches Pist! Pist! erinnern, das man zur Abendzeit in gewissen Seitengäßchen einer, Hauptstadt zu vernehmen pflegt. Durch dieses Wisperthal wanderten eines Tages drey junge Gesellen, sehr frohgelaunt und höchst neugierig, was doch das beständige Pist! Pist! bedeuten möge. Der ältere und gescheuteste von ihnen, ein Schwertfeger seines Handwerks, rief endlich ganz laut: das sind Stimmen von Weibern, die gewiß so häßlich sind, daß sie sich nicht zeigen dürfen! Er hatte kaum die herausfordernd schlauen Worte gesprochen, da standen plötzlich drey wunderschöne Jungfrauen vor ihm, die ihn und seine zwey Gefährten mit anmuthiger Gebehrde einluden, sich in ihrem Schlosse von den Mühseligkeiten der Reise zu erholen und sonstig zu erlustigen. Dieses Schloß, welches sich ganz in ihrer Nähe befand, hatten die jungen Gesellen vorher gar nicht bemerkt, vielleicht weil es nicht frey aufgebaut, sondern in einem Felsen ausgehauen war, so daß nur die kleinen Spitzbögenfenster und ein großer Thorweg von außen sichtbar. Als sie hineintraten in das Schloß, wunderten sie sich nicht wenig über die Pracht, die ihnen von allen Seiten entgegen glänzte. Die drey Jungfrauen, welche es ganz allein zu bewohnen, schienen, gaben ihnen dort ein köstliches Gastmahl, wobey sie ihnen selber den Weinbecher kredenzten. Die jungen Gesellen, denen das Herz in der Brust immer freudiger lachte, hatten nie so, schöne, blühende und liebreitzende Weibsbilder gesehen und sie verlobten sich denselben mit vielen brennenden Küssen. Am dritten Tage sprachen die Jungfrauen: wenn Ihr immer mit uns leben wollt, Ihr holden Bräutigame, so müßt Ihr vorher noch einmal in den Wald gehen und Euch erkundigen was die Vögel dort singen und sagen; sobald Ihr dem Sperling, der Elster und der Eule ihre Sprüche abgelauscht und sie wohlverstanden habt, dann kommt wieder zurück in unsere Arme.

Die drey Gesellen begaben sich hierauf in den Wald, und nachdem sie sich durch Gestripp und Krüppelholz den Weg gebahnt, an manchem Dorn sich geritzt, auch über manche Wurzel gestolpert, kamen sie zu dem Baume worauf ein Sperling saß, welcher folgenden Spruch zwitscherte:

Es sind mahl drey dumme Hänse
In's Schlaraffenland gezogen;
Da kamen die gebratenen Gänse
Ihnen just vors Maul geflogen.
Sie aber sprachen: die armen Schlaraffen,
Sie wissen doch nichts Gescheutes zu schaffen,
Die Gänse müßten viel kleiner seyn,
Sie gehn uns ja nicht ins Maul hinein.

Ja, ja, rief der Schwertfeger, das ist eine ganz richtige Bemerkung! ja, ja, wenn der lieben Dummheit die gebratenen Gänse sogar vor's Maul geflogen kommen, so fruchtet es ihr doch nichts! Ihr Maul ist zu klein und die Gänse sind zu groß, und sie weiß sich nicht zu helfen!

Nachdem die drey Gesellen weiter gewandert, sich durch Gestripp und Krüppelholz den Weg gebahnt, an manchem Dorn sich geritzt, über manche Wurzel gestolpert, kamen sie zu einem Baume auf dessen Zweigen eine Elster hin und her sprang und folgenden Spruch plapperte: Meine Mutter war eine Elster, meine Großmutter war ebenfalls eine Elster, meine Urgroßmutter war wieder eine Elster, auch meine Ur-Urgroßmutter war eine Elster, und wenn meine Ur Urgroßmutter nicht gestorben wär, so lebte sie noch.

Ja, ja, rief der Schwertfeger, das verstehe ich! das ist ja die allgemeine Weltgeschichte. Das ist am Ende der Inbegriff aller unserer Forschungen und viel mehr werden die Menschen auf dieser Welt nimmermehr erfahren.

Nachdem die drey Gesellen wieder weiter gewandert, durch Gestripp und Krüppelholz sich den Weg gebahnt, an manchem Dorn sich geritzt, über manche Wurzel gestolpert, kamen sie zu einem Baume, in dessen Höhlung eine Eule saß, die folgenden Spruch vor sich hin murrte: Wer mit einem Weibe spricht, der wird von einem Weibe betrogen, wer mit zwey Weibern spricht, der wird von zwey betrogen, und wer mit drey Weibern spricht, der wird von drey betrogen.

Holla! rief zornig der Schwertfeger, du häßlicher, armseliger Vogel mit deiner häßlichen armseligen Weisheit, die man von jedem bucklichten Bettler für einen Pfennig kaufen könnte! Das ist alter, abgestandener Leumund. Du würdest die Weiber weit besser beurtheilen wenn du hübsch und lustig wärest wie wir, oder wenn du gar unsere Bräute kenntest, die so schön sind wie die Sonne und so treu wie Gold!

Hierauf machten sich die drey Gesellen auf den Rückweg, und nachdem sie, lustig pfeifend und trillernd, einige Zeit lang gewandert, befanden sie sich wieder Angesichts des Felsenschlosses, und mit ausgelassener Fröhlichkeit sangen sie das Schelmenlied:

Riegel auf, Riegel zu!
Feins Liebchen, was machst du?
Schläfst du oder wachst du?
Weinst du oder lachst du?

Während nun die jungen Gesellen solchermaßen jubilirend vor dem Schloßthore standen, öffneten sich über demselben drey Fensterchen, und aus jedem guckte ein altes Mütterchen heraus; alle drey langnasig und triefäugig, wackelten sie vergnügt mit ihren greisen Köpfen, und sie öffneten ihre zahnlosen Mäuler und sie kreischten: Da unten sind ja unsere holden Bräutigame! Wartet nur, Ihr holden Bräutigame, wir werden Euch gleich das Thor öffnen und Euch mit Küssen bewillkommen, und Ihr sollt jetzt das Lebensglück genießen in den Armen der Liebe!

Die jungen Gesellen, zu Tode bestürzt, warteten nicht so lange bis die Pforten des Schlosses und die Arme ihrer Bräutchen, und das Lebensglück, das sie darin genießen sollten, sich ihnen öffneten; sie nahmen auf der Stelle Reißaus, liefen über Hals und über Kopf, und machten so lange Beine, daß sie noch desselben Tags in der Stadt Lorch anlangten. Als sie hier des Abends in der Schenke beim Weine saßen, mußten sie manchen Schoppen leeren, ehe sie sich von ihrem Schrecken ganz erholt. Der Schwertfeger aber fluchte hoch und theuer, daß die Eule der klügste Vogel der Welt sey, und mit Recht für ein Sinnbild der Weisheit gelte.


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