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Hans Schumacher Alben 5
28.04.2017, 09:55

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Perspektiven

Die gemeinhin als Neoliberalismus bezeichnete ökonomisch-politische Leitlinie und Ideologie beruht selbstverständlich auf bestimmten Kernaussagen über die Wirklichkeit, also auf einem Klassifikationssystem, das sich freilich nicht auf politische und ökonomische Thesen beschränkt. Im Gegenteil, der Anspruch ist total. Dies zeigt schon allein der nassforsche Slogan "There is no alternative (TINA)". Wieso, in welcher Weise?

Die Aussage, dass es keine Alternativen gibt, lässt das Konzept der Verantwortung zu einem jämmerlichen Zerrbild zusammenschrumpfen. Da es für jede gegebene Situation eine vorgegebene richtige Antwort und Lösung gibt, nämlich die neoliberale, zu der es keine Alternative gibt, muss diese vorgegebene Antwort und Lösung bereits in die Welt eingeschrieben sein. Der Neoliberalismus: einziges Instrument zur korrekten Entzifferung der Welt. Die Welt - zwar passive Ressource mit dem Zweck, dem Pseudo-Telos der totalen Ausbeutbarkeit - gibt nichtsdestoweniger die richtige Ausbeutungsmethode bereits vor. Ressource Welt und Betriebsmittel Mensch tragen den Code ihrer optimalen Instrumentalisierung bereits in sich, und die neoliberalen Auguren sind die einzig befähigten Deuter dieser Zeichen. In einer solchen Welt ist menschliches Handeln entweder Befolgung des in sie eingeschrieben Programms - oder eben nicht. Vielleicht ist diese Mechanik, diese Mechanisierung des Seins, der Gipfelpunkt der Lebensmacht: das Leben als Robotik des Profits. Und was ist Verantwortung in diesem Rahmen? Definition der Verantwortung: korrekte Entzifferung und sklavische Befolgung des in die Welt eingeschriebenen Programms. Es gibt keine Alternative.

Der Philosoph Bernard Williams hat aufgezeigt, dass die Figuren Homers und die der griechischen Tragödie entgegen früherer und teilweise noch heute verbreiteter Lehrmeinungen sehr wohl Entscheidungen treffen(28) (echte Entscheidungen setzen Alternativen voraus) und Verantwortung übernehmen.(29) Sie wissen sehr wohl, was das heißt, was das für ihr Menschsein heißt, Homer und die Tragödiendichter wussten es, das Publikum verstand es.

Wer sagt, dass es keine Alternative gibt, zielt nicht nur auf Profit um jeden Preis. Das ist nur zynisch, das ist nur menschenverachtend, das ist nur Hybris der Welt gegenüber. Wer sagt, dass es keine Alternative gibt, zielt auf etwas, was für die Alten ein essentieller Bestandteil des Menschseins war.

Der hellenische Begriff, der am ehesten dem modernen Wort "Charakter" entspricht, lautet ethos. Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen bedarf eines Ethos, wie auch immer dieser beschaffen sein mag. Aber wenn es keine Entscheidungen und keine Verantwortung im eigentlichen Sinne mehr gibt - und nur im eigentlichen Sinne sind sie wirklich Entscheidungen und Verantwortung - dann wird uns, jedem einzelnen von uns, der ethos genommen. Der Neoliberalismus will mehr als uns zu Sklaven des Kapitals zu machen. Aristoteles, der die Sklaverei verteidigte, leugnete dabei nicht, dass ein Sklave ein Mensch ist - im Gegenteil, er betonte es. Aber im Sinne der Hellenen wären wir keine Menschen mehr, wenn wir keinen ethos mehr hätten. Ethos anthrópo daímon, postulierte Heraklit: Der Ethos des Menschen ist sein daímon, sein ihm zugehöriges, ihn antreibendes, ihn überallhin begleitendes Schicksalswesen, das er selbst niemals sieht, das ihm aber immer über die Schulter blickt. Ist es vielleicht so, dass die Vertreibung des "übernatürlichen" daímon das Sterben des ethos einleitete? Dieser Frage kann ich hier nicht nachgehen.

Wir haben gesehen, dass die Alten in einer Welt lebten und handelten, die eine ethisch-moralische Ordnung hat, und dass die Welt der Moderne - als Ressource - keine ethisch-moralische Ordnung hat. Vielleicht wird inzwischen klar, wie wichtig das ist, was auf dem Spiel steht. Vielleicht wird klar, dass Collins' Schulmeister mehr Schaden angerichtet hat, als offensichtlich war, dass Kárahnjúkar schlimmer, noch schlimmer ist als die Umweltschützer vorbringen. Dass die Beschäftigung mit Klassifikationssystemen keine Kurzweil für gelangweilte Akademiker ist, dass der Kampf um die Wirklichkeit real ist und nicht um irgendwelche Meinungen in irgendwelchen Köpfen geführt wird. Das wären dann politische Einsichten.

Hvat er með álfom? Was ist mit den Alben? Wie es scheint, keine ganz unwichtige Frage.

Durchaus ernsthafte Erwägungen, ob man Alben Rechte zubilligen sollte und warum, (30) bringen weitere interessante Kommentare hervor (31), aber sie stoßen unweigerlich auf Schwierigkeiten, die mit zeitgenössischen Vorstellungen von "Rechten" zusammenhängen (32) und werfen noch eine große Anzahl zusätzlicher Fragen auf (zum Beispiel: Wer soll sie einfordern? Mit welcher Legitimation seitens der Vertretenen?), aber im Grunde hat Kárahnjúkar einen Schlussstrich unter diese Erörterungen gezogen. Denn im modernen Island hatten Alben Rechte - bis sie nicht einigen kleinen, sondern einem großen Projekt im Weg waren. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Anerkennung ihrer bloßen Existenz gehört zu einer Konzeption der Welt, die mit der Konzeption der Moderne – zumal der "neoliberalen" - unvereinbar ist.

"Der Glaube an eine Vernunft, die ökologische und soziale Grenzen zur Kenntnis nimmt", so Elmar Altvater, "herrscht über die analytische Einsicht, dass auch die vernünftigsten, ökonomisch und sozial bewusstesten Akteure den Systemzwängen gehorchen. Daher geht es um eine Radikalisierung der Fragestellung, die schon Rosa Luxemburg aufgeworfen hatte: "Sozialismus oder Barbarei" bzw. in den Worten der Zapatistas "Solidarität oder Barbarei". Nun darf man sich den Sozialismus nicht so denken, wie er im "kurzen 20. Jahrhundert" real existierte. Die Barbarei ist nur zu verhindern durch den Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft... Das ist kein einmaliges Ereignis der Machtergreifung, sondern eine langfristig angelegte Veränderung aller Arbeits- und Lebensformen im Zusammenhang mit der Nutzung erneuerbarer Energien gegen die Übermacht der scheinbar objektiven Sachzwänge..."(33)

Zum Thema Vernunft und dem Glauben an sie haben wir hier einiges gesehen. Was ist die Folge der analytischen Einsicht, die Altvater referiert, bzw. was sollte die Folge sein? "Die Wiederaneignung von Raum und Zeit durch soziale Bewegungen."(34)

"(Es) bleibt neuen soziale Bewegungen häufig nur die territoriale Besetzung vor Ort, um die eigenen Forderungen nach der Verbesserung von Lebensbedingungen erfüllen zu können... In den sozioterritorialen Auseinandersetzungen entstehen öffentliche Räume, die zuvor nicht existierten. Private Eigentumsansprüche werden gewissermaßen sozialisiert, aber nicht im Sinne der traditionellen Arbeiterbewegung, die dabei auf den Staat gesetzt hat und Sozialisierung in erster Linie als Verstaatlichung verstand. Die Sozialisierung ist das Ergebnis von vernetzten gesellschaftlichen Aktivitäten im territorialen Raum... Es entstehen autonome Bereiche, die von Bewegungen selbst verwaltet werden. Dabei handelt es sich keineswegs um Neuentdeckungen. Lucio Gambi erinnert daran, dass die italienische Widerstandsbewegung, die resistenza, die von ihr eroberten, besetzten und verteidigten Territorien autonom verwaltete und so alternative Strukturen der Staatlichkeit schufen, bevor der italienische Staat nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstand. Er zeigt am Beispiel der alpinen Täler, dass die territoriale Autonomie durch das Relief und die ökonomischen Voraussetzungen der jeweiligen Region beeinflusst wird. Sozioterritoriale Bewegungen werden also nicht nur von der Geschichte und Kultur, von den politischen Verhältnissen und ökonomischen Entwicklungen beeinflusst, sondern auch von der geographischen Charakteristik des Territoriums. Im Zuge der Errichtung autonomer Räume wandeln sich das Territorium, die sozialen Beziehungen und die politischen Machtverhältnisse."(35)

Die Schaffung neuer öffentlicher Räume – Widerstandsnester. Der Vergleich mag hinken, aber unsere Situation ist so verschieden nicht von der norwegischer Bonden in den Tagen Harald Schönhaars. Vielleicht sollten wir es mit einer analogen Strategie36 versuchen. Der Kampf gegen den "Neoliberalismus" ist auch der Kampf um die Wirklichkeit. Und diese Erkenntnis ist es, welche die Alben wieder ins Spiel bringt. Denn in gewisser Hinsicht verkörpern sie das Prinzip des Lokalen (Schaffung und Erhaltung von Räumen) und das Prinzip der Gerechtigkeit, die in der Welt und ein Teil von ihr ist. Es sieht ganz so aus, als ob es ein Fehler wäre, die Alben fortgehen zu lassen.


Fußnoten
(28) Williams, Bernard: Scham, Schuld und Notwendigkeit. Eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral. Berlin 2000, S. 23 ff.
(29) ebd., S. 58 ff.
(30) http://www.indigogroup.co.uk/edge/fairies4.htm
(31) http://axonas.twoday.net/stories/519431/
(32) Mc Intyre?, Alasdair: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Frankfurt am Main 1995, S. 95 ff.
(33) Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik». Verlag Westfälisches Dampfboot. Münster 2005; 3. Auflage 2006, S. 202
(34) ebd., S. 197 ff.
(35) ebd., S. 198
(36) Bei der nicht zuletzt Gemeinschaftlichkeit eine entscheidende Rolle spielen muss. Zu dieser gehört auch eine Kultur der Anerkennung. Dieser Text entstand durch eine Anregung des "Magister Bontanicus", in dessen gleichnamigem Magazin "Magister Botanicus – Magische Blätter (10. Ausgabe) eine Rohfassung erschien. Inhaltlich und stilistisch verdankt dieser Text vieles Stefanie Imann, Julio Lambing und Berna Kühne-Spicer – Fehler und Mängel liegen jedoch nicht in deren, sondern in meiner Verantwortung. Für wichtige Hinweise bezüglich des Verhältnisses moderner Isländer zu ihrer kollektiven Identität bin ich Cordula Mock zu Dank verpflichtet – auch in diesem Punkt liegen mögliche Fehler und Mängel bei mir. Für Anregungen und Unterstützung bedanke ich mich bei Jörn Kiselev, Yalim Ergin und den "Stoneheads", Mimoun, Dr. M. Ohrle und insbesondere bei der Familie Wolffgramm. Inspiriert jedoch hat mich die Weiße Elfe, Anja – die mich gelehrt hat, "mir die Dinge so zurecht zu legen, dass sie mich dazu veranlassen, mitmachen zu wollen".


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