Das Internet-Magazin des Rabenclans
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Gräber
von Hrefnadis
Ich laufe durch das Städtchen, das einmal - fast scheint es mir mehrere Leben her zu sein - meine Heimat war. Erst gehe ich asphaltierte Straßen, später Forstwege durch den angrenzenden Wald und ganz viel später muss ich mich auf meinen Orientierungssinn verlassen, denn der Pfad, den ich einst kannte, ist fast komplett verschwunden. Und als ich schon fast glaube, ich hätte mich verirrt, taucht vor mir eine schulterhohe zerfallene Mauer auf, so uralt wie die Bäume hier, mitten im Wald. Ein verrostetes Eisengitter mit einem erstaunlich neuen, erstaunlich modernen Vorhängeschloss an ebenso rostiger Kette versperrt den einzigen Zugang. "Einsturzgefahr" lese ich da. Aha. Immer noch. Dann muss wohl auch noch etwas stehen, das einstürzen kann. Ich klettere vorsichtig über die Mauer, muss aufpassen, denn mein Rucksack ist schwer. Erst auf den zweiten Blick erkennt man den Friedhof, so tief im Wald, überwuchert, von der Welt vergessen. Und wie immer, auch wenn der letzte Besuch viele Jahre her ist, schnürt es mir das Herz zu. Ja, auch vor Mitgefühl, aber am meisten vor Wut.

Der Judenfriedhof. Weit ab von ach so christlichem Boden, weit weg von den schönen Jugendstilvillen, die von den meisten der hier Ruhenden erbaut worden sind. Ich gehe durch die Reihen, wünschte, ich könnte beten, aber ich kenne keine jüdischen Gebete und so bete ich zu den Bäumen, zur Mutter Natur, die mir um so viel näher steht, gerade hier, wo sie sich die "Menschlichkeit" wieder fast einverleibt hat. Wie bei alten Bekannten bleibe ich an jedem Grab stehen und tue das, was Angehörige nicht mehr tun können, denn es gibt keine mehr. Die Juden dieses Städtchens wurden ausgerottet. Ohne Ausnahme. Na ja fast. Ich lege überall mitgebrachte Steine hin, wie es die Juden auf ihren Friedhöfen tun. Ich lege sie auf die zersprungenen Grabplatten, die umgesunkenen Steine und einen ganz besonderen schneeweißen lege ich auf die Rosensäule von Judith. Sie war erst 21, als sie starb und eine der letzten, die hier beigesetzt wurden, damals schon im Dritten Reich, dessen Opfer sie wohl auch war, so wie später ihre gesamte Familie. Ihr Grab ziert eine weißmelierte Marmorsäule, an der sich steinerne Rosen hochranken. Der Regen hat sie fast unkenntlich gemacht, doch ich weiß, was sie sind, so wie ich auch den Namen noch kenne, obwohl er inzwischen unlesbar ist. Judith. Keiner will sie gekannt haben. Keiner weiß, wie sie umkam. Und doch steht diese Säule im Wald und behauptet allein mit ihrer Existenz das Gegenteil.
Szenenwechsel
Wieder ein verfallenes Grab. Wo mir der Verfall des alten Waldfriedhofes zum Teil noch dramatisch schön erschien, bin ich hier nur traurig und verbittert. Vielleicht, weil der Rest des Friedhofes gut gepflegt ist. Christlicher Boden, im Schatten einer kleinen Wehrkirche. Dennoch steht der Grabstein schief, nur notdürftig gekittet. Verwittert, ungepflegt dies Fleckchen Erde. Und auf dem Grabstein ein schöner deutscher Name, obwohl er da nicht hingehört. Ich habe diesen Mann gekannt, der jetzt 6 Fuß unter mir liegt. Und dies war nicht der Name, unter dem er geboren wurde, denn der hätte den Juden französischer Abstammung verraten.
Ich habe diesen Mann nicht nur gekannt, ich habe ihn geliebt, habe von ihm gelernt, habe mit ihm gelebt, sah ihn sterben und habe ihn mit zu Grabe getragen. Viel zu früh. Seine Ruhestätte nun verfällt, obwohl dies kein Drittes Reich mehr ist. So wenig trennt ihn von Judith, obwohl er doch eine Familie hinterließ. Ich leg den letzten Stein auf die Grabplatte, erzähl ihm von meinem Leben, davon, dass ich nicht vergessen werde. Nie. So wie er es mich gelehrt hat. Und dann gehe ich irgendwann, stehe auf, schlendere an der Kirche vorbei, die ich nie betreten durfte und an der kleinen Grabkapelle, die mein Urgroßvater des deutschstämmigen Familienzweigs errichtet hat.
Ich glaube, Großvater wäre lieber bei den anderen im Wald bestattet worden.