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Hans Schumacher Szene 01
28.04.2017, 09:55

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Rassismus und Szene

Ein Ansatz zur Untersuchung der Auswirkungen struktureller Elemente auf die Heidenszene als Inkubationszentrum rassistischer Ideologien

von Hans Schumacher, im Namen und Auftrag des Rabenclan - Arbeitskreis für Heiden in Deutschland e.V.
- Alle Rechte beim Autor -

Voraus

Anlaß zur Erörterung bzw. Voruntersuchung obengenannter Zusammenhänge ist zum einen der erhellende Untersuchungsansatz von Antje Schrupp in "Die Neuheiden"(1), der hier zitiert werden soll:" Ein großes Problem vieler Veröffentlichungen in diesem Themenbereich scheint mir die Vernachlässigung der inhaltlich-argumentativen Ebene zugunsten einer Rekonstruktion personeller Verflechtungen zu sein...Bei meinen Recherchen...bin ich grundsätzlich anders vorgegangen: Ich habe mich auf die inhaltlichen Aussagen verschiedener Gruppen konzentriert und diese ernst genommen. Denn: rechtsradikal, rassistisch, antidemokratisch werden Gedanken nicht dadurch, daß sie von Leuten geäußert werden, die nachweislich schon mal mit einem Rechtsradikalen ein Bier trinken gegangen sind, sondern dadurch, daß sie auch unabhängig von der Person, die sie vertritt, rassistisch, neonazistisch, antidemokratisch sind."(2) Dieser Ansatz ist in der Tat dazu geeignet, einerseits wesentlich mehr Klarheit in die öffentliche Diskussion zu bringen (die Wahrheit der obigen These bedarf keiner weiteren Erhärtung), andererseits eine wesentlich differenziertere Betrachtung der Thematik in eben jener Diskussion geradezu zu erzwingen: Verschwörungstheorien, undifferenzierte Anwürfe und Pauschalverurteilungen wie beispielsweise auf dem Niveau der Antifa Marburg(3) werden so allmählich zugunsten einer fundierten Betrachtung verschwinden. Nur so kann die Ariosophie wirksam bekämpft werden(4).

Frau Schrupps Forderung "weg von den Rekonstruktionsversuchen organisatorischer Zusammenhänge - hin zur Untersuchung der Inhalte" wird künftig auch im Rahmen des Ariosophieprojekts Beachtung finden, zumal sich in der Rückschau zeigt, daß die ersten Untersuchungsansätze teilweise Fehleinschätzungen hervorbrachten, die eben auf Rekonstruktionsversuchen organisatorischer Zusammenhänge beruhten. So gibt es, auch nach Auskunft von Gewährsleuten, die in der Anfangsphase des Ariosophieprojekts nicht zur Verfügung standen, keine Befehl-und-Gehorsam-Struktur zwischen den Leitern der ariosophischen Kernorganisationen, insbesondere dem Armanenorden, und den Leitern der Peripherieorganisationen(5). Das Funktionieren der Heidenszene in Hinblick auf Erwirkung von Rassismusakzeptanz bis hin zu rassistischer Indoktrination legte diesen Schluß nahe, trotzdem war er falsch, er enthielt, wie oben gesagt, einen methodischen Fehler. Die hier neu in Angriff genommene Untersuchung wird zeigen, daß trotzdem in Hinblick auf die Ariosophie von Kern- und Peripherieorganisationen gesprochen werden kann, ja geradezu muß: nicht organisatorische Elemente sind hierfür verantwortlich, sondern die Verflechtung inhaltlicher und struktureller Elemente.

Der zweite Anlaß zur Vornahme dieser Untersuchung ist nämlich der methodologische Sprung, der hier vollzugen werden kann: es kann und soll gezeigt werden, daß die Ariosophie keiner Leitung bedarf, daß insbesondere autoritäre Inhalte ohne quasi personifizierte Zentralautorität, also "Führer", transportiert und verbreitet werden können. Es bedarf zurErhaltung und Ausbreitung der Ariosophie zwar hierarchischer Gruppenstrukturen(6), aber keiner zentralen Leitung, welche die Gruppen konfiguriert und führt. Dies ist in Hinblick auf die Bekämpfung autoritär-rassistischer Ideologien und Gruppierungen sehr bedeutsam: es genügt nicht, quasi den Kopf abzutrennen und Organisationen zu zerschlagen, sondern ideelle Felder müssen rechten Ideologen entrissen werden, statt sie ihnen zu überlassen(7). Das in "Anmerkungen zum Thema Mythos" vorgestellte Gesetz der strukturellen Übereinstimmung dient hier als Grundlage der Diskussion der Zusammenhänge zwischen Struktur und Inhalt.

Die formale Unregelmäßigkeit, bereits in der Einleitung der Untersuchung ihre Ergebnisse zu diskutieren, muß hier vorgenommen werden, da die Zielrichtung der Untersuchung der Leserschaft als roter Faden dienen soll, der im komplexen Geflecht struktureller Untersuchungen allzuleicht verloren geht.

In Hinblick auf einen eher unwichtigen Aspekt dieses Projektes, nämlich seine Wirkung auf die und in der Heidenszene, sei dieser Abschnitt mit einem Hinweis in eigener Sache beschlossen: das Ariosophieprojekt existiert nicht, um Hohn über die Heidenszene auszugießen. Wenn im Verlauf dieser Untersuchung Dinge zum Vorschein gekommen sind und kommen wie Inkompetenz auf allen Ebenen, krasse Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Sektierertum und an klinische Studien gemahnende Kurzcharakterisierungen von Personen via deren Äußerungen, die insgesamt ein lächerliches Bild abgeben, so liegt das in der Natur der Sache und nicht an der Absicht des Verfassers.

1. Einleitung

Alle bisherigen Veröffentlichungen jenseits und außerhalb dieses Projekts zu unserem Thema leiden und litten nicht nur unter dem von Frau Schrupp charakterisierten theoretischen Fehler, sondern auch unter der völligen Mißachtung struktureller Elemente. Jenseits der Personalverflechtungstheorien entstand durchweg der Eindruck, ariosophische Organisationen und/oder solche der Heidenszene bildeten sich quasi im strukturellen Vakuum. Wenn auch Organisationsschemata gelegentlich erwähnt werden(8), fehlt doch eine Untersuchung der Heidenszene als Szene. Die hier vorgenommene Untersuchung soll thesenhaft aufzeigen, wie die Szenestrukturen und -mechanismen, die allen Szenen inhärent sind, den Rassismus, der ein inhaltliches Kriterium ist, in der Heidenszene erhalten und stärken. Wenn wir unserem Thema gerecht werden wollen, genügt es nicht, auf eine Ansammlung böser Menschen mit dem Finger zu zeigen, sei es nun ein journalistischer oder wissenschaftlicher Finger. Es gilt, die dem Erhalt und der Ausbreitung der Ariosophie zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten herauszuarbeiten. Mir drängt sich der Verdacht auf, daß eine Untersuchung dieser Zusammenhänge von dritter Seite auch darum bisher unterblieb, weil das Ergebnis einer solchen Untersuchung teils polemisch anmutende, teils fürchterliche Ähnlichkeiten der Heidenszene mit der heilen bürgerlichen Welt und der anderer ideologischer Szenen zutage bringen könnte. Die Strukturen sind nämlich so verschieden nicht.

Gerade in Hinblick auf ihre Strukturen und Mechanismen ist die Heidenszene gleichsam Produkt und Spiegel der Gesellschaft, deren Sub - Kultur sie ist. In diesem Zusammenhang ist dringend darauf hinzuweisen, daß nicht etwa die Heidenszene für das Zehn-Prozent-Ergebnis der DVU in Sachsen-Anhalt verantwortlich ist. Möglicherweise gedeiht dieses Ariosophieprojekt eines Tages so weit, daß keinerlei Zweifel mehr daran bestehen kann, wohin der Finger zu zeigen hat.

Der hier vorliegende Text ist als Ansatz und seine Ergebnisse als Thesen zu verstehen. Wie am Anfang des Ariosophieprojekts auch gilt es zunächst, den Faden aufzunehmen.

2. Subkultur und Szene

Das Hervorbringen von Subkulturen und Szenen scheint spätindustriellen Gesellschaften, allesamt Staaten im Gegensatz zu Stammesgesellschaften u.ä., eigentümlich zu sein. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine Wirkung folgender Faktoren, die derartigen Gesellschaften eigentümlich sind: der Verlagerung der grundlegenden Arbeitseinheit vom Haushalt bzw. Gruppen von solchen auf das Individuum(9) und dem damit einhergehenden Zerreißen aller Lebenszusammenhänge, also der letztlich totalen Vereinzelung, wobei der Hauptfaktor die Zerschlagung der Familie als Lebenseinheit ist(10). Die alten Strukturen der Lebenszusammenhänge funktionieren nicht mehr, neue Strukturen haben sich noch nicht ausgeprägt und werden, dies sei hinzugefügt, von konservativen und reaktionären Kräften bis aufs Äußerste bekämpft. Als Beispiel sei hier die nichteheliche, heterosexuelle und monogame "eheähnliche Gemeinschaft" genannt, deren harter, schmerzensreicher Kampf um Existenzberechtigung Jahrzehnte dauerte und die doch strukturell nichts weiter ist als eben eine "Ehe ohne Trauschein". Die Vermittlung veralteter Werte, Strukturen und Paradigmen in der Sozialisation von Individuen führt zu individuellen und kollektiven Dauerkrisen: das Alleinsein ist unmöglich, das Zusammenleben ist unmöglich. Ob diese ständig an Dynamik zunehmende Krise gewollt ist, damit dem Individuum gesellschaftliche Institutionen als einziger Bezugspunkt bleiben, oder ob unreflektierter Dogmatismus der ideell Verantwortlichen in verantwortungsloser Weise Massenelend produziert(11), oder ob beides zusammenwirkt, soll hier nicht diskutiert werden.

Als Folge dieser Umstände existieren Ersatzgesellschaften am Rande der Gesellschaft, die zwar keine Lebensgemeinschaften sind - sie haben weder eine ökonomische Basis, noch arbeiten die Mitglieder zusammen, noch stehen die Mitglieder einander regelmäßig bei - aber doch solche simulieren. Diese Subkulturen, eigentlich Sub-Gesellschaften, sind lediglich ein Surrogat, eine Karikatur von Gemeinschaft. Nichtsdestoweniger oder gerade deswegen wird Zusammengehörigkeit, (die, es kann nicht oft genug gesagt werden, hohl und falsch ist) durch Kleidung, Sprache, Paraphernalien(12) und "Insiderwissen" kulthaft und inbrünstig demonstriert: Außenstehende werden bis zur offenen Feindseligkeit abgelehnt und abgewiesen, neu Hinzukommende müssen sich ihre Zugehörigkeit oft durch nachdrücklichen Nachweis von Konformität verdienen und haben ihr Anwesenheitsrecht als Privileg anzusehen.

Eine Szene ist gewissermaßen eine Sub-Subkultur, deren Mitglieder sich gegenseitig kennen. Dies verstärkt die Wirkung der oben genannten Mechanismen: der Druck auf Mitglieder, Neumitglieder und die Abgrenzung nach außen sind deutlicher ausgeprägt.

Da keine Subkultur eine eigene Struktur aufweist, übernimmt jede grundsätzlich die Struktur der eigentlichen Gesellschaft, sprich die Grundstrukturen der bürgerlichen Staatsgesellschaft. Dies gilt auch und insbesondere, wenn die Subkultur die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft ideologisch ablehnt. Wir haben es strukturell gesehen mit drei Typen der Subkultur zu tun:

1.Das Individuenkonglomerat: Dieser Typ von Subkultur weist keinerlei formale Unterstrukturen auf. So sind zum Beispiel an bestimmte Art von Musik orientierte Subkulturen (Gothic, New Romantic etc.) Individuenkonglomerate: alle Gruppen und Grüppchen innerhalb der Subkultur weisen rein private Zusammenhänge auf.

2.Das Hierarchienkonglomerat: hier gehören hierarchisch strukturierte Gruppen derselben Subkultur an, umgeben von einer Anzahl organisatorisch ungebundener subkultureller Individuen. Ein Beispiel hierfür ist die Heidenszene.

3.Das Kollektivkonglomerat: auch diese Subkulturen bestehen aus Gruppen, die eine Peripherie von Einzelindividuen aufweisen, nur sind die Gruppen hier ideologisch, wenn auch nicht wirklich, nichthierarchisch. Zu diesem Typus gehören insbesondere linke Szenen.

Auf den ersten Blick läßt sogar das Hierarchienkonglomerat persönliche Freiräume: dem Führer einer Organisation, der man nicht angehört, muß man nicht gehorchen. Die beiden anderen Typen wirken demokratisch insofern, als im Falle des Kollektivkonglomerates angeblich demokratische Entscheidungen gefällt werden, im Falle des Individuenkonglomerats gar nichts entschieden wird. Alle Formen von Subkulturen weisen aber einen derartig hohen Grad an Verhaltenskontrolle auf, der sich im Falle ideologischer Subkulturen bis auf das "richtige" Denken ausweitet, daß von einer Freiheit der zugehörigen Individuen keinerlei Rede sein kann. Selbst die Freiheit, die Subkultur zu verlassen, ist insbesondere bei ideologischen Subkulturen und Szenen keineswegs ohne weiteres gegeben: linke und rechte Szenen sowie die Heidenszene sind dafür bekannt, Dissidenten und Abwanderer mit ihrem Haß zu verfolgen.

In allen Subkulturen, formal strukturiert oder nicht, gibt es Wege zu Ansehen, mithin zu Autorität und schließlich zur Macht über das Verhalten anderer. Gerade nicht formal strukturierte Gruppen haben nahezu unangreifbare "Führer": es gibt keine Institution des Widerspruchs, denn offiziell gibt es ja auch die Führer nicht. Hierarchien wie in der Heidenszene machen Gruppenführer von innerhalb der Gruppe prinzipiell unangreifbar, konsequenterweise findet ein ständiger Kampf der Führer untereinander statt, und zwar um die Mitglieder und unter Instrumentalisierung der Mitglieder. Konsequenterweise darum, weil das strukturelle Merkmal der Führerschaft mit Richtlinienkompetenz bis hin zur Wahrheitsdefinition einerseits quasi-logisch eine Ober-Führerschaft verlangt (mehrere Oberste Eingeweihte etc. kann es nicht geben), in der Praxis jedoch keiner der Kandidaten auf die Ober-Führerschaft alle anderen gleichzeitig besiegen kann. Der Heidenszene selbst sind die Ursachen dieser ständigen Kämpfe ein Rätsel, ein Resultat struktureller Blindheit.

Voraussetzung für Entstehung und Erhalt der subkulturellen Zustände sind einerseits die oben geschilderten gesamtgesellschaftlichen Umstände - wer würde in einer gesunden Gesellschaft einer Scheingemeinschaft beitreten, die sein Verhalten kontrolliert, ihm aber außer vorgespiegelter Geborgenheit nichts einbringt? - andererseits strukturelle Blindheit. Eben weil die Struktur von Subkulturen der der bürgerlichen Staatsgesellschaft entspricht, werden die Strukturen nicht wahrgenommen - außer von denen, die sie zu nutzen wissen.

3. Rassismus und Struktur

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das "Heidentum" der Heidenszene mit historisch real existierendem altem europäischen Heidentum nichts zu tun hat und warum das auch so sein muß: bekämen die Kriterien der historisch-kulturhistorischen Wahrheit und der realen Gegebenheiten von Naturreligionen auch und gerade in strukturell-gesellschaftlicher Hinsicht sowie auf der Hand liegende Forderungen nach Transparenz der Inhalte und Lehren sowie der demokratischen Kontrolle der Funktionsträger in der Heidenszene plötzlich Geltung, würde sie auf der Stelle aufhören zu existieren(13). Statt legitimer, weil beleg- und nachvollziehbarer Thesen zu Naturreligion im Allgemeinen und zu europäischem Heidentum im Besonderen findet man dort Phantastereien und Geheimnistuerei, die anscheinend samt und sonders in Theosophie und Ariosophie wurzeln(14). Aufgrund eben dieser Geheimnistuerei ist die Materialbasis bezüglich der Lehren etlicher Organisationen immer noch schmal, doch müßten legitime Aussagen wohl kaum geheimgehalten werden. Es versteht sich, daß eine allgemeine Beteuerung, nichts mit Rassismus zu tun zu haben, nicht ausreicht, um entsprechende dringende Verdachtsmomente auszuräumen. Außerdem bleibt das Kriterium der Zusammenarbeit: wer die Zusammenarbeit mit ariosophischen Organisationen nicht völlig verweigert, dem kann eine antirassistische Position nicht bescheinigt werden.

Rassismus tritt in der Heidenszene jedoch nicht nur als Bestandteil der Lehren (dies mit unterschiedlicher Gewichtung) auf, wobei die Frage danach, inwieweit den jeweiligen Verantwortlichen dies klar ist, nicht hierher gehört: in der Verantwortung stehen sie so oder so. Rassismus tritt auch auf in Gestalt der allgemeinen Toleranz Rassisten gegenüber. Die Präsenz der Rassisten ist derart unübersehbar, daß zumindest eine gewisse Grundsolidarität mit ihnen als Heidenszenen-Sitte postuliert werden muß. Wie sonst wäre es möglich, daß seit zwanzig Jahren , abgesehen von wirkungslosen kurzfristigen Verbalattacken, die Heidenszene nie etwas gegen die ariosophischen Gruppen unternommen hat?

Dies darf aber nicht so interpretiert werden, als sei jedes Mitglied der Heidenszene von Anfang an bereit, mit Rassisten zu kooperieren. Genau dieser Eindruck entstand durch alle bisher veröffentlichten Arbeiten von dritter Seite, Frau Schrupps Arbeit ausgenommen, und zwar wegen der Nichtberücksichtigung der strukturellen Faktoren. Diese wirken sich wie folgt aus:

1.Einzelindividuen in der Szene, egal ob organisiert oder nicht, sind kaum mit dem intellektuellen Rüstzeug versehen, das nötig ist, um einerseits die Szenemechanismen zu durchschauen und andererseits die Lehren der Führer kritisieren zu können, geschweige denn beides auf einmal: die Thematik ist komplex. Zudem steht jedes Individuum unter dem Autoritätsdruck der Führer und dem normativen Druck der anderen Szenemitglieder. Selbst diejenigen, die all dem psychisch bzw. innerlich eine Weile widerstehen können, dürften kaum den Mut aufbringen, jemanden offen herauszufordern, der von so vielen anderen als Autorität angesehen wird. Geschieht dies doch, so fast ohne jede Erfolgsaussicht.

2. Das Zugehörigkeitsbedürfnis überwiegt über Wahrheitsliebe und Verantwortung, d.h. der emotionale Gewinn durch die Zugehörigkeit ist größer als die eher intellektuell-moralische Befriedigung durch die unliebsame Wahrheit. Die Heidenszene droht im Falle der Apostasie mit mehr als dem Entzug der Nestwärme: die militanten Neonazis z.B. im Umfeld des Armanenordens neigen weniger zu klärenden Gesprächen bei Pfefferminztee. Umgekehrt ist ein organisiertes Szenemitglied besser dran als ein unorganisiertes: bestimmtes "Wissen" gibt es nur für Mitglieder (was teilweise in der faschistischen Natur dieses "Wissens" begründet ist, teilweise auch mit auf der Hand liegenden strukturellen Elementen), desgleichen Statusgewinn.

3. In der Heidenszene wird gebetsmühlenartig wiederholt, daß die "Nazikeule" die Hauptwaffe feindlicher gesellschaftlicher Kräfte gegen "das Heidentum" (also die Heidenszene) ist. Jede Szene tut sich schwer mit Kritk von außen, zumal wenn sie berechtigt ist, die Heidenszene aber ist extrem paranoid, zumal sie ja wirklich mancherlei zu verbergen hat. Bedauerlicherweise haben hier viele Linke den Ariosophen in die Hände gearbeitet, indem sie mit ihren ebenso paranoiden Pauschalattacken nicht nur nichts erreicht, sondern auch den Ariosophenführern ein hervorragendes Feindbild geliefert haben. Es wird hoffentlich allmählich klar, in welche Situation ein Szenemitglied gerät, das die Ariosophie inhaltlich und/oder auf personeller Ebene angreift. Wer mit dem milden Hinweis davonkommt, er oder sie habe "das Christentum noch nicht überwunden", kann von Glück sagen.

4. All diese Faktoren wirken natürlich nicht nur in Hinblick auf die Handlungsoptionen von Szenemitgliedern bzw. zu deren Reduktion, sondern auch und zuallererst auf das Bewußtsein der Betroffenen. Dazu erzogen, Autorität anzuerkennen und sich einzufügen (Elternhaus, Schule, Ausbildung), werden die Betroffenen die Strukturen der Heidenszene schnell verinnerlichen, es sind ohnehin die, die sie gewohnt sind. So werden sie zu verstärkenden Faktoren der Punkte 1. bis 3..

Es sei noch einmal daran erinnert, daß dergleichen nicht nur in der Heidenszene geschieht. So alarmierend derartige Prozesse in der Heidenszene sind, da sie die Ariosophie fördern, verbietet sich der anklagende Fingerzeig aus moralisch überlegener Position all jenen, die in ähnlichen Strukturen eingebunden sind. Das Ariosophieprojekt dient nun wirklich nicht dazu, die Heidenszene in Schutz zu nehmen - es wäre aber höchst inkorrekt, derlei Zustände nur dort ausmachen zu wollen.

Hier sei noch einmal alles in Erinnerung gerufen, was in "Anmerkungen zum Thema Mythos" zu Zusammenhängen von Struktur und Inhalt und dem Gesetz der strukturellen Übereinstimmung gesagt wurde. In der Heidenszene gehen Lehren, Gruppenstruktur, Szenestruktur und gesamtgesellschaftliche Vorprägung der Mitglieder Hand in Hand, alle Mittel des Machterhalts, die den Führern der Heidenszene zu Gebote stehen, verteidigen auch den Rassismus mit.

Zu den oben aufgeführten Mängeln der Gesamtgesellschaft, die das Unwesen der Subkulturen überhaupt entstehen lassen, kommt hier der Mangel an demokratischer Kultur.

In Hinblick auf die Ariosophie führen schließlich inhärent vorhandene strukturelle Elemente der Heidenszene genau zu dem Bild von aus Organisationen gebildeten konzentrischen Kreisen(15), das im Rahmen dieses Projekts bereits vorgestellt wurde, auch wenn die ariosophischen Kernorganisationen keinerlei Macht über die anderen Organisationen haben bzw. nicht mächtiger sind als diese. Kernorganisationen sind die offen ariosophischen Gruppen insofern, als alle anderen Organisationen sie wie ein vielschichtiger Schutzmantel umgeben, undurchsichtig und Angriffe von außen abfedernd. Frau Schrupp kann nur beigepflichtet werden, wenn sie das Verhalten der Führer der Peripherieorganisationen am Beispiel Herrn Volkmanns(16) als Unterstützung des rechten Verwirrspiels wertet und schließt: "Ob Volkmann das absichtlich tut, oder ob er sich instrumentalisieren läßt, ist demgegenüber zweitrangig.(17)" Es ist klar geworden, warum es zur Akzeptanz und Ausbreitung der Ariosophie in der Heidenszene keiner organisatorischen Zusammenhänge bedarf, Verflechtungen von Struktur und Inhalt sorgen für eine Eigendynamik, gegen die es in einer Szene kein Mittel gibt.

4. Fazit

Es ist an der Zeit, zu fragen, ob ausgerechnet eine Szene der richtige Ort bzw. die richtige Struktur für die Beschäftigung mit und die Ausübung von Naturreligion ist. Die Argumentation in diesem Essay und in "Anmerkungen zum Thema Mythos" lassen nur eine Antwort zu: nein.

Es gilt also, zweierlei zu tun: erstens, Strukturen zu erschaffen, die den angemessenen Rahmen für Naturreligion in einer spätindustriellen Gesellschaft sind, denn wer das nicht tut, läuft in die oben skizzierte strukturelle Falle. Das Schaffen dieser Strukturen ist im Rabenclan bereits gelungen, aber das ist lediglich ein Anfang, bestenfalls eine Etappe, kein erreichtes Ziel. Anzustreben ist eine Ausweitung dieser Bemühungen primär im naturreligiösen Bereich, zweitens aber auch der Gesamtgesellschaft. Struktur und Inhalt müssen übereinstimmen, nur basisdemokratische Strukturen passen zu basisdemokratischen Inhalten und umgekehrt.

Zweitens muß davon ausgegangen werden, daß die Heidenszene als solche eine Brutstätte des Rassismus bleiben wird, und zwar aus den oben genannten Gründen. Dies muß weitreichende Konsequenzen im Umgang mit ihr haben. Deswegen ist diese Untersuchung aber mitnichten beendet, auch sie hat lediglich ein Etappenziel erreicht. Wir sind von einer Spurensuche zur systematischen Erforschung vorgedrungen, haben aber bislang im Wesentlichen Thesen und Argumentationen vorgetragen sowie ein wenig Material referiert, sind aber von der Präsentation eines umfassenden Ergebnisses noch weit entfernt. Daher werden Ariosophie und Heidenszene in diesem Rahmen weiterhin untersucht werden. Die Verwirklichung basisdemokratisch-naturreligiöser Vorstellungen werden sie verschwinden lassen, denn sie haben in der Tat keinerlei Existenzberechtigung.

Hans Schumacher

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1) Schrupp, A.: Die Neuheiden, Frankfurt am Main 1997, Reihe FORUM, Heft 11, Hrsg.: Eimuth, K.-H. /Lemöfer, L.,Verlag: Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik e.V.

2) s. ebd., S. 6f.

3) s. ebd., S. 5f., sowie "Über die Verschleierung..."

4) s. "Ariosophie-ein Überblick" und "Anmerkungen zum Thema Mythos"

5) s. "Über die Verschleierung..."

6) s. "Anmerkung zum Thema Mythos"

7) siehe hierzu die in "Kulte, Führer, Lichtgestalten - eine erweiterte Rezension" vorgenommene Kritik am Ansatz der Autoren

8) siehe die entsprechenden Zitate in "Ariosophie - ein Überblick"

9) Vivelo, R.F.: Handbuch der Kulturanthropologie, 2. Aufl. Stuttgart 1995, S. 139f.

10) s. ebd., S. 140ff.

11) siehe hierzu die Etymologie des Wortes "Elend"

12) der Begriff "Paraphernalien" bezeichnet hier Artefakte, die wie in der Kirchenkunst ein ansonsten nicht zu identifizierendes Individuum eindeutig identifizierbar machen: den mittelalterlichen Heiligen erkennt man nach dem Grundsatz pictura est literatura laicorum an Gegenständen, mit denen er abgebildet ist, den Angehörigen einer Subkultur an Gegenständen, die er deutlich sichtbar mit sich führt. Zwar liegt hier einerseits (mythische) Individualität, andererseits Gruppenzugehörigkeit vor, der Begriff "Paraphernalien" erscheint mir aber angebrachter als der angloamerikanische "fads", der weder der Bedeutung noch der Funktion der Paraphernalien gerecht wird. Wir haben hier den Übergang von Zeichen zu Symbol vor uns.

13) s. "Anmerkungen zum Thema Mythos"

14) s.Anm. 12

15) siehe "Über die Verschleierung..."

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