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Hans Schuhmacher Walkueren Die Quelle 4
28.04.2017, 09:55

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Óskmejyar

Erster Teil

Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I

Die Quelle: Helgaquiða Hundingsbana I

Die Überfahrt und große Schlacht

Die Überfahrt

Die nachfolgenden Strophen können wir kurz zusammenfassen. Helgi sendet unverzüglich Boten aus, die mehr Krieger auf Schiffen herbeirufen. Es kommt eine gewaltige Streitmacht zusammen, die ein wenig an die Aufzählung der Schiffe der Achaier in Homers Ilias erinnert. Dem Hörer wird auf diese Weise klar gemacht, dass der Kampf gegen Höddbrodd, den die Walküre ausgelöst hat, ganz andere Ausmaße hat als der gegen die Hundingssöhne, eine dramatische Steigerung.

Die Flotte sammelt sich, segelt ab und gerät in einen gefährlichen Sturm. Simrock:

Helgi ließ

das Hochsegel aufziehn,

Als wider Wogen

da Woge schlug

Und die tobende

Tochter Oegirs

Die starren Rosse

zu stürzen gedachte

Varðat hronnom hofn þingloga(1), die zweite Zeile - Neckel erläutert: "die mannschaft wich dem zusammenstoß mit den wogen - den sturzseen - nicht aus"(2) und zwar anlässlich der Erläuterung des Adjektivs þing-logi, das jemanden bezeichnet, der seiner Pflicht, auf einer Versammlung zu erscheinen, nicht nachkommt. Helgis Gefolgsleute weichen den "Thing der Sturzseen", zu dem sie "geladen" sind, jedenfalls nicht aus - und es ist bemerkenswert, dass da bei Simrock "Woge gegen Wogen schlägt". Die eigenartige Haltung Simrocks den Gefolgsleuten Helgis gegenüber haben wir ja schon an früherer Stelle kennen gelernt. Diese Haltung wirkt sofort weniger eigenartig, bedenkt man, dass Simrock ein Gelehrter der wilhelminischen Epoche war. Wahrscheinlich war er weder willens noch in der Lage, das Verhältnis eines dróttinn(3) zu seinen Kriegern anders zu sehen als das eines deutschen Herrenmenschen gegenüber den Untertanen. Ließ er die Gefolgsleute vorher anscheinend munter weiterkämpfen, während Helgi sich erholte, so verschweigt er hier, dass sie überhaupt in Erscheinung treten, außer als Helgis Befehlsempfänger. Der Erzähler hingegen hebt hier ihre Tapferkeit und Tüchtigkeit hervor. Die "Tochter Aegirs" ist selbstverständlich auch eine Tochter Ráns, deren Name "Raub" bedeutet und die die Ertrunkenen für sich fordert.

Dagegen kann alle Tapferkeit und Tüchtigkeit nichts ausrichten. Simrock:

Aber Sigrun kam

kühn aus den Wolken

Und schützte sie selber

und ihre Schiffe.

Kräftig riss sich

der Ran aus der Hand

Des Königs Langschiff

bei Gnipalundr.

Es sei hier angemerkt, dass die Hörer mit Stürmen auf See sehr wahrscheinlich gut vertraut waren. Was hier geschieht, ist keine geringe Machtdemonstration: Sigrún, Tochter Högnis, die Walküre, rettet 1.800 Langschiffe(4) vor dem Untergang.

Sinfjotli contra Guðmundr

Die Schiffe landen, was Granmars Söhnen nicht entgeht. Guðmundr, einer von ihnen, naht sich und fragt, wessen Schiffe das denn seien. Er gerät an Sinfjotli den Wölsung, Helgis Bruder, der ihm sagt, Helgi und die Ylfingar seien gekommen, und er beleidigt den Guðmundr dabei aufs Heftigste. Da die gegenseitigen Beleidigungen für unser Thema nicht uninteressant sind, werden wir sie uns ansehen.

Sinfjotli spricht nach Simrock zu Guðmundr so:

"Sag das am Abend

wenn du Schweine fütterst

Und eure Hunde

zur Atzung lockst:

Die Uelfinge seien

von Osten gekommen

Des Kampfs begierig

vor Gnipalundr

Hier wird Höddbroddr

den Helgi finden

Den fluchtträgen Fürsten,

in der Flotte Mitten

Oftmals hat er

Aare gesättigt

Weil du in der Mühle

Mägde küssest."

Im Originaltext lockt oder zieht Guðmundr nach Sinfjotlis Auffassung Hündinnen zu breiigem Hundefraß(5), das Ganze ist also etwas bildhafter als bei Simrock. Sinfjotli beleidigt Guðmundr also, indem er ihm Tätigkeiten von Hörigen zuweist und ihn damit als solchen einstuft, und malt das Ganze noch dazu ekelhaft aus. Er wirft Guðmundr nicht vor, dass Helgi die Adler gefüttert hätte (mit Leichen), weil, sondern während Guðmundr bei der Handmühle Sklavinnen geküsst hätte.(6)

Guðmundr erwidert (Simrock):

Nicht folgst du, Fürst,

der Vorzeit Lehren,

Da du die Edlinge

zu Unrecht verrufst,

Du hast im Walde

mit Wölfen geschwelgt,

Hast deinen Brüdern

den Tod gebracht,

Oft sogst du mit eisigem

Atem Wunden,

Bargst allverhaßt

dich im Gesträuch.

Guðmundr hält Sinfjotli seinerseits vor, dass er ein unwürdiges Verhalten an den Tag legt, und fährt mit einer sehr böswilligen Darstellung von Sinfjotlis Jugend fort, die aber im Wesentlichen mit der Überlieferung der Geschichte der Wölsungen übereinstimmt.(7)

Sinfjotli darauf, nach Simrock:

Du warst ein Zauberweib

auf Warinsey,

Ein fuchslistiges!

Du logst auf den Haufen..

Keinen Mann, meintest du,

möchtest du haben

Von allen in Eisen,

außer Sinfjotli.

Du warst die schädlichste

Walkürenhexe,

Aber bei Allvater

allvermögend.

Man sah die Einherier

alle sich raufen

Verwettertes Weib,

von wegen dein.

Neune hatten wir

auf Nesisaga

Wölfe gezeugt:

ich war ihr Vater.

Das "Zauberweib" ist eine Seherin (volva)(8), allerdings skoll-viss (voller Ränke)(9), die Lug und Trug zusammenträgt. Die "schädliche Hexe (und) Walküre" (sk½ða/ skass, valkyria)(10) entspricht dem Original. Svévis kona(11), Simrocks "verwettertes Weib",(12) hält Neckel für eine Verschreibung, die vermutlich für "trugvoll, falsch" steht. Inhaltlich ist diese Annahme sinnvoller, denn es ist nicht einzusehen, warum sich die Einherier um ein "verwettertes Weib" schlagen sollten.

Diese Stelle ist für uns in mancherlei Hinsicht interessant. Zunächst muss mit einigen möglichen Missverständnissen aufgeräumt werden. Da diese für Guðmundr sehr schmählichen Geschichten sich zu Sinfjotlis Lebzeiten und mit seiner Mitwirkung abgespielt haben sollen, können sich die Beleidigungen nicht auf eine "frühere Reinkarnation" des Guðmundr oder dergleichen Unsinn(13) beziehen. Sinfjotli weiß ganz genau, dass Guðmundr nicht abends Hunde und Schweine füttert, und ebenso weiß er, dass seine Walküren- und Hexengeschichten nicht der Wahrheit entsprechen. Beide Beleidigungen haben aber eine weitere Gemeinsamkeit: sie richten sich gegen Guðmundrs soziale Rolle als sozial hochstehender Krieger. Er ist, so Sinfjotli, "in Wirklichkeit" ein Knecht, er war bzw. ist kein Mann, sondern erscheint hier nur als solcher. Dieser Angriff auf Guðmundrs soziale Rolle ist gewissermaßen Sinfjotlis Hauptargument, ebenso wie bei der ersten Beleidigung sind Guðmundrs angebliche Ränke und Verführungskünste als Hexe und Walküre nur die bildhafte Ausmalung dieses Kerns. Wir werden hierauf noch zu sprechen kommen.

Interessant ist, wie hier die Rollen einer Hexe, einer Seherin und einer Walküre in einen Topf geworfen werden. Bei der Negativzeichnung steht vor allem das Element der Täuschung im Vordergrund: die Frau, die Guðmundr angeblich ist, täuscht und intrigiert.

Jetzt schießt Guðmundr mit dem selben Kaliber zurück; Simrock:

Nicht warst du

der Vater der Fenriswölfe,

Ob ärger als alle,

das leuchtet ein,

denn längst entmannten dich

eh du Gnipalundr sahst

Thursentöchter

bei Thorsnes dort.

Siggeirs Stiefsohn

lagst du hinter Stückfässern,

An Wolfsgeheul gewöhnt

in den Wäldern draußen.

Alles Unheil

kam über dich

Als du den Brüdern

die Brust durchbohrtest,

Dich landrüchig machtest

durch Lasterwerke.

Wie zuvor Sinfjotli, greift jetzt Guðmundr Sinfjotlis Status als Mann an, der ein Bestandteil seiner sozialen Rolle ist. Darauf kehrt er zur böswilligen Schilderung von Sinfjotlis Vorgeschichte zurück. Da wir das Schema der gegenseitigen Beleidigungen jetzt kennen, verzichte ich auf den Rest, da er im Grunde nichts Neues mehr bietet.

Helgi unterbricht die Streithähne schließlich. Er weist darauf hin, dass er Kriegern eher ansteht, sich zu schlagen, als sich gegenseitig zu beleidigen - þótt hringbrotar/ heiptir deili,(14) d.h. wenn auch Ringbrecher den Hass "verteilen", also nicht für sich behalten. Ihm selber erschienen Granmars Söhne auch nicht gut, aber die Wahrheit zu sagen(15) erweist sich für Fürsten als nützlich. Immerhin haben die Granmarssöhne schon bewiesen, dass sie die Schwerter zu führen wissen.

Als Hauptfigur erweist sich Helgi freilich als vorbildhaft. Er belehrt sogar seinen älteren Halbbruder. Wieder wird (wie Hunding und Höddbroddr) der Gegner nicht verteufelt oder zur Karikatur gemacht.

Die große Schlacht

Höddbroddr erfährt durch Boten von der Landung der Wölsungen-Streitmacht. Er lässt seinerseits seine Krieger zusammenrufen. Es kommt zum Kampf. Simrock:

Ein Sturmwind schiens,

da zusammen trafen,

Die funkelnden Schwerter

bei Frekastein

Immer war Helgi

der Hundingstöter

Vorn im Volkskampf,

wo Männer fochten.

Schnell im Schlachtlärm,

säumig zur Flucht,

ein hartmutig Herz

hatte der König

Wir sind wieder im Simrock' schen Märchenland. svipr einn var þat,/er saman kvómo/folvir oddar/at Frekasteini(16) - ein Husch war es, als sie zusammenkamen, leichenfahle Speerspitzen beim Frekastein.

Da kam vom Himmel

die Helmbewehrte

Das Speersausen wuchs -

und schützte den Fürsten

Laut rief Sigrun

des Luftritts kundig

Dem Heldenheer zu

aus des Herzens Grund:

Heil sollst du, Held,

der Herrschaft walten

Ingwis Nachkomme,

und das Leben genießen

Den fluchtträgen Fürsten

hast du gefällt

Ihn, der den Schrecklichen

sandt in den Tod,

Nun musst du beides

nicht länger missen:

Rote Ringe

und die reiche Maid.

Heil sollst du dich, Fürst,

erfreuen der beiden,

Der Tochter Högnis

und Hringstadirs

Des Siegs und der Lande,

zum Schluss kommt der Streit.

Im Originaltext reitet das "wundenschlagende Wesen"(17), das - nach Neckel - diesmal auf einem Wolf(18), über Hugins Nahrung (also Leichen) dahin.(19)

Der Streit, den Sígrún prophezeit und der kommen wird, endet mit Helgis Tod. Aber die Helgaquiða Hundingsbana I endet hier. Höddbrodd ist tot, Helgi ist Sigrúns Aufforderung nachgekommen. Er hat Land, Schätze und die Walküre gewonnen.


Fußnoten:

(1)Neckel, Edda, S. 130, 29,3
(2)Neckel, Edda, Bd. 2, S. 213
(3)Anführer eines Kriegertrupps (drótt). Helgi wird häufig mit Termini für "Fürst" bezeichnet, dabei sind aber etliche Aspekte skandinavischen "Fürstentums" zu berücksichtigen – eine Diskussion, die ich hier nicht führen möchte. Ich bringe den Begriff des dróttinn ganz bewusst ins Spiel, denn ich möchte bei der Leserschaft feudalistische Assoziationen vermeiden, die der Kultur der Epoche völlig unangemessen wären.
(4)Neckel, Edda, S. 130, 25 Die Zahl ist grotesk. Rechnet man pro Langschiff vierzig Mann, so kommt man auf 64.000 Krieger. Selbst das legendäre Große Heer, das 879 auf dem europäischen Kontinent landete und dessen Anführer das Oktogon der Kaiserpfalz in Aachen als Pferdestall nutzten, war nicht annähernd so groß.
(5)Neckel, Edda. S. 131, 34,4
(6)ebd, 35,5
(7)Sinfjotlis und Helgis Vater Sigmund war als einziges männliches Mitglied seiner Sippe einem Mordanschlag seines Schwagers Siggeir entkommen. Allein hauste er im Wald und lauerte auf eine Gelegenheit zur Rache. Seine Schwester Siglind, sowohl ihrer Sippe als auch dem Eheschwur gegenüber Siggeir verpflichtet, präsentierte dem Sigmund ihre jungen Söhne, damit dieser sie prüfe, ob sie sich als Wölsungen (die sie ja mütterlicherseits waren) würdig erweisen würden. Sigmund erachtete sie als unwürdig und tötete sie – da sie keine Wölsungen waren, sah er sie als Söhne Siggeirs an, wodurch sie seiner Rache verfielen. Guðmundr wirft Sinfjotli dies als Brudermord vor. Sinfjotli selbst entstammte einer inzestuösen Verbindung zwischen Sigmund und Siglind, ist also mütterlicher- wie väterlicherseits Wölsung. Er half seinem Vater später bei der Rache an Siggeir. Siglind, in einen unauflöslichen Loyalitätskonflikt verstrickt, der einer griechischen Tragödie würdig wäre, verbrannte freiwillig in Siggeirs Halle. Sigmund und Borghild, Helgis Mutter, hatten noch einen weiteren Sohn, Gunnar. Gunnar und Sinfjotli warben um die selbe Frau, worauf Sinfjotli Gunnar tötete. Borghild vergiftete ihn. Sigurðr/"Siegfried" ist Sigmunds Sohn von einer andren Frau, Hjordis.
(8)Neckel, Edda. S. 132, 37
(9)ebd.
(10)ebd., 38
(11)ebd.
(12)Neckel, Edda, Bd. 2, S. 167
(13)In sehr speziellen Einzelfällen ist in der Älteren Edda von Wiedergeburt die Rede, woraus man aber keinesfalls eine allgemeine Vorstellung ableiten kann. Nun setzt aber nicht nur der "Allsherjargode" Geza von Nemenyi Verlautbarungen über Wiedergeburt und "Karma" bei den Germanen in die Welt, auch von anderer Seite haben sich sehr fragwürdige New-Age-Versionen meist ursprünglich indischer Reinkarnationsvorstellungen ausgebreitet, die meist theosophisch geprägt sind. Glücklicherweise verbietet das von mir im Haupttext vorgetragene Argument derlei hier.
(14)Neckel, Edda, S. 133, 45,7
(15)ebd, 46,3: dugir siklingom/ satt at maela; eigentlich: einen Vortrag zur Versöhnung zu halten.
(16)Neckel, Edda, S. 134, 53
(17)Neckel, Edda, Bd. 2, S. 154
(18)ebd., S. 156, Neckel, Edda, S. 135, 54,7 - hálo skær
(19)ebd., 54, 8, af Hugins barri - af mit "über ... dahin" zu übersetzen ist sicherlich sehr gewagt, aber anders macht es m.E. keinen Sinn


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