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28.04.2017, 09:55

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Erotische Rituale als Kunstform



Es wirkt verwegen, ausgerechnet die Tantramassage mit dem „authentischen“ Tantra in Verbindung zu bringen: Gerade sie scheint das ideale Beispiel für die Umgestaltung des Tantra zur sexuellen Dienstleistung zu sein − und zudem ein Etikettenschwindel, der nichts mit dem Original zu tun hat. Entwickelt wurde die Tantramassage von dem Neo-Tantriker Andro U. Rothe. In ihre heutige kommerzielle Form wurde sie Mitte der 90er-Jahre von einer Gruppe von Frauen aus dem Umfeld der Kommune ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) gebracht, einem Gemeinschaftsprojekt, das alternative Lebensweisen, Ökologie und libertäre Sexualität miteinander verknüpft. Den Frauen ging es um einen Broterwerb, bei dem sie sich sexuell ausprobieren und zugleich eine andere Art der Sinnlichkeit vermitteln wollten. Doch der neue Berufszweig professionalisierte sich, aus der einstmaligen Verflechtung mit dem Milieu der intentionalen Gemeinschaften hat sich die Tantramassage schon lange gelöst. Heute koexistieren etwa zwei Dutzend mittelgroße und große Praxen mit einem unüberschaubaren Netz an Freelancern, mit heterosexuellem wie homosexuellem Angebot. Kunden bezahlen 100 bis 200 EUR, um für ein bis vier Stunden auf eine „sinnliche Reise durch ihren Körper“ geschickt zu werden und ihre „sinnlich-erotische Energie zu wecken“. Der Empfänger oder die Empfängerin der Massage bleibt dabei in einer passiven Rolle. Da die Kunden überwiegend Männer und die Masseure meistens Frauen sind, ist eher der männliche Körper Gegenstand der Verehrung − eine interessante Umkehrung zur Situation vor tausend Jahren, beides aber Symptom einer patriarchalen Gesellschaft.


Bei der Art, wie über Tantramassage geredet und wie sie beworben wird, lässt sich in den letzten 20 Jahren ein Trend beobachten: Therapeutische oder psychologische Ansprüche treten mehr und mehr in den Hintergrund. Übrig bleibt, dass es sich um ein Ritual zur Verehrung des menschlichen Körpers handelt. Im Umfeld der Kölner Tantramassage-Praxis Ananda, der größten Deutschlands, und der Kulturinitative „Der Dritte Ort“ hat sich in den letzten Jahren ein regelrechter Interpretationsansatz zur Deutung der Tantramassage gebildet, der zu verstehen versucht, was genau sich bei der Tantramassage als Praktik und Konzept abspielt. Tantramassage wird dabei als Kunst (nicht nur als Kunstfertigkeit) und zugleich als Ritual verstanden: Einerseits erschafft die Tantramasseurin gemeinsam mit dem sich Hingebenden ein flüchtiges Kunstwerk aus Berührung, Haut, Lust, Entspannung, Zartheit, Kraft und Atmung. Andererseits geschieht dies als Ritual in einem unpersönlichen Raum, in dem sich die Menschen als „Stellvertreter der Götter“ begegnen. Sie tragen gleichsam unsichtbare Masken von überpersönlichen Kräften − ähnlich wie in den okkulten Ritualen des indischen Frühmittelalters.

Um zu verstehen, wie ein Ritual buchstäblich jenseits jeglicher Magie wirkt, kann man auf den Ansatz des deutsch-indischen Kulturtheoretikers Narahari Rao zurückgreifen, einer der wenigen Angehörigen des westlichen schulphilosophischen Betriebs, die den Dialog mit esoterischen oder spirituellen Milieus im Westen ernst nehmen. Rao, der selbst aus einer Brahmanenfamilie stammt, entwickelte einen neuen Ansatz zur Erklärung von Ritualen: Bis heute werden Rituale fremder Völker oftmals als Ergebnis eines religiösen Glaubenssystems gesehen. Mythologien, also seltsame Geschichten über Götter und mehr oder weniger obskure Überzeugungen über die Welt, sollen dann der Grund sein, warum Menschen Rituale ausüben.

Rao schlägt einen anderen Weg vor: Für ihn sind Rituale nicht aus Glaubenssätzen, Mythologien oder Weltanschauungen abgeleitet, sondern Ausdruck eines sozialen Know-hows. Es ist ein Umgangswissen: ein Wissen, wie man mit der Welt, mit Menschen, mit Dingen und vielem mehr umgehen sollte. Gespeist wird es durch die überlieferte Erfahrung einer sozialen Gruppe, die im Laufe ihrer Geschichte gelernt hat, mit welcher Einstellung sich ein gutes Leben führen lässt.

Rituale lehren diese Handlungseinstellung (Ethos), indem sie sie anhand konkreter Handlungen demonstrieren und so einüben. Rituale verlangen eine festgelegte, immer gleiche Form von Handlungen, die zu bestimmten Anlässen wiederholt werden. Ein Beispiel ist das tausendfach angewandte Begrüßungsritual: Jemandem „Guten Tag“ zu wünschen, wenn wir ihn treffen, erinnert uns daran, dass wir anderen erst einmal wohlwollend begegnen sollten. (Ob diese Erinnerung funktioniert, ist eine andere Sache, aber das gilt für jede Art der Unterweisung.)

In der Satzung des deutschen Tantramassage-Verbandes, eines Zusammenschlusses von derzeit 14 Praxen, findet sich dieser Ansatz wieder. Dort heißt es über die rituelle Massage: „Ihr Ethos lehrt Freude, Würde, Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, Behutsamkeit, Sorgfalt, Offenheit, Achtung vor dem anderen, Mut und die Fähigkeit, selbstbestimmt Entscheidungen über das zu treffen, was einem gut tut. Eine Gesellschaft sollte nicht nur die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Möglichkeiten für eine erfüllte Sexualität schaffen, sondern zugleich diese Haltung kultivieren.“ Doch noch wichtiger als einzelne Tugenden scheint mir der Umstand, dass sich hier zwei „Maskenträger“ begegnen. Sie verkörpern Kräfte, die durch sie hindurch wirken. So entsteht ein Freiraum, in dem der Umgang mit sexuellen Energien ein gemeinsames Kunstwerk schafft. Das Unpersönliche befreit dabei von der Anforderung, sich auch noch um das Innenleben des anderen Gedanken machen zu müssen. Gebender und Hingebender konzentrieren sich in verteilten Rollen auf ein Drittes. Der Vorgang ist vergleichbar dem gemeinsamen Musizieren und ähnlich flüchtig wie ein Flötenspiel, das − wenn es verklungen ist − im besten Fall nichts als Bezauberung und tiefe Berührung zurücklässt.




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