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Hans Schumacher Alben 1
28.04.2017, 09:55

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ABSCHIED DER ALBEN?




Hvat er með ásom? Hvat er með álfom?
Volospá, 48
“Kárahnjúkar!? Das ist doch nur Schotter und Sand.”
Siv Friðleifsdóttir, ehemalige isländische Umweltministerin(1)




Von den Schwierigkeiten einer Definition

Abhandlungen über der Mythologie zugehörige - oder vielmehr ihr zugewiesene - Wesen gleichen oftmals einem Katalog. Dahinter steht nicht etwa nur eine Konvention, die Autoren von anderen Autoren übernehmen, sondern eine ganz bestimmte Konzeption des Wissens. Im Rahmen dieser Konzeption ist das Klassifizieren sowohl das Hervorbringen von Wissen als auch die Grundlage für das Hervorbringen weiteren Wissens: Klassifizieren ist in dieser Wissenskonzeption nicht etwa die Konstruktion einer Ordnung, in welcher dann die Wesen und Dinge an ihren jeweiligen Platz gestellt (und notfalls hineingezerrt, hineingezwängt, "passend gemacht") werden - nein, das Klassifizieren ist das Sichtbarmachen der bereits (in der Natur, im Kosmos) vorhandenen und dem Geordneten zugrunde liegenden Ordnung, die "Widerspiegelung" (um es mit Lenin zu sagen) der Realität im menschlichen Bewusstsein. Das Klassifizieren: Entschlüsselung, Wissensvermehrung, Dienst an der Objektivität. Diese Wissenskonzeption gehört untrennbar zur Moderne und ihrer Geistesgeschichte(2), sie war und ist nicht beschränkt auf die Klassifikation von Tieren, Pflanzen, Mineralien oder auch mythologischen Wesen, sondern wurde und wird auf Gruppen von Menschen angewandt, die - ebenso wie die Gattungen und sonstigen Ordnungen - durch den Akt des Klassifizierens erst entstehen: Das vielleicht deutlichste und in seinen Folgen anschaulichste Beispiel ist das der menschlichen "Rassen".

Bereits seit längerer Zeit ist die oben skizzierte Wissenskonzeption das Ziel massiver Kritik. Brachten bereits naturwissenschaftliche Erkenntnisse um die Jahrhundertwende die Gewissheiten des 19. Jahrhunderts ins Wanken, folgte wenige Jahrzehnte später der Zusammenbruch der Grundlagen der etablierten Wissenskonzeptionen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften. Klassifikationssysteme wurden identifiziert als unmittelbar abhängig von der Gesellschaftsordnung derjenigen Gesellschaften, welche die Klassifikationssysteme hervorbringen und zur Anordnung der Elemente der Wirklichkeit im Bewusstsein der Menschen benutzen - zur Aufrechterhaltung eben dieser Gesellschaftsordnung. Vergleicht man das Klassifizieren mit der Errichtung eines Gebäudes, oder genauer: mit der Errichtung einer Festung der Wirklichkeit, so ist die Dekonstruktion der Abbruchkran. Dass moderne Feministinnen auf das Instrument der Genderforschung setzen, welches die "Kategorie Frau" (Barbara Duden) als gesellschaftliches Konstrukt untersuchbar macht und ihr den Charakter der objektiven Wirklichkeit nimmt, dass Angehörige der Transgender-Bewegung ganz selbstverständlich die Dekonstruktion der Geschlechterdefinitionen handhaben, sind nur zwei zeitgenössische Beispiele, welche die politische und soziale Dimension des "Kampfs um die Wirklichkeit" aufzeigen lassen.

Die Dekonstruktion einer "Festung der Wirklichkeit" allein trägt zwar zu deren Entmächtigung bei und kann sie womöglich völlig zerstören, produziert aber - wie der Abbruchkran - zunächst einmal Trümmer. Das ist zwar im Grunde nicht schlecht - aber das Klassifizieren an sich gehört zu den Bedingnissen des Menschseins. Verzichten wir auf kategorisierende Begriffe wie "Baum", "Felsen" et cetera und versuchen, in einer Welt permanent neu entdeckter Einzeldinge und -wesen zu leben, dann sind wir - falls uns das gelingt - beim Zustand der Anomie angelangt. Dieser ist vielleicht erstrebenswert, wenn man sich von der Welt lösen und gleichzeitig sich selbst auflösen will - aber nicht, wenn man in der Welt leben und handeln will. In diesem Sinne sich - individuell und kollektiv – zu befreien bedeutet also, sich mit einem Kraftakt aus seiner Zelle in der Festung der Wirklichkeit herauszusprengen, in die man hineinsozialisiert worden ist, um sodann die Welt neu zu entdecken; sprich: Sie zu konstruieren und ihre Bestandteile neu und bewusst zu klassifizieren. Bewusst vor allem des Umstandes, dass man - individuell sowie kollektiv - in dem neuen Gebäude leben wird und dass es gegen die Mächtigkeit der Festungen der Wirklichkeit standhalten muss. Klassifizieren ist ein politischer Akt - so oder so.

Genau das muss der Kern kritischer Einwände gegen die oben skizzierte Wissenskonzeption der Moderne sein. Das Postulat "objektiver" Klassifikation - denn um diese, nicht um das Klassifizieren an sich, geht es - lässt den politischen Charakter des Klassifizierens verschwinden. Dadurch wird eine im zeitgenössischen christlichen Abendland vorgenommene Klassifikation, sofern von den entsprechenden auctoritates (3) vorgenommen, vom Menschenwerk, das sie ist und bleibt, zur "objektiven Wahrheit" hochstilisiert. Diese Monopolisierung der Wahrheit ist nichts anderes als ein Vorherrschaftsanspruch, der es nicht nur erlaubt, sondern sogar als geboten erscheinen lässt, die "Unwissenden" zu belehren, ihnen also eine Wirklichkeit aufzuzwingen, die dann ihr alleiniger Handlungsrahmen ist - erlaubt und verboten, möglich und unmöglich, gut oder schlecht (oder gar böse) sind Koordinaten im Raster der Wirklichkeit. Man beherrscht Menschen, indem man sich ihrer Wirklichkeit bemächtigt - im Falle der Moderne durch "Objektivität".

"Alles Objektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles Materielle, das dem Materialismus als solidestes Fundament gilt - ist doch nur ein höchst mittelbar Gegebenes, höchst relativ Vorhandenes: Ist durchgegangen durch die Maschinerie des Gehirns und eingegangen in die Formen Zeit, Raum und Causalität, vermöge deren es sich darstellt als ausgedehnt im Raume und wirkend in der Zeit. Aus einem solchermassen Gegebenen will nun der Materialismus das einzig unmittelbare Gegebene, die Vorstellung, ableiten. Es ist eine ungeheure petitio principii: Plötzlich zeigt sich das letzte Glied als der Ausgangspunkt, an dem schon das erste Glied der Kette hing. - Man hat deshalb den Materialisten mit dem Freiherrn von Münchhausen verglichen, der, zu Pferde im Wasser schwimmend, mit den Beinen das Pferd, sich selbst aber an seinem nach vorne überhängendem Zopfe empor in die Höhe zieht. Die Absurdität besteht darin, dass er vom Objektiven ausgeht: Während in Wahrheit alles Objektive durch das erkennende Subjekt in mannigfacher Weise bedingt ist, mithin ganz verschwindet, wenn man das Subjekt wegdenkt. Dagegen ist der Materialismus eine werthvolle Hypothese von relativer Wahrheit... eine erleichternde Vorstellung für die Naturwissenschaft: Alle deren Resultate behalten dann für uns noch Wahrheit, wenngleich keine absolute: Es ist eben unsere Welt, an deren Production wir immer thätig sind." - Friedrich Nietzsche.(4)

Man wird Nietzsche nicht überinterpretieren, wenn man sagt, dass wir nur dann eine Welt haben, die uns zu eigen ist - nicht als Besitz, sondern als Bedingnis, Rahmen und Ziel unseres Denkens und Handelns - wenn wir bewusst den Kampf um die Wirklichkeit aufnehmen, der ohnehin fortwährend tobt. Die "Objektivität" ist Bestandteil von Strategien, nichts weiter. Nicht zu kämpfen heißt, in diesem wie in jedem Sinne, die Welt anderen zu überlassen. Es heißt, sich auf deren Seite zu stellen, ihre Welt und Wirklichkeit mitzu - "producieren". In diesem Kampf gibt es keine Neutralität.

Aber wozu eine Erörterung von Wissenskonzeptionen am Anfang eines Artikels über die Alben? Die oben erwähnten Kataloge machen sie notwendig. So gut wie jedes nichtwissenschaftliche Buch über alte europäische "Religiosität" enthält einen Mythologiekatalog, Gottheiten und andere Wesen sind dort aufgelistet wie die Artikel in einer Broschüre eines Versandhauses. Mögliche und im Grunde notwendige Kritikpunkte allein an dieser Verfahrensweise (ganz zu schweigen von den Inhalten) sind derart mannigfaltig, dass sich auch eine unvollständige Aufzählung an dieser Stelle verbietet. Zudem leidet die eigene Ernsthaftigkeit bei allzu intensiver Beschäftigung mit lächerlichen Phänomenen. An dieser Stelle möchte ich lediglich folgendes feststellen: Der Katalog kann dem Thema nicht gerecht werden, weil er (als Ergebnis eines ganz bestimmten Klassifikationsvorgangs) einer Wissenskonzeption angehört, die sich, wenn angewandt, dem Thema derart aufzwingt, dass sie es zur Unkenntlichkeit verzerrt. Oder vielmehr: zur Kenntlichkeit. Denn das Publikum ist in der Regel derart fixiert auf die Wissenskonzeption der Moderne, dass ihm alles in dieser Form Dargebotene verständlich und richtig erscheint - und das gewissermaßen zurecht. Denn es gibt selbstverständlich eine Sichtweise der Moderne auf alteuropäische "Religiosität", die es den Zeitgenossen sehr einfach macht, selbige zu verstehen - die Wahrheit der Moderne. Dieses Verständnis, diese Wahrheit haben allerdings nichts mit denjenigen zu tun, die den Angehörigen der alten europäischen Kulturen zu eigen waren(5).

Man findet sich also vor der Frage wieder, was man will. Die oben als "nichtwissenschaftlich" bezeichneten Bücher – Publikationen von Verlagen, die unter Ausschlachtung alter europäischer Kulturen metapolitisch neurechte Ideologien kolportieren, Selbstbeweihräucherungen neuheidnischer Organisationen, merkantil-esoterische Anleitungen zur behaglich-harmonischen Verantwortungslosigkeit sowie zum Politikverzicht (der ein politischer Akt ist!) und dergleichen mehr - werden nicht deswegen in relativ hoher Stückzahl verkauft, weil es keine andere Literatur zu diesen Themen gibt, sondern weil die Inhalte dieser Werke dem entsprechen, was die Leser wollen. Es findet letzten Endes immer zusammen, was zusammen gehört.

Wenn also kein Katalog, was dann? Ich möchte diesem Artikel folgenden Gedanken zugrunde legen: Das Verschwinden der Alben, das Wie und Warum dieses Verschwindens, verrät uns mehr über sie, als ein Katalog uns aus den oben genannten Gründen zu zeigen vermag. Denn das Verdrängte, Verlorene, Vergessene verdankt diesen Zustand einer Reihe von Prozessen, die dem oben bereits angesprochenen "Kampf um die Wirklichkeit" angehören. Da sowohl dieser als auch seine Objekte immer politisch sind, waren dies auch die Alben, und vielleicht sind sie es noch - wir werden sehen, inwieweit und in welchem Sinne.

Zunächst möchte ich zwei Sichten auf Alben einander gegenüber stellen. Die erste ist die des Religionswissenschaftlers Bernhard Maier:

"Neben Riesen und Zwergen findet man in den ältesten germanischen Texten eine Vielzahl weiterer Bezeichnungen außermenschlicher Wesen, die man unter Beachtung des ursprünglich neutralen Wortsinns als Dämonen bezeichnen könnte. Auf eine alte Benennung solcher Dämonen geht das deutsche Wort Wicht zurück, das als mutmaßliche Ableitung von wegan, "bewegen", ursprünglich wohl ganz allgemein ein sich bewegendes Ding oder Wesen bezeichnete. Diese alte Bedeutung lebt fort in unserem Wort nicht(s), das als Zusammenziehung aus ni eo wiht, "nie etwas", entstanden ist. Die altnordische Entsprechung vættr bezeichnet sowohl ein "Ding" als auch ein "Wesen", wobei die landvættir in der Landnámabók über die Besiedlung Islands als eine Art von Natur- ober Schutzgeistern des Landes geschildert werden. Mit ihnen zu vergleichen sind die landdísir, deren Wohnungen man in den nach ihnen als landdísasteinar bezeichnten Felsen vermutete. Eine andere Bezeichnung dämonischer Wesen begegnet im Mittelhochdeutschen als alp oder alb, im Angelsächsischen als ælf und im Altnordischen als álfr. Dabei dürfte es sich wie bei den Zwergen um potentiell hilfreiche Geister gehandelt haben, wie dies noch aus Namen wie Alfred (der den Rat eines Alps besitzt) und Alwin (Freund des Alps) hervorgeht. Dass man die so bezeichneten Wesen andererseits auch als Verursacher von Krankheiten ansah, zeigt der angelsächsische Ausdruck ylfa gescot, "Hexenschuss". Zahlreiche zusammengesetzte Bezeichnungen wie feld-ælfen, sæ-ælfen und wæter-ælfen könnten vermuten lassen, das gerade das angelsächsische Heidentum zwischen den verschiedenen Arten dämonischer Wesen begrifflich stark differenzierte, doch sind viele dieser Bezeichnungen wohl erst unter antikem Einfluss zur Übersetzung lateinischer Begriffe gebildet worden. Das Grundwort ælf lebt fort im neuenglischen elf und wurde in dieser Form vor allem durch seine Verwendung in der Übersetzung von Shakespeares Mittsommernachtstraum durch Christoph Martin Wieland (1733 - 1813) im deutschen Sprachraum heimisch."(6)

In diesem Abschnitt klingt einiges oben von mir Dargelegtes an. Maier hütet sich wohlweislich, klar zu klassifizieren, hält sich an die Bezeichnungen und bespricht vorrangig diese. Was die Quellen bezüglich der Alben nämlich nicht liefern, ist Eindeutigkeit in irgendeiner Hinsicht. Es finden sich durchaus einige Stellen, die sogar die einigermaßen klare Abgrenzung zwischen Alben einerseits und Totengeistern, Zwergen und Gottheiten andererseits zweifelhaft und diffus erscheinen lassen. Angesichts dieser Quellenlage hat man insgesamt drei Möglichkeiten. Erstens, man zwingt dem Material Kategorien auf, verzerrt es damit und schafft eine falsche Eindeutigkeit und Verständlichkeit. Zweitens, man arbeitet im Rahmen der Methodik der jeweiligen Fachwissenschaften (Indogermanistik, Skandinavistik, historische Disziplinen, Religionswissenschaft etc.), wie Maier es hier vorexerziert - was der ersten Möglichkeit allemal vorzuziehen ist. Drittens (nicht unvereinbar mit der zweiten Möglichkeit), man gibt zunächst einmal zu, dass die Diffusität besteht und im Auge des Betrachters liegt - was einen dazu veranlassen sollte, nach anderen Vorgehensweisen zu suchen. In früheren Zeiten bestand auch eine vierte Möglichkeit, nämlich zu behaupten, die Alten hätten selbst nicht gewusst, was sie eigentlich "glaubten" – in diesem Sinne, nämlich als konfuses oder nichtvorhandenes Denken, behandelte die Kolonialethnologie die "Religiosität" der außereuropäischen "Wilden". Ich erwähne diesen in der Wissenschaft ad acta gelegten Ansatz, weil er im Zeitalter des Fernsehens - zumal des Privatfernsehens - eben nicht als historisches Relikt betrachtet werden kann.

Die zweite Sichtweise auf die Alben, die ich kurz vorstellen möchte, hat die bemerkenswerte Eigenschaft, überhaupt nicht diffus zu sein. Es ist die Sichtweise der zeitgenössischen Isländer. In Island sorgt im Straßenbauamt von Rejkjavik eine Álfasögusafni dafür, dass selbst kleinste Bauvorhaben die Alben nicht stören. Straßen und Wege müssen um deren Wohnstätten herum geführt, das eine oder andere Bauprojekt kann aufgrund des Einspruchs der Álfasögusafni überhaupt nicht verwirklicht werden. Ein weblog(7) schildert dies so: "Elfen wohnen am liebsten in Steinen und Hügeln. Sie werden als das verborgene Volk bezeichnet und sie gelten als Bauern die Schafe und Rinder züchten. So kommt es dann manchmal vor, das in der Nähe eines als verzaubert geltenden Steines Gras stehen gelassen wird oder zufälligerweise ein Heuballen liegen bleibt, damit auch die Elfen in harten Wintern überleben können. Fragt man Isländer nach Elfen, werden die wenigsten zugeben, das sie daran glauben, sicherheitshalber verderben mag es sich aber niemand mit ihnen, deshalb versucht man sie auch so wenig wie möglich zu stören. Kein Isländer würde über eine solche Steinformation hinüber laufen, da wird immer der Weg aussenrum gewählt"(8)

Zwei Dinge fallen ins Auge. Erstens, die Álfasögusafni sowie die anderen Isländer, die wie oben beschrieben handeln, wissen ganz genau über die Alben bescheid. Das Handeln geschieht nämlich auf derselben Grundlage wie jedes andere, das Wissen über nichtmenschliche Wesen voraussetzt. Man öffnet nicht das Gartentor, wenn dahinter ein knurrender Dobermann frei herumläuft. Man pflanzt bestimmte Bäume und Sträucher, wenn man will, dass sich bestimmte Tiere im Garten ansiedeln. Man lässt für die Alben einen Streifen Gras stehen und beschädigt nicht ihre Wohnungen. Zweitens: Die Isländer hüten sich, Dritten gegenüber sowohl über die Alben als auch über ihr Verhältnis zu ihnen zu sprechen. Untereinander müssen sie aber darüber sprechen, denn ansonsten wäre das oben skizzierte Wissen ja verloren. Dieses Nicht-Sprechen ist genauso wichtig für uns wie das Wissen selbst. Es zeigt nämlich, wie sich diese Isländer im "Kampf um die Wirklichkeit" verhalten. Sie wissen sehr genau, dass der Rest der westlichen Welt sie für ihren "Glauben" an die Alben verspottet. Aber der Konflikt macht an dieser Stelle nicht halt: Als moderne Europäer wissen die Isländer, dass es keine Alben gibt. Als Isländer wissen sie, dass es sie gibt. Der "Kampf um die Wirklichkeit" findet auch im Bewusstsein jedes Einzelnen statt.

"Und dann waren da noch die ganzen merkwürdigen Vorgänge, die bei der versuchten Beseitigung von Elfensiedlungen passierten. Da ging der Bagger kaputt, die Bauarbeiter wurden krank und die Arbeit ging nicht voran. Erst als ein Elfenmedium die Bewohner dieser Steine überzeugt hatte umzuziehen, ging es weiter. Im Straßenbauamt gibt es aus diesem Grund eine eigene Abteilung für Elfenrechte."(9)

Wir haben es die ganze Zeit über mit Klassifikationssystemen zu tun, die, wie wir oben gesehen haben, essentiell sind zur Errichtung und Erhaltung von Welten, in denen Menschen leben und handeln - wobei die Klassifikationssysteme den Rahmen der Lebensäußerungen und Handlungen abgeben. Auch und insbesondere, indem sie festlegen, was existiert und was nicht, was als gleich gelten kann (also zur selben Kategorie gehört) und was das Existierende bedeutet. Um einen Satz der feministischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway zu zitieren: Es sind Menschen, die die Bedeutungen festlegen.

Warum ging der Bagger kaputt? Warum wurden die Arbeiter krank? Das jeweilige Klassifikationssystem gibt die möglichen validen, seriösen Antworten vor. Halten wir an dieser Stelle fest, dass sich moderne Isländer in diesem Fall für eine ganz bestimmte Antwort und damit für ein bestimmtes welterrichtendes und - erhaltendes Klassifikationssystem entschieden haben. Und diese Entscheidung gab das nachfolgende Handeln vor.

Fußnoten
(1) http://www.savingiceland.org/
(2) Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäölogie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main 1974, S. 165 ff.
(3) Wenn ich hier eine mittelalterliche Bezeichnung für die maßgeblichen Kirchenlehrer verwende, deren Werke zwar interpretiert, aber nicht in Frage gestellt werden durften, möchte ich damit nicht eine Kontinuität mittelalterlicher Wissenskonzeptionen bis in die Moderne behaupten. Der Hinweis, dass das Mittelalter weder Drittmittelforschung noch Privatfernsehen kannte, mag genügen. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass es Vertreter der Aufklärung gab und gibt, die entgegen ihrer Ideologie oft und gern ein non disputandum verhängen, also auf das Infragestellen ihrer "Wahrheiten" nicht mit Argumenten reagieren, sondern quasi den Kirchenbann schleudern.
(4) Nietzsche, Friedrich: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen (1872), Stuttgart 1994, S. 101 f.
(5) Dass die meisten neuheidnischen Gruppierungen nicht etwa einen Gegenentwurf zur Wahrheit der Moderne hervorbringen und praktizieren, sondern im Gegenteil dieser in jeder Hinsicht aufsitzen und ihre Konstrukte dann als "authentische" Fortsetzung alter europäischer Kulte ausgeben, habe ich in diversen Arbeiten des Ariosophieprojekts gezeigt.
(6) Maier, Bernhard: Die Religion der Germanen. Götter, Mythen, Weltbild. München 2003, S. 54f.
(7) Ich gebe hier ganz bewusst den Eindruck eines Laien wieder und will Genauigkeitsgrad und Perspektive seines Beitrags nicht diskutieren. Indem ich mich weigere, nur "verwissenschaftlichte" Betrachtungen des zeitgenössischen isländischen "Elfenglaubens" (der ein Wissen ist) gelten zu lassen, versuche ich, die Deutungshoheit bezüglich der isländischen Alben bei denen zu lassen, denen sie zusteht – bei denjenigen Isländern, welche dieses Wissen praktizieren. Meinen eigenen Beitrag verstehe ich diesbezüglich nur als Kommentar eines Nicht-Isländers. Ich respektiere das Widerstreben dieser Menschen, ,mit Außenstehenden über Alben zu diskutieren, indem ich hier keinesfalls alles schildere, was ich über die Alben in Island in Erfahrung bringen konnte. Man frage nicht mich, sondern die Isländer.
(8) http://blog.snaefell.de/2005/10/27/elfen
(9) ebd.


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