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Studentische Anfrage zum Thema "Reinheitsideale unter besonderer Berücksichtigung des Armanenordens"

Beantwortet durch eine persönliche Einschätzung Hans Schuhmachers (Ariosophie Projekt)

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Scholz,

ich schreibe momentan an einer Magisterarbeit im Fach Religionswissenschaft, die sich mit besonders rigiden Reinheitsidealen beschäftigt und dabei besonderes Augenmerk auf den "Armanen-Orden" richtet; ich beziehe mich dabei, wie wohl die Meisten, hauptsächlich auf Stefanie von Schnurbein, deren Arbeit ja nun schon älteren Datums ist, und hätte gerne noch den aktuellen Stand der Rolle des AO, bzw. seiner Wahrnehmung im aktuellen Neuheidentum wiedergegeben, desgleichen die von GEB und ANSE. Leider scheint es, als als wären selbst im Web die aktuellsten Informationen gerade von 2003, und nicht sehr aufschlußreich; meist beziehen sie sich dabei auch auf ältere Vorfälle und Quellen. Mein Eindruck ist, daß alle diese Organisationen "abgetaucht" sind und jedenfalls offiziell nicht mehr im heidnischen Umfeld auftreten, aber ich weiß nicht, ob das so zutrifft.

Daher meine Bitte, ob Sie mir kurz Auskunft geben könnten, was nach Ihrer Kenntnis aus AO, ANSE und GEB "geworden ist"; es muß nicht sehr ausführlich sein, da ich diese Angaben ohnehin nur kurz in einem Abschnitt über den derzeitigen Stand der Dinge anführen kann. Als "kleines "Dankeschön" könnte ich auch anbieten, Ihnen die fertige Arbeit für Ihre Website zur Verfügung zu stellen, sofern das für sie interessant wäre (hauptsächlich handelt es sich um eine Erörterung rigider Reinheitsvorstellungen, auch in Bezug auf Andersgläubige oder in Form einer Rassenideologie, und ist daher ziemlich 'psychologielastig', handelt jedenfalls nicht hauptsächlich vom Heidentum).

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir einige Informationen zukommen lassen könnten;

Viele Grüße,

xy

Antwort durch Hans Schuhmacher:

Sehr geehrter Herr xy,

der Lektüre Ihrer Magisterarbeit sehe ich mit Spannung entgegen. Reinheitsideen bzw. Reinheitskonstruktionen und -postulate stellen meiner Ansicht nach ein wichtiges gemeinsames Element unterschiedlichster Formen des Rassismus dar. Auch der ethnopluralistisch-kulturalistische Rassismus, der jetzt, vermischt mit völkischen Spielarten, in der Heidenszene teilweise den Raum einnimmt, den früher die Ariosophiederivate innehatten, gründet sich letzten Endes auf Reinheitsideen. Schon seit Längerem trage ich mich mit dem Gedanken, dieses Phänomen näher zu untersuchen. Auch bin ich der Auffassung, dass die in der Regel stummen oder verstummten Diskurse, die dem Alltagsrassismus (in der Rassismusforschung häufig als "interaktiver Rassismus" bezeichnet) zugrunde liegen, letzten Endes Reinheitsideen als Kernelemente aufweisen. Es ist zumindest denkbar, dass man mit einer Analyse dieser Reinheitsideen auch diejenigen Formen des Rassismus in den Griff bekommt, die ohne biologistisch-genetischen oder gar ohne jeglichen "lauten" Diskurs auskommen. In diesem Sinne erhoffe ich mir interessante Anregungen von Ihrer Arbeit. Nunmehr zu Ihrer Anfrage: Ihre Aufassung, dass der Armanenorden und seine Peripherieorganisationen abgetaucht sind, teile ich. Was ihren derzeitigen Einfluss angeht, möchte ich die Situation, wie sie sich mir darstellt, etwas differenzierter umreißen.

Die ANSE war stets nichts anderes als eine reine Peripherieorganisation des Armanenordens. Sie erfüllte vor allem Pufferfunktionen und diente der Etablierung und Erhaltung von Kontakten, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht oder zunächst nicht direkt zwischen den Adressaten und dem Armanenorden hergestellt werden sollten.

Die folgende Anekdote belegt die Funktionsweise der ANSE in, wie ich finde, typischer Weise: Als Mitte der 90er Jahre als Folge hauptsächlich meiner Publikationen im Rahmen des Ariosophie Projekts eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem damals neu gegründeten Rabenclan e.V. und dem Yggdrasil-Kreis ausbrach, verfuhr der Leiter des Yggdrasil-Kreises, Volkert Volkmann, wie folgt: Um die kritischen Analysen des Ariosophie Projekts zu entkräften, richtete er eine "offizielle Anfrage" an Bernward Schulz (ANSE), ob die ANSE "etwas mit Rechts" (wörtlich!) zu tun habe. Bernward Schulz verneinte. Damit war die Sachlage für Volkmann und seine Anhängerschaft zweifelsfrei geklärt, Vertreter des Rabenclans mußten sich Vorwürfe wegen Verstoß gegen die Regeln des "heidnischen Verhaltens" (ebenfalls wörtlich) gefallen lassen, weil sie dieses Procedere freilich nicht überzeugte. Will man die damalige Funktion der ANSE verstehen, muss man wissen, dass Volkmanns Ansichten bezüglich "heidnischen Verhaltens" damals tatsächlich allgemein anerkannt waren. Der Rabenclan, dem sowohl von Volkert Volkmann als auch von Geza von Nemenyi damals aufgrund der herrschenden Konventionen die Existenzberechtigung abgesprochen wurde, stellte allein durch seine Existenz für die damalige Heidenszene eine Provokation dar. Aufgrund der allmählichen Auflösung dieser Zustände etwa um die Jahrtausendwende, die sich unter anderem durch verstärkte Kritik sowohl der Öffentlichkeit, als auch szeneintern durch die Aufklärungsarbeit des Rabenclan e.V. erklären lässt, konnte die ANSE ihre vorherige Funktion schlicht nicht mehr erfüllen.

Der Burgenverein GEB spielte meines Wissen in der Heidenszene nie eine signifikante Rolle. Ich ordne ihn den zahlreichen anderen Projekten zu, mit deren Hilfe insbesondere Sigrun von Schlichting Zugang und Einfluss auf den unterschiedlichsten Feldern anstrebte. Diesbezüglich empfehle ich einen kurzen Blick auf die Arbeit von Eduard Gugenberger und Roman Schweidlenka, "Mutter Erde, Magie und Politik. Zwischen Faschismus und neuer Gesellschaft" (1986), die ja auch von Stefanie von Schnurbein zitiert worden ist. Ein typisches Beispiel sowohl für Unternehmungen Schlichtings als auch die Problematik der damaligen Zustände findet sich dort 274ff: Frau von Schlichtings Auftritt auf dem ersten europäischen Medizinrad-Treffen.

Was den Armanenorden selbst angeht, tut man meiner Ansicht nach gut daran, verschiedene Formen von Einfluss getrennt zu betrachten.

Der Armanenorden als Nexus

Etwa seit Mitte der 80er Jahre bis zur allmählichen Auflösung der alten Verhältnisse bildete der Armanenorden einen wichtigen organisatorischen Knotenpunkt in einer komplexen Struktur, die Organisationen und Einzelpersonen verband. Platt gesagt: man traf sich beim Armanenorden oder in dessen Umfeld. Wie ich von etlichen Gewährsleuten weiß, fanden Besprechungen unter in der damaligen Heidenszene bedeutenden Wicca-Hohepriestern beispielsweise auf der Wasserburg des zeitweiligen Großmeisters Harry Radegeis statt - es ist im Übrigen bemerkenswert, dass diese Wicca-Hohepriester ebenso von der Bildfläche verschwunden sind wie der Armanenorden selbst. Diejenigen Wicca-Vertreter, die der damals aktiven Generation angehörten und auch heute noch öffentlich aktiv sind (zB im Steinkreis e.V.), waren diejenigen, die sich nicht mit dem Armanenorden einließen. Damals stärkte der Armanenorden anscheinend systematisch die Position derjenigen, die sich ihm zumindest freundschaftlich verbanden. Aufenthalte bei Treffen wurden finanziert ("Thinghilfe"), insbesondere Adolf Schleipfer beschaffte schwer aufzufindende Literatur und galt als Autorität in okkulten Fragen.

Freilich erstreckten sich die Verbindungen des Armanenordens auch in die rechtsextreme, rechtsradikale und okkulte Szene. Der massive Rückgang des Okkultismus in der Heidenszene fand übrigens ebenso zeitgleich mit dem Abtauchen des Armanenordens statt wie das Verschwinden "seiner" Wicca-Hohepriester. Das obige Beispiel ("heidnisches Verhalten") verdeutlicht, warum der Armanenorden vor wirksamer Kritik seitens der Heidenszene vollkommen sicher war. Als diese Zustände aber anfingen, sich zu ändern, wurde der Vorteil, mit dem Armanenorden verbunden zu sein, zum Nachteil. Bemerkenswert sind die Dementis und größtenteils völlig unglaubwürdigen Distanzierungserklärungen, Kontakte zum oder Mitgliedschaft beim Armanenorden betreffend, seitens der damaligen prominenten Protagonisten der Heidenszene gegen Ende der 90er Jahre. So verlor der Armanenorden seine Funktionsfähigkeit als Nexus. Sein Abtauchen erklärt sich schlicht dadurch, dass selbst die ehemaligen Paladine sich eifrigst und vehement von ihm distanzierten. Selbstverständlich kann weder der Armanenorden noch seine Parteigänger der öffentlichen inhaltlichen Kritik an ihm auch nur mit der mindesten Aussicht auf Erfolg entgegentreten - er kann sich nicht einmal mehr verteidigen. Die Auflösung der ihn stützenden und schützenden Zustände und Strukturen waren das Ende seines Einflusses auf die Heidenszene.

Der Armanenorden als Kolporteur der Ariosophie

Dass der Armanenorden eine ariosophische Organisation ist, ist heute unbestritten und war auch zur Zeit von Stefanie von Schnurbeins Recherche nicht schwer herauszufinden. Solange aber das "heidnische Verhalten" und die dazugehörigen Strukturen ihn schützten, war allein diese Aussage ("der Armanenorden ist eine ariosophisch-rassistische Organisation") innerhalb der Heidenszene Anlass für tumultartige Empörung. Dies verschaffte dem Armanenorden (und insbesondere Schlichting, Schleipfer und Radegeis) über fünfzehn Jahre Zeit, ariosophische Thesen und Inhalte zu verbreiten. Man tut gut daran, hier drei Kreise zu unterscheiden. Den inneren Kreis bildeten die Mitglieder des Armanenordens, die mit Hilfe sogenannter Leitbriefe "ausgebildet" wurden. Den zweiten bildete die damalige Heidenszene, die auf unterschiedlichste Weise (Artikel, persönliche Kontakte, Feste ...) erreicht werden konnte. Den dritten bildete ein Konglomerat von Kontaktzonen in andere Felder - darum der Burgenverein, das Medizinrad-Treffen etc.. Es liegt aber auf der Hand, dass zB Sigrun von Schlichting sorgsam auswählen konnte, wo sie persönlich in Erscheinung trat - es standen ihr zahlreiche unauffälligere Gestalten zur Verfügung. Inhaltlich war es zur damaligen Zeit ohne Weiteres möglich, Ariosophie und Germanentum als identisch auszugeben.

Ich habe in etlichen Veröffentlichungen des Ariosophie Projekts darauf hingewiesen, wie die damalige öffentliche Kritik Schlichting und ihren Paladinen half, statt sie zu beeinträchtigen. Während der gesamten Zeit hinderte niemand die Armanen daran, Ariosophie, Naturreligion und germanische Kulturgeschichte bis zur Unentwirrbarkeit miteinander zu verwickeln - im Gegenteil, die öffentliche Kritik half ihnen noch dabei, indem sie postulierte, all das sei ja ohnehin ein und dasselbe. Man muss also auch nach Abtauchen des Armanenordens mit zwei Faktoren rechnen, die weiterhin zur Kolportation von Ariosophie beitragen: Der erste sind gewissermaßen die in der Heidenszene übrig gebliebenen Anhänger des Armanenordens, bei denen zum Teil nur schwer auszumachen ist, ob sie bewußt vertreten, was sie verbreiten. Ein leicht auffindbares Beispiel ist Volkert Volkmann vom Yggdrasil-Kreis, der den Namen seiner Organisation immer noch nach List'schem Muster ("Ich trage Seele"; zuvor: "Ich trage Heil") interpretiert und der Runengymnastik, die zweifelsohne ariosophischer Provenienz ist, nach wie vor als quasi-authenische alteuropäische Praxis ausgibt, welche bei ihm in toto nach wie vor den okkult-mystomagischen Charakter der Armanen-Epoche hat. Der zweite Faktor sind Vermischungs- und Übergangserscheinungen von der Ariosophie zu völkischen, biologistischen oder kulturalistischen Formen des Rassismus, mit denen man es nach der öffentlichen Diskreditierung der Ariosophie heutzutage zu tun hat. So war unlängst noch Rudolf John Gorslebens "Hoch-Zeit der Menschheit", ein ariosophischer Klassiker, beim Arun Verlag in einer Neuauflage zu haben und taucht auch prompt im Literaturverzeichnis von Fritz Steinbocks "Das heilige Fest" auf. Dieses Werk, gewissermaßen das "Buch zum ORD" (Odinic Rite Deutschland; ich verweise auf die umfangreiche Arbeit von Berna Kühne-Spicer), wird beispielsweise beim Eldaring e.V. hoch gepriesen. Der Armanenorden hat also ein umfangreiches Erbe hinterlassen, mit dem man sich wird noch lange beschäftigen müssen. Ob der Armanenorden selbst bei alledem im Untergrund noch mitmischt, entzieht sich beim momentanen Stand der Dinge meiner Kenntnis und ist meiner Einschätzung nach auch unerheblich.

Fazit: Als Nexus hat der Armanenorden keine Bedeutung mehr, ebensowenig wie seine Peripherieorganisationen (ANSE, GEB), da diese ohnehin nur Hilfskonstrukte waren. Selbst diejenigen Organisationen und ihre Leiter, die damals in irgend einer Form zum Konglomerat um den Armanenorden gehörten, sind seit und durch sein Abtauchen aus der Heidenszene irreparabel angeschlagen. Das Erbe des Armanenordens jedoch besteht weiter. Es ist eine Ansammlung rassistischer Kristallisationskerne unterschiedlichster Ausprägung, um die herum sich Rassismus tolerierende und damit stützende Felder befinden, deren Gesamtheit die Heidenszene und deren Umfeld ausmacht. Die Ariosophie als spezifische Form des Rassismus ist zwar selbst bei anderen Rassisten (Völkische, kulturalistische Rassisten ...) in Mißkredit geraten, aber darum nicht völlig verschwunden. Das Abtauchen des Armanenordens aus der Heidenszene führte nicht zum Verschwinden, sondern zur Modernisierung des Rassismus in der Heidenszene, der numehr hauptsächlich der Neuen Rechten zuzuordnen ist. Diesen Modernisierungsschritt wird der Armanenorden selbst aufgrund seines explizit ariosophischen Charakters nicht vollziehen können.

Ich hoffe, geholfen zu haben, und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Hans Schuhmacher Ariosophieprojekt

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