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28.04.2017, 09:55

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Studentische Anfrage zu "Asatru"

Beantwortet durch eine persönliche Einschätzung Hans Schuhmacher (Ariosophieprojekt)

Ich bin Studentin an der Uni *** und bearbeite gerade für ein Seminar im Fachbereich Religionswissenschaften das Thema "Astru". Ich benötige Info's, inwieweit diese Religon zur Zeit weltweit vertreten ist. Also ich meine jetzt keine Zahlen, sondern eher offizielle Formen, Gruppen, Vereine die öffentlich bekannt und vielleicht ja staatlich anerkannt sind. Ich würde gern mal einen Überblick haben. Könnt ihr mir da vielleicht weiter helfen? Habt ihr einen möglichen Ansprechpartner für mich oder Link bzw. Literaturempfehlungen. Würde mich sehr freuen und weiterbringen.

Antwort durch Hans Schuhmacher (Ariosophieprojekt):

"Deine Anfrage ist an mich weitergeleitet worden. Eine umfassende Dokumentation zum Thema kann ich auf die Schnelle freilich nicht erarbeiten, aber ich hoffe, Dir nützliche Hinweise für die Eigenrecherche liefern zu können und ein umrißhaftes Bild des "Phänomens Asatru" zu bieten.

Die Zustände im deutschsprachigen Raum vor Gründung des Rabenclans sind in "Religion als Kulturkritik" von Stefanie v. Schnurbein m.E. gut und übersichtlich beschrieben - trotz einiger inhaltlicher Einwände halte ich das Buch aufgrund der Menge seriöser Information nach wie vor für sehr wertvoll. Angaben zu den meisten von mir im Folgenden genannten älteren Gruppen und Organisationen finden sich ebenfalls dort.

Eine wichtige Rolle bei der Initiierung des zeitgenössischen Asatu spielten die isländischjen Asartrùarmenn. Wie mit Gewährsleute berichten, war und ist in Island reges Interesse an der isländischen Geschichte und umfassende Kenntnis derselben bis hin zu Jahrhunderte überspannenden Familiengenealogien ein wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses moderner Isländer, ohne dass dies etwas mit den Chauvinismen und Nationalismen im gegenwärtigen oder historischen Europa zu tun hätte. Der Rückbezug auf die Besiedlungszeit gehört quasi dazu, Isländer zu sein, entsprechend war und ist das Verhältnis zur heidnischen "Altvorderenzeit" ein durchweg positives. So kam es, dass die neugegründeten Asatrùarmenn auf wenig Probleme dabei stießen, von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen und als Religionsgemeinschaft offiziell anerkannt zu werden. Man verstand sie allem Anschein nach als etwas skurrilen Traditionsverein. Hinzu kommt, dass Rassismus in Island ein nahezu unbekanntes Phänomen ist und die Asatrùarmenn sich freilich an ihre isländischen Quellen hielten, die ihnen aufgrund der regen Beschäftigung mit Sagas und Sagazeit seitens auch und gerade isländischer Wissenschaftler offen lagen - die diesbezüglichen Grundlagen lernt ohnehin jedes isländische Kind in der Schule, und das moderne Isländisch unterscheidet sich wenig von der Sprache der Sagas. Diese Idylle führte aber außerhalb Islands zu einer fatalen Entwicklung. Als sich nämlich die bei Schnurbein benannten ariosophischen Protagonisten bei den Asatùarmenn vorstellten, wurden diese dort freudig empfangen und erhielten Zuspruch und Unterstützung, da die Isländer fälschlicherweise davon ausgingen, das Anliegen der Nichtisländer gliche inhaltlich dem ihren. Wenig bis gar nicht vertraut mit kontinentalen oder britischen Verhältnissen, "weihte" Beinnteinsson, der damalige Vorsitzende, im Grunde jeden, der ihn darum bat, zum "Goden" - im Wortsinne ein "Heidenspaß" in Island, aber wichtige Grundlage für die Legitimationsideologie der ariosophischen Heidenfürsten im deutschsprachigen Raum, die ich in "Ariosophie - ein Überblick" und "Über die Verschleierung ..." thematisiert habe.

Eine ebenso wichtige Rolle spielte der damals so genannte "Ring of Troth", heute "Troth", dessen derzeitige Rolle ich im Anhang zu "Völkische Ideologie" umrissen habe. Mentor der Troth-Gründer und "Altprominenz" (zB der Buchautor Stephen Flowers/Edred Thorsson) war und ist Steve Mc Nallen?, der der völkischen Richtung zuzuordnen ist. Der "Ring of Troth" sowie andere Asatru-Organisationen (Asatru Free Assembly, Asatru Alliance) in den USA entstanden gleichzeitig im Umfeld und im Gegensatz zur dortigen Wicca-Bewegung, die mitgliederstark und mehrheitlich feministisch-ökologisch orientiert war. Es gelang den damaligen Protagonisten, Orientierung an "den Germanen" mit Ablehnung der linken (dort: "liberal") Ausrichtung oben erwähnter Bewegung zu verknüpfen und den Begriff "heathen" (im Gegensatz zu "pagan") für diese Richtung zu prägen, also eine begriffliche Trennung herbeizuführen. Die Verfassung der USA schreibt Religionsfreiheit vor sowie das uneingeschränkte Recht auf freie Rede (First Amendment), was beide Richtungen für sich nutzen konnten - die ökofeministischen Wicca, um der "moral majority" widerstehen zu können; die rechtsorientierten "heathen", um ihre völkischen und teilweise auch ariosophischen Ideologien ungefährdet verbreiten zu können. Der rechte Flügel dieser stark rechtslastigen Richtung pfegt Bindungen zu "Aryan"-Gruppen sowie dem Ku Klux Clan. Ergänzend sei dazugesagt, dass es innerhalb der "heathen" eine Gegenbewegung gibt, repräsentiert u.A. durch die Betreiberin der Web-Kampagne "heathens against hate"; zur Problematik mein Anhang zu "Völkische Ideologie".

Beide "Gründungskerne" zeigen die deutliche Abhängigkeit vom jeweiligen lokalen Kontext. Dies gilt auch für das europäische Asatru. In den skandinavischen Ländern existiert eine größere Anzahl kleiner Gruppen mit sehr unterschiedlicher Ausrichtung, die sich sehr wenig um Öffentlichkeitsarbeit oder internationale Zusammenarbeit kümmern. Da dort der Umgang mit der heidnischen Vergangenheit im Grunde fast ebenso unproblematisch ist wie in Island, wird allgemein wenig Veranlassung gesehen, sich überhaupt mit Politik und Gesellschaft zu befassen - was freilich eine Interpretation von Asatru als "Religion" voraussetzt, also im modernen Sinne als "Glaube", losgelöst von gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen - meine Kritik hieran wieder im Anhang zu "Völkische Ideologie" sowie in "Thesen zur germanischen Frau".

In Großbritannien prägen Gruppen wie der rechtslastige "Odinic Rite" das Bild, es gibt dort allerdings nicht- bis antirassistische Asatru, die in Kleingruppen organisiert sind. Vorgänge und Zustände im deutschsprachigen Raum habe ich im Ariosophieprojekt zumindest umrissen, bei Schnurbein wie bei mir findet sich Art und Verlauf der Anknüpfung an rechte Germanentümeleien aus der wilhelmischen Zeit sowie der Weimarer Republik. Außereuropäische Gruppen existieren außer in den USA auch in Kanada und Australien.

Es ist schwierig bis unmöglich, allein die Mehrzahl aller existierenden Gruppen und Grüppchen zu erfassen. Zudem umfassen Organisationen gleich welcher Größe und Ausrichtung keinesfalls sämtliche zeitgenössischen Asatru. Beispielsweise sind meine US-amerikanischen Gewährsleute ausschließlich Unorganisierte, die mit den entweder rechts ausgerichteten oder rechte Positionen tolerierenden Organisationen nichts zu schaffen haben wollen. Mein Eindruck ist, dass außer in Island und Skandinavien Rechte in die Organisationen strömen und dort politisch Unbedarfte mit rechtem Gedankengut infiltriert werden, während ein erheblicher Teil der Einzelpersonen rechte Ideologien ablehnt und eben darum den Organisationen fernbleibt. Ich will damit nicht gesagt haben, in Skandinavien gäbe es keine rechts ausgerichteten Gruppen oder alle Unorganisierten seien Antirassisten.

Das vom Rabenclan e.V. (der keine Asatru-Organisation ist) und - in aller Bescheidenheit - vom Ariosophieprojekt vorgelebte Beispiel scheint allerdings allmählich Schule zu machen. Es ist ein zäher Prozess, aber allmählich gelingt es zumindest im deutschsprachigen Raum, gegen die rechte "Besetzung" des Themas gerichtete Inhalte zu etablieren. Dies wird durchaus international beobachtet.

Zum Randbereich des Phänomens gehört übrigens ein Teilbereich des GothMetal (Beispiele: Amon Amarth, Thyrfing, Bathory) sowie anderer Musikrichtungen (Merseburger Zaubersprüche von In Extremo), deren Fans sich häufig für nordische Mythologie zu interessieren beginnen und dadurch Asatru werden. Desweiteren hat sich herumgesprochen, dass Tolkiens "Herr der Ringe" stark auf germanische Quellen Bezug nimmt, so dass der Erfolg der Verfilmung das Interesse am Thema zu verstärken scheint. Filme wie "der 13te Krieger", in welchem die Crighton'schen Nordmänner die Sympathieträger sind, tun ihr Übriges. Welche Inhalte allerdings dann von denjenigen vertreten werden, die durch derartige romantische O Evres? ein derartiges Interesse entwickeln, hängt stark von der derzeitigen und zukünftigen Entwicklung ab. Zeitgenössisches Asatru ist Ort eines Konflikts, bei dem die Antagonisten (Rechte und ihre Gegner) es auf die Vernichtung der gegnerischen Positionen abgesehen haben, während die schweigende Mehrheit nach wie vor zusieht. Noch.

Ich hoffe, dies ist hilfreich - für Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung.

Viele Grüße

Hans Schuhmacher
Ariosophieprojekt

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