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Stefanie Imann Kunst Nackt
28.04.2017, 09:55

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Nackt! Frauenansichten. Malerabsichten. Aufbruch zur Moderne

Ausstellung im Frankfurter Städel Museum 25.9.2003 bis 11.1.2004

Subjektive Bemerkungen über Sinnlichkeit im patriachalischen Kunstbetrieb
Ein Bericht über einen Museumsbesuch der AG Bahnhof

Mit einigen Erwartungen besuchten wir die Ausstellung "nackt!" des Frankfurter Städel. Im Radio war Ungewöhnliches angekündigt worden, das uns neugierig gemacht hatte: im Mittelpunkt der Ausstellung stünde die Frau als "reale Person", dargestellt in Alltagssituationen. Der Betrachter sei durch die Gestaltung der Räume mit den nackten Frauen auf einer Ebene, man begegne sich von "Mensch zu Mensch". Eine intime Begegnung mit dem Wesen der Frau in ihrer Natürlichkeit sei durch die Auswahl der Bilder und die einfühlsame Raumaufteilung gegeben. Betont wurde, dass Frauen in ihrem Charakter und ihrer Lebendigkeit dargestellt seien, was dazu führe, dass den Frauen auch in der Darstellung des Aktes ihre Würde belassen sei. Endlich müsse sich die Frau ihrer Nacktheit nicht mehr schämen: Sonst gerne durch das gierige Auge des Mannes zum reinen "Objektstatus" degradiert, sei sie in dieser Ausstellung ganz im Gegenteil eindeutig als Individuum zu erfahren.

In bester Laune betrat unsere Gruppe, die hauptsächlich aus Frauen bestand, die Ausstellungsräume im ersten Stock des Museums. Den Blick nahm sofort ein fast wandgroßes Gemälde auf der linken Seite gefangen. Es wirkte lebendig, ansprechend und gefiel uns zunächst. Dargestellt waren drei Frauen, zwei dunkelhäutige Schönheiten und eine hellhäutige Europäerin auf einem Diwan. Nachdenklich machte uns das Arrangement des Bildes: eine der dunklen Frauen kniete zu Füßen der Weißen, in den Händen eine Waschschüssel und offenbar im Begriff, der weißen Frau die Füße zu waschen. Die andere dunkelhäutige Frau kniete ebenfalls auf dem Boden und blickte den Betrachter an. Alle drei waren nackt. Ein Blick ins museale Begleitheft belehrte uns: Der Akt hieß "Die drei Rassen" (1898). Der Maler Emile Bernhard habe eine "konservative" Entwicklung genommen, für ihn zähle in dieseer Darstellung nur die Schönheit der weißen Frau, den anderen beiden Frauen habe er, dem nach seinem Urteil rassischen Stellenwert entsprechend, untergeordnete Positionen zugeteilt. Wir waren irritiert. Als Einstieg zu einer Ausstellung mit dem Untertitel "Aufbruch zur Moderne" schien uns diese Demonstration kolonialistischer Mentalität unpassend.

Wir durchstreiften nun die labyrinthartigen Räumlichkeiten, um weitere Eindrücke zu gewinnen. Auffallend war die sehr kühle, fast an Operationssäle erinnernde Farbgebung: jeder Raum war in einer anderen, kalten Pastellfarbe gehalten. Entsprechend wirkten die dargestellten Frauen, auch durch das größtenteils sehr grelle Licht, fast wie auf dem Seziertisch präsentiert. Die Aktstudien von Egon Schiele und Gustav Klimt stießen uns in dieser Umgebung durch ihre "Gynäkologen"-Ästhetik ab: verschiedene Frauen lagen da wie auf dem Untersuchungsstuhl, die Vagina dem Auge des Betrachters bloßgelegt.

Es folgten klingende Namen: Picasso, Degas, Kirchner, Matisse, Rodin, Munch, um nur einige zu nennen. Doch diese Auswahl hauptsächlich sehr berühmter Künstler lenkte von der Frage, was ist eine nackte Frau und was ist Nacktheit der Frau ab. Sie führte eher zu der Überlegung, wie diese wohlberühmten Männer und Vorreiter moderner Ästhetik Weiblichkeit wahrgenommen hatten. Denn beim weiteren Rundgang verstärkte sich Bild um Bild der Eindruck, was der Begriff "Aktstudie" auch heißen kann: Die Frauen waren hier klassifizierte Untersuchungsobjekte, persönlicher Ausdruck zählte nicht. Die zum großen Teil verkrampften bis gelangweilten Gesichtszüge der posierenden Modelle waren auffallend. Häufig hatten sich die Maler eine genauere Ausarbeitung der Augenpartien gespart, darauf war es ihnen offensichtlich nicht angekommen. Und die Betrachtung weiblicher Nacktheit vorzugsweise duirch eine männliche Künstlergilde zeigte auch auf beredte Art, welchen Wert der weibliche Körper hatte: Oft wurde er auf fast schon unästhetische Weise dargestellt: ausgemergelte Frauen, zwei wirkten, als seien sie gerade mal aus der Tiefkühltruhe eines Leichenhauses hervorgeholt worden, kalte, tote Augen. Bei fast allen Bildern fehlte jegliche sinnliche, erotische oder auch nur lebendige Ausstrahlung der Frauen. Vielfach schienen ihre Posen unecht und künstlich, sie waren offenbar mit nüchternem, wissenschaftlichem Blick gemalt.


"Alice" von Balthus (1933)

Die in ihrem Kern kunstgeschichtlich ausgerichtete Ausstellung wird von zwei zeitgenössischen Werken eingerahmt - die beide von Frauen stammen. Die überlebensgroße Fotographie einer Frau, deren Rücken von einer breiten Narbe entlang der Wirbelsäule entstellt ist, soll die "Verletzlichkeit" des menschlichen Körpers symbolisieren. Für uns förderte das Objekt eher den leicht schaudernden, sensationslüsternen Blick der Besucher ("Every one" von Sophie Ristelhuber, 1994). Um der Skylla der allmächtigen Bilderflut durch die Schönheitsindustrie etwas entgegen zu setzen, landet die Künstlerin bei der Charybdis der voyeuristischen Neugier, wie sie die Yellow-Press nährt.

Auch das andere Werk (eine Videoinstallation der Künstlerin Katarzyna Kozyra) schien uns den Voyeurismus von Frauenobjektkörpern mehr zu fördern anstatt ihm durch Brechung von Wahrnehmungsgewohnheiten entgegen zu wirken: Auf mehreren im Raum verteilten Monitoren erhielten wir Einblicke in ein Budapester Frauenbad. Offenbar war die Assoziation mit Bildern aus den Konzentrationslagern des zweiten Weltkriegs beabsichtigt: auf einem Bildschirm wurden sehr alte, extrem abgemagerte Frauen in der komplett ausgekachelten Dusche dargestellt.

Das anwesende Sonntagspublikum durchschritt mit ernsten Gesichtern und sich gedämpft unterhaltend die Räumlichkeiten. Unsere Gruppe, mit ihren in normaler Lautstärke vorgetragenen, spontanen Kommentaren, wurde des Öfteren indigniert gemustert. Doch wir wollten unsere Emotionen und Eindrücke nicht hinter dem Berg halten. Uns fehlte bei den dargestellten Frauen deutlich die Lebendigkeit, die Stärke, die Lebensfreude. Von einem "intimen" und "direkten" Kontakt mit den Modellen konnte keine Rede sein. Was im, übrigens miserablen, Begleitheft zur Ausstellung beschrieben wurde, konnten wir zum Großteil nicht in den Bildern wiederfinden: war dort von "höchster erotischer" Ausstrahlung die Rede, erblickten wir nur "totes" Fleisch. Und selbst dort, wo wir selbstbewußte weibliche Sinnlichkeit entdeckten - Bilder, die uns durch den direkten Blick in die Augen der Frau imponierten - schien uns eine patraichalische Sichtweise durch den Ausstellungsführer nahegelegt zu werden. Denn gerade diese Wahrnehmungsaugenblicke (Momente, in denen tatsächlich Kontakt mit der Frau auf der Leinwand entstand), wurden gerade wegen dieses direkten Kontakts in den Kommentaren der Ausstellungsmacher als zu provokativ und deshalb unsinnlich beschrieben.


"Die niedergelegte Lektüre" von Felix Vallotton (1924)

Leser, die vielleicht argwöhnen, dass eine naturreligiös-feministisch eingestellte Gruppe einen Museumsbesuch nur dazu nutzte, um ihre prüden Ressentiments auszudrücken, können also beruhigt sein: Es gab auch Werke, die uns ansprachen. Gefallen fanden wir an Gauguins "Mädchen mit Fächer" (1902), das durch seine selbstbewusste und stolze Haltung unter den Bildern hervorstach. Und besonders angetan waren wir durhc eine kleinere Holzskulptur von Ernst Ludwig Kirchner: Tanzende Frau (1911) - ein Kunstwerk, zu dem ihn seine Beschäftigung mit afrikanischer Kunst inspirierte (die im übrigen ebenfalls durch eine Plastik in der Ausstellung repräsentiert war: Figur einer Königsfrau der Chokwe, 19. Jahrhundert). Die nackte Tänzerin Kirchners wirkte unbekümmert, voller Lebenslust und Freude am eigenen Körper und der Bewegung. War es ein Zufall, dass hier ein Bezug zu naturreligiösen Kulturen vorlag?


"Mädchen mit Fächer" von Paul Gauguin (1902)

Inspiriert, angeregt und angestachelt durch die Bilder und Eindrücke dieser Ausstellung tauschten wir uns später beim gemeinsamen Kaffee über unsere Wahrnehmungen aus. Unser Fazit nach einem regen Austausch an Beobachtungen: die eingangs beschriebenen Intentionen und die beabsichtigte Wirkung der Ausstellung scheinen uns deutlich verfehlt worden zu sein. Gelangweilte und verklemmte Frauenkörper wurden von einem ebenso gehemmten Sonntagspublikum begafft. Zurück bleibt ein gewisser trostloser Nachgeschmack konserviertem Lebens, sowie der Eindruck, dass wieder einmal "Weiblichkeit" mit einem rein männlichen Blick eingefangen und präsentiert wurde. An diesem Gesamteindruck änderten auch die wenigen Aktmalereien von weiblichen Künstlerinnen nichts. Eine wirkliche Begegnung mit dem "Wesen Frau", wird weder durch die phantasielose Gestaltung der Räumlichkeiten, noch durch die Auswahl der Gemälde erreicht.

Dies brachte uns zu spannenden Fragen: Was macht Erotik aus? Wie möchten wir als Frauen dargestellt werden? Und nicht zuletzt: Welche Form der Präsentation des weiblichen Körpers kann einen echten, gleichberechtigten Kontakt zwischen Betrachter und Modell herstellen? Gerade bei dieser Frage erinnerten wir uns eine Initiative der Berliner Künstlerin Kathrin Herrmann: Um den Aktmodellen auf derselben Stufe zu begegnen, durften Besucher ihrer eorotischen Photoausstellung diese nur betreten, wenn sie selbst auch nackt waren - was eine sehr besondere Beziehung zwischen den Bildern und deren Betrachtern herstellte. Bevor solche Initiativen jedoch Einzug beim musealen Sonntagspublikum halten werden, dürften wohl noch viele Jahre ins Land ziehen. Für uns ein Ansporn, solche kreativen Ideen zumindest in unseren "heidnischen Kreisen" verstärkt umzusetzen.

Stefanie Imann

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