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28.04.2017, 09:55

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Neue Mutproben für Bürgermeister

Das naturreligiöse Revival


Der Rabenclan ist eine Interessenvertretung für naturreligiöse Menschen. Er sieht sich im Gefolge eines Traditionsstrangs, der auf naturreligiösen, animistischen und polytheistischen Kulturen beruht, wie sie in vielen Teilen der Welt vorzufinden sind und wie sie auch in Europa vor der Christianisierung vorhanden waren.

Gerade die europäische Variante dieses Traditionsstrangs ist uns aber nicht ungebrochen überliefert worden. Die große Zeit naturreligiöser Kulturen liegt zumindest in Europa Jahrhunderte zurück: In Rom war 394 n. Chr. der Machtkampf zwischen Heiden und Christen entschieden, in Irland wurde 559 n. Chr. zum letzten Mal ein irischer König mit der Göttin des Landes vermählt, in Britannien setzte sich das Christentum im 7. Jahrhundert durch, in Germanien im 9. Jahrhundert, in Skandinavien zerstörte man den Tempel von Uppsala 1100 nach Chr., im Baltikum wurde das offizielle Heidentum im 15. Jahrhundert abgeschafft. Vieles, was an heidnischen Volksbräuchen übrig war, ging zumindest in Mitteleuropa im Zuge der Industrialisierung im 19. und 20 Jahrhundert verloren. Vieles ist verschüttet worden. Das, was uns heute von den einstigen naturreligiösen Kulturen überliefert ist, wurde durch Christentum, Aufklärung und Moderne überformt.

Die meisten außereuropäischen Traditionen haben, was ihre Überlieferungssituation angeht, eine vorteilhaftere Ausgangslage. Die Verdrängung durch Missionierung oder Unterdrückung ihrer Kulte seitens des Christentums, des Islams, des modernen Hinduismus, des Buddhismus, des Kolonialismus oder des Marxismus ist in vielen Regionen der Welt nur wenige Jahrhunderte oder sogar Jahrzehnte alt, so dass oft noch einiges an sozialen Gebräuchen, Fertigkeiten und Überzeugungen dieser Kulturen nachvollziehbar ist.

Angesichts dieses Kontrasts wird deshalb gerne behauptet, wir wüssten heute nichts über die naturreligiöse Vergangenheit Europas. Als Mäßigung und Entgegnung gegenüber eifrigen Neuheiden, die ihre Praktiken und Überzeugungen direkt auf Odin oder die Altsteinzeit zurückführen, mag eine solche Bemerkung durchaus sinnvoll sein. Dennoch ist sie für sich genommen natürlich Unsinn. In der ganzen Welt gibt es Dutzende von Lehrstühlen und Hunderte von Fachwissenschaftlern, die sich in Lingustik, Archäologie, Historiographie, Numismatik, Kulturanthropologie, Skandinavistik, Germanistik, Keltologie, Philosophie usw. mit den vorchristlichen Traditionen Europas beschäftigen. Seit mehr als hundert Jahren zeichnen die Wissenschaften ein immer konkreteres und detailliertes Bild über die germanische, keltische, piktische, slawische, römische oder griechische Vergangenheit Europas.

Die europäische Wiederentdeckung der Naturreligiosität

Diese wissenschaftliche Forschung geht mit einer Wiederaneignung naturreligiöser Traditionen in Europa einher, die sich seit mehr als zwei Jahrhunderten vollzieht und die mit dem wissenschaftlichen Interesse an den alten Gesellschaften Europas geistesgeschichtlich durchaus verschränkt ist. Bereits in der Renaissance begeisterten sich in ganz Europa Fürsten, Künstler und Intellektuelle wieder für heidnische Götter, die in Architektur, Bildhauerei, Kunst und Philosophie als bedeutungsreiche Symbole behandelt wurden. Entgegen der landläufigen Meinung war diese symbolische Wiederentdeckung nicht nur auf Gottheiten des griechischen oder römischen Pantheons beschränkt: 1660 wurden z.B. britische Münzen mit dem Bildnis der "Göttin" Britannia eingeführt, in den frühen Jahren des 18. Jahrhunderts ließ Lord Cobham in seinem Garten eindrucksvolle Statuen sächsischer Götter errichten. In Britannien erwachte im 18. Jahrhundert eine wachsende Begeisterung für die heidnischen Vorfahren: An den bekannten Megalith-Kultstätten führte man umfangreiche archäologische Studien durch. Britische Dichter, Künstler und Intellektuelle griffen in ihren Werken das Heidentum auf und verklärten es als natürliche und unverdorbene Lebensform. Parallel dazu entstanden aus den Reihen der Freimaurer neodruidische Organisationen und Logen. Am stärksten griff Wales das Wiederaufleben keltischer Traditionen auf: Ende des 18. Jahrhunderts wurden sogenannte Eisteddfod (Wettstreits für Barden und Dichter) wieder veranstaltet. Am Anfang noch belächelt und als unhistorisch kritisiert, sind die nationalen Eisteddfod nun aber fester Bestandteil der walisischen Kultur geworden.

Im Zuge einer Wiederentdeckung eigener kultureller Wurzeln erwachte in der Romantik in ganz Europa ein umfassendes Interesse an heidnischen europäischen Traditionen. In Deutschland setzten die Gebrüder Grimm dabei Meilensteine bei der Erforschung vergangener heidnischer Kulturen. In dieser Zeit entstand auch jene Idee, nach der das europäische Hexenwesen eine Art heidnische Untergrundreligion gewesen sei, die seit den Tagen des alten Heidentums in Europa im Verborgenen überlebt habe. Auch wenn der historische Gehalt dieser Idee äußert zweifelhaft ist, ermunterte sie so manchen Forscher, lokale folkloristische Bräuche auf ihre Verwandtschaft zu alten heidnischen Praktiken zu untersuchen.

Die romantische Begeisterung für die vorchristlichen Traditionen war nicht unproblematisch. In Deutschland begründete sie sich nicht zuletzt in einem Wunsch nach einer deutschen Kulturidentität und wurde deshalb schon von Beginn an mit einem Diskurs über Nation, deutsches Wesen und deutsches Volkstum verknüpft. Rassistische okkulte Gruppen griffen die neuheidnische Einbettung in nationalistische Begrifflichkeiten auf und schufen Anfang des 20. Jahrhunderts eine angeblich "germanische" Ideologie, die an Grundkonzepte der Theosophie angelehnt war und mit den historischen Tatsachen wenig zu tun hatte. Im 3. Reich wurde diese Ideologie zusammen mit vielen "Beweisen" und "Forschungsergebnissen" an Schulen, Universitäten und den SS-Ordensburgen gelehrt. Seriöse Forscher wehrten sich schon damals gegen diese angeblichen "Erkenntnisse", fanden aber kein Gehör. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden zwar die Nazis, ihre "Erkenntnisse" beeinflussten jedoch weiterhin kleine neugermanische Okkultgruppen, die am Rande der Gesellschaft agierten.

Ihre Nachkriegsrenaissance in Deutschland erlebten naturreligiöse Traditionen, deren moderne europäische Varianten als sogenanntes "Neuheidentum" bezeichnet werden, durch die kulturellen Umwälzungen im Umfeld der Studentenbewegungen: Der indianische Medizinmann, der mit anklagender Stimme mahnte, dass man Geld nicht essen kann, wurde zum romantischen Vorbild für einen neuen Umgang mit der Natur. Die angebliche Rede des Häuptling Seattle ("Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler sind unsere Brüder.") wurde ebenso exzessiv zitiert wie die angeblichen Reden des Südseehäuptlings Tuiavii über den weißen "Papalagi" als Buch verschenkt wurden. Man begeisterte sich für die ökospirituelle Siedlung Findhorn und entdeckte die Naturverbundenheit unserer keltischen Vorfahren wieder. Frauen erforschten ihre Macht als Hexe und nutzen diese zur feministischen Identitätsfindung. Man lernte Schwitzhütten zu bauen und Wakan Tanka anzubeten. Und irgendwann machte man sich auf die Suche nach der europäischen Variante einer naturverbundenen, "indigenen" Kultur und entdeckte sie z.B. im Keltentum oder Germanentum. Eine weitere moderne naturreligiöse Identifikationsmöglichkeit bot das in England in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandene "Wicca", das von Gerald Gardner in einem 1956 erschienenen Buch einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Ab den 70er Jahren erfuhr es gerade im anglo-amerikanischen Raum eine bemerkenswerte Verbreitung und schwappte auch nach Deutschland über. Die verführerische Einfachheit des Grundkonzepts, die Möglichkeit sich mit verfolgten Hexen des Mittelalters zu identifizieren und die nach Ansicht vieler Anhänger bis in die Jungsteinzeit reichenden Wurzeln dieses Kultes trug neben seiner ökologischen und frauenfreundlichen Ausrichtung viel dazu bei, dass Wicca zu einer maßgeblichen Strömung im Neuheidentum wurde.

Das Revival naturreligiöser Traditionen in Deutschland wäre ohne die Esoterik, die in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Boom erlebte, nicht möglich gewesen. Viele Inhalte dieses Booms stammen hauptsächlich von zwei geistigen Urahnen: Mütterlicherseits Helena Blavatsky, die Begründerin der modernen Theosophie, väterlicherseits Sigmund Freud, Begründer der modernen psychologischen Selbsterfahrung. Dementsprechend ist auch das moderne Neuheidentum deutlich mit theosophischen und selbsterfahrungsorientierten Allgemeinplätzen durchtränkt. Doch wer naturreligiöse Traditionen ernstnimmt, der wird schnell feststellen, dass ihr Wissen und ihre Einstellungen sich deutlich von den oben genannten Geistesströmungen unterscheidet. Naturreligiöse Kulturen enthalten auf menschliche Herausforderungen eigenständige, originäre und vielschichtige Antworten, die weder im Christentum noch im psychologischen Therapiedenken, noch im modernen Esoteriksumpf zu finden sind.

Was kennzeichnet "naturreligiöse Traditionen"?

Eine solche Frage ist schwer zu beantworten, Naturreligiosität lässt sich nur schwer definieren. Denn naturreligiöse Kulturen sind im Gegensatz zu den drei westlichen Schriftreligionen (Christentum, Judentum und Islam) nicht auf gemeinsame Wurzeln zurückführbar. Sie umfassen auch keinen Kern an Lehren wie er z.B. von den unterschiedlichen buddhistischen Strömungen getelt wird. Naturreligiöse Kulturen sind an den verschiedensten Orten der Welt als ganz unterschiedliche Formen menschlichen Lebens entstanden. Um zu beschreiben, was solche Kulturen eben "naturreligiös" macht, kann man nicht eine Reihe von Eigenschaften (a,b,c,d,e ...) aufführen, die allen gemeinsam ist. Ihre Beschreibung kann nur durch das Aufzeigen von "Familienverwandtschaften" erfolgen: Einige naturreligiöse Kulturen besitzen diese Eigenschaften (a,b,c...) , andere wiederum jene (b,c,d...), wiederum andere diese (a,d,e...). Sie gehören zu einer Familie, ohne dass dabei jedoch unter den Familienmitgliedern etwas auffindbar wäre, was allen zwangsläufig an Eigenschaften gemeinsam ist.

Solche Eigenschaften, die man bei naturreligiösen Traditionen finden kann, sind etwa die folgenden ( - selbstverständlich sind es noch einige mehr):

- Sie sind oft polytheistisch, d.h. die Menschen leben in ihnen mit einer Vielzahl von "Göttern", "Feen", "Naturgeistern", "Dämonen", Geistern oder ähnlichem zusammen.

- Häufig trennen sie die Welt nicht in einen heiligen Bereich, der transzendent ist, und in einen profanen: Sie betrachten körperliche Erscheinungen und die "Natur" nicht als etwas zweitrangiges, das hinter einer angeblich höheren, spirituellen Ebene zurückstehen muss. In einem gewissen Sinne ist die ganze Welt heilig und beseelt, mag sie einem nun in einem Baum oder einer Klobürste begegnen. Und in einem anderen Sinne ist nichts auf der Welt heilig: Auch eine Göttin, eine Riesin oder ein Geist ist ein ganz normaler Verhandlungspartner der Menschen, den man erst einmal nicht mehr und nicht weniger achtet als andere Personen.

- Ihr Personenbegriff ist oft ein anderer wie unser abendländisch moderner: Auch Pflanzen, Tiere, Berge, Pfützen oder ganze Landstriche können handelnde Personen sein, mit denen man in einem sozialen Verhältnis steht: Man kann mit ihnen kommunizieren, sich mit ihnen streiten, mit ihnen Verträge aushandeln. Sie alle haben Gefühle und Meinungen, schlechte Angewohnheiten und vielleicht Mundgeruch. Manchmal unterstehen sie sogar der Rechtssprechung.

- Naturreligiöse Kulturen haben meistens keine lineare Vorstellung von menschlicher und kosmischer Geschichte, bei der es einen zwangsläufigen Fortschritt gibt: vom Niedrigen zum Höheren, vom Primitivem zur Moderne, vom Unaufgeklärtem zur Aufklärung, vom Urzustand zum Sozialismus, vom Materiellen zum Transzendenten. Ihr Verhältnis zur Zeit ist eher zyklisch: Alles Leben findet in Rhythmen statt: Tod und Leben, Regen und Sonne, Sex und Kampf, Jugend und Alter, Sommer und Winter.

- Ihr Know-how und ihre Institutionen stehen oft in einem engen Zusammenhang damit, der sie umgebenden Fauna und Flora zu helfen, sich immer wieder neu zu regenerieren. Sie sind Teil eines Bemühens, mitzuhelfen, die Dinge immer wieder aufs neue "in Ordnung" zu bringen: Kreisförmig wiederkehrenden Feste und Gebräuche helfen der Sonnengöttin, aus jedem Winter wieder zu erwachen, und der Maisgöttin, Geld und Essen erneut wachsen zu lassen.

- Sie erzählen kein romantisches New Age-Geschwätz, dass sie sich der Natur blind anvertrauen. Sie leben in mehr oder weniger intensiver Auseinandersetzung mit Fauna, Flora, klimatischen, geographischen und maritimen Verhältnissen, und wenn man das tut, dann vertraut man weder einem Gott, einer Seenixe noch einem Panther blind. Es gibt in solchen Traditionen auch nicht den Versuch, Gewalt in der Natur spirituell weg zu therapieren. Es ist kein Zufall, dass bei solch unterschiedlichen Kulturen wie den Cheyenne, den Desana, den Kilindi oder den griechischen Bacchanten die Tötung eines Tieres und Erotik eng zusammen hängen.

Die Themen in naturreligiösen Kulturen sind so vielfältig wie es die Kulturen sind:

Als Navaho stellt man durch Zeremonien und innere Haltung die kosmische Schönheit ("Hozho") wieder her, wenn man bemerkt, dass wirtschaftlicher Misserfolg eingetreten ist. Als Dagara betritt man bei Streit in der Gemeinschaft den Aschekreis. Als Römerin steht man vielleicht vor der Situation, dass Mars im Ehebett auftaucht - vielleicht dreist noch in Gestalt des Partners - und ein Kind zeugen will (wer je eine Liebesaffäre mit einem Kriegsgott hatte, weiß wie gut eine solche Entscheidung überlegt sein will). Keltisch fragt man sich an Samhain (Allerheiligen), wessen Heldentaten durch den Barden besonders besungen werden sollen. Als paganer Grieche ist die Frage, ob man lügt oder egoistisch ist, keine Frage einer Gesetzesmoral, sondern eine von Tugenden. Kretisch-minoisch wird entschieden, wer dieses Jahr in das Zentrum des Labyrinths zum Sterben geht und als Paredros mit der Kranichgöttin schläft. Germanisch ist das Problem, wenn die Hamingja einer Gruppe (das personifizierte Glück/Wesen einer Gruppe) durch Ehrlosigkeit, fehlende Zivilcourage oder Lästerei einzelner Gruppenmitglieder beeinträchtigt wurde.

Viele naturreligiöse Traditionen haben in sich ein umfangreiches soziales, religiöses und emotionales Know-how über solche Themen wie menschliches Miteinander, Kindererziehung, Erotik, Gewalt, Leben mit der Natur, Krankheit, Abenteuer und Magie gespeichert. Wer sie verstehen will und von ihnen lernen will, muss jedoch die geschlossenen westlichen Gedankengebäude des Marxismus genauso verlassen wie die des Liberalismus, sich von den Kategorien der psychologischen Wissenschaft genauso freimachen wie von denen der modernen Esoterik.

Naturreligiöse Traditionen sehen die Welt anders als die weit verbreiteten esoterischen oder spirituellen Traditionen, denen man heute in jedem Selbsterfahrungsworkshop und in jedem New Age Ratgeber begegnet. In naturreligiösen Kulturen haben "religiöse" Inhalte eine soziale Bedeutung, sie dienen nicht zur individualistischen Selbstperfektionierung wie in der heutigen Esoterikszene ("Krafttierreisen zur persönlichen Stärkung"). An diesem Punkt strampelt sich deshalb die Kommerzialisierung des New Age hilflos ab: Man kann noch so viele Schamanen-Workshops besuchen, man wird nie ein Schamane. Denn der hatte eine hochkomplexe und ausgearbeitete Funktion in einer Gemeinschaft. Das gleiche gilt für Druiden, Goden oder Hexen. Der weit überwiegende Teil naturreligiöser Traditionen ist nur im Kontext einer Gemeinschaft zu denken, sei dies nun ein germanisches Dorf, ein indianischer Stammesverband, ein keltischer Clan oder eine griechische Polis. Es gibt in solchen Kulturen ein umfangreiches tradiertes Wissen wie Kinderbetreuung organisiert, die Ansichten der Großmütter und -väter genutzt, Männer- und Frauengruppen gestaltet und das Gemeinwohl gefördert werden können.

Manches von diesem Wissen hat in trivialisierter Form auch bereits die Esoterik und Selbsterfahrungsszene erreicht: schamanische Tierreisen gibt es beim Gestalttherapeuten, Gemeinschaftsrituale der Dagara in Kommuneprojekten, "indianische" Sprechstabrunden werden in Selbsthilfegruppen abgehalten, Merlins "Druidenweisheiten" bei Bastei-Lübbe verlegt. Diese Aneignung im Zuge einer kommerziellen Nutzung von naturreligiösen Traditionen ist für westliche Gesellschaften eine Chance: Sie ist das Vehikel, mit dem Fertigkeiten und Know-how solcher Traditionen entdeckt werden können und die Gesellschaft bereichern, ganz so wie die afrikanische Kunst von Naturvölkern der modernen Kunst (Picasso etc.) oder afrikanische Musik der modernen Unterhaltungsindustrie (Blues, Jazz, Reggae etc.) entscheidende Impulse gegeben haben.

Die verschiedenen Modelle und Lebensweisen in naturreligiösen Kulturen müssen natürlich für ein Leben im modernen Europa differenziert betrachtet werden. Solche Kulturen bieten nicht per se auf alle Sorgen und Herausforderungen von modernen, westlichen Gemeinschaften eine Lösung. Und sie sind auch nicht das kulturelle oder spirituelle Non-Plus-Ultra. Sehr wahrscheinlich will niemand heutzutage das Sklavenwesen nordwest-amerikanischer Indianerclans wieder einführen - oder das Abschneiden und Sammeln von Menschenköpfen durch keltische Krieger. Niemand kommt um die Pflicht herum im Detail zu entscheiden, welche Praktiken, Gebräuche und Fertigkeiten naturreligiöser Kulturen für das moderne Leben genutzt werden können und welche nicht.

Das Auftreten der Naturvölker

Der "weiße Eskimo" Jean Malaurie hat einmal auf die Frage, was seiner Ansicht nach die herausragende Tatsache des ausgehenden Jahrtausends sei, geantwortet: "Das Auftreten der Naturvölker". Lässt man einmal die eurozentrische Konnotation dieser Aussage außer acht, stimmt sie optimistisch. Malaurie glaubt, dass die außereuropäischen Naturvölker mit ihren Philosophien und ihrem schöpferischen Geist dem Westen aus der derzeit allgegenwärtig besungenen "Krise des Abendlandes" heraushelfen können. Ich weiß nicht, ob das Abendland in einer (singulären) Krise steckt, es erlebt aber immer wieder - wie jede Zivilisation - Krisen. Naturreligiöse Traditionen, nicht nur der Naturvölker, können ihren Beitrag dazu leisten, dass diese Zivilisation dazulernt und neue Antworten auf neue Herausforderungen findet. Und das kann spannend werden: Was wäre denn, wenn in unserer Gesellschaft Schlachtschweine Personenrechte erhielten? Oder was wäre, wenn arrivierte Honorationen, wenn sie zum Bürgermeister eines Dorfes gewählt werden, ersteinmal mit der Göttin des Landstrichs schlafen müssen? Interessant ist auch die Frage, wie eine moderne Gesellschaft aussehen würde, in der analog zu matriarchalischen Traditionen Frauen die wichtigsten Wirtschaftsgüter wie Unternehmen, Immobilien, Gelder und Nahrungsmittel verwalten und verteilen würden. Und wie würden sich die Wissenschaften verändern, wenn das grundsätzliche Modell von Zeit keines wäre, dass auf stetige "Höherentwicklung" (der biologischen Spezies, der Zivilisation etc) aufgebaut wäre, sondern auf Zyklen?

Es wäre naiv zu glauben, dass solche Veränderungen zu paradiesischen Zuständen führen müssen. Aber es kann gute Gründe dafür geben, dass unsere Gesellschaft sich dafür entscheidet, in diesen Dingen von naturreligiösen Traditionen zu lernen. Auch wenn es vielleicht nur der Unterhaltungswert wäre, einem Bürgermeister beim Vögeln zuzusehen.

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Kulturhistorische Beiträge

Óskmejyar Teil 1 - Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I (von Hans Schuhmacher)
Thesen zur Germanischen Frau (von Hans Schuhmacher)
Die unbekannte Tradition: Slawisches Heidentum(von Anna Kühne)

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