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Hans Schuhmacher Voelkische 3
28.04.2017, 09:55

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Völkische Ideologie - Teil 3: Der Diskurs, der den Rassismus hervorbringt

Nunmehr gilt es, die Versatzstücke und Grundelemente der völkischen Ideologie herauszuarbeiten. Da hier und da bereits aus dem 19. Jahrhundert stammende Elemente kurz aufgeschienen sind - wir werden im Folgenden zeigen können, dass die "Neue Rechte", was die völkische Ideologie anbelangt, zwar versucht, neue Taktiken anzuwenden, sonst aber in keiner Hinsicht "neu" ist - wird es lohnend sein, die Geschichte des Denkmodells, das der Rassismus darstellt, ein wenig zu beleuchten.

Michel Foucaults Vorlesungen am Collège de France aus den Jahren 1975 und 1976, zusammengefasst unter dem Titel "In Verteidigung der Gesellschaft", können uns hier als Leitfaden dienen. Leider können wir hier nicht sämtliche Fragestellungen und Thesen, die Foucault allein in diesem Buch aufwirft, auf unser Thema anwenden - das Ariosophieprojekt verdankt Michel Foucault ohnehin viel - sondern müssen uns mit denjenigen Teilen begnügen, die den Diskurs besprechen, der den Rassismus hervorbringt.

Die Beschäftigung mit dem Rassismus ist kein Spiel. Es geht nicht darum, jemandem mit dem Etikett "Rassist" sozusagen einen Schwarzen Peter zuzuspielen, auf dass dieser sich ärgere, oder, getrieben von unreflektierten millenialistischen Reinigungsimpulsen, mit Zuweisungen des Status "Rassist" oder gar "Nazi" unverantwortlichen Unfug zu treiben und so den echten Rassisten und Nazis in die Hände zu arbeiten, wie wir es seitens der Antifa gelegentlich erlebt haben. Daß zeitgenössischer Rassismus hier und heute Menschenleben fordert, dürfte inzwischen selbst dem betulichsten Abwiegler klargeworden sein -aber die Gefahr, die von jeder Form des Rassismus ausgeht, geht weit über politisch motivierten Mord hinaus. Wir sind mittlerweile bereits auf eigenem Weg zu dem Schluß gelangt, dass das Ziel jeglichen Rassismus stets die Zementierung gesellschaftlicher Ungleichheit ist. Der jammernde Ruf der Helfershelfer nach "Toleranz" für die Rechten ist nicht nur widerwärtig in Hinblick darauf, dass über die berechtigten Anliegen der menschlichen Angriffsziele des Rassismus zynisch hinweggegangen wird, er ist außerdem - selbst wenn er von Heidenszenen-"Heiden" kommt - erstaunlich dumm und kurzsichtig. Rassismus als Ideologie der verewigten Ungleichheit mit dem Ziel, diese in die gesellschaftliche Realität umzusetzen, wird selbstverständlich vor den demokratischen Grundrechten der Helfershelfer nicht haltmachen, die von diesen dazu genutzt werden, beim Bau ihres eigenen Kerkers mitzuarbeiten. In dieser Hinsicht ist uns Focaults Beschäftigung mit den Rassismus enorm hilfreich, denn er sieht ihn im Rahmen gesamtgesellschaftlicher Strategien.

Der Diskurs, der den Rassismus hervorbringt, entstand, so Foucault, zuerst als Gegendiskurs gegen einen anderen, der, ursprünglich römisch, der einzige politisch-historische Diskurs des Mittelalters war. "Im hohen Mittelalter hatte Petrarca eine Frage gestellt, die ich ziemlich erstaunlich und in jedem Fall grundlegend finde. Er sagte folgendes: "Was gibt es eigentlich in der Geschichte, was nicht zum Ruhme Roms geschieht?" Ich denke, dass Petrarca mit dieser einzelnen Frage die Historie ziemlich genau getroffen hat, wie sie immerzu, nicht nur in der römischen, sondern auch in der mittelalterlichen Gesellschaft, zu der Petrarca selbst gehörte, praktiziert wurde. Einige Jahrhunderte nach Petrarca kam im Abendland eine Geschichte auf, die alles andere war als die Lobpreisung Roms, eine Geschichte, in der es ganz im Gegenteil darum ging, Rom als ein neues Babylon zu demaskieren und gegen Rom die verlorenen Rechte Jerusalems geltend zu machen. Eine ganz andere Form der Historie, eine ganz andere Funktion des historischen Diskurses wurde geboren... . Rom war noch gegenwärtig und wirkte im Mittelalter als eine Art andauernder und aktueller historischer Gegenwart fort. Rom wurde wahrgenommen als in tausend Kanäle unterteilt, die alle Europa durchqueren und wieder nach Rom zurückführen... . Der Diskurs des Rassenkampfes bringt nun genau diese Art Bruch hervor, der etwas einer anderen Welt zuordnet und ab da als antiquiert erscheinen lässt: Es kommt zu einem Bewusstsein des Bruchs, das bis dahin unbekannt war. Im Bewusstsein Europas steigen Ereignisse auf, die bis dahin nur vage Wendungen gewesen waren und im Grunde die große Einheit, die große Legitimität, die große blendende Kraft Roms nicht angetastet hatten. Es kommt zu Ereignissen, die nun die wahren Anfänge Europas bilden werden - blutige Anfänge, Anfänge der Eroberung: die Invasionen der Franken, die Invasionen der Normannen..."

Es ist heute schwer vorstellbar, aber Petrarca hatte seine Frage im vollen Ernst gestellt: so und nicht anders wurde Geschichte wahrgenommen, bis der Gegendiskurs auftrat. Verschwunden ist er übrigens nicht, der Diskurs zur Lobpreisung Roms: durchmischt mit Elementen, die den verschiedenen Entwicklungsstufen des Gegendiskurses entstammen und die wir noch kennenlernen werden, lebt er fort in der Selbstbeweihräucherung einzelner Nationalstaaten (beispielsweise der USA unter George W. Bush) oder in kritikloser Selbstbeweihräucherung des christlichen Abendlandes - aber es ist nicht mehr der selbe Diskurs. Der alte Diskurs hatte keinen anderen neben sich, keine Durchmischungen, und galt für den gesamten Gesichtskreis des christlichen Abendlandes, nicht separat für einzelne seiner Teile.

Der Gegendiskurs, der neue Diskurs erschien in der Frühen Neuzeit. Foucault nennt seine erste Entwicklungsstufe den Diskurs des Rassenkampfes, wie wir oben gesehen haben. Beispielsweise entzündete sich im 17. Jahrhundert in England ein Streit zwischen König James I., der den bis dato in England unbekannten Absolutismus einführen wollte, auf der einen Seite, und den englischen Parlamentariern, die ihm das Recht dazu bestritten, auf der anderen. Beide Parteien beriefen sich hierbei auf die normannische Eroberung im 11. Jahrhundert: der König sah sich als Erbe der Normannenkönige und daher als Besitzer Englands. Die Parlamentarier bestritten ihm das: er sei nicht der Erbe gewaltsamer Eroberer, sondern der Erbe eines legitimen Nachfolgers, nämlich Wilhelm des Eroberers, und habe insofern dessen Rechte, aber auch dessen Pflichten geerbt, nämlich die Gesetze Englands zu achten. "Die Monarchie Wilhelms legitimiert sich in dieser Analyse genau durch das, was seine Macht limitiert. Im übrigen, ergänzen die Parlamentaristen, wenn es sich um eine Eroberung gehandelt hätte, wenn die Schlacht von Hastings wirklich zu einer reinen Herrschaftsbeziehung der Normannen über die Angelsachsen geführt hätte, hätte die Eroberung niemals Bestand haben können. Wie hätten sich ein paar zehntausend armseliger Normannen, über die englischen Ländereien verstreut, dort halten und wirklich eine dauerhafte Macht begründen können? Man hätte sie nach Ausgang der Schlacht sicherlich in ihren Betten ermordet..."

Charakteristisch für den Diskurs, den Foucault denjenigen des Rassenkampfes nennt, ist, dass im 17. Jh. der Gegensatz König versus Parlamentarier zu einem Gegensatz Normannen versus Angelsachsen wird (der einzige Tatbestand, in dem beide Parteien übereinstimmen!) und zwei sich widersprechende historische Versionen ein und derselben historischen Begebenheit aufgefahren werden: die Geschichte des Königs ist nicht, nicht mehr, die Geschichte der Parlamentarier.

Ebenfalls im 17. Jh. in England greifen die revolutionären "Levellers" und "Diggers" das normannische Eroberungsszenario wieder auf, aber unter völlig anderen Vorzeichen. Für sie gab es sehr wohl eine gewaltsame Eroberung, die eine Gewaltherrschaft einleitete, einen seither währenden Zustand, in der die Gesetze kein Recht, sondern lediglich Instrumente zur Unterdrückung der Eroberten darstellten. "Wilhelm und seine Nachfolger, sagte Lilbourne, haben aus denjenigen, mit denen sie Straßenraub, Plünderung und Diebstahl begangen haben, Herzöge, Barone und Lords gemacht. Folglich ist das Eigentumsverhältnis zu eben diesem Zeitpunkt noch immer der Kriegszustand der Besetzung, der Konfiszierung und der Plünderung..."

Auch der Gegensatz zwischen Arm und Reich wird hier - und das macht das Neue dieses Diskurses aus - zu einem Gegensatz zwischen Angelsachsen und Normannen gemacht: es ist ein Anklagediskurs reinsten Wassers. Für die englischen Revolutionäre des 17. Jahrhunderts waren die Herrschenden nicht nur Rechtsbrecher, sondern fremde Rechtsbrecher, gewaltsame Eindringlinge und deren Nachkommen, immer noch Fremde, die den vorherigen Zustand des Rechts vernichtet und durch ein System festgeschriebenen und fortgesetzten Unrechts ersetzt hatten.

Wohlgemerkt - dies ist noch nicht der rassistische Diskurs! Trotzdem können wir bereits hier ein Element identifizieren, das sich in der völkischen Ideologie wiederfindet: die eingedrungenen Fremden, die den Einheimischen ein für diese nachteiliges System (Revolutionäre: Eigentumsverhältnisse; Völkische: "orientalische Wüstenreligion") aufgezwungen und damit ein Unrecht gegen rechtmäßige Verhältnisse (Revolutionäre: angelsächsisches Recht; Völkische: "natürliche" Religion) permanent etabliert haben. Die derzeitigen Verhältnisse werden als empörend dargestellt und die Fremden dafür verantwortlich gemacht.

Ebenso wie der alte Diskurs von der Verherrlichung Roms eine Ursprungsform hatte, so auch der Diskurs des Rassenkampfes. "Mit diesem neuen Diskurs vom Krieg der Rassen zeichnet sich etwas ab, was sich im Grunde weit mehr der mythisch-religiösen Geschichte der Juden annähert als der politisch-legendären der Römer. Wir stehen hier eher auf Seiten der Bibel als der des Titus Livius, eher in einer hebräisch-biblischen Tradition als in der der Annalisten, die Tag für Tag die Geschichte und den ununterbrochenen Ruhm der Macht erzählten... Die Bibel war die Waffe des Elends und des Aufstands, sie war das Wort, das gegen das Gesetz und den Ruhm aufrichtet, gegen das ungerechte Gesetz der Könige und gegen den schönen Ruhm der Kirche. Insofern finde ich es nicht verwunderlich, dass mit dem ausgehenden Mittelalter, im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Reformation und auch der englischen Revolution eine Form der Historie auftritt, die der Geschichte der Souveränität und der Könige - der römischen Geschichte - strikt entgegengesetzt ist und sich in der großen biblischen Form der Prophetie und der Verheißung artikuliert."

Es wird den Völkischen gar nicht gefallen, dass ihr Anklagediskurs gegen das Unrecht der Fremden ohne das biblische Vorbild - also das der "orientalischen Wüstenreligion"! - weder denkbar noch entstanden wäre. Die Wirkungskette "Invasion der Fremden - fortgesetztes Unrecht und Missstände" gehört genau wie die Identifikation von Parteien einer Auseinandersetzung mit ethnischen Gruppen bereits zu Foucaults "Diskurs des Rassenkampfes".

Der Diskurs des Rassenkampfes erschien, wie wir am Beispiel der englischen Revolutionäre gesehen haben, als Gegen-Geschichte und eröffnete erstmalig die Möglichkeit, etabliertes Recht zu Unrecht zu erklären. Dies führte schließlich dahin, dass die Gegenseite sich im 19. Jahrhundert dieses Diskurses bemächtigte, als die Industrialisierung einerseits die gesellschaftliche Produktivität vervielfachte, andererseits aber das Schreckgespenst der Revolution die Herrschenden heimzusuchen begann: "Von da aus lässt sich verstehen, denke ich, wie und warum dieser Diskurs um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Neuansatz werden konnte. Und zwar zu dem Zeitpunkt, da er dabei ist, sich in einen revolutionären Diskurs zu verwandeln oder zu übersetzen oder überzugehen, in welchem der Terminus Rassenkampf durch den des Klassenkampfes ersetzt wird ... . Sobald sich eine Gegengeschichte revolutionären Typs herausbildet, formiert sich noch eine weitere Gegen-Geschichte, die in dem Maße zur Gegen-Geschichte wird, wie sie in einer biologisch-medizinischen Perspektive die in diesem Diskurs gegenwärtige historische Dimension tilgt. Damit tritt in Erscheinung, was als Rassismus bezeichnet werden muß. Indem er Form, Absicht und Funktion des Diskurses des Rassenkampfes übernimmt, aber umfunktioniert und verdreht, lässt sich dieser Rassismus als einer charakterisieren, der das Thema des historischen Krieges mit seinen Schlachten, Invasionen, Plünderungen, Siegen und Niederlagen – durch das biologische, post-evolutionistische Thema des Kampfs ums Überleben ersetzt. Es geht nicht mehr um Schlacht im kriegerischen Sinn, sondern um Kampf im biologischen Sinn: um Differenzierung der Arten, Selektion des Stärksten, Bewahrung der am besten angepassten Rassen usw.. An die Stelle des Themas der binär strukturierten Gesellschaft, die dank Sprache, Recht usw. in zwei Rassen und zwei Gruppen geteilt ist, tritt das Thema einer Gesellschaft, die im Gegenteil biologisch monistisch sein wird. Sie wird nur von gewissen heterogenen Elementen bedroht, die jedoch nicht wesentlich für sie sind und den Gesellschaftskörper, den lebendigen Körper der Gesellschaft, nicht in zwei Teile teilen, sondern in gewisser Weise zufällig sind. Es ist die Vorstellung von Fremden, die sich einschleichen, und von Abweichlern, die die Nebenprodukte dieser Gesellschaft sind. Schließlich wird sich das Thema des Staates, der in der Gegen-Geschichte der Rassen notgedrungen ungerecht war, in das gegenteilige Thema verkehren: Der Staat ist nicht mehr das Instrument einer Rasse gegen eine andere, sondern ist und wird zum Beschützer der Integrität, der Überlegenheit und Reinheit der Rasse. Die Idee der Reinheit der Rasse mit allem, was sie zugleich an Monistischem, Staatlichem und Biologischem enthält, tritt an die Stelle der Idee des Rassenkampfes."

Tatsächlich finden wir hier - mit Foucault - im 19. Jahrhundert bereits diejenigen Elemente wieder, die wir im vorigen Kapitel als charakteristisch für die völkische Ideologie herausgearbeitet haben: die geleugnete Historizität, die durch Biologismen ersetzt wurde, das monistisch - "natürliche" "Volk". Foucault liefert uns gleichzeitig den Schlüssel für die dahinterstehende Motivation: durch das Leugnen der Historizität wird Kritik nach dem Typus des revolutionären Diskurses abgewürgt. Eine solche Kritik würde sich heute beispielsweise gegen die Globalisierung richten, den Neoliberalismus, die Zerstörung der Sozialsysteme in Europa und den USA, das Zurückdrängen demokratischer Partizipation aller bei gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Kritik des revolutionären Typus muß nicht auf eine Revolution hinauslaufen, da eine vehemente Einforderung der verfassungsmäßigen Rechte aller in den parlamentarischen Demokratien des christlich-abendländischen Typus vollauf genügen würde, das derzeitige Bild sehr grundlegend zu verändern. Charakteristischerweise haben völkisch-neurechte Unterwanderungsversuche gegen Organisationen von Globalisierungsgegnern schon stattgefunden. Die Völkischen brauchen sich hierzu nur die Hinterlassenschaft des gemeinsamen Ursprungs des revolutionären Diskurses einerseits und des rassistischen Diskurses andererseits zunutze zu machen. Mit politischen Positionen hat das wenig zu tun: wenn Demokraten und Linke die Genealogie des eigenen politischen Denkens nicht kennen und nicht reflektieren, droht ihnen stets der Angriff des rassistischen Parasiten aus dem so entstandenen toten Winkel. Es ist keinesfalls ein Mysterium, wie so etwas geschehen kann. Ich will nicht etwa auf einen Unfug von vermeintlichen Ähnlichkeiten zwischen linken und rechten Positionen hinaus, diese sind von ihrer Zielsetzung her diametral entgegengesetzt. Der Mangel an fundierter Kulturkritik und Selbstreflektion seitens der Linken jedoch, die in der Regel alles quasi-monokausal an der Ökonomie festmachen wollen, hat ihnen schon viele Probleme und Niederlagen eingebracht und wird das bei Fortdauern dieses Zustands auch weiterhin tun.

Wie angekündigt, finden wir unter hauchdünnen neuen Kleidern die selbe alte rassistische Vogelscheuche aus dem 19. Jahrhundert wieder, die wir als Kern von Theosophie und Ariosophie identifizieren konnten. Es scheint fast so, als habe der Rassismus einige Eigenschaften mit dem Teufel der mittelalterlichen Kirche und der Märchen gemein: er kann nichts erschaffen oder hervorbringen, sondern nur Vorhandenes verdrehen und verderben, und er verfügt nur über eine sehr begrenzte Auswahl immer derselben Kniffe und Tricks.

Aber hören wir noch einmal Foucault zum Diskurs, der den Rassismus hervorbringt: "Sobald das Thema der Reinheit der Rasse jenes des Rassenkampfes ablöst, wird, wie mir scheint, der Rassismus geboren, vollzieht sich die Umwandlung der Gegen-Geschichte in biologischen Rassismus. Der Rassismus im Abendland ist nicht zufällig an den antirevolutionären Diskurs und dessen Politik gebunden, er ist nicht einfach ein zusätzliches ideologisches Gebäude, welches seinerzeit in einer Art antirevolutionären Großprojekts mitentstanden wäre. Ab dem Zeitpunkt, da der Diskurs des Rassenkampfes in den revolutionären Diskurs übergeht, entsteht der Rassismus aus der Wurzel des Rassenkampfdiskurses als der in die Gegenrichtung gewendete revolutionäre Gedanke mitsamt seinem Projekt und seiner Prophezeiung. Der Rassismus ist buchstäblich der umgedrehte revolutionäre Diskurs. Oder anders: wenn der Diskurs der Rassen, der gegeneinander kämpfenden Rassen, die Waffe war, die gegen den historisch-politischen Diskurs der römischen Souveränität gerichtet war, so ist der Diskurs der Rasse (der Rasse im Singular) eine Methode, diese Waffe umzukehren und ihre Schärfe zugunsten der bewahrten Staatssouveränität einzusetzen, einer Souveränität, deren Glanz und Kraft nun nicht mehr durch magisch–rechtliche Rituale, sondern durch medizinisch-normalisierende Techniken gesichert werden. Dank des Übergangs vom Gesetz auf die Norm, vom Rechtlichen auf das Biologische, vom Plural der Rassen zum Singular der Rasse, dank einer Transformation, die aus der Absicht der Befreiung die Sorge um Reinheit werden ließ, hat die Staatssouveränität den Diskurs des Rassenkampfes eingesetzt, in ihre Überlegung miteinbezogen und in ihrer Strategie wiederverwendet. Die Souveränität des Staates hat so aus ihm den Imperativ des Rassenschutzes gemacht - als Alternative und Blockade gegen den Aufruf zur Revolution, der seinerzeit von jenem alten Diskurs der Kämpfe, der Entzifferungen, Forderungen und Verheißungen abstammte."

Sowohl der Diskurs des Rassenkampfes als auch der Diskurs des Rassismus formten paradigmatische Muster in der christlich-abendländischen Denkwelt. Die Invasionstheorie, die Theorie vom festgeschriebenen Unrecht, von gewalttätigen fremden Eroberern aufgezwungen, findet sich keineswegs nur in rechten Ideologien. So war ein Teil der feministischen Theorie lange Zeit von einer Invasionstheorie reinsten Wassers geprägt.

Der pseudo-kulturhistorische Ansatz vieler feministischen Autorinnen beruhte auf der "Mutterrechts"-Theorie Johann Jakob Bachofens (1815 - 1887). Bachofen war der Auffassung, dem von ihm als Fortschritt wahrgenommenen "Vaterrecht" sei in der gesamten Menschheitsgeschichte ein "Mutterrecht" vorausgegangen - ein Zustand, den Bachofen keinesfalls guthieß und den er als glücklicherweise überwundenes Frühstadium ansah. Freilich bestätigte Bachofen ein von Hysterietheorien bestimmtes Frauenbild seiner Zeit und war auch ansonsten voll und ganz von wissenschaftlichen Phantomen des 19. Jahrhunderts abhängig. Wissenschaftlich gesehen ist Bachofens Theorie völlig ad absurdum geführt.

Aber als das bereits geschehen war, bemächtigten sich feministische Autorinnen Bachofens und drehten seine Aussagen um: ja, solch ein Stadium der Menschheitsgeschichte habe es gegeben, es habe von Frauen beherrschte Gesellschaften gegeben, und in diesen hätten kraft der Tatsache, daß Frauen von Natur aus bessere Menschen sind, paradiesische Zustände geherrscht. Dann seien brutal-barbarische(!) Horden eingefallen und hätten die Männerherrschaft mit Gewalt errichtet, das Patriarchat.

Wir erkennen unschwer das polare Muster und die Invasionstheorie, das wir am Beispiel der Revolutionäre des 17. Jahrhunderts gezeigt haben. Zweifellos ist dieser Matriarchatsdiskurs ein Anklagediskurs. Foucault hat gezeigt, dass der Diskurs des Rassenkampfes ein bipolares Grundmuster hat, und hier erscheint es als Geschlechterkampf, beruhend auf den im Übrigen nicht hinterfragten Definitionen von "Mann" und "Frau", deren Historizität völlig übersehen wird. Bezeichnend ist, dass seinerzeit (dieser Matriarchatsdiskurs wird mittlerweile von feministischer Seite heftig kritisiert) keinerlei Kritik seitens der politischen Linken an einer solchen Theorie laut wurde.

Wir können nunmehr zur Beantwortung der aus dem vorigen Kapitel verbliebenen Fragen übergehen: wie dockt die völkische Ideologie an bereits Vorhandenem an, um mittels des Mechanismus der Kohärenz ihre Inhalte zu transportieren? Wie soll sie an den Wächtern der Demokratie vorbeischlüpfen? Die Fragen lassen sich zusammen beantworten: die heutige christlich-abendländische Weltanschauung und die völkische Ideologie haben im Grunde den selben Ursprung. Beide entstanden im 19. Jahrhundert, beide haben dem antirevolutionären Diskurs des 19. Jahrhunderts viel zu verdanken. Wir haben gesehen, wie tief die beiden Diskurse - der des Rassenkampfes und der des Rassismus - im christlich-abendländischen Denken verankert sind. Hier braucht die völkische Ideologie - oder genauer: brauchen die völkischen Ideologen - nur Vorhandenes aufzugreifen. Die von Foucault oben erwähnten und anderswo sehr ausführlich besprochenen Normalisierungstechniken der bürgerlichen Gesellschaft nutzen eben nicht nur dieser respektive ihren Machthabern, ihre Resultate können ebenfalls von rechten Ideologen jeglicher Couleur aufgegriffen und benutzt werden. Man tue ja nicht so, als sei beispielsweise dumpfe Xenophobie dort, oder gar nur dort, zu hause, wo von "natürlichen Religionen" phantasiert wird. Die Strategie der Völkischen beruht schlicht darauf, im Windschatten der Normalität zu existieren und von dort aus auf diese einzuwirken. Ihre Verteidigungsstrategie beruht allem Anschein nach darauf, dass sie nicht effektiv angegriffen werden kann, ohne dass man gleichzeitig die Normalität angreift. Na und? Ich behaupte, dass keineswegs nur "völkische Heiden" "Völker" für etwas "Natürliches" und "Orientalen" für "fanatisch" halten, ein großartiges Zeugnis für die politische Bildung in einer Gesellschaft, die sich die Erklärung der Menschenrechte in die Verfassung geschrieben hat. Invasionstheorien und Appelle an die "Natur" und ihre Ordnung - hierzu mehr im nächsten Kapitel - können jederzeit an Grundmuster des christlich-abendländischen Denkens andocken. Wer in der Vogelscheuche aus dem 19. Jahrhundert eine ernste Bedrohung sieht, hat ganz sicher recht - aber sie trägt eben nicht nur den weißen Armanenkittel oder das karnevalistische Wikingerkostüm des "völkischen Heiden". Sie trägt auch, und das sehr gern, einen Schlips, wäscht am Samstag den Wagen und geht sonntags zur Kirche. Teil 4: Die Mystifizierung, verkleidet als Rationalilät

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