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Herzfeld prägte den Begriff "strukturelle Nostalgie" (structural nostalgia) für eine ganz bestimmte Form dieses Rückbezugs. (2) Strukturelle Nostalgie konstituiert zuerst ein ideales, früheres Zeitalter, in welchem Verhältnisse und soziale Praktiken derart perfekt sind, dass sich alles ohne staatliche Intervention regeln lässt. In der Regel wird dieses Zeitalter in einer vorstaatlichen Epoche verortet: es gab keinen Staat, weil es keinen geben musste; oder aber: der Staat hat seit seiner Entstehung die idealen Verhältnisse korrumpiert und verdorben. Insbesondere zwei Gruppierungen pflegen die strukturelle Nostalgie, nämlich der Staat respektive die Regierenden selbst und seine entschiedensten Gegner.
Der Staat (ich folge hier Herzfelds Terminologie, der in diesem Zusammenhang von "the state" spricht) stellt sich als Bewahrer der ursprünglichen Reinheit der Nation dar. Er gibt seine Maßnahmen als Aktionen zum Schutz dieser Reinheit und zum Schutz der Nation selbst aus. In seiner Version sind es Fremde, Eindringlinge, Abweichler und Ungehorsame, denen es zur Last zu legen ist, dass die Verhältnisse nicht (mehr) ideal sind.
Die Gegner des Staates verweisen auf Missstände als Folge staatlicher Aktionen und als Folge der Existenz des Staates. Für sie ist es der Gehorsam gegenüber dem Staat, der die Missstände hervorbringt, wie es für den Staat der Ungehorsam ist.
All dies findet freilich in modernen Nationalstaaten (und mit diesen befasst sich Herzfelds Buch) unter den Vorzeichen des Nationalismus statt. Ganz im Gegensatz zu den Wahrheiten in den humanwissenschaftlichen Instituten ist außerhalb von diesen die nationalistische Geschichte (die wir im vorigen Kapitel kennen gelernt haben) die Geschichte überhaupt. Das ideale Zeitalter der strukturellen Nostalgie ist also in modernen Nationalstaaten entweder ein rein nationalistisches Konstrukt oder doch von diesem überschattet und stark eingefärbt.
Darum entsteht, wenn der Staat, der sich als Hüter der Nation aufspielt, mit seinen Maßnahmen aber offensichtlich gegen die Interessen großer Teile der Bevölkerung handelt, und das in kontinuierlicher Weise, eine äußerst gefährliche Situation. Es gibt nämlich eine andere politische Macht, die den Nationalismus voll und ganz befürwortet und vertritt, und das ist der Rechtsextremismus.
Die strukturelle Nostalgie ist für den Rechtsextremismus wie geschaffen. In einer vom Nationalismus geprägten kollektiven Wahrnehmungsweise von Gesellschaft und Geschichte können sich die Rechtsextremisten umso mehr als Bewahrer der Nation und ihrer Reinheit aufführen, je mehr der Staat diesbezüglich aus der Rolle fällt. Die "natürlichen Völker" der völkischen Ideologie sind nur ein Beispiel dafür, wie der Rechtsextremismus das nationalistische Konstrukt eines quasi naturhaften Volkes gegen die Künstlichkeit und Verdorbenheit der bestehenden Verhältnisse - aus seiner Sicht - ausspielen kann.
"Die NPD" schrieb Thorsten Stegemann am 23.09.2004, "kommt ihrem Ideal der "national befreiten Zonen", das 1991 erstmals in einem Strategiepapier des "Nationaldemokratischen
Hochschulbundes" auftauchte, wieder ein Stück näher. Darin hieß es:
"Wir betrachten die befreiten Zonen aus militanter Sicht, also aus der Sicht des politischen Aktivisten. Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeutet für uns zweierlei. Einmal ist es die Etablierung einer Gegenmacht. Wir müssen Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig sind, d.h. wir bestrafen Abweichler und Feinde, wir unterstützen Kampfgefährtinnen und -gefährten, wir helfen unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern. Das System, der Staat und seine Büttel werden in der konkreten Lebensgestaltung der politischen Aktivisten der Stadt zweitrangig. Entscheidender wird das Verhalten derer sein, die für die Sache des Volkes kämpfen, unwichtig wird das Gezappel der Systemzwerge sein. Wir sind drinnen, der Staat bleibt draußen." (3)
Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Wortwahl des NPD-Autors lenken. Das "Volk", die "Sache des Volkes" und diejenigen, die für sie kämpfen, werden sorgfältig in Gegensatz zum System, zum Staat und seinen Bütteln gebracht. Das Volk ist für Nationalisten und Rechtsextremisten naturhaft, das System ist immer künstlich. Folglich sind die "national befreiten Zonen" Orte, an denen das künstliche System ausgeschlossen ist und die Naturhaftigkeit des Volkes waltet.
Die inzwischen existierenden "national befreiten Zonen" sind Orte, an denen dunkelhäutige oder in anderer Hinsicht Rechtsextremisten unliebsam auffällige Menschen damit rechnen müssen, überfallen und zusammengeschlagen zu werden.
Man darf sich indessen nicht wundern, wenn Menschen, deren Wahrnehmung von Geschichte und Gesellschaft vom Nationalismus geprägt ist, sich rechtsextremistischen Gruppierungen insofern zuwenden, als sie diese wählen, wenn sie sich vom Staat selbst in Bedrängnis gebracht sehen. Seit Ankündigung und Durchführung von Hartz IV feiern rechtsextreme Parteien sensationelle Wahlerfolge. Da hilft es nicht, wenn beispielsweise der amtierende Bundeskanzler Schröder die gegen Hartz IV Protestierenden als Egoisten darstellt, die das Wohl "unserer" Kinder nicht im Auge hätten. Die von Hartz IV Betroffenen wissen sehr genau, was diese "Reform" für ihre eigenen Kinder bedeutet, und dass beispielsweise weder die Politiker noch deren Kinder von den Folgen betroffen sind.
Der Nationalismus dient so lange den Interessen der Regierenden, wie sich diese erfolgreich als Hüter der Nation aufspielen können. Hartz IV spaltet im täglichen Erleben vieler Menschen Staat und Nation auseinander. Folgender Eindruck entsteht bei diesen Menschen: Der Staat tut nichts, um die Arbeitsplätze derer zu erhalten, die noch welche haben, und unterstützt Lohndrückerei und andere Erscheinungen, welche den Druck auf die arbeitende Bevölkerung ständig erhöhen. Der Staat tut nichts gegen die ständig wachsende Arbeitslosigkeit. Der Staat erhöht fortwährend den Druck auf die Arbeitslosen und stürzt sie in die Armut. Wer in ständig wachsender Angst vor dieser Armut lebt oder sie tatsächlich zu spüren bekommt, wird immer weniger bereit sein, die Regierenden als Hüter der Nation anzusehen, zu der er sich selbst zählt.
"Wir" - Appelle des Kanzlers oder anderer Politiker schwächen diese Entwicklung nicht ab, sondern verstärken sie. "Wir" sehen uns nämlich nicht einem Mitarbeiter der "Bundesagentur für Arbeit" gegenüber, dem "wir" nachweisen müssen, dass wir uns aus seiner Sicht ausreichend um Arbeit bemüht haben, während dem Angeklagten im Strafprozess sein Vergehen nachgewiesen werden muss. "Wir" sehen uns nicht unserer Ersparnisse beraubt, "wir" müssen nicht unser Auto verkaufen, "wir" müssen nicht mit dem sozialen Stigma der Arbeitslosigkeit leben und uns als Faulpelze und Sozialparasiten beschimpfen lassen. "Wir" geraten nicht in die soziale Isolation, "wir" müssen keine Verachtung ertragen, "wir" müssen kein erbärmliches Leben führen.
Im konkreten Einzelfall haben die Betroffenen die Firma nicht vor die Wand gefahren, die Produktion nicht in Billiglohnländer verlagert, sich nicht an der Börse verspekuliert, die Rationalisierungsmaßnahme nicht durchgeführt. Das wissen sie auch. Das "wir" des Kanzlers wird zynisch. Und in diesem Moment hat die Stunde der Rechtsextremisten geschlagen. Das "wir" gleitet den Regierenden aus den Händen und fällt in die ihren. Die Gegenüberstellung von organisch-naturhaftem Volk und künstlichem System - und damit die strukturelle Nostalgie - entfaltet ihre Wirkung.
"Eine besonders fatale Wirkung der unsozialen Politik von Agenda 2010 besteht darin, dass sie rechten Rattenfängern in die Hände spielt", so ATTAC (4). "Angst, Unsicherheit und Verarmung waren schon in der deutschen Vergangenheit der Nährboden auf dem nationalistische und rassistische Ideologie besonders gut gedeiht. Auch jetzt versuchen Rechtsradikale wieder, die Unzufriedenheit für sich zu nutzen. Politisch ist Hartz IV daher ein brandgefährliches Spiel mit dem Feuer."
Wir haben gesehen, warum diese Einschätzung zutrifft und warum und auf welche Weise Rechtsextremisten - beispielsweise - von Hartz IV profitieren. Darum schließt sich das Ariosophieprojekt dem Protest gegen Hartz IV und die "Agenda 2010" an.
Was die strukturelle Nostalgie anbelangt, so ist sie diejenige Form des Rückbezugs auf die Vergangenheit, mit der man in modernen Nationalstaaten zu rechnen hat. Sie muss ebenso wenig wie andere Formen des Rückbezuges politisch nach rechts führen. Tut sie es aber, dann darum, weil das kollektive Gesellschafts- und Geschichtsbild vom Nationalismus geprägt ist: die idyllische Vergangenheit ist in verschiedener Hinsicht die wichtigste "national befreite Zone".
(1) Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994
(2) Herzfeld, Michael: Cultural Intimacy. Social Poetics in the Nation State. New York, London 1997, S. 109ff.
(3) Stegemann, Thorsten, Eine Volksfront des nationalen Widerstands http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/18383/1.html
(4) http://www.attac.de/hartz/
