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Hans Schuhmacher Nationalismus 01
28.04.2017, 09:55

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<< Nationalismus - Fallgrube aus dem 19. Jahrhundert | Liste Nach Autoren | Rückbezug auf die Vergangenheit >> Nationalismus

Das Hauptaugenmerk dieses Projekts ist bekanntlich der Rassismus, insbesondere seine kosmologischen und pseudo-spirituellen Spielarten. Rassismus und Nationalismus treten häufig gemeinsam auf, tun dies aber nicht in jedem Fall und können, wenn sie gemeinsam auftreten, in sehr unterschiedlichen Konfigurationen erscheinen. Außerdem ist in manchen Fällen die Trennlinie zwischen Rassismus und Nationalismus, also einem nicht-rassistischen "Nur-Nationalismus" und Formen, die rassistische Komponenten aufweisen, sehr schwer auszumachen. Auf keinen Fall jedoch sollte man sich von geschickter Wortwahl in die Irre führen lassen: anhand von Beispielen habe ich in "Völkische Ideologie" gezeigt, wie "Völker" von völkischen Ideologen in die "Natur" eingeschrieben werden und mithin den "Rassen" des Rassismus zumindest recht nahe kommen.

Eine weitere Schwierigkeit besteht aus falschen, aber weit verbreiteten Auffassungen von Rassismus und Nationalismus. Ähnlich wie beim Rassismus, bei dem bereits das Einteilen der Menschheit in "Rassen" die grundlegende Konstituierung darstellt und daher der Kern des Rassismus ist. ist der Kern das Nationalismus die Konstituierung von Völkern und Nationen als reale, nicht-konstituierte Bestandteile der Realität. Das heißt: ebenso wie Rassismus nicht erst dann vorliegt, wenn von überlegenen oder minderwertigen "Rassen" die Rede ist, liegt Nationalismus nicht erst dann vor, wenn die Überlegenheit einer Nation über andere die Rede ist oder wenn beispielsweise Territorialansprüche mit nationalistischer Propaganda vertreten werden. Ebenso wie es Formen des Rassismus gibt, die von der Allgemeinheit nicht als Rassismus wahrgenommen werden, zumal sie zur Alltagskultur des christlichen Abendlandes gehören, ist dies auch bei vielen Formen des Nationalismus der Fall.

Es müssen insbesondere diese Formen des Nationalismus sein, die uns hier interessieren. Diejenigen Formen des Nationalismus, die von der Allgemeinheit als solche "erkannt" werden, treten nämlich in unserem Feld eher selten auf, und wenn, dann nur bei offensichtlich rechtslastigen Gruppen. Amerikanische Völkische hingegen beziehen sich eher selten auf die amerikanische Nation, sondern behaupten von sich, "in Wirklichkeit" Deutsche oder Skandinavier zu sein, was sie mit ihrer genetischen Abstammung von deutschen oder skandinavischen Einwanderern begründen. Da sie ihre "Religion", also die religiös verbrämte völkische Ideologie, als ihnen aufgrund ihrer genetischen Abstammung wesensgemäß begreifen, sind solche Selbstzuordnungen nicht nebensächlich. Auch Völkische im deutschsprachigen Raum sprechen von Germanen und Kelten, nicht "alten Deutschen", und sehen "die Germanen" nicht nur als die Vorfahren der Deutschen an (wozu ich in "Etiam sanctum" Stellung genommen habe), sondern auch als die Vorfahren zum Beispiel der Niederländer und der Schweden. Dies führt nicht etwa zu Forderungen nach einen "germanischen Staat" oder dergleichen, zumindest nicht explizit, und es führt auch nicht zur Postulierung von Annexionsforderungen gegenüber von irgendwann von germanischen Stämmen besiedelten Gebieten. Obwohl sich die amerikanischen Völkischen nicht auf die amerikanische Nation beziehen und die deutschen nicht ausschließlich auf die deutsche, sind sie Nationalisten, wie wir sehen werden. Ebenso werden wir sehen, dass diese Formen des Nationalismus wesentlich sind für rechte Ideologien im naturreligiösen Bereich.

Es lohnt sich also, den Nationalismus als solchen näher zu betrachten, ehe wir fortfahren.

Der amerikanische Historiker Patrick J. Geary widmet sich in seinem Buch "Europäische Völker im frühen Mittelalter - zur Legende vom Werden der Nationen" (1) in erster Linie der Absurdität, frühmittelalterliche oder gar antike Gesellschaften als die linearen Vorläufer der modernen Nationen zu sehen oder auszugeben. Auch für ihn sind Völker selbstverständlich Erfindungen. Der Hauptteil des Buches bespricht die Gegebenheiten der Antike und des frühen Mittelalters, das Werk ist also jedem ans Herz zu legen, der sich in irgend einer Weise für die Thematik interessiert, zumal es Geary gelingt, eine sehr komplexe Thematik derart allgemeinverständlich darzulegen, dass auch Anfänger und Einsteiger keinerlei Probleme mit dem Text haben werden. Insbesondere lassen sich die pseudohistorischen Konstrukte der Heidenszene nach der Lektüre des Buches sehr leicht sowohl analysieren als auch als nationalistisch-rassistische Chimären enttarnen - ein Hinweis.

Geary befasst sich aber im ersten Teil des Buches mit dem Nationalismus als solchem, was für sein Vorhaben freilich sinnvoll und notwendig ist. "Die Geschichte des Nationalismus und seines Auftauchens im 18. und 19. Jahrhundert ist schon häufig erzählt worden. Man hat die Nationalstaaten der Gegenwart, die sich aus einer vorgeblichen ethnischen Homogenität herleiten, zu Recht als "imaginierte Gesellschaften" beschrieben, ins Leben gerufen durch die kreativen Bemühungen von Intellektuellen und Politikern des 19. Jahrhunderts, die ältere, romantische nationalistische Traditionen zu politischen Programmen erhoben. In einer ganzen Flut von Büchern und Aufsätzen, die sich teils an ein wissenschaftliches Publikum, teils an die breite Öffentlichkeit richten, wurde dargelegt, dass viele "jahrhundertealte Traditionen" - von nationalen Identitäten bis hin zum schottischen Plaid - in Wirklichkeit die Erfindung zynischer Politiker oder Unternehmer aus der jüngeren Vergangenheit darstellen." (2)
Trotzdem - und darauf weist auch Geary hin - erweist sich die Vorstellung von Völkern und Nationen als Bestandteile der Realität als außerordentlich hartnäckig. Die Flut von Büchern und Aufsätzen hat nicht das Geringste daran geändert, dass "wir" Weltmeister sind, wenn eine Gruppe von hochbezahlten Spitzensportlern ein Spiel gegen eine ebensolche Gruppe gewonnen hat, vorausgesetzt, die erste Gruppe heißt "Nationalmannschaft". Ich habe schon häufiger darauf hingewiesen, dass die Probleme, mit denen wir uns in diesem Projekt beschäftigen, keineswegs nur in der rechten Heidenszene oder rechtsextremistischen Kreisen existieren, sondern vielmehr ursprünglich Elemente der Alltagskultur sind, die dort völlig unverdächtig erscheinen. Die imaginierten Gesellschaften sind, so Geary, "überaus real und mächtig: alle wirklich bedeutsamen historischen Erscheinungen sind in einem gewissen Sinn auch psychische Phänomene, und psychische Phänomene haben vermutlich mehr Menschen das Leben gekostet als alle anderen Ursachen - von der Pest einmal abgesehen." (3)

Ich möchte an dieser Stelle einmal kurz illustrieren, wie das "psychische Phänomen" Nationalismus sich auswirkt, und zwar an einem alltäglichen Beispiel. Dass eine in Berlin-Neukölln geborene Türkin, die ebendort aufgewachsen ist und arbeitet, nicht wählen darf, also zum Beispiel nicht an der demokratischen Wahl des Bezirks- und Oberbürgermeisters teilnehmen darf, ist kein psychisches Phänomen, sondern gesetzliche Realität. Dass ihr dies die Möglichkeit nimmt, diejenigen Parteien zu wählen, die nicht durch Schüren von Fremdenfeindlichkeit Wählerstimmen sammeln, ist ebenfalls ein realer Fakt. Wenn sie sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufhält und beschimpft, bedroht oder zusammengeschlagen wird, ist dies ein realer Vorgang. Das psychische Phänomen, das Geary meint, ist der Konstituierungsprozess, der aus ihr im Moment ihrer Geburt eine Türkin und mithin eine Nichtdeutsche macht. Wer "Türkin" und wer "Deutsche" ist, regelt zwar ein Gesetz, dieses Gesetz aber beruht auf der Konstituierung der Nationen - wir erinnern uns: Nationen wurden erfunden und dann als Bestandteil der Realität ausgegeben. Die unserer Türkin zugewiesene Kategorie "Türkin" bestimmt ihr Leben von gesetzlichen Gegebenheiten hin bis zu jedweder alltäglichen Situation. Auch ist beispielsweise den täglich mit ihr interagierenden Deutschen (die auch aufgrund eines "psychischen Phänomens" Deutsche sind) keineswegs klar, dass "Türkin" eine künstliche Kategorie ist.

"Die Integration der bei uns lebenden Ausländer", sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung am 13.10.1982, "ist ein wichtiges Ziel unserer Ausländerpolitik. Integration bedeutet nicht ein Verlust der eigenen Identität, sondern ein möglichst spannungsfreies Zusammenleben von Ausländern und Deutschen. Integration ist nur möglich, wenn die Zahl der bei uns lebenden Ausländer nicht weiter steigt. Vor allem gilt es hier, eine unbegrenzte und unkontrollierte Einwanderung zu verhindern." (4)

Für Kohl sind die Ausländer und "wir", bei denen sie leben, anscheinend zwei klar trennbare Gruppen. "Wir" sind die deutschen Staatsbürger, vom Großaktionär bis zum Bettler. Es geht bei der Integration, so Kohl, nicht um einen Verlust der Identität: etwas muss mit den Ausländern geschehen, damit ein " möglichst spannungsfreies Zusammenleben" zwischen ihnen und "uns" möglich ist. Dass es ohne Integration nicht möglich ist, liegt anscheinend ausschließlich an den Ausländern, denn mit "uns" muss nichts geschehen. Um einen "Verlust der Identität" kann es ja allein schon darum nicht gehen, weil die Ausländer dann womöglich keine Ausländer mehr wären.

Aber mit Disziplinierung und Normalisierung der "Ausländer" ist es nicht getan: "Den Ausländern, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, muss die Rückkehr erleichtert werden. Jeder Mensch hat ein Recht, in seiner Heimat leben zu dürfen. Die Ausländer in Deutschland sollen frei entscheiden können, aber sie müssen sich auch entscheiden, ob sie in ihre Heimat zurückkehren oder ob sie bei uns bleiben und sich integrieren wollen." (5)

Jeder Mensch hat ein Recht, in seiner Heimat leben zu dürfen. Die "Heimat" der Ausländer ist derjenige Nationalstaat, dem sie nach dem deutschen Gesetz ausschließlich zugehörig sind. Das gilt auch dann, wenn sie in Deutschland geboren wurden, aufgewachsen sind und arbeiten und ihre "Heimat" nie gesehen haben. Tülay und Hakan gehören nicht zu "uns", wohl aber Menschen, die "wir" nie gesehen haben, mit denen wir bestenfalls die Sprache gemeinsam haben, auch wenn wir - im konkreten Einzelfall - mit Tülay und Hakan auf die Schule gegangen sind und Jörg der Betriebswirt, den wir nie kennen gelernt haben, die Firma vor die Wand fährt, in der wir arbeiten, so dass wir arbeitslos werden. Jörg hingegen gehört zu "uns". Er muss nicht "integriert" werden, auch wenn er ein geldgieriger Soziopath ist, Tülay und Hakan hingegen schon.

Das ist Nationalismus.

"Wer ist ein Deutscher?" fragt Geary. "Kann ein Emigrant Deutscher werden, oder ist die deutsche Identität eine Frage des Blutes, der Rasse? Ist die deutsche Identität mit ihrer christlichen "Leitkultur", die für Moslems, Juden und Angehörige aller anderen Religionen verbindlich sein soll, ein für allemal festgeschrieben? Diese Fragen sind in der Vergangenheit schon einmal gestellt worden - mit furchtbaren Konsequenzen." (6)

Hier zeigt sich, wie schwierig es sein kann, die Grenzlinie zwischen Nationalismus und Rassismus zu ziehen. Es zeigt sich auch, wie leicht "bloßer" Nationalismus zu Rassismus werden kann und wie leicht es geschickte rassistische Agitatoren haben, ihre Inhalte in eine solche Normalität hineinzutransportieren. Ich habe bereits in "Völkische Ideologie" darauf hingewiesen, dass der Rechtsextremismus in Windschatten der Normalität existiert.

Die gleichzeitig subtilste und wichtigste Komponente des Nationalismus ist allerdings nicht der aggressive Chauvinismus. Nationalismus verwischt auch nicht nur soziale und gesellschaftliche Gegensätze durch sein "wir", das Ausbeuter und Ausgebeutete als Mitglieder einer Gemeinschaft erscheinen lässt - dies ist die gängige Kritik der politischen Linken. Der Nationalismus konstituiert nicht nur die Nation, er konstituiert "uns", er sagt "uns", wer "wir" sind und wie "wir" sind. "Uns" werden Eigenschaften zugeordnet, Charakterzüge, Lebensweisen, Einstellungen, soziale Praktiken, denen wir im konkreten Einzelfall mehr oder weniger entsprechen - womöglich auch überhaupt nicht. Wurde aber einmal festgestellt, wie "wir" zu sein haben, dann wehe denjenigen, die nicht so sind. "Dass das Zellengefängnis mit seinem Zeitrhythmus, seiner Zwangsarbeit, seinen Überwachungs- und Registrierungsinstanzen, seinen Normalitätslehrern, welche die Funktion des Richters fortsetzen und vervielfältigen, zur modernen Strafanlage geworden ist - was ist daran verwunderlich?" fragt Michel Foucault. "Was ist daran verwunderlich, wenn das Gefängnis den Fabriken, den Schulen, den Kasernen, den Spitälern gleicht, die allesamt den Gefängnissen gleichen?" (7)

Geary skizziert die Entstehung des zeitgenössischen Nationalismus im 19. Jahrhundert und widmet sich auch den Problemen, auf die man stößt, wenn es gilt, ihn zu erforschen: "Die eigentliche Geschichte der Nationen, die Europa im frühen Mittelalter bevölkerten, beginnt nicht im 6., sondern im 18. Jahrhundert. Das heißt nicht, dass die in der fernen Vergangenheit lebenden Menschen kein nationales Bewusstsein oder kein Bewusstsein für eine kollektive Identität besessen hätten - zwei Jahrhunderte intellektueller Betriebsamkeit und politischer Auseinandersetzung aber haben uns so tiefgreifend verändert, dass wir uns nicht anmaßen können, eine "objektive", von dieser jüngeren Vergangenheit unberührte Sicht frühmittelalterlicher sozialer Kategorien zu entwickeln. Abgesehen davon, dass der ethnische Nationalismus, wie wir ihn heute verstehen, eine Erfindung dieser recht jungen Epoche darstellt, werden wir darüber hinaus auch sehen, dass die Analyseinstrumente selbst, mit denen wir die Wissenschaftlichkeit unserer historischen Arbeit legitimieren, in einer Zeit entwickelt und perfektioniert wurden, deren Klima ganz allgemein durch Nationalismus und nationalistische Bestrebungen geprägt war. Die modernen Methoden der Geschichtsforschung und -schreibung sind kein neutrales Instrumentarium, sondern wurden speziell zu dem Zweck entwickelt, nationalistische Ziele zu fördern." (8)

Ich habe in "etiam sanctum" darauf hingewiesen, mit welch großer Mühe Reinhard Wenskus 1961 die Germanenforschung revolutionierte, die zuvor ganz im Banne dieser nationalistischen Geschichtswissenschaft stand. Seine Auseinandersetzung mit der Forschungsgeschichte ist nicht nur bezüglich seines Themas - die germanischen gentes - wichtig, sondern auch in Hinblick auf die Forschungsgeschichte selbst. Es waren eben nicht nur "Romantiker", die den Germanenkult der wilhelminischen Ära, der Antidemokraten der Weimarer Republik und des Dritten Reiches schufen. Für unser Thema ist es höchst bedeutsam, wie das "psychische Phänomen" Nationalismus ganze Forschergenerationen sicher im Griff hatte.

Geary legt dar, wie das gesamte Phänomen Nationalismus von vornherein unter sehr konkreten tagespolitischen Vorzeichen stand: "Unterstützung für eine Politisierung der kulturellen Ideale Herders kam weder von den meinungsprägenden deutschen Intellektuellen noch vom preußischen König, sondern von den Briten, die im Osten einen allgemeinen Widerstand gegen die Franzosen zu fördern versuchten, um Napoleon nachhaltig unter Druck zu setzen. Indem sie preußische Aufrührer unterstützten, hofften die Engländer, eine "zweite Vendée" mobilisieren zu können, eine innere Widerstandsbewegung nach dem Vorbild der Royalisten in dieser unbeugsamen Region Frankreichs. Dieses politische Ziel deckte sich mit den Vorstellungen des Freiherrn vom Stein, der überzeugt war, dass es den Junkern niemals gelingen würde, Preußen zu retten. Er versuchte, die patriotische Gesinnung unter den gebildeten und kulturellen Eliten des Königreichs zu fördern, um einen effizienteren Widerstand gegen die Franzosen zu mobilisieren. Verwirklicht werden sollte dieses Ziel durch eine Aktivierung älterer kultureller, nationalistischer Gefühle: durch eine Betonung der gemeinsamen Sprache (anstelle der völlig fehlenden gemeinsamen religiösen oder politischen Tradition), durch ein Programm der Nationalerziehung und durch die Fixierung des Bürgers als Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft der Nation. Steins Interessen deckten sich also mit denen der Briten, die Intellektuelle förderten, sofern diese bereit waren, Kultur und Politik zu verbinden. (...) Angeführt wurden diese Intellektuellen von Johann Gottlieb Fichte, der die Politisierung der germanischen Kultur aufs eifrigste betrieb, indem er die Franzosen der Gegenwart mit den Römern des 1. Jahrhunderts gleichsetzte und sich selbst und seine deutschen Zeitgenossen mit den germanischen Aufrührern identifizierte, die gegen die römische Expansion ankämpften. Zum Prüfstein für eine geeinte deutsche Identität wurden so die Beschreibungen germanischer Tugenden in Tacitus' Germania, und in dessen Bericht über die Vernichtung des Varus und seiner Legionen durch Arminius in den Annales. Mit Hilfe dieser Schriften konstruierte Fichte eine deutsche Einheit, die den komplexen Verhältnissen im Heiligen Römischen Reich zeitlich voranging und von ihm in den Dienst eines Widerstandes gegen einen Eindringling gestellt werden konnte, dessen "neulateinische" Sprache sich von den Römern herleitete. So beschreibt Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation eine unverwechselbare deutsche Identität und grenzt diese sowohl gegen die Nationen slawischer Herkunft ab, die "sich von dem übrigen Europa noch nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, dass eine bestimmte Zeichnung von ihnen möglich sei", als auch gegen jene "germanischen Stämme, die die römische Sprache annahmen." Die deutsche Identität, so Fichte, zeichnet sich vor allen diesen Völkern durch territoriale Kontinuität und sprachliche Einheit aus." (9)

Fichtes Konstituierung der deutschen Nation, eine reichlich dreiste Erfindung, bei der die Sprache als Charakteristikum herhalten muss, weil es keinerlei politische oder religiöse Kontinuität gab, erinnert die geneigte Leserschaft hoffentlich an den Konstituierungsakt der "Überlieferung unserer Vorfahren" durch Nemenyi und Konsorten, dessen Schilderung seitens des "Allsherjargoden" selbst ich in der Einleitung zitiert habe. Freilich ist Nemenyis Konstituierungsakt von dem Fichtes genealogisch abhängig und beruht auf ihm, aber Fichtes Konstituierungsakt erscheint reichlich nemenyiesk. Die unverwechselbare deutsche Identität, die Fichte erfand, liegt Kohls Äußerungen zugrunde, die ich oben zitiert habe. Dieser aber verkündete keine persönliche Meinung bezüglich der deutschen Nationalidentität, sondern ein Regierungsprogramm, das unmittelbare Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen hatte und hat.

Wir werden als nächstes ein weiteres Beispiel betrachten, diesmal aus unserem Feld: "Fichte jedoch entwickelte diese Tradition auf eine sehr spezifische und provokante Art weiter. So erklärte er in seiner "Vierten Rede", dass unter den "Neueuropäern" allein die Deutschen "in den ursprünglichen Wohnsitzen des Stammvolks" geblieben seien und sich ihre ursprüngliche Sprache bewahrt hätten. Vor allem diese Sprache vereine das deutsche Volk und gewähre ihm jenen direkten Zugang zum Geistigen, Übersinnlichen, auf den andere Völker, welche die römische Sprache assimiliert hätten, nicht hoffen könnten. Während nämlich diese neulateinischen Sprachen Worte lateinischer und griechischer Herkunft übernahmen, die in fernen Regionen gebildet worden seien, baue sich das Deutsche, so Fichte, ausschließlich aus germanischen Elementen auf, die ursprünglich geprägt wurden, um die nach wie vor von Deutschen bevölkerte Welt zu beschreiben. Daher sei diese Sprache für alle Deutschen transparent und verständlich und setze sie in eine direkte Beziehung zu ihrer Umgebung und zueinander." (10)

Fichtes "ursprüngliche Wohnsitze des Stammvolks" finden sich beispielsweise in folgendem Zitat: "Heidnische Natur-Religionen dagegen, wie z.B. die der Indianer, der Afrikaner aber auch der Alten Europäer werden gelebt und getragen ausschließlich von den Völkern in ihren angestammten Gebieten und stehen daher auch diesen nur zur Verfügung. Natürliche Religion kann man nicht auswählen wie ein Parteibuch, sie ist bereits mit der Geburt stark vorherbestimmt - dies ist eben nur nicht jedem bewusst." (11) Es stammt aus "Die geweihten Nächte" von Björn Ulbrich und Holger Gerwin, ich habe es in "Völkische Ideologie" schon einmal vorgetragen. Bei Fichte ist es die Sprache, welche die Menschen mit ihrem "angestammten Gebiet" und miteinander in Beziehung setzt und ihnen den Zugang zum "Übersinnlichen" eröffnet. Für Fichte, wie für Ulbrich und Gerwin, - für ersteren implizit, für letztere explizit - ist das Leben auf diesem Territorium erforderlich, damit der "Zugang zum Übernatürlichen" respektive die "natürliche Religion" funktioniert. Der nationalistische Territorialbegriff ist beim Erfinder der deutschen Nation und bei zwei völkischen Autoren exakt der selbe.
Aber auch die Sprache, Fichtes Notbehelf, findet sich bei völkischen Autoren genauso als Kriterium der Zugehörigkeit wie bei Fichte selbst. "Das Praktizieren der germanischen Formen der Magie ist das Geburtsrecht der meisten Leser dieses Buches, aufgrund der Tatsache, dass sie in den Lebensstrom einer englisch sprechenden (germanischen) Nation geboren wurden. Dies ist für dich die natürlichste, organische Tradition, um sich auf magischem Wege mit ihr zu beschäftigen. Die spricht bereits ihre Sprache, im wörtlichsten Sinne." (12) Für Edred Thorsson sind die USA aufgrund der Tatsache, dass dort englisch gesprochen wird, eine germanische Nation. Die Sprache schlägt, wie bei Fichte, die Brücke zu den taciteischen Germanen und ist das Zugehörigkeitskriterium zu dieser "Nation". Interessanterweise stand Thorsson hier im Grunde vor einem ähnlichen Problem wie Fichte: er kann ebenso wenig wie dieser auf eine irgendwie reale Kontinuität aufbauen, da die heutigen weißen Amerikaner Nachfahren europäischer Einwanderer sind. Thorsson verfiel charakteristischerweise auf den selben Trick wie Fichte.

Fichtes Kunstgriff verhalf der Sprachwissenschaft zu einer tragenden Rolle bei der Weiterentwicklung des Nationalismus: "Das maßgebliche Kriterium für die Einreihung der Zeugnisse all jener "Völker" unter die "Denkmäler der deutschen Geschichte" war das "Germanentum" dieser Gruppen, das heißt die Tatsache, dass sie zur selben Sprachfamilie gehörten wie die Deutschen des 19. Jahrhunderts. Wenn die von den Monumenta-Editoren veröffentlichten Texte das Objekt der Forschung erschufen, so kreierte die Philologie die Methode, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens stellte die indoeuropäische Philologie neue, "objektive" Kriterien für die Volkszugehörigkeit zur Verfügung, die sich an Herder sowie an Fichtes mystischem Sprachverständnis orientierten. Zweitens wurde die Philologie, die sich bereits als wichtigstes Werkzeug der klassischen Studien bewährt hatte, zum primären Instrumentarium der mittelalterlichen Geschichtsforschung - zu einem Instrumentarium, mit dessen Hilfe sie die Vorgeschichte des deutschen Nationalismus entdeckte. (...) Dieses Doppelwerkzeug des deutschen Nationalismus, Texte und philologische Analyse, ließ nicht nur die deutsche Geschichte, sondern letztlich jegliche Historik entstehen. Es war ein mühelos zu exportierendes Paket, mit dessen Hilfe man ohne weiteres den Textbestand jeder beliebigen Sprache bearbeiten konnte." (13)

Mit anderen Worten: der auf Fichtes Sprach-Kunstgriff beruhende deutsche Nationalismus wurde zur wissenschaftlichen Methode erhoben. Wissenschaftlich "bewiesene" Zugehörigkeit alter Texte zu einer Sprache oder Sprachfamilie wurden zum Fundament von Behauptungen nationaler Kontinuitäten - oder vielmehr zum wissenschaftlichen Beweis dieser nationalen Kontinuitäten. Das Ergebnis sah so aus: "Frühere, an den Ideen Herders orientierte Bewegungen wie der Pan-Slawismus wurden rasch politisiert, und Nationen wie Möchtegern-Nationen bauten nach deutschem Beispiel ihren eigenen Apparat der nationalen Selbsterschaffung auf, zu dem neben einem Korpus an "Denkmälern der Nationalgeschichte" auch Philologen gehörten, die häufig an deutschen Universitäten ausgebildet worden waren und die alten Ursprünge ihrer Nation ergründen sollten. Geschichtswissenschaft und Nationalismus wurden eins." (14)

Sodann begannen die Protagonisten des Nationalismus, die Realitäten zu erschaffen, die sie erfunden hatten, ganz wie Nemenyi und Konsorten mit ihrer "Überlieferung unserer Vorfahren" - aber bei weitem erfolgreicher. "Überall in Europa zeitigte die philologische Methode, Völker durch Sprache zu identifizieren, verheerende Folgen. Erstens wurden die großen europäischen Sprachgruppen mit ihren unendlich vielen Übergängen durch wissenschaftliche Regeln radikal in verschiedene Sprachen zerlegt. Da die real gesprochene und geschriebene Sprache diesem künstlichen Regelwerk jedoch niemals exakt gehorchte, erfand man "offizielle" Formen, wobei es sich zumeist um systematisierte Varianten eines örtlichen Dialekts handelte, der von einer politisch mächtigen Gruppe oder in einer bedeutenden Stadt gesprochen wurde. Diese "offizielle" Sprachregelung wurde dann durch staatliche Erziehungseinrichtungen allgemein durchgesetzt. Dies hatte zur Folge, dass die Sprachgrenzen erheblich an Flexibilität einbüßten und mündliche - und in einigen Fällen sogar schriftliche - Traditionen unter dem Druck der vorgegebenen "Sprachnorm" vollkommen untergingen. Letztlich bedeutete all dies, dass Sprachen tatsächlich erfunden wurden ..." (15)

Das heißt: zuerst kam das Postulat der Sprache als Kriterium nationaler Zugehörigkeit. Dann kam die Erfindung der nationalen Geschichte mit Hilfe alter Texte und mithin der historischen Dimension der Nation - die Kontinuität der erfundenen Nation wurde zusammengeschustert. Und dann wurde eben die Sprache, welche die Zugehörigkeit eines lebenden Menschen zu einer Nation bestimmte, erfunden und in Disziplinaranstalten eingeschärft.

Aber damit nicht genug: "Die vergleichende Philologie erlaubte es sogar, in noch ältere Zeiten zurückzugehen: Komparatistische Studien über die unterschiedlichen indoeuropäischen Sprachtraditionen schufen die Grundlage, auf der Regeln für die systematischen Veränderungen der Sprachen ausgearbeitet werden konnten; anhand dieser Regeln führten die Sprachwissenschaftler nun lebendige Sprachen auf hypothetische Rekonstruktionen weit älterer Sprachen aus vorschriftlicher Zeit zurück. So gaben die Philologen den Nationalisten ein Instrument in die Hand, um "ihre" Nationen in eine ferne, vorschriftliche Vergangenheit zu projizieren, indem sie in der Tradition Fichtes behaupteten, dass schriftliche Quellen oder - in Ermangelung derselben - die historische Philologie die Existenz diskreter "Sprachgemeinschaften" bewiesen, die ein und dieselbe Vision des Lebens, dieselben sozialen und religiösen Werte, dieselben politischen Systeme teilten. Die Geburt der Völker wurde in die Zeit datiert, in der sich diese unterschiedlichen, identifizierbaren Sprachen von ihrer gemeinsamen germanischen, slawischen, romanischen oder hellenischen Herkunft emanzipierten, um je sprachliche und kulturelle Eigenheiten zu begründen." (16)

Mit anderen Worten: es war gelungen, die im 19. Jahrhundert erfundenen Nationen wissenschaftlich in der Vorgeschichte zu verankern und dadurch eine Kontinuität der jeweiligen nationalen "Wesensart" seit grauer Vorzeit bis in die Gegenwart nicht nur zu behaupten, sondern auch wissenschaftlich zu beweisen. Die moderne Nation war nicht geboren worden, sie rollte aus der Montagehalle.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen Biologie, Medizin und Psychologie ihren Platz neben der Philologie und den neuen historischen Disziplinen ein. Die Nation wurde, nachdem die Geschichte um sie herum errichtet worden war, in die Natur und in die Körper eingeschrieben. Neben den Begriff der Nation trat der Begriff der Rasse.

Wir kennen jetzt die Fallgrube aus dem 19. Jahrhundert, in die das Neuheidentum in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts fiel. In den nächsten Kapiteln werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie und warum das geschah.


(1) Geary, Patrick J.: Europäische Völker im frühen Mittelalter - zur Legende vom Werden der Nationen, Frankfurt am Main 2002 (Fischer)
(2) ebd., S. 26
(3) ebd., S. 27
(4) Auswärtiges Amt: Vierzig Jahre Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation. Sutttgart 1989, S. 434
(5) ebd.
(6) Geary, europäische Völker, S. 13f
(7) Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994, S. 292
(8) Geary, europäische Völker, S. 25
(9) ebd., S. 34 f.
(10)ebd., S. 35f.
(11)Björn Ulbrich, Holger Gerwin, Die geweihten Nächte - Rituale der stillen Zeit - Ein Ratgeber für Weihnachten, Engerda 1999, Arun Verlag
(12)Thorsson, Edred: Northern Magic, 1992, St. Paul, Minnesota, meine Übersetzung
(13)Geary, europäische Völker, S. 40
(14)ebd.
(15)ebd., S. 41
(16)ebd., S.43

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