Rabenclan

Verein zur Weiterentwicklung heidnischer Traditionen e.V.

Magazin
Hagebutte Huehnersex
28.04.2017, 09:55

Startseite
Wir über uns
Kontakt
Mitglied werden
Pressestelle
Heidentum
Magazin

Aktuelles
Forum
Joculatorium
Links

Bearbeiten
Suchen



© Copyright 2003-2018 rabenclan.de

Das Internet-Magazin des Rabenclans

Meinungen und Äußerungen der Magazin-Artikel sind, soweit nicht im Artikel selbst anderweitig gekennzeichnet, keine Verlautbarungen des Vereins und liegen somit ausschließlich in der Verantwortung der Autoren.

<< Grünen Bundesvorstand Erklärung 1985 | Liste Nach Autoren | Gehören Psychologen hinter oder auf den Opferaltar? >>

Warum die Hühner sich nach wildem Sex sehnen

Sie können noch so viele Schamanenkurse besuchen, Sie werden wahrscheinlich sogar irgendwelche ekstatischen Erlebnisse verbuchen können, aber Sie werden nie ein Schamane. Denn der hatte einen sozialen Auftrag....

(H.P. Duerr)

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben zieht sich wie ein roter Faden durch die Welt unserer heutigen Konsumbabys. Ein Leben, das irgendwie aufregend, leidenschaftlich, geheimnisvoll sein soll, findet sich selbst noch beim behäbigsten Bierbauch-Spießer in seinen feuchten Nachtvisionen. Gestillt wird diese Sehnsucht auf ganz verschiedene Weise: Die eine zockt im Spielcasino, der nächste schaut sich "Blair Witch Project" an, die übernächste braucht das Bungee-Jumping. Er holt sich sein Abenteuer bei der Männerschlacht mit Gocha-Kugeln, sie beim Solo-Climbing. 1)

Natürlich gibt es auf diese Sehnsucht auch politische Antworten: Unsere Freunde aus dem schwarzen Block schwafeln von einem "emanzipatorischem Leben", das sie den "Herrschaftsstrukturen" entgegen setzen: "Lebe wild und gefährlich, Arthur." Beliebte Schlüsselwörter aus der Anarcho-Ecke sind denn auch "wild", "frei", "unberechenbar", "zärtlich" usw. Faktisch ist aber das Leben der anti-imperialistischen Frontkämpfer, abgesehen vom Göteborg-Kick (oder war es Genua?), genauso spießig und langweilig wie das vom Rest des Mainstream. Der Rest der Aufregung verläuft sich denn auch in verklingende Sympathie für Stadtguerillias oder dem vom repressiven Staat verbotenen Hanf-Rauchen.

Die ökospirituellen Überbleibsel der 68er Bewegung haben ebenfalls eine Lösung parat. Dieter Duhm und seine Nachplapperer z.B. empfehlen Sex als Alternative: "Wir werden erst dann an eine globale Überwindung des Krieges glauben können, wenn wir eine Sache gefunden haben, die noch größer und noch faszinierender ist als Krieg und Kräftemessen - und dies könnte tatsächlich die Sache der sinnlichen Liebe sein im Sinne einer ehrlichen, freundschaftlichen, kraftvollen, geilen und solidarischen Verständigung der Geschlechter, die wirkliche Wiedervereinigung von Mann und Frau." 2) Viel anders klingt das, was im Umfeld der Zeitschrift Connection, der Tantra-Seminar-Veranstalter oder der deutschen Sannyas-Szene geboten wird, auch nicht. Daß die von Duhm gegründeten oder beeinflußten Initativen im Umfeld von "Meiga", "ZEGG", "Tamera" etc. gleichsam gesetzmäßig zu langweiligen, hochideologischen Projekten mit geistiger Monokultur und Gruppen-Einheitsslang mutieren, liegt in der Natur seiner geistesgeschichtlichen Herkunft: Duhm ist (wie auch weite Teilen der Anarchoszene) durch das sozialistische Theoriemilieu und einem Denken in (trivial-)psychologischen und psychoanalytischen Kategorien und Begrifflichkeiten geprägt.

Freilandhaltung ?

Vom Hodenreiben und Zerfleischen von Lämmern

Noch kurz vor dem Anbruch der Modernen trieben in Tirol zu bestimmten Zeiten wildgewordene Frauen mit einem seltsamen Auftrag durch Dörfer und Felder. Erwischten sie einen Hirtenburschen, so wurde er unter zügellosem Gelächter auf den Boden "geworfen und dort festgehalten. Darauf riß man ihm die Hosen vom Leib, und die Frauen rieben ihm, ohne seinen Penis zu berühren, beständig die Hoden, bis er mit einer Dauererektion dalag, die ihm vermutlich nach einiger Zeit große Schmerzen bereitete, da die Frauen es nicht zu einem Samenerguß kommen ließen. Nachdem der Bursche schließlich unter Hohn und Spott davongejagt wurde, näherte sich das Fest seinem Höhepunkt. In wildem Wipp - und Trippeltänzen, mit entblößtem Unterleib, feuerten sich die Frauen gegenseitig mit Gertenhieben und -strichen an, und jungen Nachzüglerinnen halfen Gewitztere mit phallischem Gerät und den Schwurfingern nach."

Hans Peter Duerr, der diesen Bericht aus dem Mittelalter wieder ausgegraben hat, illustriert in seinem Buch "Traumzeit - Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation" 3) anhand vieler solcher Geschichten den Einbruch der weiblichen Wildnis in die Dörfer und Städte des Mittelalters - Relikte einer Zeit vor dem Christentum. Er verweist auf die gefürchteten Brechlerinnen im windischen Gailtal in Oberkärnten, die nach Knechten oder Bauersöhnen jagten. "Faßten sie einen...., dann wurde er festgehalten, mit Werg umwickelt und an einen gefällten Baumstamm 'gehobelt'. In der Gegend von Feldkirch mußten sich die Männer auf den Boden legen, und die Brechlerinnen stiegen über sie hinweg." Er berichtet über Bulgarien, in dem "noch vor kurzer Zeit manche Hebammenfeste damit endeten, daß sich die Frauen einander beschliefen". Und er beschreibt minutiös die Tänzerinnen der Artemis Korythalia, die mit gelösten Haaren halbnackt tanzten und sich künstliche Phallen umbanden. "Männer, die an solchen Tänzen teilnahmen, taten dies in Frauenkleidung und unter Frauenmasken. Ihnen fehlt bezeichnenderweise der Penis, und nach ihren Bewegungen zu schließen waren sie Empfangende, nicht Zeugende, Männer, die den Frauen ihren Hintern zur Begattung darboten." Die Aufzählung ähnlicher Begebenheiten und Riten könnte nach Durchsicht seiner Studie endlos fortgesetzt werden: elsässische Weibertage, provenzialische "Hexentänze", mitteldeutsche "Unholde" usw.

Doch den Einbruch des Wilden in der "Zeit zwischen den Zeiten" gab es ebenfalls in den Männerbünden. In Lettland gingen noch Ende des 16. Jahrhunderts an Pfingsten, Johanni und am Feiertag der heiligen Lucia brave Bauern in die Büsche, warfen dort ihre Kleider ab und wurden zu reißenden Wölfen, die Pferde, Lämmer, Zicken und Ferkeln zerrissen. In der Schweiz waren Burschenschwärme gefürchtet, die in "Teufelskleidern" durch die Landschaften streiften und regelrecht eine Schreckensherrschaft ausübten. Sie raubten, zerstörten, erpreßten und richteten über die Menschen.

Die bulgarischen Kukeri, "dämonische Läufer" mit gehörnten Vogel- und gefiederten Ziegenköpfen töteten außerhalb jeder Rechtsnorm und durften deshalb außerhalb jeder Rechtsnorm getötet werden. In Bayern wüteten in einer "wilden Jagd" die Haberer mit ihrem Haberfeldtreiben, in Frankreich mit Zerstörung, Mord und Totschlag die Charivaris. Noch 1692 wurden in Livland Strafverfahren zum Werwolfwesen durchgeführt und im nördlichen Frankreich haben sich bis in unsere Zeit Reste dieser einst orgiastischen Riten erhalten (Duerr führt ein Fest des "Grünen Wolfes" in Jumièges am Seineufer oder in Montreuil-sur-Mer an). Quer durch ganz Europa waren "Wer-stiere", "Wahrwölffen (Werwölfe)" und Perchten eine Qual der Bevölkerung, die verhaßt und gefürchtet waren, bis sie schließlich überall von der Obrigkeit verfolgt und verboten wurden.

Anscheinend mischte sich hin- und wieder sich das Dämonische sogar selbst unter die Wilden. "Im Tiroler Igls beobachteten die zwölf Teufelsmaskenträger, wie plötzlich ein Dreizehnter unter ihnen tanzte und wie rasend über die Dorfbrunnensäule hinwegsprang, was kein Sterblicher jemals hätte schaffen können." 4) Immer wieder findet man in den Erzählungen, daß der Herr der Dämonen auf solchen Veranstaltungen plötzlich selbst erschienen sei oder die "Vermummten bei ihren Läufen auf einmal wie festgebannt stehenblieben, weil ihnen ein Zug von wirklichen Teufeln entgegengebraust kam." Man spürt, dass sich für den Ethnologen Duerr, der trotz aller Freude an einer anarchistischen Wissenschaft dennoch dem "Übersinnlichen" recht skeptisch gegenübersteht, denn auch gewisse Probleme auftun, wenn er etwa bei Praetorius von seltsamen Weihnachts- und Fastnachtszügen in Thüringen lesen muss, bei denen " sowohl lebendiger als todter Leute Gesichter in grosser Anzahl offte erkandt werden". 5)

Noch merkwürdigere Ereignisse kann Duerr denn auch nur noch als seltsame Sturm- und Wettererlebnisse deuten, wie etwa bei jenem Bericht über eine Herbstnacht im Jahr 1550, bei dem ein wildes Heer in der Dunkelheit um zehn Uhr über Mösskirch hinwegfegte: Es "fuhr ungestüm" vom Banholz über die Ablach auf Minchsgereut, dort verweilte es eine Weile und zog umher, kam dann mit "wunderbarlichen Getöse, lauten Geschrei, Klingeln und starkem Wind" die Herdtgassen herab, am Siechenhaus vorbei, um über die Ablachbrücken dann dem städtischen Bach zu folgen. Die Nachtwächter auf dem Turm und in der Stadt vermochten die ganze Zeit nur den Lärm zu hören, konnten aber in der Finsternis nicht sehen, wie das Treiben sich in Richtung Herdlin aufmachte. Dort zog es durch den Ort nach Rosdorf und schließlich nach Feringen an der Lauchard. Die Bürger dort vernahmen unter Furcht, wie das "wütende Heer" vom Burgstall hinab durchs Städtchen tobte. Der Wächter Hans Dröscher, der dort um 12 Uhr nachts durch die Gassen zog, begegnete einem Krieger, dessen Kopf in zwei Teile bis zum Hals gespalten war, was bei dem guten Mann wohl einen gewissen Schock ausgelöst haben muss: er verbrachte die nächsten 16 Wochen im Krankenbett. 6)

Kommen wir zu unserem Eingangsthema zurück: Ob nun in den Augen von Wissenschaftlern real oder nicht - diese Einbrüche der Wildnis in die Zivilisation enthalten genau die Kernelemente, die heute selbst den phlegmatischsten büchergrauen Gesichtern der Intellektuellen-Kaste schlagartig einen rosigen Teint verleihen können: Plötzlichkeit, Unberechenbarkeit, Erotik und Gewalt.

Es sind genau jene Elemente, die Dieter Duhm in einigen seiner Bücher als ein wahrhaft aufregendes Leben ausmacht und die selbst die braunen Genossen aus der Ernst Jünger Gefolgschaft als einem "Stahlgewitter" ebenbürtig beschreiben würden. Und wer einmal die Chance bekommen hat, Erfahrungsberichte schwarzer Kapuzenträger über Liebe und Kampf inmitten der Street-Fighter-Orgien gegen den globalen Imperialismus zu lesen, wird hier ebenfalls eine seltsame lyrische Übereinstimmung finden. Eine Gemeinsamkeit über Grenzen hinweg, die uns, den Autoren, zu denken gab.

Die sozialversicherten Hühner

Denn solche Berichte aus dem Heidentum könnten erklären, woher jene Abenteuer - Sehnsucht des westlichen Menschen kommt, dessen Lebensbedingungen die "Nagual - Frau" Carol Tiggs aus dem Umfeld von Carlos Castaneda 7) mit einem modernen Hühnerstall vergleicht. In ihrer Analogie agieren wir mit dem Geflügel nur das aus (die Hühner binden, sie in Käfige stecken, die Flügel, Krallen und Schnäbel stutzen, sie dressieren und abernten), was gemäß unserer eigenen Lebenserfahrungen mit uns passiert: Die meisten von uns leben in Legebatterien, ein paar genießen das Privileg der idyllischen Boden- und Freilandhaltung, was aber nichts daran ändert, das unser Lebensweg ähnlich vorgezeichnet ist wie der von jenen Wesen, die wir tagtäglich ausbeuten. Unser Leben ist dem der Hühner durchaus vergleichbar - mit dem Unterschied, daß "wir unsere Ställe und Käfige selbst zimmern." "Die meisten leben und arbeiten in abhängigen Verhältnissen, in denen sie mehr oder weniger willige Diener sind, wenn sie auch keine Kette mehr um den Hals tragen. Ihr einziger Trost besteht meist darin, daß andere noch tiefer auf der Hierarchieleiter stehen und von ihnen ausgebeutet und unterdrückt werden, ganz im Sinne des Radfahrerprinzips: Nach oben buckeln und nach unten treten." 8)

Norbert Claßen, der derzeit als der solideste deutsche Informant über jene seltsame nordamerikanische Zauberer- Gruppe gilt, die sich selbst Tolteken nennt, beschreibt ihre Sicht auf das Leben in der westlichen Hemisphäre folgendermaßen:

"Das typische Strickmuster... [unseres festgelegten] Drehbuchs ist ausgesprochen einfach: Wir werden geboren und augenblicklich als Mitglieder einer Gesellschaft erfaßt. Zunächst kümmern sich unsere Eltern, meist die Mütter, um uns, welche die Rolle von ersten Platzanweisern übernehmen. ... Wir lernen, den allgemeinen Konsens als einzig reale Welt wahrzunehmen, zu interpretieren und aufrechtzuerhalten.

Auf diese Phase der Grundsozialisation... folgt in unserer modernen Welt ein institutionalisiertes System, welches eine normierte Feinabstimmung.... vornimmt. Dabei führt der Weg über die professionellen Platzanweiser in Kindergärten und Schulen in eine Berufsausbildung. Erst dann - denn bis dahin sind meist zwanzig Jahre vergangen - werden wir in die 'harte Alltagswelt' entlassen und selbst zu Trägern des Systems, in das wir hineingeboren wurden.

Weniger institutionalisiert ist ein anderer großer Bereich der sozialen Ordnung, in dem es um Sexualität, Partnerwerbung, Familiengründung und Fortpflanzung geht: Die sogenannte Intimsphäre. (...)Wenn die Gesellschaft in diesem Bereich nicht so offensichtlich eingreift wie im Fall der beruflichen Entwicklung, beschränken auch hier zahlreiche geschriebene und ungeschriebene Regeln des Konsens die Freiheit des Individuums, welches sich innerhalb der engen Grenzen gesellschaftlicher Erwartungen zu bewegen lernt.

Für unser Drehbuch bedeutet dies, daß man idealerweise gegen Ende der Berufsausbildung einen standesgemäßen Partner des anderen Geschlechts findet, mit dem man eine Familie gründet und den Kreislauf von neuem beginnt. Man zeugt Kinder, sorgt sich um deren Entwicklung, den eigen beruflichen Erfolg, Hobbys und andere Belohnungen - und nicht zuletzt für eine angemessene Rente oder Altersversorgung.

Wenn die Zeit dafür gekommen ist, befinden wir uns meist schon im vorgerücktem Alter, leiden unter körperlichen und geistigen Gebrechen, die uns das Leben schwermachen. Und da wir seit unserer Kindheit nie irgend etwas wirklich selbst gemacht und im monotonen Arbeitsalltag jegliche Flexibilität verloren haben, ist es uns nun nahezu unmöglich geworden, etwas Neues zu beginnen. So schlägt man die Zeit mit den Banalitäten unserer Konsumgesellschaft tot, bis Freund Hein ein Einsehen hat und unsere nutzlose Existenz beendet. .... Unser einziger Trost ist, daß unsere Eltern genauso dumm gestorben sind und unsere Kinder wahrscheinlich genauso dumm sterben werden. Darin besteht der eigentliche Zynismus, der ein Produkt unserer sozialen Ordnung ist." 9)

Legebatterie ?

Die Stadt der Werwölfe

Hans Peter Duerrs These zum Verhältnis Hühnerstall versus Wildnis ist einfach: Je mehr wir im Laufe der modernen Zivilisationsentwicklung diese Wildheit, die in den Zeiten zwischen den Zeiten bei uns hereinbrach, ausgemustert haben, je mehr wir sie als neurotisch, archaisch und "gegenaufklärerisch" aus unserer Umgebung ausgestoßen haben, desto mehr taucht sie im Zentrum unserer Kultur wieder auf. Sie schleicht sich über die Kellertreppe in unser Wohnzimmer, und auf einmal wird aus dem liebenden Schriftsteller ein geifernder Jack Nicholson der mit einer Axt seine Familie, Kinder und den Hausmeister zu Spare-Ripps verarbeiten will. "In anderen Worten: es gibt keine Flucht vor dem Anderen, dem Draußen, vor Hexen, Werwölfen und vor dem Wahnsinn. Sehen wir ihnen nicht irgendwann ins Gesicht, dann hämmern sie nachts an die Kellertür und hocken schließlich auf dem Nachttisch." 10)

Für Heiden stellt sich Duerrs Problematik überraschenderweise anders dar: Kann es sein, daß in dem Maße, in dem heidnische Traditionen in bestimmten Subkulturen wieder an Raum gewinnen, auch die Frage nach dem Hühnerstall neu gestellt werden muß?

Man wird uns jetzt wahrscheinlich entgegnen: "Das wird ja wohl kaum heißen können, zukünftig von neuem Perchten und Unholde durch Köln ziehen zu lassen, die die Bewohner verprügeln und die jungen Männer vergewaltigen - bloß um den Hühnerstall zu entkommen..." Vermutlich heißt es das nicht. Aber bemerkenswert ist doch schon, dass gerade in jener Vielzahl an Wohn- und Lebensstilexperimenten, die seit den 70er Jahren innerhalb (und verursacht durch) die sogenannten "Neuen Sozialen Bewegungen" entstanden, das Moment der Spontanität, Motive wie "Wildheit" und "unangepaßt sein", "Ausbruch" und "Abenteuer" eine eminent wichtige Rolle spielten. Es könnte sich also für Heiden durchaus lohnen, über neue soziale Formen nachzudenken, in denen die "Zeit zwischen den Zeiten" wieder ihren Platz hat. Die Einbettung entsprechender Gebräuche und Riten in unsere Lebenswelt würde im Vergleich zum bürgerlichen Status Quo des beginnenden 21. Jahrhunderts eine enorme Veränderung sozialer und kultureller Tiefenstrukturen bedeuten.

Sollten Heiden mehr sein als eine esoterische Form des Christentums, dann werden sie vermutlich nicht ihr Heidentum zu einer ähnlichen privaten Gesinnungssache erklären können, wie dies der aufgeklärte Christ in unserer heutigen Zeit gewöhnlich macht. Hexenzirkel, Stammesmodelle oder das Konzept der germanischen Sitte deuten soziale Konsequenzen an, die sich lohnen zu verfolgen. Wahrscheinlich wird dies in Auseinandersetzung mit jenen Erfahrungen geschehen, die in jenen oben erwähnten sozialen Experimenten gewonnen wurden und noch immer gewonnen werden. Eine Vielzahl an Gemeinschaften und sozialen Strukturen sind mittlerweile entstanden - die einen mehr ökologisch, die nächsten spirituell, wieder andere politisch ausgerichtet. In Europa tummeln sich matriachalische Stämme neben Experimenten für eine freie Sexualität, Ökodörfer neben anarchosyndikalistischen Kommunen, christliche Siedlungsgemeinschaften neben großen Permakultur-Höfen. Von solchen Projekten - die ihrerseits schon längst begonnen haben, die moderne Kultur zu inspirieren und den gesamtgesellschaftlichen Erfahrungsschatz zu verbreitern - können heidnische Gruppen und Milieus sicher einiges lernen. Bedauerlicherweise ist dies ein Aspekt, der uns Autoren weniger interessiert: Ein solcher Lernprozess und Austausch zwischen den Sub-Kulturen wird ohnehin stattfinden.

Die andere, für uns wesentlich spannendere Seite ist die Frage, welche Impulse Heiden selbst in diesen Erfahrungsschatz geben können. Schaut man sich die traurigen Gestalten an, die derzeit die Besetzung der Heidenszene abgeben, so scheint man dies ersteinmal gar nicht glauben zu können. Die Heidenszene, zumindest die deutschsprachige, ist ein Sammelbecken an reinkarnierten Merlins, neurotischen Sozialpädagogen, stalinistischen Retrogermanen, braunen Wirrköpfen, verklemmten Webprogrammierern, Späthippies, Erleuchtungsgeiern, Seminarjunkies und schamanischen Weisheitslehrern - deren Verbindendes sich nach Auffassung vieler Beobachter doch recht griffig beschreiben lässt: Ihre soziale Intelligenz weist einen Quotienten von unter 50 auf.

Auch wenn man sich über diese seltsam abgekapselte Milieu keine Ilklusionen machen darf, halten wir die Frage dennoch für berechtigt. Natürlich kann man die in der Heidenszene vorherrschende soziale (aber auch demokratische) Unreife nicht vergleichen mit dem Standing und der Arriviertheit wie es Projekte wie Findhorn, Ökodorf Poppau-Siebenlinden oder Auroville aufweisen. Aber Heiden sind Fährtensucher fremder Traditionen, sie haben Zugang zu Lebensweisen, Gebräuchen und Riten, die in naturreligiösen Kulturen zu hause waren oder sind (- zumindest jene kleine Minderheit, die weitgehend frei von theosophischen oder christlichen Wahrnehmungsstörungen sind.). Das könnte ein Potential an sozialem Know-How beinhalten, das noch lange nicht dort angekommen ist, wo es vielleicht nützlich wäre: In der normalen Gesellschaft - jenseits von Kobolden und Elfen.

Hagebutte und Wacholder


1) Mag sein, daß die derzeitige Erschütterung, die nach den Anschlägen von New York die Menschen aufwühlte, noch einige Zeit anhalten wird. Aber mit sicher Wahrscheinlichkeit wird schon bald wieder ein Alltag einsetzen, der diese Aufregung vergessen lassen wird.
2) Dieter Duhm: "Der unerlöste Eros", Radolfzell 1991; (S.29)
3) Hans Peter Duerr: "Traumzeit - über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation", Frankfurt 1985; Kapitel 4 (S. 61 - 72)
4) Hans Peter Duerr, a.a.O. ; Anm. 38 (S. 363)
5) Hans Peter Duerr, a.a.O. ; Anm. 45 (S. 366)
6) nach einem Bericht aus der Zimmerischen Chronik, Freiburg 1882; zitiert nach Hans Peter Duerr, a.a.O. ; (S. 71)
7) Carol Tiggs, Vortrag vom 22. Juli 1996. Tensegrity Workshop in Westwood, Los Angeles.
8) Norbert Claßen: "Carlos Castaneda und das Vermächtnis des Don Juan", Freiburg 1998; (S.130)
9) Norbert Claßen: "Carlos Castaneda und das Vermächtnis des Don Juan", Freiburg 1998; (S.101ff.)
10) Hans Peter Duerr: "Satyricon Essays und Interviews", Frankfurt a. M., 1985; (S. 31) << Grünen Bundesvorstand Erklärung 1985 | Liste Nach Autoren | Gehören Psychologen hinter oder auf den Opferaltar? >>

Mitglied im Rabenclan e.V. werden

Mitglied im Rabenclan werden?
Aktiv den Verein mitgestalten, neue Menschen kennenlernen, interne Rundbriefe erhalten, regionale Angebote nutzen, ermäßigte Teilnahme an den Veranstaltungen - wir freuen uns auf Euch!
Weitere Informationen und einen Mitgliedsantrag findet Ihr hier

News

Bücherspiegel 2016
Neue englischsprachige Monografie über (neo-)germanisches Heidentum von Stefanie von Schnurbein erschienen. Der Rabenclan wird rund ein dutzend Mal erwähnt. Mehr Informationen hier.

Kulturhistorische Beiträge

Óskmejyar Teil 1 - Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I (von Hans Schuhmacher)
Thesen zur Germanischen Frau (von Hans Schuhmacher)
Die unbekannte Tradition: Slawisches Heidentum(von Anna Kühne)

Übrigens:

Die Filtersoftware der Firma Symantec blockiert unsere Adresse.

Begründung:

Der Rabenclan verbreite jugendgefährdendes Material über Okkultismus und New Age. Wer einen Kommentar an Symatec schreiben mag, folge diesem Link: