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Hans Schuhmacher Walkueren Kriegsdaemon
10.11.2005, 20:19

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Óskmejyar

Erster Teil

Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I

Der Kriegsdämon

Als Sigrún auf dem Wolf über Leichen reitet, zeigt sie sich als "wundenschlagendes Wesen". Die einzige Walküre jedoch, die, sozusagen "klassisch", in Walhall den Einheriern Gesellschaft leistet, finden wir in der Beschimpfungsszene.

Nicht ohne Grund erscheint Sigrún zum ersten Mal in Begleitung anderer luftreitender Walküren. Helgi und seine Gefolgsleute sind von diesem Auftritt im wörtlichen Sinne bezaubert. Sigrún zeigt sich quasi als Mitglied eines Kollektivs. Die Funktion der anderen Walküren besteht ausschließlich darin, Sigrúns Mitgliedschaft in diesem Kollektiv anzuzeigen.

Simeks kurze Charakterisierung der Disen habe ich referiert. Das Kollektiv der Disen ist nicht homogen, seine Abgrenzung zu anderen weiblichen Kollektiven ist bestenfalls unscharf. Im Einzelfall kann es völlig unmöglich sein, Disen, Hamingjen und Walküren voneinander zu unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen die Weiblichkeit sowie die nichthomogene Zusammensetzung ihrer Kollektive. Dise, Hamingja, Walküre sind Termini, die auch überlappend benutzt werden - unsere Walküren werden als Disen angesprochen.

Möglicherweise liegt das Unterscheidungsproblem lediglich in der klassifizierenden Denkweise der Moderne. Die Klassifikationssysteme der Naturforscher des 18. Jahrhunderts lösten völlig andere Systeme ab, zeitweise bestand zwischen (natur-)wissenschaftlicher Arbeit und Klassifizieren kein Unterschied. Dies hinterließ deutliche Spuren, als im 19. Jahrhundert dynamische Entwicklungsszenarien das starre Bild der unveränderlich gedachten Klassifizierungsschemata ablösten.(1) Das Unterscheidungsproblem muss also im Mittelalter gar nicht bestanden haben, geschweige denn in früheren Zeiten. Dies hier ist lediglich der erste Teil einer Arbeit, die mehrere Teile umfassen wird. Ich werde auf das Unterscheidungsproblem zurückkommen.

"Daneben tritt altnord. dís aber auch einfach als Bezeichnung für "Frau" auf, wie ja möglicherweise auch das verwandte althochdte. itis, altsächs. idis, angelsächs. ides für "Frau", vielleicht aber auch für eine Art von Göttin gebraucht wurde...."(2) So Simek über die Disen. Betrachten wir uns den Doppelcharakter von Sigrún als menschliche Frau und mächtiges Geistwesen, so werden wir diese vielleicht nur scheinbare Dichotomie (entweder A ist eine menschliche Frau, oder A ist ein mächtiges Geistwesen) nur auflösen können, wenn wir die neuzeitliche "Kategorie Frau" (Barbara Duden) aus unserer Arbeit heraushalten. Wir werden letzten Endes nicht herausfinden, was im germanischen Altertum eine Dise, Walküre oder Hamingja war, wenn wir nicht gleichzeitig uns dem annähern, was im germanischen Altertum eine Frau war - oder sein konnte. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Ich möchte diesen Teil der Arbeit abschließen, indem ich mich kurz mit Rudolf Simeks Walkürendefinition in seinem Lexikonartikel auseinandersetze. Dieser lautet: "Walküren waren ursprünglich wohl Totendämonen, denen die auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger zufielen, davon stammt auch der Name W. (altnord. Plural valkyriar) zu altnord. Valr "die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen" und kjósa "wählen, also "die die Gefallenen Auswählenden" (vgl. auch altengl. Wælcyrge). Mit dem Wechsel der Vorstellung von Walhall als Schlachtfeld zum Kriegerhimmel verschiebt sich auch bei den Walküren der Akzent; die ursprüngliche Vorstellung wird durch die von Schildmädchen – irdischen Kriegerinnen, die wie die Einherjer im Walhall weiterleben – überlagert. Wie sicherlich auch schon früher als Totendämonen werden sie zwar weiterhin eng mit Odin assoziiert, nun aber in der Funktion von in die Schlacht eingreifenden und damit das Schicksal bestimmenden überirdischen Kriegerinnen ... welche Odins Wünsche ausführen und die im Kampf gefallenen Helden zu ihm führen. Sie werden als Oðins meyar "Odins Mädchen" und óskmeyjar "Wunschmädchen", "Mädchen, die Odins Wünsche erfüllen" bezeichnet. Mit diesem Vorstellungswandel werden sie zum beliebten Inventar der Heldendichtung, wo sie die dämonischen Züge weitgehend verlieren, vermenschlicht werden, und damit sogar der Liebe zu Irdischen verfallen können, wie die Walküre Sigrdrífa ..."(3)

Entsprechend der Etymologie sind die Walküren diejenigen, die bestimmen, wer stirbt. Unsere Quelle zeigt uns, wie das vor sich geht: Sigrún löst den Kampf mit den Granmarssöhnen aus, beschützt Helgi auf dem Weg dorthin und im Kampf selbst - daher ist es nicht Helgi, der stirbt, sondern (neben vielen anderen) Höddbroddr, der auf Sigrúns Wunsch ja auch sterben soll.

Es ist allerdings nirgends die Rede davon, dass Sigrún in Odins Auftrag handelt. Ihre Motivation ist klar genug und würde nur verwirrender, wenn man Odin mit in die Angelegenheit verwickeln würde.(4) Wir können auch nicht etwa voraussetzen, dass immer und unausgesprochen alle Walküren in Odins Auftrag handeln.

Mir ist nicht klar, woraus Simek seine "ursprünglichen Walküren", also die quasi reinen Totendämonen ableitet. Es wäre auch äußerst eigenartig, wenn in einer Kultur, in der, vor allem unter Einfluss des Christentums, die Partizipation von Frauen mehr und mehr zurückgeht, reine Geistwesen zu menschlichen Frauen würden. Der umgekehrte Prozess, nämlich eine soziale Rolle, die einst menschliche Frauen innehatten, und zwar als Mitglieder eines nichthomogenen Kollektivs, mehr und mehr in den Bereich der Geistwesen abzudrängen, wäre wesentlich einleuchtender.

Folgt man Simek, haben menschliche Frauen nie das getan, was Sigrún (wenn auch, wie wir gesehen haben, in verzerrter Darstellung) in unserer Quelle tut. Erzbischof Wulfstan von York beklagte sich über Frauen, die genau das taten.

Wenn es sie nie gab, warum diffamiert unsere Quelle sie denn dann? Nur um eine spätheidnische Vorstellung, wie Simek meint, in die Pfanne zu hauen?

Ich behaupte, es geht hier um mehr als das. Die Helgaquiða Hundingsbana I in ihrem Doppelcharakter als Rest echter Überlieferung und christlicher Ideologie schildert und diffamiert gleichzeitig ein Bild weiblichen Seins und weiblicher Macht im germanischen Altertum, das zum Zeitpunkt der Aufzeichnung zwar als soziale Realität verdrängt, aber immer noch Bestandteil der Überlieferung war.


Fußnoten:

(1)Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main, 1974
(2)Simek, Lexikon, S. 69f
(3)ebd., S. 456f.
(4)Simek behauptet ja auch nicht, dass Sigrún in unserer Quelle auf Odins Auftrag hin handelt.


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Kulturhistorische Beiträge
Óskmejyar Teil 1 - Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I (von Hans Schuhmacher)
Thesen zur Germanischen Frau (von Hans Schuhmacher)
Die unbekannte Tradition: Slawisches Heidentum (von Anna Kühne)

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