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Hans Schuhmacher Walkueren Helgi Repaesentant
10.11.2005, 20:14

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Óskmejyar

Erster Teil

Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I

Helgi als Repräsentant der Altvorderenzeit

Männer wie Helgi gab es im Island des 13. Jahrhunderts nicht - Wölsungensöhne, die berühmte Könige erschlugen. "In allen Fällen ist der gleiche Gelehrtenstreit über die Frage entstanden, inwieweit und ob überhaupt die Gedichte Homers oder die Sagas oder die Geschichte des Ulster-Zyklus, wie Táin Bó Cuailnge, zuverlässiges historisches Material über die Gesellschaften liefern, die sie beschreiben. Glücklicherweise muss ich mich nicht auf die Einzelheiten dieser Streitfragen einlassen. Was für meine Argumentation zählt, ist die relativ unbestrittene historische Tatsache, dass nämlich solche Erzählungen, ob adäquat oder nicht, die geschichtliche Erinnerung dieser Gesellschaften wiedergaben, in denen sie letztlich niedergeschrieben wurden. Mehr noch, sie lieferten den moralischen Hintergrund für zeitgenössische Zeitgespräche in den klassischen Gesellschaften, eine Darstellung einer nun gewandelten oder zum Teil gewandelten moralischen Ordnung, deren Überzeugungen und Vorstellungen teilweise noch Einfluss hatten, die aber auch einen erhellenden Gegensatz zur Gegenwart boten."(1) Diese Darlegung Alasdair MacIntyres lässt sich ohne weiteres auf die Helgaquiða Hundingsbana zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift anwenden.

Für Helgi ist es keine Frage, wie er sich zum Tod seines Vaters durch Hunding stellt und was er deswegen unternehmen soll. Er wäre gar nicht in der Lage, die Frage zu stellen, ohne aufzuhören, Helgi zu sein. "Die Schlüsselstrukturen sind die der Verwandtschaft und die der Hauswirtschaft. In einer solchen Gesellschaft weiß ein Mensch, wer er ist, wenn er seine Rolle in diesen Strukturen kennt, und wenn er das weiß, weiß er auch, wozu er verpflichtet ist und wozu der Inhaber jeder anderen Rolle und Stellung ihm gegenüber verpflichtet ist. Im Griechischen (déin) wie im Angelsächsischen (ahte) besteht ursprünglich keine klare Unterscheidung zwischen "sollte" und verpflichtet sein", im Isländischen vereint das Wort "skyldr" "sollte" und "ist verwandt mit".(2)

Helgi tötet Hunding, weil er Helgi ist, der Sohn des Sigmund, der Wölsung. Die einzige Alternative besteht darin, bei dem Versuch umzukommen. Dieses totale, alternativlose Eingebundensein in ein Netz von Verpflichtungen kann man bei Homer ebenso beobachten. Dass allerdings Helgi jeglichen Versuch, den Konflikt beizulegen, von sich weist, zeigt, wie ich bereits ausgeführt habe, die krasse Überzeichnung der alten heidnischen Verhältnisse nach der Christianisierung. Im Athen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wurde die homerische Ethik auch einer scharfen Kritik unterzogen, aber dieser Diskurs unterschied sich ganz wesentlich vom mittelalterlich-skandinavischen: Der athenische Diskurs war vor allem die Suche nach dem Fehler im athenischen System oder im System der Polis überhaupt, ausgelöst durch das Desaster des Peloponnesischen Krieges. Im mittelalterlichen Skandinavien hingegen hatte sich das Christentum durchgesetzt, in jeglicher Hinsicht die neue Weltordnung, die zu ihrer Absicherung die alten Verhältnisse gleichzeitig verteufelte und instrumentalisierte.

Homer schrieb seine Epen, bevor das System Polis in die Krise geriet, und schildert Vorgänge, die der Polis vorausgingen. Darum waren seine Werke eine Diskussionsgrundlage. Unsere Quelle jedoch wurde niedergeschrieben, lange nachdem das Christentum durchgesetzt worden war. Sie stellt also nicht eine Diskussionsgrundlage, sondern ein Ergebnis eines radikalen Wandlungsprozesses dar. Es ist eine Geschichte, die Sieger schreiben, die seit etlichen Generationen fest im Sattel sitzen.

Helgi ist also in doppelter Hinsicht der Repräsentant der Altvorderenzeit. Er repräsentiert erstens tatsächlich ein altes Tugendsystem sowie zweitens die grausamen alten Heiden.

Die Beschimpfungen zwischen Sinfjotli und Guðmundr erscheinen im Lichte des hier Gesagten deutlich als das, was sie sind: Als Angriffe, die weit über das Ärgern und Herabsetzen des Gegenübers hinausgehen. Sinfjotli sagt, Guðmundr sei ein niedere und widerliche Tätigkeiten verrichtender Knecht, er sei eine verlogene, täuschende Frau gewesen. Damit greift er Guðmundrs Identität an. Guðmundr stellt Sinfjotlis tatsächliche Identität böswillig verzerrt dar und bestreitet ihm seinen Status als Mann, der wie sein Name, seine Abstammung und seine Taten Teile seiner Identität sind. Wenn Guðmundr nicht Guðmundr ist (oder Sinfjotli nicht Sinfjotli), dann ist er Niemand, ein Nichts.

Es gibt keine Alternative, keine Grauzone zwischen dem zu sein, der man ist, also seine Rolle gemäß den "Lehren der alten Zeit" auszufüllen, und Niemand zu sein. Wenn Guðmundr Sinfjotli vorwirft, sich nicht gemäß der Lehren der Vorzeit zu verhalten, ist dieser Angriff äußerst schwerwiegend. Es gibt keine Identität jenseits der sozialen Rolle, Charaktere werden durch ihr Handeln umfassend und hinreichend beschrieben, denn ihr Handeln ist ihre Identität.

Daher besteht für Helgi, den Repräsentanten der Altvorderenzeit, auch keinerlei Alternative auf Sigrúns Erklärung der Sachlage hin. Er ist Helgi, also zieht er gegen Höddbroddr in den Kampf. Von einer alten Feindschaft zwischen den Wölsungen und den Granmarssöhnen hören wir nichts. Höddbroddr hat Helgi und den Seinen nichts getan. Aber als die Walküre spricht, steht fest, dass einer von beiden sterben muss.

Das Kämpfen und Sterben ist in Simrocks Übersetzung der Helgaquiða Hundingsbana verklärter und märchenhafter als im Originaltext. Gleich zu Anfang, da die Raben sich freuen, weil es bald Leichen zu fressen gibt, wird zweifelsfrei klargemacht, dass viele Menschen sterben werden. Und es sterben keine "Bösen", denn die kennt unsere Quelle nicht, wie ich gezeigt habe. Die Tode Hundings, Höddbroddrs und die vieler anderer sind tragisch. Die Helgaquiða Hundingsbana II zeigt das noch deutlicher, was ich zeigen werde, wenn ich diese bespreche. Die Altvorderenzeit ist kein verklärter Abenteuerspielplatz.

Die Rezeption dieser heroisierten Altvorderenzeit nicht als im Grunde ahistorische Projektion, sondern als historische und soziale Realität ist gleichzeitig Fehlleistung und Errungenschaft des nationalistisch-chauvinistischen Germanenkults. Fehlleistung, weil es die (beispielsweise) in den Eddaliedern geschilderte Altvorderenzeit so nie gegeben hat. Errungenschaft, weil die kitschig-verklärenden Bilder germanischer Heroen und heroischer Germanen, die so erst möglich wurden, gewissermaßen das Rückgrat der rechten Germanenrezeption bilden, von Wilhelm I., selbsternanntem "Kaiser der Germanen", bis zu den rechten Heidenszenefiguren und ihren Helfershelfern bis heute.


Fußnoten:

(1)MacIntyre, Alasdair: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Frankfurt am Main 1995, S. 163 f.
(2)ebd., S. 164


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2. Mai 2013: Ein Vertreter des Vereins nahm am 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag an einer Podiumsdiskussion zu der Frage teil: Führt Neuheidentum zu Rechtsextremismus? Veranstalter war die Arbeitsstelle Weltanschauungsfragen der Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland. Mehr Infos hier.

Kulturhistorische Beiträge
Óskmejyar Teil 1 - Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I (von Hans Schuhmacher)
Thesen zur Germanischen Frau (von Hans Schuhmacher)
Die unbekannte Tradition: Slawisches Heidentum (von Anna Kühne)

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