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Hans Schuhmacher Walkueren Die Quelle 3
11.11.2005, 13:40

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Zurück zu Der Kampf mit den Hundingssöhnen  

Óskmejyar

Erster Teil

Die Walküren in der Helgaquiða Hundingsbana I

Die Quelle: Helgaquiða Hundingsbana I

Auftritt der Walkueren

Da bricht ein Leuchten aus dem Flammenden Berg(1), es wetterleuchtet. Da war, unter ihren Helmen, auf den Auen des Himmels ... und ausgerechnet hier fehlt ein Stück Text.(2) Man möchte das gar nicht für einen Zufall halten und kann sich nur allzu gut vorstellen, dass da ein frommer Christ die Handschrift "verbessert" hat. Es geht jedenfalls folgendermaßen weiter: Ihre Panzer sind blutbespritzt, auf ihren Speeren stehen Strahlen.(3) Auftritt der Walküren.

Die nächste Strophe ist sehr schwierig. Simrock macht es sich einfach. Er übersetzt:

Da frug in der Frühe der Männerfürst
Die südlichen Frauen vom Schlachtfeld her
Ob sie daheim bei den Helden wollten
Bleiben bei der Nacht? Die Bogen schnurrten.

Sehr viel Sinn ergibt das nicht, bis auf Helgis Frage. Fangen wir am Ende an: þrymr var álma, es war Lärm der Ulmen. Simrock beruft sich wahrscheinlich auf die Information, die Neckels Angabe im Glossar zugrunde liegt: álma kann stellvertretend für Bogen aus Ulmenholz stehen.(4) Ich glaube nicht recht an die Bogen aus Ulmenholz, und außerdem: Auf wen soll denn noch geschossen werden? Hundings Söhne sind tot, damit ist der Kampf vorbei, zumal Helgi sich schon ausruht, was er sicher nicht täte, wenn seine Gefolgsleute noch kämpfen würden. Das ist Unsinn.(5) Meine Interpretation ist folgende: Helgis Gefolgsleute schlagen auf ihre Schilde, um die Walküren zu begrüßen und der Rede ihres Anführers Beifall zu erweisen.(6) Das wäre auch Lärm, ganz im Gegensatz zum Abschussgeräusch auch etlicher Bogen.

Weiter: Frá árliga ór úlf idi, die erste Zeile. Anscheinend ist der zweite Halbvers eine verderbte Textstelle. Frá und ór sind beide Ortspartikel, frá steht für eine Bewegung von etwas weg und ór für eine Bewegung aus etwas heraus. Àrligr, "früh" ist richtig, aber wieso um alles in der Welt "in der Frühe"? Ich kann das Problem mit der verderbten Textstelle auch nicht lösen, kann aber mit Neckels Vorschlägen (z.B. Wolfshöhle, eine Kenning für Wald, sogar ulfheðni(7) oder Wolle)(8) absolut nichts anfangen. In Strophe 14, vor dem Erscheinen der Walküren, sitzt Helgi am Stein. Ich behaupte, dass er zu Beginn der Strophe 16 aufsteht und den Walküren entgegentritt, und zwar sofort (árliga), was beide Ortspartikel "weg von, heraus aus" sinnvoll unterbringen würde. Dabei möchte ich es belassen.

In der nächsten Zeile werden die Walküren als dísir suðr½nar bezeichnet. Das ist interessant. Die Disen weisen in verschiedenen Quellen eine Vielzahl von Funktionen und Aspekten auf: Sie sind dem Fylgien ähnliche Traumfrauen (also solche, die in Träumen erscheinen und Prophezeiungen von sich geben), den Walküren ähnliche Totenführerinnen oder (im isländischen Volksglauben) die "Seelen" verstorbener Frauen (landdísir).(9) "Daneben tritt altnord. dís einfach als Bezeichnung für "Frau" auf, wie möglicherweise auch das verwandte althochdte. itis, altsächs. idis, angelsächs. ides für "Frau", vielleicht aber ebenfalls für eine Art von Göttin gebraucht wurde.... Da die Funktion der Matronen mehrfacher Natur war: Fruchtbarkeitsgöttinnen, persönliche Schutzgeister, daneben Kriegsgöttinnen, wird man den Glauben an die Diisen, wie den an die Walküren und Nornen sowie den Matronenkult als verschiedene Manifestationen eines Glaubens an eine Vielzahl weiblicher (Halb-?)Göttinnen auffassen dürfen."(10) Hierauf werden wir noch zu sprechen kommen.

Suðr½nn bedeutet tatsächlich "Südlich, im Süden gelegen, aus dem Süden stammend".(11) Das ist hier freilich rätselhaft. Auf keinen Fall wird ausgesagt, dass alle Walküren suðr½nar sind. Helgi erkennt diese Walküren als solche, was zum Beispiel einfach mit dem Schauplatz der Auseinandersetzung und dessen geographischer Lage bezüglich Helgis Herkunftsgegend zusammenhängen kann. Es ist offensichtlich, dass Helgi diese Walküren (und besonders eine von ihnen) gerade kennen lernt.

Helgis Frage an die Walküren hat Simrock im Wesentlichen richtig wiedergegeben - nur dass nicht davon die Rede ist, dass den Walküren vorgeschlagen wird, zu bleiben, sondern heim/ með hildingom/ þá nótt fara,(12) also mit den Kämpfern zur Nacht aufzubrechen (das ist die Bedeutung von fara heim). Dieser Vorschlag Helgis ist es, der (meiner Interpretation nach) das Schlagen auf die Schilde seitens der Gefolgsleute auslöst.

Die nächste Strophe liest sich bei Simrock so:

Aber vom Hengste Högnis Tochter
Stillte der Schilde Lärm und sprach zum König:
"Wir haben wohl anderes hier zu schaffen
Als Ringbrecher bei dir Bier zu trinken"
Liddi randa rym, das Getöse der Schilde war verschallt.(13) Es zeigt sich, dass meine Auslegung des "Lärms der Ulmen" mehr Sinn macht als Simrocks: Högnis Tochter muss zuerst abwarten, bis sie quasi zu Wort kommt. Ihre Entgegnung lautet so: Ich denke, dass wir anderes zu tun haben, als mit dem Ringbrecher Bier zu trinken (Hygg ek, at vér eigim/ aðra sýslor,/ en með baugbróta/ biór at drekka). "Ringbrecher" ist eine poetische Bezeichnung für sozial hochstehende Krieger, die Goldspiralen an den Armen trugen, von denen sie bei Bedarf Stücke abbrachen, um sie zu verschenken.

Die Walküre fährt fort, nach Simrock:

Mein Vater hat Mich, seine Maid,
Verheißen Granmars grimmem Sohne
Doch hab ich, Helgi, den Höddbrodd genannt,
Ein König so kühn wie ein Katzensohn

Nun wird er kommen, nach wenigen Nächten,
Wofern du den Fürsten nicht forderst zum Kampf
Oder mich, die Maid ihm raubst

Högni hat seine Tochter nicht etwa dem grimmen Sohn des Granmar versprochen. Neckel erläutert das Adjektiv als "mit verzerrtem gesicht (vgl. gríma und germ. grinan) ... daher ingrimmig, von abstoßendem wesen"(14): Ein scheußlicher Mensch, dessen Namen Högnis Tochter nicht einmal in den Mund nimmt. Hödbrodd dagegen wird auch im Originaltext als kühner König bezeichnet. Die Schlussworte der Walküre sind: Oder die Maid nicht von dem freigiebigen Mann nimmst (eða mey nemir/ frá mildingi).(15)

Also: Högni hat seine Tochter dem nicht genannten, scheußlichen Sohn des Granmar versprochen. Diese aber hat sich für Höddbrodd ausgesprochen und dafür gesorgt, dass dieser herbeieilt.

Es ist hier übrigens eine andere Lesart(16) denkbar. Nach dieser hat Högni seine Tochter einem, also irgend einem Sohn des Granmar versprochen. In diesem Falle sagt Sigrún sinngemäß: "Ich muss einen dieser scheußlichen Granmarssöhne heiraten." Genannt, also ausgesucht, hat sie Höddbrodd.

Höddbrodd weist bereits in der Rede der Walküre viele Anzeichen eines herausragenden Mannes auf. Ähnlich wie Hunding ist Höddbrodd kein finsterer Schurke, sondern ein vielgelobter Mann. Ich weise noch einmal auf die Art des hier dargestellten Konflikts hin: er ist grundsätzlich tragisch. Als Helgi den Hunding erschlug, tötete er einen berühmten, angesehenen Mann. Höddbrodd ist ein tapferer, freigiebiger König. Aber der Konflikt zwischen Helgi und Höddbrodd ist, wie ich in der inhaltlichen Besprechung ausführen werde, ebenso unausweichlich wie der zwischen Helgi und Hunding.

Die Walküre will aber auch nicht die Frau des Höddbrodd werden. Ihre Erklärung des Sachverhalts kommt einer Aufforderung gleich. Helgi antwortet, nach Simrock:

Fürchte nicht mehr den Mörder Isungs
Erst tobt Getöse ich sei denn tot

Hierzu ist lediglich anzumerken, dass Höddbrodd Ísungs bani(17) ist (wie Helgi Hundings bani) und kein Mörder. Das Getöse, das Helgi ankündigt, ist ein dólga dynr,(18) ein "Brausen von Hieben". Leider kennen wir die Geschichte von Höddbrodd und Isung nicht. Helgi macht jedenfalls klar, dass Höddbrodd die Walküre "nur über seine Leiche" bekommt.


Fußnoten:

(1)Logafjöll bedeutet "flammender Berg".
(2)ebd., S. 128, 15
(3)ebd.
(4)Neckel, Edda, Bd. 2 (Glossar), S. 4
(5)Diese meine Einschätzung möchte ich hier noch etwas ausführen. Der Bogen als Kriegswaffe wird sonst nirgends in den Eddaliedern genannt – ähnlich wie bei Homer gab es bestimmte Vorstellungen, wie in der Altvorderenzeit gekämpft wurde. Pferde kommen in den Helgiliedern (und auch sonst in der Älteren Edda) durchaus vor, aber gekämpft wird stets zu Fuß. Vermutlich spiegeln bewaffnete Reiter (z.B. auch auf Bildsteinen) Berichte aus der Völkerwanderungszeit, Stammesverbände wie die Goten übernahmen Reiterkampftaktiken, die sich aber in Skandinavien nie durchsetzten. Man reitet in den Eddaliedern hin und wieder zwar zum Schauplatz des Kampfes, aber dann steigt man ab und begibt sich des taktischen Vorteils. Möglicherweise verdanken die Walküren ihre Rösser ebenfalls diesem Phänomen. Ähnliches gilt für Bögen: Archäologisch durchaus belegt, werden sie in den epischen Kämpfen nie eingesetzt. Was das Verhalten Helgis anbelangt, so stütze ich mich auf die seit Tacitus bekannte germanische Eigenheit: "Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt ..." (Tacitus, Germania 14; zur Gesellschaftsordnung verweise ich auf das Kapitel über die taciteische Zeit in "Etiam sanctum aliquid et providum"). Wir haben es hier mit einem Heldenepos zu tun, und daher sind zu dem Zeitpunkt, da Helgi sich ausruht, nicht nur die Hundingssöhne tot, sondern auch alle ihre Gefolgsleute. Ansonsten würde Helgi nämlich seine Gefolgsleute allein kämpfen lassen, während er sich hinter den Linien ausruht. Anscheinend hat sich in Simrocks Übersetzung das Verhalten der "großen Kriegsherren" seiner Zeit eingeschlichen (19. Jh.).
(6)"Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab, findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen (armis laudare) ist die ehrenvollste Art der Zustimmung." Tacitus, Germania 11
(7)Was sich auf den Kriegerbund der úlfheðnar beziehen würde, der andernorts belegt ist. Aufgrund gewisser Elemente der Geschichte der Wölsungen wäre das zwar nicht abwegig, aber an dieser Stelle macht eine solche Erwähnung keinen Sinn.
(8)Neckel, Edda, S.128, Anmerkungen
(9)Simek, Lexikon, S. 69f. Ich verweise in diesem Text so oft auf Simeks mythologisches Lexikon, weil es leicht zugänglich und umfassend ist und seine Einträge stets auf weitere Quellen verweisen.
(10)ebd.
(11)Neckel, Edda, Bd. 2 (Glossar), S. 164
(12)Neckel, Edda, , S. 128, 16,5
(13)Neckel, Edda, Bd. 2, S.105
(14)Neckel, Edda, Bd. 2, S. 67
(15)Neckel, Edda, S. 129, 19,4
(16)Und zwar, weil anord. en (aber) nicht für einen Gegensatz steht. Neckel, Edda, Bd. 2, S. 30
(17)Neckel, Edda, S. 129, 20 Im Original steht natürlich der Akkusativ, bana
(18)Neckel, Edda, S. 129,20,3


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