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Hans Schuhmacher Germanische Frau Tiefer Graben
28.04.2017, 09:55

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Kapitel 7: Tiefer Graben

Die Schwierigkeit unseres Unterfangens - nämlich ein Bild der Germaninnen in ihren Gesellschaften zu zeichnen, das nicht von den "Gewissheiten" der Forschungsgeschichte sowie der Germanenklischees verzerrt ist - ist, wie ich ja angekündigt hatte, deutlich geworden. Nähme man jetzt alle verfügbaren Quellen hinzu, also die Schriftquellen, die archäologischen Quellen und die Beiträge der Sprachwissenschaft, nähme das Unterfangen eine enorme Größenordnung an. Genau das wird man aber tun müssen. Dazu kommt, dass meine - freilich im Grunde unzulässigen - Verallgemeinerungen, besonders diejenige, dass ich hier von "den Germaninnen" spreche, dann nicht mehr beibehalten werden können. Ich habe sie mir ohnehin nicht ohne Bedenken und nur aus reiner Notwendigkeit herausgenommen und hoffe, nicht den Eindruck erweckt zu haben, ich wolle hier lediglich ein neues Germanenklischee produzieren.

Meine Hypothesen würden ein derartiges Vorgehen sicher nicht unmodifiziert überstehen, aber das ist auch nicht ihr Zweck (oder der Zweck von Hypothesen überhaupt): es geht mir in erster Linie darum, Fragestellungen zu erarbeiten und eine Diskussion auszulösen.

Der Rahmen muss jedoch unbedingt erweitert werden. Ich habe mich bemüht, das aufzuzeigen, indem ich an Darlegungen, die bislang hauptsächlich das Arbeitsfeld der Historiker, Germanisten, Skandinavisten, Linguisten und Prähistoriker waren, aus der Perspektive anderer Disziplinen, besonders der Anthropologie, herangegangen bin. Mit voller Absicht habe ich nicht überall den selben Ansatz verwendet, ich halte nämlich keinen für den "einzig wahren" und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, diese Ansätze gewissermaßen beiläufig mitzuskizzieren.

Mit dieser Erweiterung des Rahmens möchte ich mich in diesem Kapitel ein wenig befassen. Beginnen möchte ich, indem ich an einem bereits mehrfach genannten Punkt anknüpfe, nämlich der Projektion zeitgenössischer Vorstellungen auf die Germanen.

Ein Blick auf die Wissenden

Donna Haraway hat in ihrem Essay "Im Streit um die Natur der Primaten - Auftritt der Töchter im Feld des Jägers" (1) einen Problemkomplex umrissen, auf den ich hier gern kurz eingehen möchte: "Die wissenschaftliche Debatte über Affen, Menschenaffen und Menschen, d.h. über Primaten, ist ein sozialer Prozess, in dem Geschichten produziert werden - wichtige Geschichten, die allgemein anerkannte Bedeutungen konstituieren. Wissenschaft ist unser Mythos. Dieses Essay ist eine Geschichte über einen Teil dieses Mythos, insbesondere über Aspekte jüngster Bemühungen, das Leben der asiatischen blätterfressenden Affen, die Languren genannt werden, zu dokumentieren." (2)

Man wundert sich vielleicht und fühlt sich möglicherweise entweder verspottet oder zum Spott veranlasst, wenn ich mich hier in diesem Rahmen auf einen Text beziehe, der offensichtlich mit Affen zu tun hat. Die wissenschaftliche Erforschung der Germanen und die wissenschaftliche Erforschung der Affen haben aber beide ohne Zweifel die Eigenart, "wichtige Geschichten (zu produzieren), die allgemein anerkannte Bedeutungen konstituieren." Spezifisch werden anerkannte Bedeutungen für die jeweiligen Zeitgenossen konstituiert. Man kann die Germanenforschung sicher nicht mit der biologisch-zoologischen Primatenforschung in einen Topf werfen, aber beide sind soziale Prozesse, und zwar recht ähnliche, vergleicht man sie beide zum Beispiel mit dem Bau eines Großkraftwerks oder einem Kindergeburtstag, wobei zu berücksichtigen ist, das alle vier - die Primatenforschung, die Germanenforschung, der Kraftwerkbau, der Kindergeburtstag - innerhalb derselben Kultur und Gesellschaft und sogar zeitgleich ablaufen können, wenn sie auch unterschiedlich lange andauern.

Dies ist bereits der erste Punkt, den ich hervorheben möchte: nicht nur der öffentliche Hader über die (scheinbare) Germanenrezeption der Neuheiden sowie die dortigen Vorgänge sind soziale Prozesse, nicht nur die Instrumentalisierung der Germanen im Dritten Reich war ein sozialer Prozess, die Germanenforschung ist es ebenso. Ich halte das nicht für einen Gemeinplatz, denn die Germanenforschung spricht zum Publikum (wenn sie es denn tut) von dem Ort aus, wo das Wissen gemacht wird, und vor allem für das nicht wissenschaftlich tätige Publikum sind die dortigen Vorgänge nicht sichtbar (3), sondern lediglich aufbereitete Ergebnisse. Dadurch "verschwindet" nicht nur das Procedere, das zu den Ergebnissen führt, mitsamt seiner Regelhaftigkeit, sondern auch der Charakter des sozialen Prozesses.

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen der Germanenforschung und der Primatenforschung besteht darin, dass beide Bedeutungen produzierten und produzieren, die gesellschaftlich unmittelbar relevant waren und sind. Das soll nicht heißen, dass der jeweilige wissenschaftliche Diskurs auf seine gesellschaftspolitische Wirkung reduziert werden kann (eine rhetorische Technik wissenschaftsfeindlicher Agitatoren) oder man gar die Wissenschaftler und ihre Arbeit auf einen ideologischen Betrieb reduzieren könnte. Andererseits wird dieser Aspekt der wissenschaftlichen Diskurse oft unterschätzt oder gar übersehen, sogar von seiten der Wissenschaftler selbst. Das heißt: Wissenschaftler, die sich nicht aufgrund ihres Faches ständig mit der zeitgenössischen Gesellschaft befassen, kümmern sich häufig wenig darum, wie sich ihre Arbeiten - oder das, was von ihnen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird - dort auswirken. Sie verfügen auch nicht unbedingt über die Methoden und Techniken, die dazu nötig wären. Ich gebrauche den Begriff "Öffentlichkeit" hier im weitesten Sinne: politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse finden ebenso unter Bezugnahme auf Wissenschaft statt wie administrative. Mit anderen Worten: der Diskurs ist nicht auf die jeweilig beteiligten Wissenschaften und Wissenschaftler beschränkt. Keineswegs alle Wissenschaftler überschauen, wo sich ihre Arbeit wie auswirkt - und was sich in welcher Weise auf ihre Arbeit auswirkt.

Ich zitiere hier eine diesbezügliche Passage von Donna Haraway betreffend die Primatenforschung: "Zunächst sollten wir uns jedoch daran erinnern, dass die Evolutionsbiologie im 19. und 20. Jahrhundert an der öffentlichen Diskussion über den Ort des Menschen in der Natur, d.h. über das Wesen von Politik und Gesellschaft, beteiligt ist. Die Untersuchung des Sozialverhaltens von Primaten ist nicht zu trennen von den komplexen Kämpfen in den liberalen, westlichen Demokratien, in denen es darum geht, zu begründen, wer warum ein mündiger, gesunder Bürger ist. Im westlichen, philosophischen Diskurs ist es eine altehrwürdige Tradition, mit dem Naturzustand zu argumentieren, wenn es um Politik geht. Die moderne Form dieser Auseinandersetzung besteht darin, die Geschichten der Biologie und der Gesellschaftswissenschaften zur natürlichen und politischen Ökonomie miteinander zu verweben. Des weiteren möchte ich zeigen, dass in populären und wissenschaftlichen Geschichten über Primaten die materiellen, gesellschaftlichen Prozesse der Produktion und Reproduktion menschlichen Lebens nachklingen und dass diese sich auf jene stützen. Dies trifft vor allem auf die Bioanthropologie der Primaten zu, die in den zwanziger Jahren in ideologischen und praktischen Kämpfen um den Zugang zu Mitteln zur Kontrolle der menschlichen Reproduktion eine bedeutende Rolle gespielt hat. Das trifft auch auf die Debatten um Ursachen und Kontrolle von kriegerischen Auseinandersetzungen um menschliche Gesellschaften zu, auf Kämpfe um technische Innovation und kooperative Fähigkeiten in der Familie und der Fabrik. Ich halte diese Verallgemeinerungen für richtig, unabhängig davon, ob bestimmte PrimatologInnen ihre Arbeit als Teil solcher Kämpfe begreifen oder nicht. Ihre Geschichten sind Bestandteil in den öffentlichen Ressourcen in diesen Kämpfen. PrimatologInnen erzählen Geschichten, die ihrer jeweiligen Zeit, Rasse, Klasse, ihrem Ort und ihrem Geschlecht - wie auch ihren Tieren - bemerkenswert entsprechen." (4)

Bezüglich unseres Themas bedeutet das, dass man im Grunde erst untersuchen müsste, wie und wo sich die Geschichten der Germanenforscher in welcher Weise ausgewirkt haben. Wohlgemerkt: ich bezeichne im Sinne Donna Haraways die Arbeitsergebnisse der Germanenforschung als wissenschaftliche Geschichten. Diese wirkten und wirken sich aber nicht nur in der von mir im Kapitel über Rezeptionsgeschichte beschriebenen Weise aus, sondern sie taten und tun es auch in anderen Bereichen, deren wichtigster mir die Geschichte zu sein scheint. Die Geschichte ist neben der "Natur" der wichtigste Ressourcenhort der gesellschaftlichen Debatten, und das in ungemein vielfältiger Weise. Der wichtigste Punkt in diesem Rahmen ist die Selbstdefinition der christlich-abendländischen Kultur und all ihrer Aspekte und Teilbereiche mit ihrer historischen Dimension und als Resultat historischer Prozesse. Dies gilt für Einzelbereiche (Verfassungsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte ...) genauso wie für die Geschichte überhaupt. Betrachtet man mit Donna Haraway Wissenschaft als Mythos, dann ist Geschichte der Mythos vom Werden der Dinge und mithin die Begründung, warum sie so sind, wie sie sind. Tatsächlich ist dieses "wie sie sind" unmittelbar abhängig von ihrem Werden, weil die Begründung (dies ist so, weil ...) stets eine historische Dimension hat. Also: die Erklärung "wie es dazu kam" wirkt ein auf die Art und Weise, wie die Sache selbst gesehen wird. Freilich ist die Erklärung - und wie sie aufgenommen wird - ständigem Wandel unterworfen. So zeichnen sich die jeweiligen gesellschaftlichen Kämpfe in dem ab, was in dieser Zeit die Geschichte ist. Sie ist selbst ein Ort dieser Kämpfe.

Es ist einmal wieder Zeit für ein Beispiel. In einem Buch zum Berufskunde-Unterricht für Industrienäherinnen (also einem Berufsschulbuch) fand ich einmal die Frage "Warum müssen wir arbeiten?" Sie wurde beantwortet mit dem Hinweis auf den offensichtlichen Tatbestand, dass wir uns nicht im Schlaraffenland befinden und keine gebratenen Hühner durch die Luft fliegen; und das war in der Tat die gesamte Antwort. Diese Antwort ist darum lächerlich, weil sie ahistorisch ist. Jede Antwort auf diese Frage, die auch nur einigermaßen Anspruch darauf erheben kann, ernstgenommen zu werden, hat eine historische Dimension, und sei die historische Begründung als solche auch noch so erbärmlich und lächerlich. Es ist nicht möglich, ernsthaft eine Frage nach dem Warum irgend einer sozialen Gegebenheit, ganz gleich welcher, zu beantworten, ohne entweder eine ahistorische Antwort zu geben (in welcher dann die "Natur" an Stelle des Schlaraffenlandes steht) oder aber die Geschichte zu erzählen, wie es kam, dass es jetzt so ist. Die meisten dieser Geschichten sind übrigens Mischungen dieser zwei Rückgriffe, des ahistorischen auf die "Natur" und des historischen. Es ist nicht verwunderlich, dass zum Beispiel Karl Marx die Frage "Warum müssen wir arbeiten?", etwas komplexer formuliert, bis zum Anbeginn der Menschheit zurückverfolgte. Die ahistorische Antwort ist, wird sie gegeben, die Verweigerung der historischen Antwort.

Aus diesem Grunde wird man auch die Germanen nicht los. Tatsächlich stellt sich die Frage des Tacitus: "Warum schlug man die Germanen nicht?" auch heute noch immer wieder, und die Antwort kann schlechterdings ohne Beschreibung der Germanen nicht auskommen. Die taciteische Frage stellt sich darum, weil man begründen muss, wie es denn kam, dass Jahrhunderte nach ihm das gesamte weströmische Reich in den Händen germanischer Personenverbandsgesellschaften war, deren Nachfolge-Gesellschaften schließlich zu dem wurden, was heute die christlich-abendländische Kultur ist. Auch das muss man erzählend begründen. All diese Geschichten kommen ohne Beschreibungen und Charakterisierungen der Germanen nicht aus. Sie kommen auch nicht aus ohne Beschreibungen und Charakterisierungen der römischen Gesellschaft und des Christentums.

Wird Geschichte in größerem Umfang neu geschrieben, kommen also die Germanen immer wieder zum Vorschein - das ist unvermeidlich. Es ist kein Zufall, dass zu einem Zeitpunkt, an welchem man eine europäische Identität zu definieren (also: eine Mythe zu erzählen) hat, die Germanen als "Wirtschaftsflüchtlinge" durch die Medien geistern, die sich selbst nicht zu helfen wussten und daher der römischen "Zivilisation" randalierend zur Last fielen. Die Ähnlichkeit dieser Germanen-Geschichte mit den Geschichten von den "Wilden", die sich ebenfalls nicht zu helfen wussten und daher kolonisiert werden mussten, scheint niemandem aufzufallen, geschweige denn, dass sich irgend jemand veranlasst sieht, nach dem Warum dieser Geschichten zu fragen: ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Es ist aber immer ein Grund zum Argwohn, wenn eine Kultur als defizitär dargestellt wird und eine andere Kultur den Menschen in der defizitären Kultur "hilft", indem sie die angeblich defizitäre Kultur vernichtet. Umso mehr, wenn man bei näherem Hinsehen feststellt, dass durch die "Hilfe" für deren Empfänger keineswegs "alles besser geworden" ist. Besonders aber, wenn beispielsweise von Frauen und den Veränderungen für diese überhaupt nie die Rede ist.

Das ist der nächste Punkt, auf den ich aufmerksam machen wollte: das Thema ist vielleicht relevanter, als es den Anschein hat.

Donna Haraway beginnt im Sinne alles Gesagten nicht mit den Languren, sondern mit ihren Erforschern: "Da es in der Biologie angemessen ist, mit Abstammung und Abänderung zu beginnen und in der Anthropologie mit dem sozialen Objekt der Verwandtschaft, werden wir uns den Subjekten dieses Essays durch die Fiktion einer väterlichen Linie, und zwar der eines außerordentlich sichtbaren Vaters in der Ordnung der Primaten, Sherwood Washburn, nähern. Die Frauen, deren Arbeiten im folgenden untersucht werden (Phyllis Jay - später Dolhinow -, Suzanne Ripley, Sarah Blaffer Hrdy und Jane Bogess) sind akademische "Töchter" und Enkelinnen innerhalb eines bedeutenden Netzwerks von PrimatologInnen in den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die StudentInnen der Languren, von denen diese Geschichte handelt, haben die Herzstücke ihrer fiktiven Strategien, die zulässigen Erzählungen und Werkzeuge, mit denen sie die Fundamente einer anderen Geschichte errichten, direkt durch die Washburn-Linie geerbt." (5) Das Kapitel heißt: "Patrilineare Primatologie: Eine Lebensweise" (6)

Für Lesern, die mit wissenschaftlichen Texten nicht vertraut sind, ist das vielleicht etwas verwirrend. Donna Haraways Kunstgriff besteht darin, die "Washburn-Linie", also die Wissenschaftler, in der Sprache zu beschreiben, in der die Wissenschaftler die Objekte ihrer Forschung beschreiben (zum Beispiel die Languren), und sie selbst wie Forschungsgegenstände der Anthropologie und Primatologie zu behandeln. Patrilinearität ist die Definition von Abstammung über die väterliche Linie, ein Begriff aus Ethnologie und Anthropologie (7). Der einflussreiche Primatenforscher Sherwood Washburn wird hier quasi zum patriachalischen Oberhaupt einer "Linie".

Das genannte Kapitel informiert über Washburns eigenen Werdegang, seine wissenschaftliche Arbeit und in vielerlei Hinsicht die Gestalt, die sein Wirken der "Washburn-Familie" verlieh - wobei die "Töchter" keineswegs seine Nachbeterinnen waren.

Eine Frage, mit der sich die "Washburn-Töchter" bezüglich der Languren befassten, war die Beobachtung, dass hin und wieder Langurenmännchen Langurenkinder töteten. Das sollte und musste erklärt werden. Donna Haraway schildert die Ansätze und Methoden der jeweiligen Wissenschaftlerin ebenso genau wie den Bezug von Arbeitsweise und Ergebnis zu den jeweilig zum Zeitpunkt der Arbeit stattfindenden gesellschaftlichen Disputen und deren Hintergrund. Ich werde hier einige der Kindtötungs-Theorien zitieren.

Sarah Hrdy: "Hrdy erzählt in der Sprache von Befehl, Kontrolle, Krieg, Ehebruch, Eigentums- und Investmentstrategien und in dramatischen Seifenopern über Machtkämpfe eine Geschichte, die im wesentlichen eine politische Geschichte von Herden ist, und vom männlichen Kampf und dem Konflikt zwischen weiblichen und männlichen Reproduktionsabsichten beherrscht wird. Sie unterstützt die Hypothese, die besagt, dass Langurenmännchen über mehrere mögliche Reproduktionsstrategien verfügen, die durch die konstruktiven Rahmenbedingungen des Körpers eines blätterfressenden Affen und dem Spektrum seiner ökologischen Nische eingeschränkt werden. Für ein Männchen außerhalb der Herde besteht eine dieser Strategien darin, in die Herde einzufallen und das ansässige Männchen auszuschalten, dessen mutmaßlichen Nachwuchs zu töten und die Weibchen damit zu einem früheren Östrus zu reizen, so dass sie sich so schnell wie möglich mit dem Usurpator paaren..." (8)

Suzanne Ripley: "Ripley behauptet in ihrer Geschichte, dass Generalisten fortwährend die Übergänge der Lebensräume ausnutzen und so eine Spezialisierung und deren einschränkende Folgen vermeiden. Ein Preis dieser Lebensstrategie sind periodisch eintretende Bevölkerungszusammenbrüche, nämlich dann, wenn die Existenz an den Übergängen zum Desaster wird. In diesem Fall ist ein reproduktives Verhaltenssystem erforderlich, das Populationen schnell wiederherstellen kann. Diese Eigenschaft der Generalisten bringt es mit sich, dass regelmäßige Bevölkerungsüberschüsse unter günstigen Bedingungen unvermeidlich sind. Infolgedesssen sollte man davon ausgehen, dass erfolgreiche Arten über irgendeinen Rückkopplungsmechanismus zur Bevölkerungsregulierung verfügen, und Kindstötung bietet sich hierfür geradezu an. Man beachte das generell kybernetische Modell der Tiermaschine. Dieser Aspekt ist typisch für Geschichten nach dem Zweiten Weltkrieg: Dampfmaschinen und Fernvermittlungszentralen gehören einer früheren Ära der Biologie an." (9)

Jane Bogess: "Das Töten von Jungen wäre ... entweder das Zeichen sozialer Pathologie, die von einem unnatürlichen menschlichen Einfluss herrührt, oder ein «Unfall». Bogess behauptet, dass es nur ganz wenige auf Beobachtungen zurückgehende Anhaltspunkte für zielgerichtetes Töten von Jungen gibt, und so schwächt sie mit der Logik ihrer Geschichte den Status der Ereignisse ab, von denen sie annimmt, dass sie tatsächlich beobachtet wurden. Bogess hat ziemlich klare Standards dafür, ein bestimmtes Sozialverhalten als pathologisch und nicht als Schlüssel genetischer Investment-Strategien zu bezeichnen. Wenn die fraglichen Verhaltensweisen, das Töten von Jungen sowie die unkontrollierte soziale Instabilität der Männchen, dem Reproduktionserfolg beider Geschlechter schaden, dann nennt sie es pathologisch, anpassungsgestört." (10)

Donna Haraway beschließt ihr Essay folgendermaßen: "Das Wichtigste dabei war, auf der Demystifizierung der in öffentlichen Diskursen auftauchenden wissenschaftlichen Bedeutungen zu insistieren. Es sind Menschen, die innerhalb eines bestimmten historischen Rahmens die Bedeutungen herstellen. Das liegt in der Natur der Primaten." (11)

Das ist in der Tat das Wichtigste, auch bezüglich der Germanen und der Geschichten über sie. Ich kann hier leider die jeweiligen Kontexte zu den oben zitierten Kindstötungs-Theorien nicht wiedergeben - es genügt für den Anfang, wenn man sieht, wie extrem sie voneinander abweichen. Diese Theorien beruhen, wie gesagt, allesamt auf den jeweiligen zeitgenössischen gesellschaftlichen Disputen und somit auf Theorien, die mit menschlichen Gesellschaften zu tun haben und infolge der Dispute entstanden sind. Warum zum gegebenen Zeitpunkt eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage "Warum töten Langurenmännchen manchmal Langurenkinder?" so und nicht anders lautet, kann ohne Bezug auf diese Dispute nicht verstanden werden.

Sie sind auch mittendrin

Man missverstehe mich nicht: ich will nicht auf irgendwelche Gemeinplätze wie den Zeitgeist hinaus. Die Rede ist von Gesellschaftstheorien, und zwar wissenschaftlichen Gesellschaftstheorien, die sich auch auf wissenschaftliche Arbeit auswirken, deren Objekte nichts unmittelbar mit dem zu tun haben, worauf die Theorie sich eigentlich bezieht. Ein Beispiel einer Wirkungskette: Investmentstrategien können im Wortsinn nur in einer bestimmten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung existieren. Tauchen sie plötzlich bei Theorien bezüglich des Verhaltens blattfressender Affen auf, ist dies der erste Teil des Phänomens. Der zweite Teil besteht darin, "Erkenntnisse" über das "Investment-Verhalten" der Languren (weil sie Tiere sind und daher den "Naturzustand" abbilden) auf gesellschaftliche Phänomene zu übertragen. Das ist nicht das selbe wie ein Zirkelschluss, denn die "Investmentstrategien" der Languren wurden ja sehr genau analysiert, und es sind die Ergebnisse dieser Analysen, die dann wieder auf die menschliche Gesellschaft angewendet werden. Da sie "wissenschaftliche Tatsachen" sind, werden sie als Argumentationsgrundlagen in einem weiten Spektrum von Disputen verwendet und als Begründung für politische, wirtschaftliche oder administrative Entscheidungen herangezogen.

Genau das geschieht bezüglich der Germanen fortwährend, und ich spreche hier nicht von ihrer ideologischen Instrumentalisierung, von der die rassistisch-autoritäre zwar die wichtigste ist, die aber häufig andere als "unideologisch" erscheinen lässt, was keineswegs der Fall ist. Die Wirtschaftsflüchtlinge-Theorie ist im höchsten Grade ideologisch. Aber darum geht es hier nicht, hier geht es vielmehr darum, warum es wichtig ist, zu begreifen, dass die Germanenforschung ein sozialer Prozess ist und im Prinzip genau so arbeitet wie die Primatenforschung an den Languren. Ich habe immerhin zeigen können, wie die Germaninnen aus dem Bild ihrer Gesellschaften verschwanden, und das geschah nicht nur wegen der Charakteristika der römischen und christlichen Quellen, sondern auch aufgrund der Gesellschaftstheorien, und zwar bezüglich der zeitgenössischen Gesellschaft, von der die Germanenforscher ausgingen (und ausgehen) und die dann wie oben beschrieben wirken. Das ist ein wissenschaftliches Problem (und ein Problem der Wissenschaft).

Die Anthropologie als Wissenschaft beispielsweise beschäftigt sich mit solchen und anderen Problemen. Meines Wissens tun das Althistoriker, Sprachwissenschaftler und Vorgeschichtler bis heute nicht. Das liegt unter anderem daran, dass die Arbeitsfelder der Letztgenannten keinen unmittelbaren Bezug zu solchen Problemen haben, die der Anthropologen und Sozialwissenschaftler aber sehr wohl. Die Stigmatisierung der Germanen in der Öffentlichkeit wird ebenfalls nicht ohne Folgen geblieben sein - abermals, Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Auch ein moderner Germanenforscher arbeitet fortwährend auf schwer kontaminiertem Gebiet, und es ist undenkbar, dass sich all das nicht auf die Regelhaftigkeit und die Ergebnisse der Germanenforschung ausgewirkt hat. Die Germanen selbst aber, das Forschungsobjekt, haben mit alledem nichts zu tun, und das ist einer der Gründe, warum ich all das unter Zuhilfenahme von Donna Haraways Essay bespreche. Ich muss mich in der Tat neben der feministischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway niederkauern, um dann quasi unter dem Schild der Athene über Affen zu sprechen, um etwas über die Zwangsjacke sagen zu können, in der die Germanenforschung steckt.

Stecken aber andere in einer solchen, wird das sofort gesehen! Im Folgenden zitiere ich eine bibliographische Anmerkung von Herwig Wolfram in seinem Werk "Die Germanen" (12), die sich auf das (übrigens ganz ausgezeichnete) Germanen-Lexikon (13) der Akademie der Wissenschaften der DDR bezieht: "Vor allem archäologisch ausgerichtet, haben die von Joachim Herrmann geführten «Kollektive» Forschungsergebnisse mitgeteilt, die die ganze Misere der einstigen Situation vor Augen führen. Es wurde einerseits ausgezeichnete Wissenschaft betrieben, die den internationalen Vergleich keineswegs zu scheuen hat. Andererseits waren den einzelnen Wissenschaftlern ideologische Beschränkungen auferlegt, die den Außenstehenden vor wie nach der Wende geradezu lächerlich anmuteten: so durften für die DDR-Forschung die Goten nicht vorkommen, weil sie sich unterstanden haben, Territorien zu besetzen, auf denen nun sozialistische Bruderländer existierten. Dazu mussten immer wieder Zitate von Friedrich Engels eingestreut werden, dessen Germanen-Bild zutiefst der deutschen Romantik und der Germanen-Verherrlichung verpflichtet ist. So drängt sich, was sicher nicht von dem Autoren-Kollektiv beabsichtigt war, der Vergleich zwischen Engels und Orosius, dem Kärrner des Heiligen Augustinus auf, wobei auch letzterer und Marx nicht unbedingt in einem Atemzug genannt werden sollten..." (14)

Zwar will ich die jeweiligen Zwangsjacken keinesfalls gleichsetzen, aber ich kann über die westdeutsche Germanenforschung genauso schreiben wie Wolfram über die der DDR (und man verstehe das Folgende in diesem Sinne!): So dürfen für die West-Forschung die germanischen gentes keine funktionierende Ökonomie gehabt haben, ihre Wirtschaft muss immer eine "Mangelwirtschaft" sein, trotz archäologischer Befunde, die beispielsweise belegen, dass sie weiträumige Eindeichungsprojekte durchführen konnten. Der Grund dafür ist, dass sie in der taciteischen Zeit keine Geldwirtschaft hatten und Geld ablehnten (was Tacitus ausdrücklich lobt!) und im Westen eine Wirtschaft ohne Geld nicht funktionieren darf. Der defizitäre Charakter ihrer Kosmologie muss ebenfalls stets "erarbeitet" werden, da die Überlegenheit des Christentums damit begründet werden muss, und dies geschieht zwar nicht durch Einstreuen von Zitaten von Augustinus und seinem Hetzer Orosius (dessen Germanen-Bild zutiefst der Tradition der Barbaren-Verachtung und des Barbaren-Hasses verpflichtet ist), aber durchaus in Befolgung von deren Leitlinien, wobei ersterer und Marx nicht unbedingt in einem Atemzug genannt werden sollten.

Leider hat Wolfram selbst in seinem umfangreichen Werk "Das Reich und die Germanen" (15) ein Beispiel dafür erbracht, die prokatholische Tendenz des Werkes ist nicht zu übersehen. Ich sage leider, denn ich schätze seine Bücher als genauso ausgezeichnet ein wie er das Germanen-Lexikon der Akademie der Wissenschaften.

Die Germanen (zumindest die heidnischen Germanen) und die Languren haben diesbezüglich eine Gemeinsamkeit: sie kommen selbst nie zu Wort; die Languren nicht, weil sie nicht sprechen können, die heidnischen Germanen nicht, weil sie keine Aufzeichnungen hinterließen. Mir kommt es hier darauf an, zu zeigen, dass auch die moderne Germanenforschung nicht jenseits gesellschaftlicher Prozesse gesehen werden kann; ferner, dass das Germanenthema mehr Aufmerksamkeit verdient, als es bekommt, und es außer der Frage nach dem Vorhandensein rassistischer Thesen auch noch andere Fragen gibt, die man an Veröffentlichungen über Germanen stellen sollte. Es sind Menschen, welche die Bedeutungen herstellen.

Worum es geht

Dies gilt selbstverständlich auch für alle mit der "Natur" in Verbindung stehenden Bedeutungen sowie der Bedeutung, welche der "Natur" selbst verliehen wird. Ihre Funktion im Diskurs ist gewöhnlich die, das Zeitlose, also Nicht-Historische, Nicht-Anthropogene definierbar zu machen, das dann freilich das Unveränderliche und Objektiv-so-seiende sein soll. Ich bin darauf bereits in "Völkische Ideologie" eingegangen, was allein schon darum notwendig war, weil die völkische Biorobotik mit ihrer Definition der "Natur" steht und fällt. Oben sind wir - was eigentlich zu erwarten war - schon wieder auf die "Natur" und diese ihre Funktion gestoßen. Im Rahmen unseres eigentlichen Themas spielt die "Natur" und ihre Funktion im Diskurs ebenfalls eine entscheidende Rolle, und zwar weil Germaninnen Frauen waren.

"Seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts entsteht «Natur» als eine Ordnungskategorie des Denkens, die neuartig der «Kultur» gegenübergestellt wird, die also das «ganz andere» verkörpert, dessen Gesetze man erforschen kann. Diese Dichotomie des Denkens in entgegengesetzten Kategorien von Natur und Kultur ist durchwebt mit geschlechtlichen Bezügen und Metaphern, in denen die Frau mit der Natur gleichgesetzt wird. Frau wird zum Symbol einer Natur, die entdeckt, entschlüsselt, vom Licht der Vernunft durchleuchtet werden kann. Natürlich (sic (Bemerkung der Autorin, H.S.)) hat die Nähe von Frau zur Natur in der kulturellen Vorstellungswelt des Westens eine jahrtausendealte Tradition, deren Facetten Merchant untersucht hat. Auch ist die Tradition der «Naturalisierung» an sich nicht neu, denn politische Positionen, soziale Ordnungen sind durch Naturmetaphorik bezeichnet worden. Die «wissenschaftliche Revolution» produzierte indes einen neuen Begriff. Eine Natur, die passiv, unterwerfbar, an sich unbelebt und gehorsam ist, wenn ihre physikalischen Gesetze erforscht sind. Eslea untersuchte diese Entstehung dieses Naturbegriffes, der konzeptuell einen Bruch mit der Tradition darstellt, insofern ihre nun monistische Natur an sich keine Intention, keine Finalität mehr besitzt. Sie liegt offen dar der Aneignung und Nutzbarmachung. Erst so wird die Immanenz von «natürlicher» und «sozialer» Welt zu einem Gegensatz, der eine Hierarchie und ein Herrschaftsverhältnis darstellt... Der Begriff dieser «Natur» im Gegensatz zu «Kultur», dem der Körper, insbesondere der Körper von Frauen, Kindern und «Wilden» zugeschlagen wird, und der dann im sozialwissenschaftlichen Denken des 19. Jahrhunderts zentral ist, wirft nun sein unentrinnbares Raster über alles, was mit ihm erfasst wird. Wissenschaft und Medizin benutzen seit der Aufklärung die Natur, mit der sie sich befassen und zu der das Leibesinnere gehört, «Reproduktion», «Sexualität» usw., um vermittelt die unabänderliche Setzung des so Begriffenen zu implizieren. Das Mittel dieser Übertragung sind die Sprachformen, in denen naturalistisch über physiologische, mentale und soziale Aspekte von Menschen etwas ausgesagt wird. Die Begriffe selbst stellen eine ununterbrochene Verbindung her, eine Beziehung zwischen Aussagen über das so begriffene Leibesinnere und sozialer Zuschreibung...So ist die Kategorie «Frau" ein Produkt der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts und vergleichbar mit anderen Kategorien mit naturalistischem Schein, z.B. «Familie», «Reproduktion», «Verwandtschaft" und «Sexualität». Es ist eine der großen Leistungen der Frauenstudien, die ideologischen Implikationen dieses Denkkonstruktes aufgedeckt und kritisiert zu haben...." (16)

Wir müssen davon ausgehen, dass alle der Kategorie "Frau" zugeschriebenen Eigenschaften ab dem 19. Jahrhundert auf die Germaninnen übertragen wurden. Auch vorher schon hatten von Tacitus bis zu den Gelehrten der Frühen Neuzeit alle am Germanendiskurs Beteiligten ihre Vorstellungen von "Frau" auf die Germaninnen projiziert, weswegen die Germanenforschung der wilhelminischen Ära zusätzlich zu ihrer eigenen Misogynie (Dahn) zwei starken misogynen Einflüssen ausgesetzt war, nämlich einerseits alledem, was zuvor schon in der Geschichtsschreibung angerichtet worden war, und andererseits dem biologisch-medizinischen Diskurs des 19. Jahrhunderts. Es ist eigentlich unnötig, darauf hinzuweisen, dass keine einzige Frau bei diesem Prozess mitzureden hatte.

Es kann auch und gerade bezüglich der Germanenforschung nicht gleichgültig sein, wie die Kategorie "Frau" heutzutage dort gesehen wird. Ich habe mich bemüht, einige gesellschaftliche und kosmologische Aspekte aufzuzeigen, bei denen es sehr entscheidend ist, was man unter "Frau" versteht. Wie man sich gesellschaftliche Partizipation von Frauen überhaupt vorstellt und inwieweit diese Vorstellungen das Bild der Germaninnen in ihren Gesellschaften prägen, ist eine Frage, die strenggenommen noch zur Oberfläche des Problems gehört. Diese Vorstellungen hängen ab von den Vorstellungen über "Frau", und diese liegen allen anderen diesbezüglichen Problemen zugrunde. Das ist der Kern.

Niemand wird behaupten wollen, dass das Bild von "Frau" nicht im höchsten Maße für gesellschaftliche Theorien und den gesamten gesellschaftlichen Diskurs von sehr großer Bedeutung ist. Wer kontrolliert die Reproduktion, wer definiert die Körper, wer definiert die "Sexualität"? Verfügen Frauen hier und heute über sich selbst? In welcher Weise, in welchen Bereichen, in welchen nicht? Das ist nur eine winzige Auswahl von Fragen. Niemand wird behaupten wollen, dass das Bild von "Frau", das man bei der Germanenforschung hat, "völlig losgelöst" von diesen Diskursen, diesem Diskurs ist.

Weiter oben habe ich skizzenhaft anhand von Donna Haraways Essay gezeigt, wie derlei sich auswirkt. Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich nur sehr wenige Publikationen über Germanen von Frauen sehe. Die von Simek referierte Nerthus-These stammt von einer Frau, Lotte Motz (17). Ich habe in Simeks Literaturliste so lange Publikationen auf einer Strichliste vermerkt, bis ich 100 Beiträge von Männern beieinander hatte. Diesen gegenüber stehen sechzehn, die ich wegen unklarer Namensform oder Initialen nicht zuordnen kann, eine, die von einer Gruppe erstellt wurde, die ein weibliches Mitglied aufwies, und immerhin ganze sieben Beiträge von Frauen. Ich habe wohlweislich die Quellenautoren und - herausgeber nicht berücksichtigt. Die Literaturliste von Herwig Wolframs "Die Germanen", die eine Auswahl ist (18), weist keine einzige Autorin auf. Bei dem von ihm kommentierten Germanen-Lexikon der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeiteten Frauen mit, das Verhältnis Männer/Frauen war in etwa das der Germanenforschung im Westen.

Ich habe mich bemüht, zu zeigen, welche gesellschaftliche und kosmologische Mächtigkeit (die freilich einander bedingten) das etiam sanctum aliquid et providum anscheinend bezeichnete. Dass es in der Rezeptionsgeschichte "verschwand" und warum, haben wir gesehen. Es ist an der Zeit, die Frage danach zu stellen, wie diese Macht eigentlich beschaffen war und aus welcher Quelle sie sich speiste. Ich habe im Kapitel über die taciteische Zeit bereits eine gesellschaftlich-ökonomische Hypothese vorgetragen. Diese reicht aber, selbst wenn sie sich halten lässt, nicht aus, um diejenigen Germaninnen, die mit dem etiam sanctum aliquid et providum als Eigenschaft ausgestattet waren, als die mächtigen Frauen erscheinen zu lassen, die sie anscheinend waren. Es wurde im Kapitel über Mythologie und Kosmologie deutlich, dass dem in der Welt befindlichen, aber keineswegs allgegenwärtigen Heiligen bei sämtlichen Vorstellungen der Germanen eine überragende Bedeutung zukam und dass es, im Gegensatz bereits zur hellenischen Kosmologie, "in" Menschen sein konnte. Der Sakralkönig "verkörpert", deutlicher: ver - körpert, den Stammesahn, der selbst anscheinend eine andere Beschaffenheit hat. Das ist im Rahmen der germanischen Kosmologie so wichtig, dass weder Taufe noch Veränderung gesellschaftlicher Strukturen (Chlodovech und Chlotachar waren keine taciteischen Sakralkönige) diese Vorstellungen - zunächst - beseitigten. Den Merowingern wurde die Eigenschaft zugeschrieben, durch Berührung heilen zu können - Berührung ist ein körperlicher Akt.

Das etiam sanctum aliquid et providum hat mit Weissagung zu tun. Als Vorkartesianer dachten die Germanen nicht, sie seien Gespenster, die biologische Roboter steuerten - man wird wohl behaupten dürfen, dass sie sich selbst mit ihren Körpern identifizierten, ohne allzu viel Widerspruch zu ernten. Es weissagte also, behaupte ich, nicht der "Geist" der Frau, sondern der Körper, der sie war. Es war der einzelne weibliche Körper, der etiam sanctum aliquid et providum war.

Heutzutage und - in diesem unserem Lande - ist ein mächtiger weiblicher Körper eine fremdartige Vorstellung. Das ist nicht ohne Grund so. "Im 17. Jahrhundert setzt ein gewalttätiger Vorgang ein, in dem der Leib als die Verkörperung ortsgebundener gesellschaftlicher Überlebenskraft symbolisch gebrochen wird: im Hexenprozess wird der Leib der Frau verteufelt, am Gerüst an-atomisiert, in seiner Darstellung als Stückwerk wird er seiner sinntragenden Undurchsichtigkeit beraubt. Um als Objekt beschreibender Beobachtung hergestellt zu werden, muss er erst als Symbolträger entwertet werden." (19)

Es kann für uns freilich nicht gleichgültig sein, dass die Germanenrezeption zur Zeit der Hexenprozesse begann, und man sollte nicht daran zweifeln, dass das etiam sanctum aliquid et providum für die in der Frühen Neuzeit des Lesens Kundigen ganz gewaltig nach Hexerei klang, zumal die Bibel da eindeutige Urteile fällte und das Heidentum der taciteischen Germaninnen außer Zweifel stand. Unter solchen Vorzeichen begann die historische Beschäftigung mit den Germaninnen.

Aber gegen welche "Verkörperung ortsgebundener gesellschaftlicher Überlebenskraft" wurde denn da vorgegangen? "Der Körper der norditalienischen Frauen, von denen Accati berichtet, ist selbst Quelle der Macht, denn che sa dare la vita, sa dare la morte, "wer das Leben geben kann, kann auch den Tod geben". Diese Weisheit ist eine soziale Selbstverständlichkeit in Friuli in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Aber hier, im Prozess der Gegenreformation fordert der Pfarrer des Dorfes Polidoro für die "Mutter Kirche" die Macht, jenes Leben zu spenden, auf das es wirklich ankommt, um vorm ewigen Tod zu retten. Accati beschreibt den Ausbruch eines Ringens um die Macht, insbesondere den Übergang der Machtquelle vom Körper und Spruch der Frauen zur Institution und ihrem geschriebenen Wort. Die Macht über den Sturm, den die alte Frau seit langem (und wohl lange mit kirchlicher Toleranz) durch Entblößen ihrer Hinterbacken beschwören konnte; die Macht der Jungfrau, durch das Öffnen ihrer blutenden Scham gen Himmel das Wetter zu machen, werden von nun an nicht mehr nur als unheimliche Vollmachten hingenommen, sondern als Bedrohung der institutionellen Definitionsmacht gesehen und verteufelt. Es kommt zu einer beharrlichen Entwertung der Magie des Körpers, die zur Kultur des Volkes gehört." (20)

Da haben wir eine Vorstellung von mächtigen weiblichen Körpern, und die Quelle und Quintessenz der Macht wird eindeutig benannt. Selbstverständlich sind diese Frauen keine Germaninnen. Ich gehe aber trotzdem das Wagnis ein und behaupte, dass dies die Quelle des etiam sanctum aliquid et providum ist. So kann problemlos erklärt werden, warum die Todbringerinnen weiblich sind (Walküren) - wer das Leben geben kann, kann den Tod geben. Diese Erklärung passt damit zusammen, dass für die Germanen Ursprünge und Anfänge so ungeheuer wichtig waren und dass die Orte des Ursprungs (initia gentis; Semnonenhain) die heiligen Orte sind - der Semnonenhain ist, wo das Leben aller Sueben herkommt, darum müssen die Ältesten den Ort hüten, darum die Fesseln und die Opfer. Darum aber auch die frohen Tage, wenn der Wagen der Göttin durchs Land rollt.

Durch die Gefilde der Germanenforschung rollt er anscheinend nicht.

Kapitel 8: Perspektiven


Fußnoten:

(1)Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur – Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt am Main 1995, S. 123 ff.

(2)ebd., 123f.

(3)An dieser Stelle möchte ich noch einmal anmerken, dass Rudolf Simek in seinem von mir hier vielzitierten Buch dem Laien oft und nachvollziehbar zeigt, wie die Germanenforschung zu ihrem Wissen kommt. Das ist bislang im Rahmen der Germanenforschung eine recht seltene Erscheinung.

(4)Haraway, Die Neuerfindung der Natur, S. 126f.

(5)ebd., S.128f.

(6)ebd., S. 128

(7)Ich bin übrigens bezüglich des Ariosophieprojekts vor Jahren auf einen ähnlichen Gedanken verfallen, der dann zu einer der Leitlinien des Projekts wurde. Ich erstatte nämlich Bericht über die Berichterstatter. In diesem Text simuliere ich eine Journalisten-Perspektive auf Journalisten, werfe alle in einen Topf, genauso wie sie alle Naturreligiösen in einen Topf warfen und ziehe über sie her, wie sie über die Naturreligiösen herzogen. Allerdings treibe ich die Spiegelung nicht so weit, Unsinn über sie zu schreiben und setze mir auch andere Grenzen, obwohl ich sie nicht ebenso sozial vernichten könnte, wie sie Abweichler von der Normalität vernichten können. Eine hämische Beschreibung des Aussehens, der Lebensgewohnheiten, der Kleidung oder der Sprache von Franziska Hundseder beispielsweise werde ich niemals verfassen.

(8)ebd., S. 149

(9)ebd., S.151

(10)ebd., S. 154f.

(11)ebd., S.159

(12)Wolfram, Herwig: Die Germanen, München 1999, (4. Auflage)

(13)Die Germanen. Geschichte und Kultur der germanischen Stämme in Mitteleuropa Bd. 1 und 2, Hrsg. Bruno Krüger, Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin 1983

(14)Wolfram, Die Germanen, S. 120 f. (bibliographische Anmerkung)

(15)Wolfram, Herwig: Das Reich und die Germanen, Berlin 1992

(16)Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut, Stuttgart, 1987/1991 S. 34f. Ich hatte diese Passage schon in „Völkische Ideologie“ zitiert

(17)Simek, Religion und Mythologie der Germanen, S. 56

(18)Wolfram, Die Germanen, S.119

(19)ebd., S. 23

(20)ebd., S. 20

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