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Hans Schuhmacher Germanische Frau Mythologieund Kosmologie
28.04.2017, 09:55

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Kapitel 5: Mythologie und Kosmologie - die Fragmente des Denkens

Mythologien spielen nicht nur im Neuheidentum eine wichtige Rolle, weil sie die Gottheiten auflisten und umreißen, die man dort mit eigenartigen Glaubensäußerungen bedenkt, sondern in unterschiedlichster Form auch auf dem Buchmarkt. Den Konstrukten der meisten Neuheiden und den allermeisten publizistischen Werken (1) ist ein zentraler Fehler gemeinsam. Dieser ist derart fundamental, dass er nicht nur sämtliche Informationen über Gottheiten, mythische Wesen und dergleichen völlig wertlos macht, sondern ihre Eingliederung in zeitgenössische Ideologien überhaupt erst ermöglicht. Er besteht aus der Überblendung des kosmologischen Kontextes.

Folgendes wird einleuchten: erklärt man jemandem, der nichts darüber weiß, das Schachspiel, indem man ihm die Figuren erklärt, ihm aber weder mitteilt, dass das Spiel auf acht mal acht quadratischen Feldern gespielt wird, noch, dass es das Ziel eines Schachspielers ist, den gegnerischen König mattzusetzen, ist das Ergebnis, dass das Gegenüber eine Menge völlig nutzloser Informationen erhält. Das Schachbrett und das Spielziel sind nämlich der Rahmen, und zwar der einzige Rahmen, in dem Schachfiguren und die sie betreffenden Regeln einen Sinn ergeben. Trotzdem wird der solcherart Informierte glauben, viel über das Schachspiel gelernt zu haben, und er wird glauben, Bescheid zu wissen, bis er zum erstem Mal ein Schachspiel sieht. Aber selbst dann wird er Hilfe benötigen, um sich zurechtzufinden.

Ich werde auf die Schach-Metapher in diesem Kapitel noch einige Male zurückgreifen, weil sie in vielerlei Hinsicht nützlich ist.

Betrachtet man zeitgenössische Darstellungen von Mythologien, so sieht man am häufigsten etwas, das große Ähnlichkeit mit dem Handbuch eines Schmetterlingssammlers aufweist. Die beschriebenen Wesenheiten haben Namen, werden bezüglich ihres "Aussehens" und ihrer "Funktionsbereiche" beschrieben; ist das Werk etwas ausführlicher, erhält man noch die Abschilderung einer oder mehrerer mythischer Erzählungen. Vorausgesetzt wird dann meist, dass die Angehörigen der jeweiligen Kultur (also alle in gleicher Weise), über die man in der Regel nichts erfährt, an diese Wesenheiten "glaubten".

Die Funktionsbereichstheorien (der Gott des ...; die Göttin des ...) liefern ein quasi-bürokratisches Bild eines Kosmos, der gewissermaßen in fest umrissene Arbeitsbereiche unterteilt ist, aber auch diese sind bei näherem Hinsehen völlig nichtssagend. Was ist "Krieg" für eine jeweilige Gesellschaft, zum Beispiel im Gegensatz zu organisiertem Totschlag und räuberischen Überfällen? Was ist "Fruchtbarkeit" - eine biologische Mechanik, ein chaotischer Prozess, ein geordneter Prozess, wer und was ist warum und in welcher Weise fruchtbar?

Gerade der Begriff der "Fruchtbarkeit" ermöglicht hier einen kurzen, aber wichtigen Seitenblick. "Fruchtbarkeit" im Zeichen der Biomacht (Foucault) ist etwas völlig anderes als "Fruchtbarkeit" im Hochmittelalter, im Rom des Tacitus und bei den Germanen. In Hinblick auf die menschliche Reproduktion wirkt sich die Definition der "Fruchtbarkeit" stets unmittelbar darauf aus, was "Frau" ist und was Frauen dürfen und sollen. Heutzutage ist diesbezüglich das Wissen (Macht/Wissen) der Biologie über die "Natur" und das der Medizin über die Körper in Vorstellungen über "Fruchtbarkeit" derart präsent (determinierend und konstituierend), dass man nicht so mir nichts - dir nichts von einer "Göttin der Fruchtbarkeit" daherreden sollte, ohne all das sehr gründlich zu durchleuchten. Ansonsten gerät die "Göttin der Fruchtbarkeit" allzu leicht zu einem "vorwissenschaftlichen Erkenntnisversuch" (sprich: die alten Kulturen waren zu dumm, um zu wissen, was "Fruchtbarkeit" ist), einem Glaubensobjekt und einer Art unfertiger Skizze (Präkonfiguration) eines Pharmakonzerns. Es soll aber solche geben, die das nicht stört.

Wie stellt man sich die Tätigkeit der jeweiligen Gottheiten in ihrem "Funktionsbereich" überhaupt vor - erteilen sie Befehle, geben sie Rat, "bewirken" sie Vorgänge, müssen sie diese Funktionen ausüben? Das ist nur eine sehr kleine Auswahl an im Grunde völlig offensichtlichen Fragen. Sie stellen sich nur dann nicht, wenn man hemmungslos bereits vorhandene Vorstellungen - von Krieg, von Fruchtbarkeit, von Gottheiten - auf die quasi-bürokratische Auflistung überträgt. Das aber hat mit dem Denken anderer Kulturen über die Welt nicht das Geringste zu tun. Es hat andererseits sehr viel mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, wenn Mythologien durch eine Art blinden Automatismus zu einer Abbildung bürokratisch organisierter Macht werden, der gegenüber man sich unterwürfig zu betragen hat.

In unserer Schachmetapher könnte derjenige, dem die Erklärung zuteil wird, bereits währenddessen die Frage stellen: "Aber wann und unter welchen Umständen darf der Turm denn wie beschrieben gezogen werde, wo tut er es, und zu welchem Zweck?". Das ist im Bereich der Mythologie die Frage nach der Kosmologie.

Die Kosmologie einer Kultur ist nicht nur die Beschreibung der Welt insofern, als alles in ihr vorhanden Gedachtes in der Kosmologie integriert ist, sondern auch die Anordnung dieser Bestandteile sowie sämtliche Vorstellungen von deren Wirken aufeinander. Mit anderen Worten: Die Kosmologie liefert nicht nur die im Sinne der jeweiligen Kulturen wahre Antwort auf die Fragen "was?" und "wie?", sondern auch auf die Frage "warum?". Sämtliche mythischen Wesen dieser Kultur müssen kohärent in die Kosmologie integriert sein, und zwar nicht nur bezüglich mythisch-spiritueller Vorstellungen, sondern bezüglich sämtlicher Vorstellungen. Selbst eine Kosmologie mit einem einzigen allmächtigen Gott muss eine alles umfassende, geordnete Theorie allen Seins aufweisen, die zwar dieser Allmacht in jeder Hinsicht Rechnung tragen muss, die aber nichtsdestoweniger systematisches Denken ebenso ermöglichen muss. Die Ordnung der Dinge wahrzunehmen, zu denken und anzuwenden steht nicht im Widerspruch zur Allmacht, da in der entsprechenden Kosmologie die Ordnung der Dinge explizit der Wille und das Werk des Allmächtigen sind. Auch die verschiedenartigen Spielarten des Materialismus sind Kosmologien. Grob gesagt gibt es drei Kriterien für Kosmologien, die in Gesellschaften für wahr angenommen sind: Kohärenz, weitgehende Widerspruchsfreiheit und Bestätigung und Legitimierung der Sozialordnung durch die Kosmologie. Das macht die Kosmologie im Alltag erlebbar und anwendbar, denn sie wird immer die Matrix zur Einordnung des Erlebten liefern und das "richtige" Handeln vorgeben.

Ich möchte dies anhand eines Beispiels erläutern, weil ansonsten die Gefahr besteht, zu theoretisch zu werden. Wenn heutzutage ein deutscher Staatsbürger in Deutschland die Polizei anruft, weil der Teufel sich seines Nachbarn bemächtigt habe, worauf dieser mit Steinen nach ihm geworfen habe, so wird dadurch eine Prozedur in Gang gesetzt, bei der alle möglichen Beteiligten (Polizei, Juristen, Psychologen, Journalisten, Publikum) davon ausgehen, dass der Teufel mitnichten sich des Nachbarn bemächtigt hat, ganz unabhängig davon, ob jener nun mit Steinen geworfen hat oder nicht (2). Es spielt hierbei keine Rolle, ob die Beteiligten an die Existenz des Teufels glauben oder nicht, denn der kulturelle Konsens besagt, dass der Teufel sich nicht mir nichts- dir nichts irgendwelcher Leute bemächtigt (für die einen, weil er nicht existiert, für die anderen, weil er es nicht tut oder nicht tun kann), und selbst wenn beispielsweise einer oder mehrere der Beteiligten insgeheim anders darüber denken, werden sie sich hüten, das in die offizielle Prozedur einfließen zu lassen. Es gibt also keinen kulturell-kosmologischen Konsens bezüglich der Existenz des Teufels, wohl aber bezüglich dessen potentieller Rolle in sozialen Zusammenhängen. Dies geht so weit, dass der Anrufer, wenn er auf seiner Behauptung beharrt, sich früher oder später einem Psychologen gegenübersehen wird. Zur Verdeutlichung: wer glaubt, dass ein allmächtiger Gott das Sexualleben aller Menschen überwache, sieht sich deswegen keinem Psychologen gegenüber (es sei denn, er will es selbst so), auch dann nicht, wenn er versucht, anderen mittels Beschreibungen der Hölle Angst einzujagen. Weicht übrigens der beschuldigte Nachbar in erkennbarer Weise von der Normalität ab (Haartracht, Kleidung, Umgangsformen, Religionszugehörigkeit, Tagesablauf, Biographie etc.), kann es durchaus geschehen, dass er sich als satanistischer Steinewerfer in Fernsehen und Presse dargestellt finden wird, ganz unabhängig davon, was er tatsächlich getan hat oder nicht (3). Dieselbe Gefahr droht auch dem Anrufer: sollte der Nachbar als sozial hochgestellter "Normaler" unangreifbar sein, kann sich der Anrufer als irrer Teufelsseher portraitiert finden. Beide Möglichkeiten beruhen auf dem kosmologisch-kulturellen Konsens bezüglich des Teufels: ganz gleich welcher von beiden journalisiert wird, seine (tatsächliche oder behauptete) abweichlerische Auffassung vom Teufel gehört grundlegend zur öffentlichen Anprangerung seiner Person.

All diese mehr oder weniger wahrscheinlichen Ereignisse beruhen - unter anderem - auf einem kosmologischen Konsens bezüglich des Teufels. Hätte aber unser Anrufer im 17. Jahrhundert die Obrigkeit von exakt dem selben Sachverhalt informiert, wäre zwar ebenso eine Prozedur in Gang gesetzt worden, aber man hätte das direkte Eingreifen des Teufels nicht von vornherein ausgeschlossen. Genau wie heutzutage hätte man ermittelt, was denn tatsächlich geschehen war. Untersuchungsprozeduren dieser Art enden immer mit einem Ergebnis, das kohärent mit der Kosmologie ist. Dies ist ein Beispiel für die Zusammenhänge zwischen Kosmologie, Erleben und Wahrheitsfindung.

Die Untersuchungsprozedur und ihr im Hinblick auf die Kosmologie voraussehbares Ergebnis (sie wird immer bestätigt) produziert einen oder mehrere "Schuldige" (Verbrecher, Delinquenten, Irre, Hexen, Neurotiker, Teufelsbeschwörer, Perverse), deren auf dem Fuße folgende Behandlung (Einkerkerung, Therapie, Verbrennung ...) die Wiederherstellung der Ordnung sowohl abschließt als auch quasi-symbolisch überhöht.

Die Anthropologin Mary Douglas hat die Charakteristika von Kosmologien und ihre Rolle bezüglich sozialer und gesellschaftlicher Prozesse sowie bezüglich des kollektiven und individuellen Denkens in großer Bandbreite diskutiert. Sie arbeitet heraus und warnt eindringlich davor, dass im Grunde genommen nicht Menschen denken, sondern die "Institutionen" (ihr Terminus für bestimmte kosmologische Konstrukte) das für sie erledigen (4). Ihre Arbeitsergebnisse stehen freilich im krassen Widerspruch zum öffentlichen Bild des Denkens und Wissens in der christlich-abendländischen Zivilisation, in der aber die "Institutionen" gerade darum so übermächtig sind, weil ihre Existenz geleugnet wird und werden muss. Hin und wieder fällt allerdings sogar einigen Teilnehmern der öffentlichen Debatte auf, dass gerade dann an das rational denkende Individuum ideologisch appelliert wird, wenn das in der Argumentation positiv gezeichnete Verhalten das der kritiklosen Konformität ist. Das ist allerdings nur die Oberfläche: gewöhnlich muss niemand auftreten und das wünschenswerte Verhalten erst erklären, es tritt ganz von selbst ein, weil die "Institutionen" die Entscheidungen für die Individuen und diese zwar gewissermaßen vor ihnen treffen - je fundamentaler und wichtiger die Entscheidung, desto eher (5).

Diese Zusammenhänge spielen eine wichtige Rolle in diesem Projekt, ich habe oft und deutlich darauf hingewiesen. Bezüglich der germanischen Mythologie ist die Einbindung derselben in die jeweilige Kosmologie offensichtlich erforderlich.

Ich möchte hier die Bemerkung einflechten, dass genau dieser Aspekt - die Dominanz der Kosmologie über das Denken - hier weniger Verständnisschwierigkeiten verursachen wird als in meinen Texten zu Rassismus und Heidenszene. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die Vorstellung von Germanen gleich welcher Epoche, deren Denken von ihrer Kosmologie dominiert wird, stößt nicht auf die gleichen Schwierigkeiten wie meine Aussagen bezüglich zeitgenössischer Angehöriger der christlich-abendländischen Kultur, deren Denken ebenso von ihrer Kosmologie dominiert wird. Sage ich so etwas über Germanen, wird man bereit sein, mir zu folgen, schlicht und einfach, weil dadurch das eigene Denken (scheinbar) nicht als kosmologisch-institutionell gesteuert erscheint, sondern eben "nur" das der Germanen. Die Erleichterung empfinde ich als hilfreich und mithin erfreulich, die Art ihres Zustandekommens bei weitem weniger.

Wir stehen hier aber vor zwei völlig anderen Schwierigkeiten. Die eine ist eine sehr berechtigte Forderung, die Lévi-Strauss einmal aufstellte, nämlich diejenige, eine Mythologie in Zusammenhang mit sämtlichen sozialen, ökonomischen und technologischen Gegebenheiten der jeweiligen Gesellschaften zu erforschen, was bezüglich der germanischen Kultur schlicht nicht gegeben ist. Die andere besteht darin, dass die Autoren der Schriftquellen anderen Kulturen angehörten und mithin im Rahmen anderer Kosmologien dachten. Unser Beispiel vom Zusammenhang zwischen dem Heiligen und der Keuschheit mit allen aufgezeigten Aspekten gehört durchaus schon hierher.

Dass ich hier in diesem Rahmen nicht einmal daran denken kann, der Thematik gerecht zu werden, versteht sich von selbst. Außerdem liegt ein Werk von Rudolf Simek vor, nämlich "Religion und Mythologie der Germanen" (6) das unter Verweis auf eine große Vielzahl an Quellen einen sehr viel besseren Überblick liefert, als ich ihn hier (oder überhaupt im Rahmen meiner Ressourcen und Möglichkeiten) bieten könnte. Die umfangreiche Literaturliste des Werkes ermöglicht das Auffinden der entsprechenden Fachliteratur. Wie ich an anderer Stelle schon sagte, möchte ich hier versuchen, einen Rahmen für die noch zu leistende Arbeit zu skizzieren, nicht diese leisten. Man erwarte hier also keine germanische Mythologie von mir. Ich möchte vielmehr versuchen, am Beispiel der germanischen Mythologie und ihrer Quellen herauszuarbeiten, wie man den Vorstellungen der Germanen näher kommen kann.

Genau das leistet Simek in seinem Werk nur bedingt - was keine Kritik sein soll. Er geht nicht nur von den ihm (als Germanist und Linguist) vertrauten Schriftquellen aus, sondern auch und an allen Stellen, wann immer möglich, von der Archäologie. Wer also das Material als solches kennen lernen will, wird derzeit kein anderes Werk finden, das derart kompakt in allgemeinverständlicher Form so viel Information vermittelt. Eine Beschreibung der germanischen Gesellschaften findet sich bei ihm aber nicht, weswegen auch keine derartigen Bezüge hergestellt werden. Simek geht zwar in Form von Bemerkungen auf die Perspektive der Schriftquellen ein (mehr kann er im Rahmen seiner Arbeit nicht tun), aber umfassende Betrachtungen der jeweiligen Hintergründe finden nicht statt. Was völlig fehlt, ist eine Erörterung, was Gottheiten überhaupt sind. Vielleicht verblüfft mein Kommentar an dieser Stelle, denn "man" "weiß" ja, was Gottheiten sind - genau wie man weiß, was die "Natur" ist. Genau das ist das Problem: man weiß es eben nicht, wenn man die Vorstellungen nicht im Rahmen der jeweiligen Kosmologie herausarbeitet.

Von dieser Stelle an wird mein Unterfangen in diesem Kapitel ein doppeltes sein: ich möchte versuchen, den Hintergrund der Schriftquellen zu skizzieren, indem ich die Kosmologien umreiße, die für die Autoren die "Wahrheit" über die Welt waren, denn aus dieser Perspektive betrachteten sie die Germanen und ihre Mythologie. Außerdem möchte ich gleichzeitig versuchen, einen Begriff davon zu vermitteln, wie genau man hinsehen muss, wenn von Gottheiten die Rede ist, denn, wie wir sehen werden, gab und gibt es da fundamental voneinander abweichende Vorstellungen, die freilich für alles andere, was dann über Gottheiten gesagt wird, von entscheidender Bedeutung sind. Übersieht man diese fundamentalen Unterschiede, gerät man ins Wunderland der Projektionen, worin sich manche offensichtlich äußerst wohl fühlen. Das betrifft übrigens nicht nur die neuheidnischen "Glaubensausleger", sondern auch diejenigen, die ein Interesse daran haben, das Denken der alten Kulturen als wirr, dumpf und defizitär hinzustellen - wir werden darauf noch zu sprechen kommen.

Ich möchte auch dem Umstand Rechnung tragen, dass große Teile der Leserschaft über wichtige Hintergrundinformationen nicht verfügen. Daher werde ich eine Reihe von Quellenautoren vorstellen, und zwar ausschließlich gut bekannte, deren Werke leicht erreichbar sind. Dieses Kriterium leitet meine Auswahl bezüglich des gesamten Texts - man glaube mir, dass mir Namen wie Ammianus Marcellinus, Prokop und Beda Venerabilis durchaus etwas sagen und ich ohne Weiteres in der Lage bin, einen Satz zu schreiben, der mit "bekanntlich" beginnt und acht Fußnoten aufweist, die auf Texte verweisen, die ein Laie nie und nimmer findet. Schon allein darum kritisiere ich Simek nicht, denn sein Buch weist für Laien eine ungewöhnlich hohe Transparenz auf.

Wir stehen hier im Grunde vor dem Problem, das wir hätten, wenn das Schachspiel vor langer Zeit völlig aus dem Gebrauch verschwunden und von Menschen einer anderen Epoche betrieben worden wäre. Die Hinterlassenschaft bestünde aus Fragmenten: eine Schachfigur hier, eine Ecke eines Schachbretts auf einem Gemälde sichtbar da, ein anspielungsreicher Dialog über eine Schachpartie in einem Drama dort. Wäre auf dem Gemälde eine Figur abgebildet, die der uns physisch erhaltenen gliche, könnten wir von einem engen Zusammenhang ausgehen. Was wir dann tun müssten, wäre, die Darstellungsweise des Malers oder auch der Maler dieser Epoche zu studieren, desgleichen die Darstellungsweise des Dramatikers und seiner Kollegen. Hat man Gegenstände genau abgebildet oder sich der Wirkung halber Freiheiten herausgenommen? Wie verlässlich sind die Äußerungen von Charakteren in Dramen über die Alltagskultur dieser Zeit? Wir müssten uns also zuerst mit einer Menge anderer Dinge beschäftigen, wollten wir bezüglich des Schachspiels vorankommen und uns nicht auf bloße Behauptungen beschränken.


Fußnoten:

(1)Besonders stechen in dieser Hinsicht Werke mit Titeln wie „Das geheime Wissen der ...“ oder „Die Geheimnisse der ...“ hervor. Abgesehen davon, dass man von „denen“ (Kelten, Phönizier, Etrusker, wer auch immer) lediglich ein paar aus dem Kontext gerissene Klischees erfährt, fragt man sich doch unwillkürlich zweierlei: Wie hat der Autor denn Kenntnis von den Geheimnissen dieser Kulturen erlangt, von denen er ganz offensichtlich nichts versteht? Und, was für „Geheimnisse“ sind das denn, die in gewinnträchtiger Auflagenhöhe einem jedem mitgeteilt werden, dem das Buch in die Hände fällt? Faszinierend ist dies in Hinblick auf zeitgenössische Vorstellungen von speziellem Wissen, das auf diese Weise folgendermaßen definiert wird: es besteht aus Informationen, die man aufnehmen und an sein bereits vorhandenes Wissen angliedern kann. Methoden und Denkmodelle müssen nicht erlernt werden, Wissen besteht also aus einer Ansammlung von Informationen oder „Fakten“. Dieses ist ein Wissen, das vom Fernsehquiz bis zu den „Geheimnissen“ europäischer Aristokraten reicht, mit denen die Boulevardpresse handelt. Dies ist keineswegs so banal, wie es vielleicht erscheint: da so erworbenes „Wissen“ immer problemlos angegliedert werden kann, ist es nicht nutzlos, sondern untermauert die Illusion der universellen Gültigkeit des eigenen Denkens, und das ist der Zweck dieses „Wissens“. Es hat ausschließlich affirmativen Charakter, zumal es auch den Unterschied zwischen persönlicher Erfahrung und einer Information aus dritter Hand ebenso überblendet wie den Umstand, dass die Informationen sorgsam ausgewählt und schmackhaft angerichtet wurden, um den Prozess der widerspruchsfreien Angliederung an das Vorhandene zu optimieren. Das Ergebnis ist fortschreitender Realitätsverlust. Für dieses Projekt ist dies darum relevant, weil es für die breite Öffentlichkeit de facto keinen Unterschied zwischen diesem medial vermittelten „Wissen“ und der Realität gibt. Dieses „Wissen“ formt die Matrix der alltäglichen Wahrnehmung: der physisch wahrgenommene „Ausländer“ wird beispielsweise automatisch ebenso widerspruchsfrei angegliedert wie die „Informationen“ über seinesgleichen in den Medien. Ich habe mich an anderer Stelle bemüht, die katastrophale Kluft zwischen dem öffentlichen Bild des Islam und dessen Realität aufzuzeigen. Der Schaden, den das von mir hier besprochene „Wissen“ anrichtet, besteht darin, dass der Eindruck vermittelt wird, man wisse über den Islam bescheid, während man in Wirklichkeit diesen lediglich als Projektionsfläche benutzt. Präsentation von „Geheimnissen“ dient genau wie die „Enthüllungstätigkeit“ der Infotainmant-Journalisten lediglich zur Aufwertung sowohl des Informations-Produkts als auch des hier vorgestellten Denkens über die Natur des Wissens. Dass dieses „Wissen“ grundsätzlich und in jeder Hinsicht käuflich ist, ist bezeichnend.

(2)Ich spreche hier ganz im Allgemeinen und behaupte nicht, das wäre beispielsweise in allen Teilen Bayerns, Baden-Württtembergs, des ländlichen Raums um Münster und Osnabrück oder den von Evangelikalen bewohnten Landstrichen so.

(3)Man stelle mir das nicht in Abrede. Ich erinnere an den Fall des „Vampirs von Köln“, den Günter Wallraf seinerzeit untersuchte, und die Situation hat sich keineswegs gebessert, weil es jetzt im Gegensatz zu damals ein Privatfernsehen gibt.

(4)Douglas, Mary: Wie Institutionen denken, Frankfurt am Main 1991

(5)ebd.; S. 179 ff.

(6)Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen, Darmstadt 2003

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