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Hans Schuhmacher Germanische Frau Diefatale Identifikation
28.04.2017, 09:55

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Kapitel 6: Germanorum Libertas: Zur Genealogie der Germanenrezeption

Die fatale Identifikation

Libertas bedeutet nicht nur "Freiheitsstreben", sondern auch "Freiheit". Was aber verstand Tacitus darunter? Sein gesamtes Werk ist eine Anklage gegen den Verlust der libertas, und zwar explizit und ausdrücklich der libertas der Optimaten durch den Prinzipat, die "Kaiserherrschaft". Die Optimaten (was tatsächlich auf optimal verweist), waren die römischen Senatorenfamilien, beziehungsweise, wie wir gesehen haben, die Männer dieser Familien. Tacitus, der selbst zu diesem Personenkreis gehörte, führte alle Missstände in der römischen Gesellschaft, wie er sie sah, auf den Umstand zurück, dass die Ordnung der republikanischen Zeit - also die Herrschaft der Optimaten - nicht mehr bestand. Darum projizierte er systematisch alle altrömischen Werte und Eigenschaften, die das irgend zuließen, auf die Germanen, und schuf so ein einzigartiges Werk der politischen Rhetorik. Man darf voraussetzen, dass er bezüglich einiger Aspekte gar nicht in der Lage war, anders zu denken - ich habe als Beispiel auf den Zusammenhang zwischen männlicher sexueller Abstinenz und Gesundheit im römischen Denken hingewiesen. Seine Absicht ist aber unverkennbar.

Sie ist, genauer gesagt, unverkennbar für einen modernen, kritischen Leser. Tacitus´ Buch ist in einer einzigen Handschrift überliefert und gelangte um die Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst nach Italien. Größere Verbreitung und Aufmerksamkeit erlangte es allerdings erst im 16. Jahrhundert, wovon hier noch die Rede sein wird. Gelesen, verwendet und diskutiert wurde sein Buch also nach den Maßgaben der frühneuzeitlichen Wissenschaftlichkeit, und damals las man Texte - zumal Texte aus der hoch angesehenen Antike - ganz anders.

Eine vergessene Wissenschaft

Der wesentliche Faktor war das absolute Privileg der Schrift. "Dieses Privileg", so Foucault, "hat die ganze Renaissance beherrscht und war wahrscheinlich eins der großen Ereignisse der abendländischen Kultur. Die Druckerkunst, das Eindringen orientalischer Manuskripte nach Europa, das Auftauchen einer Literatur, die nicht mehr für die Stimme oder die Aufführung geschaffen war, noch von ihnen bestimmt wurde, der der Interpretation der religiösen Texte vor der Tradition und der Autorität der Kirche gegebene Vorzug, all das bezeugt, ohne dass man zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden könnte, den fundamentalen Platz, den die Schrift im Okzident einnahm. Künftig ist es die Hauptnatur der Sprache, geschrieben zu werden."(1) Einem Text, zumal einem römischen Text, kam also ein ganz anderer Stellenwert zu als heute. Er wurde schon allein darum ganz anders gelesen, weil das Privileg der Schrift nicht als menschliche Konvention (ganz zu schweigen von kultureller Konvention) gedacht und verstanden wurde, sondern als fundamentaler Bestandteil der Welt selbst. "Wenn man die Geschichte eines Tieres zu schreiben hat, ist es nutzlos und unmöglich, zwischen dem Gewerbe eines Naturwissenschaftlers und eines Kompilatoren zu wählen: man muss in ein und derselben Form des Denkens all das zusammensuchen, was durch die Natur oder die Menschen, durch die Sprache der Welt, der Überlieferungen oder der Dichter gesehen, gehört und erzählt worden ist." (2) Es gab also für die frühneuzeitliche Wissenschaft keinen Unterschied, ob man das Buch des Tacitus las oder ob man die Germanen selbst beobachtet hätte! Dass man interpretierend und projizierend las - eine derartige Kritik wäre gar nicht zu formulieren gewesen. Selbstverständlich kam es in der Frühen Neuzeit fortwährend zu Disputen zwischen Gelehrten, und diese wurden ausgetragen, indem man beiderseitig eine möglichst große Menge an Gelesenem auffuhr: wer mehr gelesen hatte - was, war im Grunde ganz gleich, obwohl der Bibel die höchste Wertigkeit und nach ihr den Schriften der Antike der höchste Stellenwert zugewiesen wurde - und auffahren konnte, setzte sich durch, zumal wenn er seinen Kontrahenten wortgewaltiger beschimpfte als dieser ihn. Luther ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Wenn Caesar geschrieben hatte, es hätte in den germanischen Urwäldern Elche ohne Kniegelenke gegeben (3), dann war das zweifelsfrei auch so gewesen und durfte in keiner Abhandlung über Elche fehlen. Also war alles, was man bei Tacitus über die Germanen las, wortwörtlich wahr, und zwar so, wie man es las. Berichteten die großen Autoritäten Caesar und Tacitus gleichermaßen über die Keuschheit der Germanen, so war die Information eben nicht, dass beide das Vorhandensein dieser Keuschheit behaupteten, sondern dass die Germanen keusch gewesen waren, und zwar exakt in der Weise, wie man Keuschheit in der Frühen Neuzeit verstand, mit allen zugehörigen Verhaltensweisen und Vorstellungen.

Illustrationen und Gemälde dieser Zeit machen das deutlich. Biblische Figuren und griechische Heroen erscheinen gekleidet und frisiert wie die Zeitgenossen, Karavellen und Galeonen befahren das antike Mittelmeer.

Im Grunde ist das Privileg der Schrift in der Frühen Neuzeit nicht zu trennen von einer völlig andersartigen Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (dem Begriff, dem Wort) und dem Bezeichneten im Vergleich dazu, wie diese Beziehung heutzutage gedacht wird (4). Grob und stark vereinfacht gesagt: heute ist "Stein" eine Folge von Lauten, die im Rahmen eines bestimmten Systems (Sprache) ermöglicht, über diesen zu sprechen, ohne einen Stein zu brauchen, auf den man zeigen müsste. In der Frühen Neuzeit war die Folge von Lauten quasi in den Stein eingeschrieben und ein Teil von ihm. Ich muss hier aber auf eine Erörterung verzichten und einmal wieder - eigentlich von der Sache her unzulässig - verkürzen.

Eben nicht die "alten Teutschen"

Von besonderer Bedeutung für uns ist, dass bei Caesar und Tacitus von germani die Rede war. Das war die Bezeichnung für die frühneuzeitlichen Deutschen, es war auch die Selbstbezeichnung der lateinkundigen, also gebildeten Deutschen. Selbstverständlich ist dem heutigen Leser klar, dass Caesar und Tacitus nur über ihre Gegenwart und Vergangenheit schrieben und daher unmöglich die Deutschen des 16. oder 17. Jahrhunderts gemeint haben konnten. Das war den Gebildeten der Frühen Neuzeit keineswegs in derselben Weise klar, und zwar darum nicht, weil - wie oben gezeigt - das Wort germani eben nicht nur ein "Lautzeichen" war, sondern etwas den germani Innewohnendes - und zwar allen germani, den Sueben ebenso wie den Augsburgern oder Lübeckern des 16. Jahrhunderts. Alle Steine hatten etwas gemeinsam, unter anderem weil ihnen allen das "Lautzeichen" "Stein" eingeschrieben war. Das galt auch für alle germani. Die hochverehrten antiken Autoren schrieben keine Ethnographien, sie verkündeten den Gelehrten der Frühen Neuzeit zeitlose Wahrheiten. Darum wurden fatalerweise die Germanen und die frühneuzeitlichen Deutschen gleichgesetzt, denn so stand es ja schließlich bei Tacitus und Caesar. Tacitus schrieb, die germani seien die Ureinwohner des Landes, also war das auch so, und daher und auf diese Weise wurden die Germanen zu Vorfahren und Vorgängern der Deutschen, zu den "alten Teutschen" der frühneuzeitlichen Gelehrten (5).

Man liest hier und da, diese Identifikation sei eine politisch gewollte des aufkommenden deutschen Nationalismus gewesen. Das greift zu kurz, ist modern gedacht und daher falsch. Die frühneuzeitlichen Gelehrten hätten die antiken Schriften gar nicht anders interpretieren können. Seit der Renaissance kreiste die Wissenschaftlichkeit um das Prinzip der Ähnlichkeit, und die im Begriff germani für die frühneuzeitliche Wissenschaft gegebene Ähnlichkeit zwischen "alten Teutschen" und "Teutschen" (germani und germani) galt als wissenschaftlicher Beweis einer solchen Ähnlichkeit. Was ähnlich war - und das galt universell - war wesensverwandt wie der Planet Mars und der Rubin, die beide aufgrund der roten Farbe Glieder in einer Beweiskette darstellten, die andere rote Dinge, den Krieg, die Männlichkeit, bestimmte Tiere und so weiter als wesensverwandt miteinander verknüpften. Tatsächlich ist dieses Prinzip, das der Astrologie bis heute innewohnt und in der New-Age-Esoterik erstaunliche Blüten treibt, ein Auswuchs der Wissenschaft der Renaissance. Freilich war die Ähnlichkeit zwischen germani und germani noch viel evidenter als die zwischen Mars und Rubin.

Wie wir gesehen haben, wiesen Caesar und Tacitus den germani Eigenschaften zu. Beide Texte sprechen im Präsens. Gelesen wurde also: Die Deutschen (germani) haben diese und jene Eigenschaften. Man war sich selbstverständlich darüber in Klaren, dass in den Texten von den "alten Teutschen" die Rede war, aber es war kein Grund vorhanden, die diesen zugewiesenen Eigenschaften nicht auf "die Deutschen" überhaupt zu übertragen.

Politische Sprengkraft von großem Ausmaß erlangte die Germania um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als die katholische Kirche die Gegenreformation ins Werk setzte. Schon zuvor hatten die deutschen Protestanten einen Anklagediskurs gegen das "Unrecht der Fremden" etabliert, ganz im Sinne des von Foucault so genannten "Diskurs des Rassenkampfes", den ich in "Völkische Ideologie" vorgestellt habe. In diesem Diskurs war der Papst ein ausländischer Despot, dessen Vorgänger ein Unrechtssystem (katholische Kirche) im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation etabliert und die christliche Religion pervertiert hatten. Der Hauptverbündete des Papstes war das Haus Habsburg, dem der König von Spanien als der Repräsentant der älteren Linie vorstand. Spanien war aber aus der Sicht der deutschen Protestanten nicht nur "Ausland", sondern der Moloch Europas, der sich an den Schätzen der Neuen Welt mästete und riesige Armeen ausspie, die gerade in den Niederlanden vorführten, was den Protestanten anderswo ins Haus stand, nämlich Zwangsbekehrung oder Verhöre und Hinrichtungen, und zwar durch Verbrennung nach vorheriger Folter, um die Identität anderer "Ketzer" herauszufinden. Ein des Rückfalls beschuldigter Zwangsbekehrter war so gut wie tot. In Spanien konnte es tödlich sein, von bekehrten Juden abzustammen, was einem ohnehin die Bezeichnung "marrano" (Schwein) und die besondere Aufmerksamkeit der Spitzel der Inquisition einbrachte.

Die Gegenreformation wirkt heute, weil sie scheiterte, auf viele wie ein leerer Wahn. Das war sie nicht. Das Ziel war die Vernichtung des Protestantismus. Die Spanische Inquisition hat ihren damals erworbenen Ruf bis heute nicht verloren, die Eroberung und Rekatholisierung Englands war nur eins der Großprojekte des Hauses Habsburg, das bekanntlich ebenso scheiterte. Die deutschen Protestanten wussten, dass sie nur wenige Tagesmärsche von den spanischen Armeen trennten, der Kaiser war ein Habsburger, und die Habsburger waren dafür bekannt, Verträge und Verfassungen bei der ersten Gelegenheit mit Füßen zu treten.

Zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen griff eine weitere fatale historische Koinzidenz. Die "altrömischen" Eigenschaften nämlich, die insbesondere Tacitus den Germanen zugeschrieben hatte - Schlichtheit, Genügsamkeit, Sittsamkeit, Keuschheit, strenges und einfaches Familienleben - spielten bekanntlich im protestantischen Wertekanon eine überaus wichtige Rolle. Nach allem Gesagten ist es also nicht verwunderlich, dass sich die deutschen Protestanten der Frühen Neuzeit gewissermaßen in den taciteischen Germanen wiedergespiegelt sahen. Das waren nicht nur ihre Vorfahren, das waren sie selbst, und wenn sie all diese Eigenschaften tatsächlich besaßen - sie rühmten sich ihrer ja fortwährend, also besaßen sie sie auch - dann, so schlossen sie, würden sie die abscheulichen italienischen und spanischen Despoten ebenso hinauswerfen, wie "Hermann der Cherusker" den Varus geschlagen hatte. Folgerichtig hieß ein wichtiges politischen Schlagwort des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts Teutsche Libertät, was freilich eine im Sinne der Zeit völlig korrekte Übersetzung von Germanorum libertas war. Es war ein Schlagwort der protestantischen Fürsten, die oft und gern den Habsburger Kaiser der Gewaltherrschaft ziehen.

Dass die Beschreibungen des Tacitus mit der Politik der protestantischen Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts nichts zu tun haben konnten, musste den Gelehrten der Frühen Neuzeit entgehen, wie wir gesehen haben. Die Germanorum libertas des Tacitus war eine Projektion idealisierter republikanischer Verhältnisse auf die Germanen. Die Teutsche Libertät war die Zielvorstellung einer Unabhängigkeit der deutschen protestantischen Fürsten von "fremden Despoten". Darum und um nichts anderes ging es bezüglich der politischen Bühne und der Gesellschaftsordnung - Luther hatte exemplarisch klargestellt, was etwa von aufständischen Bauern zu halten und wie mit ihnen zu verfahren war. Libertas - Freiheit, war für Tacitus die Herrschaft der Optimaten und in der Frühen Neuzeit die "Freiheit" der protestantischen Fürsten gegenüber dem Kaiser, nichts sonst. Die berühmte Formel des Augsburger Religionsfriedens, cuius regio eius religio, die besagte, dass allein der regierende Fürst über Religionsfragen zu entscheiden hatte, zwang die deutschen Protestanten unter das Panier der protestantischen Fürsten. Man sollte sich aber die Ernsthaftigkeit vor Augen halten, mit der es den Protestanten - und ihren Gegnern ebenso - um die wahre christliche Religion ging.

Man irrt sich also, wenn man in alledem gerissene ideologische Schachzüge sieht. Die Identifikation der Deutschen mit den Germanen war eine wissenschaftliche Wahrheit der Frühen Neuzeit! Hier nahm eine äußerst fatale historische Entwicklung ihren Anfang.

Nur zur Sicherheit muss ich noch einmal feststellen, wie unsinnig diese Identifikation ist. Es hatte eine germanische Kultur gegeben, kein germanisches "Volk". Die Idee eines "deutschen Volkes" im Sinne einer "Nation" entstand überhaupt erst in der Frühen Neuzeit, und zwar durchaus im Zusammenhang mit den oben kurz erläuterten politisch-religiösen Problemen. So - und nicht auf anderem Wege - gerieten die Germanen in den zeitgenössischen historischen Diskurs und wurden erstmals mit einem "deutschen Volk" gleichgesetzt.

Von wegen Kontinuität...

Die germanische Kultur jedoch war systematisch in der Epoche der Karolinger durch eine völlig andersartige Kultur verdrängt worden, und das war der Beginn dessen, was heute nach zahlreichen dramatischen Umbrüchen die christlich-abendländische Kultur ist. Wir haben den Antagonismus schon bei Gregor deutlich gesehen. Freilich gerieten aus ihrem Kontext gerissene, verzerrte Rudimente der germanischen Kultur in die christlich-abendländische hinein, was übrigens oft dazu benutzt wird, alles Missliebige den Germanen in die Schuhe zu schieben. Aber als Karl der Große sich vom Papst zum römischen Kaiser krönen ließ und die Ausübung heidnischer Bräuche unter Todesstrafe stellte, gab es keine germanische Kultur auf dem Kontinent mehr. Ein Blick auf die Strukturen, die Wehr- Hilf- und Rechtlosigkeit der Bevölkerung, die als Kontinuität getarnten Rechtsbrüche und das Privileg der Kirche auf die Wahrheit zeigen das deutlich. Daher hatten und haben die Deutschen und die Germanen überhaupt nichts miteinander zu tun.

Noch einmal: die Deutschen und die Germanen haben nichts miteinander zu tun! Es gab kein germanisches "Volk"! Es gab keine germanischen "Völker"! Die Germanen hätten mit diesen Begrifflichkeiten, egal unter welchem Namen, überhaupt nichts anfangen können! Ich habe mich in den vorhergehenden Kapiteln zu zeigen bemüht, wie und warum sich eine Person ihrer gens zugehörig fühlte, nämlich wegen ihrer Abstammung vom Stammesahn (was nichts mit Genetik zu tun hat!). Man gehört auf eine völlig andere Weise zu einem "Volk" als zu einem germanischen Stamm. Die dortigen Strukturen (die bei einem germanischen Stamm nämlich) nehmen sämtlich auf diese Vorstellung Bezug, da sich der Stamm durch diese Vorstellung definiert und konstituiert, auch wenn ich das nicht in allen Einzelheiten gezeigt habe. Die Idee der Abstammungsgemeinschaft (nicht irgendwelche biologischen "Wirklichkeiten"!) ist die zentrale politische Idee der germanischen gentes. Ein "Volk" ist etwas völlig anderes.

Die Idee des "Volkes" hängt, nebenbei gesagt, engstens mit der Idee des Nationalstaates zusammen - ganz gleich ob dieser existiert oder eine politische Utopie darstellt. Dass es sich bei den germanischen gentes um nichtstaatliche Gesellschaften handelte, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Schon allein darum waren die germanischen gentes keine "Völker".

Was die Germaninnen anbelangt, so wurden sie in der Frühen Neuzeit zu idealen protestantischen Hausfrauen. Gerade ihre Keuschheit und ihre Sittsamkeit prädestinierten sie dazu. Dass man auf sie gehört hatte, ließ sich mit "heidnischem Aberglauben" erklären, den sie ja praktizierten (Weissagung, man vergleiche den christlichen Standpunkt), und die christliche Lehre hatte ja nicht nur dem Teufelsspuk ein Ende gesetzt, sondern auch der Frau ihren Platz unter dem Mann (Paulus) eindeutig zugeschrieben. Die römische Projektion war nicht identisch mit der protestantischen, aber ermöglichte sie.

Wie und warum? Erstens, weil die römische Projektion der frühneuzeitlichen zugrunde lag und, wie oben anhand des Begriffes germani gezeigt wurde, sich mit dieser vermischte. Die Germaninnen wurden ebenso und auf die selbe Weise mit den "teutschen Frauen" gleichgesetzt wie die Germanen mit den Deutschen. Zweitens, weil die jeweiligen Vorstellungen idealen weiblichen Verhaltens (die römischen und die deutsch-protestantischen) einander recht ähnlich waren und jeweils von misogynen Autoren einem misogynen Publikum vorgetragen wurden. Drittens, weil kontextbezogene Unterschiede durch das Raster der frühneuzeitlichen Textrezeption fielen. Viertens, weil die Intention des Tacitus, den Römern die "altrömischen Tugenden" der Germanen vorzuhalten, ein Germaninnen-Bild hervorbrachte, das den gebildeten deutschen Protestanten in vielerlei Hinsicht nützlich war: zur Disziplinierung ihrer Frauen und Töchter, zur ideologischen Aufwertung ihrer eigenen Vorstellungen durch Bezug auf einen klassischen Autor sowie die "Vorfahren", und schließlich zum polemischen Angriff auf die sittenverderbende Hure Babylon, also die katholische Kirche.

Vor allem aber war die Identifikation Germanen-Deutsche etabliert und damit die Kontinuitätsidee: die Germanen waren die Ur-Deutschen (Ureinwohner!), die Deutschen die Erben der Germanen. Als beispielsweise Jahrhunderte später in den sogenannten "Befreiungskriegen" die Germanen unter großen Gesten wieder hervorgezogen wurden, griff man dabei auf eine lange Tradition zurück. Nunmehr wurde die Germanorum libertas zur Freiheit der deutschen Fürsten von französischen Kaisern, was der Bevölkerung das System Metternich und mithin die systematische Verfolgung demokratischer Umtriebe einbrachte. Dies geschah, nebenbei bemerkt, zu einem Zeitpunkt, als in den USA die Gleichheit der Menschen als Grundlage der Freiheit und diese Freiheit als notwendige Folge der Gleichheit in der Verfassung stand. Dort hatte man allen Ernstes in Erwägung gezogen, die Sachsenhäuptlinge Hengest und Horsa als diese Freiheit symbolisierende Figuren im Staatssiegel abzubilden.

Germanen als Spiegel der Herren

Als aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Deutsche Reich politische Wirklichkeit wurde, gerieten die in der Frühen Neuzeit etablierten "Wahrheiten" bezüglich der Germanen in den Umbruch des Diskurses vom "Unrecht der Fremden" zum Diskurs der "Reinen Rasse". Auch diesen habe ich in "Völkische Ideologie" erläutert. Immer noch galten die Germanen als die Vorfahren der Deutschen, ihr kriegerischer Charakter diente jetzt zur Glorifizierung des deutschen Militarismus.

Die Germanenideologie war keinesfalls eine Obsession romantischer Traumtänzer oder seltsamer esoterischer Zirkel. Diese hätten wohl kaum ein monströses "Hermannsdenkmal" errichten lassen können. Kaiser Wilhelm der Erste tat sich selbst in dieser Hinsicht hervor, als er sich auf einer Tafel am rekonstruierten Römerkastell Saalburg im Taunus als Guilhelmus Imperator Germanorum mit Augustus auf eine Stufe stellte. Vor seiner Krönung zum Kaiser der Germanen hatte man ihn mancherorts als den Kartätschenprinzen bezeichnet, weil er die Artillerie auf streikende Arbeiter hatte feuern lassen.

Die Literatur dieser Zeit bietet reichlich hervorragende Beispiele für die bürgerliche Germanenideologie des 19. Jahrhunderts. Einer der herausragenden Exponenten ist Felix Dahn, seinerzeit ein renommierter Germanenforscher, also jemand, der seine Quellen sehr genau kannte. Weithin bekannt ist sein reichlich schwülstiges Epos "Ein Kampf um Rom", in dem es von edel-heroischen Germanen und verschlagenen Südländern nur so wimmelt. Man kann dieses Werk heutzutage hier und da günstig (auf dem Ramsch) erwerben, darum bietet es sich hier als Beispiel an.

Uns genügt hier eine "kerngermanische" Äußerung des alten Hildebrand, Waffenmeister Theoderichs: "Unsere Todfeinde sind die Welschen, nicht unsere Brüder. Weh, wenn wir ihnen trauen! Oh dass der König nach meinem Rath gethan und nach seinem Sieg alles erschlagen hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie haben Recht. Aber wir, wir sind die Thoren, sie zu bewundern. (6) Und wenig später: "Was anders als der Drang, der unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das da Goten heißt, und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben wie ich. Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe ..." (7)

Dahns Goten sind freilich ein "Volk", und der Idealgote Hildebrand verkörpert sie gewissermaßen. Dahns "Gotenvolk" verschmilzt quasi mit dem "deutschen Volk" - der Roman wurde noch vor dem deutsch-französischen Krieg begonnen und nach dessen Ende abgeschlossen. Dahn fährt noch weitere "Idealgoten" (also: Idealdeutsche) auf, die sich einer Garnitur finster gezeichneter Südländer gegenübersehen. Diese weisen mit den Feindbildern des wilhelminischen Deutschland eine große, nicht-erstaunliche Ähnlichkeit auf. Hier stehen sich also - und das völlig im Sinne des 19. Jahrhunderts - Völker gegenüber, die Meinungsäußerungen des Protagonisten müssen nicht weiter kommentiert werden. In diesem Sinne und in diesem Stil geht es weiter, zwei Bände lang. "Volksliebe" und Heldentum der Goten erliegen am Ende tragisch der Tücke der "Welschen". Und, wie gesagt, hier spricht der Germanenforscher als Literat! Was man unter diesem Umständen von Laien zu erwarten hat oder gar von den Diederich Heßlings und Kaisers-Geburtstags-Dichtern, das erspare ich sowohl der Leserschaft als auch mir selbst.

Während Dahn an dem Roman arbeitete, manifestierte sich all dies, wie gesagt, schon folgerichtig im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Es manifestierte sich auf der Bühne in Bayreuth und in Form von Monumentalgemälden, deren flügelbehelmte Heldengestalten man bei Dahn höchst entlarvend sprechen hören kann. Es manifestierte sich aber auch in Form eines medizinisch-biologischen Dispositivs, welcher der Rede von Vaterländern und der "Liebe tief im Blute" zur Dimension der wissenschaftlichen Wahrheit verhalf. Man täusche sich nicht, all dies hatte eine soziale Dimension. Auf der Bühne in Bayreuth, auf den Monumentalgemälden und inmitten der "historischen" Landschaften stehen die Herren, und die verschlagenen Südländer, die schlitzäugigen Asiaten, die es abzuwehren gilt, branden an als Verkörperung des rebellischen Lumpenproletariats, der Perversen, der Irren. Mächtig werfen die Herren sie nieder, mit blitzenden Schwertern in der Phantasie, mit Gefängnissen, Kliniken und anderen Disziplinaranstalten, mit Gesetzen, Kanonen und nicht zuletzt mit der medizinisch-biologischen "Wahrheit" in der Wirklichkeit. Zum Blitzen des Skalpells erklingt der Fehrbelliner Reitermarsch.

"Schuld" am Untergang der Goten in Italien haben nach Dahn auch - und sogar hauptsächlich - die Frauen, beispielsweise die als Frau politikunfähige Regentin Mataswintha und die erzböse, verdorbene und sinnliche Kaiserin Theodora, um nur zwei zu nennen. Die Gotenkönigin Amalaswintha verrät aus persönlicher Eifersucht perfide ihr "Volk". Es wäre interessant, Dahns Frauengestalten im Einzelnen mit den negativen Frauenbildern der wilhelminischen Ära zu vergleichen. Dahns Misogynie treibt erstaunliche Blüten, den üblichen Rahmen der Misogynie des 19. Jahrhunderts überschreitet er dabei keinesfalls.

Aber nicht nur Dahn ging derart großzügig mit seinen Quellen um. Das Hysterietheorien hervorbringende und fortpflanzungsbesessene Bürgertum des 19. Jahrhunderts, das die Germanen in gezeigter Manier instrumentalisierte, konnte altrömische Sittsamkeit und protestantische Hausfrauentugenden der Frühen Neuzeit sehr gut in ein positives Frauenbild ummünzen, das allerdings auf anderen Grundlagen beruht als die beiden benannten historischen Modelle. Denn jetzt gab es eine "Sexualität" (und mithin ein Sexualitätsdispositiv) (8). Was das, ganz allgemein gesprochen, für und in Bezug auf Frauen bedeutete, fasst Foucault folgendermaßen kurz zusammen: "Die Hysterisierung des weiblichen Körpers ist ein dreifacher Prozess: der Körper der Frau wurde als ein gänzlich von Sexualität durchdrungener Körper analysiert - qualifiziert und disqualifiziert; aufgrund einer ihm innewohnenden Pathologie wurde dieser Körper in das Feld der medizinischen Praktiken integriert; und schließlich brachte man ihn in organische Verbindung mit dem Gesellschaftskörper (dessen Fruchtbarkeit er regeln und gewährleisten muss), mit dem Raum der Familie (den er als substantielles und funktionelles Element mittragen muss) und mit dem Leben der Kinder (das er hervorbringt und das er dank einer die ganze Erziehung währenden biologisch-moralischen Verantwortlichkeit schützen muss): die "Mutter" bildet mitsamt ihrem Negativbild der "nervösen Frau" die sichtbarste Form dieser Hysterisierung." (9)

Die Frau als Zuchtmaschine und kerndeutsche Söhne gebärender Brutapparat ist eine Errungenschaft der wilhelminischen Ära. Der weiblichen Körper hatten sich Medizin und Biologie bemächtigt, den Rest erledigte die Psychologie. Mutterglück für die einen, Klinik für die anderen. Dahn und Konsorten taten das Ihrige hinzu, und zwar nicht nur als Literaten, sondern auch und gerade als Wissenschaftler. Auch und gerade als Germanenforscher. Verfügten die Frauen der wilhelminischen Ära über sich selbst? Eine rein rhetorische Frage.

Also: Mütter mussten die Germaninnen sein, und zwar deutsche Mütter des 19. Jahrhunderts. Einige Quellenstellen lassen sich - zumal unter Berücksichtigung der in den Jahrhunderten zuvor geleisteten "Interpretationsarbeit" - tatsächlich so lesen, also wurden sie auch so gelesen. Wir haben gesehen, wie problematisch die Behauptungen der römischen Autoren bezüglich der Keuschheit sind, aber die Bürger des 19. Jahrhunderts brauchten keusche germanische Mütter. Wir haben ebenfalls gesehen, wie die gesellschaftspolitische Rolle der Germaninnen bereits durch das Raster der römischen Autoren fiel und brauchen uns daher nicht darüber zu wundern, wenn das weder den Protestanten des 16. Jahrhunderts noch den Bürgern des 19. Jahrhunderts auffiel. Das sanctum war mitsamt der Weissagung ja bereits wegerklärt worden - jetzt als unwissenschaftlicher Aberglaube, zuvor als götzendienerischer Irrglaube - und der widerborstige Rest der Quellenaussagen war kein Problem. Es ist interessant zu beobachten, dass die Germaninnen immer weiter "vermuttern", je mehr man die Germanen "verdeutscht". Allerdings wurden die Germanen im 19. Jahrhundert nicht nur "verdeutscht", sondern auch "verbürgert".

Im wilhelminischen Reich herrschte das Bürgertum an der Seite der Aristokratie, Schlotbarone wurden geadelt. Ich habe im Rahmen dieses Projekts schon öfter auf die Rolle des Bürgertums in Sachen Rassismus und antidemokratische Ideologien hingewiesen und wiederhole hier ein Zitat, das ich bereits in "Völkische Ideologie" vorgetragen habe:

"Von da aus lässt sich verstehen, denke ich, wie und warum dieser Diskurs (der des "Rassenkampfes", Anm. d. Verf.) um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Neuansatz werden konnte. Und zwar zu dem Zeitpunkt, da er dabei ist, sich in einen revolutionären Diskurs zu verwandeln oder zu übersetzen oder überzugehen, in welchem der Terminus Rassenkampf durch den des Klassenkampfes ersetzt wird...Sobald sich eine Gegengeschichte revolutionären Typs herausbildet, formiert sich noch eine weitere Gegen-Geschichte, die in dem Maße zur Gegen-Geschichte wird, wie sie in einer biologisch-medizinischen Perspektive die in diesem Diskurs gegenwärtige historische Dimension tilgt. Damit tritt in Erscheinung, was als Rassismus bezeichnet werden muss. Indem er Form, Absicht und Funktion des Diskurses des Rassenkampfes übernimmt, aber umfunktioniert und verdreht, lässt sich dieser Rassismus als einer charakterisieren, der das Thema des historischen Krieges mit seinen Schlachten, Invasionen, Plünderungen, Siegen und Niederlagen - durch das biologische, post-evolutionistische Thema des Kampfs ums Überleben ersetzt. Es geht nicht mehr um Schlacht im kriegerischen Sinn, sondern um Kampf im biologischen Sinn: um Differenzierung der Arten, Selektion des Stärksten, Bewahrung der am besten angepassten Rassen usw. An die Stelle des Themas der binär strukturierten Gesellschaft, die dank Sprache, Recht usw. in zwei Rassen und zwei Gruppen geteilt ist, tritt das Thema einer Gesellschaft, die im Gegenteil biologisch monistisch sein wird. Sie wird nur von gewissen heterogenen Elementen bedroht, die jedoch nicht wesentlich für sie sind und den Gesellschaftskörper, den lebendigen Körper der Gesellschaft, nicht in zwei Teile teilen, sondern in gewisser Weise zufällig sind. Es ist die Vorstellung von Fremden, die sich einschleichen, und von Abweichlern, die die Nebenprodukte dieser Gesellschaft sind. Schließlich wird sich das Thema des Staates, der in der Gegen-Geschichte der Rassen notgedrungen ungerecht war, in das gegenteilige Thema verkehren: Der Staat ist nicht mehr das Instrument einer Rasse gegen eine andere, sondern ist und wird zum Beschützer der Integrität, der Überlegenheit und Reinheit der Rasse. Die Idee der Reinheit der Rasse mit allem, was sie zugleich an Monistischem, Staatlichem und Biologischem enthält, tritt an die Stelle der Idee des Rassenkampfes." (10)

In diesem Sinne machten die Germanen als Vorfahren der Deutschen diese im wilhelminischen Zeitalter quasi zur "reinen Rasse", die der Staat vor Irren, Revolutionären und Perversen beschützen musste. Der Rassismus, Grundlage des Kolonialismus und ebenso Grundlage der modernen Lehren von der in der "Natur" verankerten Ungleichheit der Menschen, instrumentalisierte die Germanen nicht nur, sondern löste ein ideologisches Problem, das durch den Aufstieg des Bürgertums überhaupt erst geschaffen worden war. Nämlich: zweifelsfrei waren die Germanen "Wilde" gewesen, ebenso wie die "Wilden", die man gerade mit Bibel, Nilpferdpeitsche und Mausergewehr kolonialisierte, zu ihrem eigenen Besten natürlich. Der germanische Krieger, wie Caesar und Tacitus ihn zeichnen, passt nahtlos in eine Reihe afrikanischer Krieger, wie es sie im 19. Jahrhundert noch vielerorts gab. Das war ein außerordentlich schwerwiegendes Problem, wollte man sich zum Germanen stilisieren. Geht man nämlich von der genetischen Weitergabe von Eigenschaften aus, worauf der Diskurs der "reinen Rasse" ja unter anderen beruht, so lauert der "Wilde" gewissermaßen in den eigenen Zellen. Es musste also ein Unterschied sein, und zwar nicht nur irgendein Unterschied, sondern ein fundamentaler. Genau das leistet der Rassismus: der "Wilde" wird aufgelöst in einerseits den "Wilden" im herkömmlichen Sinn, den schwarzen, braunen, gelben, roten "Wilden", der von Weißen kolonialisiert werden muss, und den weißen "Wilden", der freilich gar kein Wilder ist. Eine der Bezeichnungen für ihn lautet Arier.

Tatsächlich schuf Guido von List, wie wir wissen, die Ariosophie in dieser Zeit, wenn auch im Nachbar-Kaiserreich. Man empfand seine Ideen keinesfalls als anstößig, ansonsten wäre wohl kaum die ganze Wiener Theosophische Gesellschaft der seinen beigetreten und er wäre nicht von einem Großindustriellen gefördert worden. Man erkennt, dass List im Grunde lediglich die bürgerliche Germanenideologie des 19. Jahrhunderts mit der Theosophie kombinierte. Das soll freilich nicht heißen, die Bürger des späten 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich und im Habsburgerreich seien Ariosophen gewesen. Das waren sie nicht: der esoterische Hokuspokus der Theosophie stieß die Mehrheit ab, zumal die meisten regelmäßige Kirchgänger waren.

Es dürfte klar geworden sein, dass es ein fataler Irrtum ist, anzunehmen, der Rassismus des Dritten Reichs in Verbindung mit dessen Germanentümelei sei urplötzlich aus dem Boden geschossen oder etwa mit heißer Nadel von irgendwelchen Ideologen gefertigt worden. Die Propagandisten der NSDAP brauchten im Grunde nur auf einer breiten und soliden Grundlage aufzubauen, die kontinuierlich seit der wilhelminischen Zeit vorhanden war. Dies betrifft erstens den Rassismus und dessen Grundlagen, zweitens das Germanenbild und drittens deren Verquickung. Tatsächlich wurde auf der politischen Ebene die Kontinuität (das wilhelminische Reich galt als Zweites Reich) ja eindeutig behauptet, und in vielerlei Hinsicht erbte das Dritte Reich die Hinterlassenschaft antidemokratischer Kräfte des wilhelminischen Reiches und der Weimarer Republik. Es würde sich lohnen, Kontinuitäten und Umbrüche im Rahmen des Germanenbilds dieser Zeit eingehend zu untersuchen.

Erst verherrlicht, dann verteufelt

Nach dem Untergang des Dritten Reiches fielen die Germanen der westdeutschen Vergangenheitsbewältigung zum Opfer. Es war in der Tat eine Bewältigung und keine kritische Aufarbeitung, denn Sinti und Roma schikanierte man beispielsweise auch weiterhin und zwang sie zur Sesshaftigkeit (wenn man sie auch nicht mehr ermordete), Homosexuelle pathologisierte man weiterhin (wenn man sie auch nicht mehr ermordete), das Leben alleinstehender Mütter war ein Spießrutenlauf ("So etwas tut eine deutsche Frau nicht!"), das Reichskonkordat und die Rolle der deutschen Hochfinanz und Großindustrie wurden wenig oder gar nicht thematisiert, kurz, man bewältigte. Man bewältigte derart erfolgreich, dass man bald unter Führung der USA in den Kalten Krieg eintrat und wider den Osten erschröcklich mit dem Säbel rasselte. Ein Willi Brandt durfte sich als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer titulieren lassen, Bahnschaffner und Briefträger, die Mitglieder der DKP waren, erhielten Berufsverbot, während man NPD und Wiking-Jugend gewähren ließ.

In Deutschland bezog sich alle vorherige Erfahrung mit der Demokratie auf die kurzlebige Weimarer Republik, die von der Arbeiterbewegung erkämpft worden war und vom ersten bis zum letzten Tag von denen sabotiert wurde, die sich die wilhelminischen Verhältnisse zurückwünschten. Die neue deutsche Demokratie schleppte schwer an Altlasten.

Betreffs unseres Themas kam jetzt zu der Reihe bereits umrissener fataler Entwicklungen eine weitere dazu: man überließ das Germanenthema den Rechtsextremen. Die Germanenforschung arbeitete seriös und mit großer Ernsthaftigkeit hinter verschlossenen Türen, doch bei Organisationen wie der Wiking-Jugend pflegte man sorgsam dasjenige Germanenbild, das später, als die neuheidnische Szene entstand, prächtige Blüten treiben sollte. Durch die Stigmatisierung alles Germanischen an der Öffentlichkeit half man ihnen noch dabei, Ideologien wie die Ariosophie zu pflegen und zu verbreiten. Dadurch, dass man das Germanenthema rechtsextremen Kreisen zuwies, forderte man sie quasi auf, es zu nutzen, was sie freilich auch taten, wie sie es immer tun, wenn man ihnen irgend ein Feld überlässt. Dass sie sich die Stigmatisierung zunutze machen, wurde im Rahmen dieses Projekts immer wieder gezeigt. Die Stigmatisierung führte eben nicht dazu, dass das Germanenthema nicht für Ariosophie und völkische Ideologie genutzt werden konnte und kann. Ganz im Gegenteil, die Stigmatisierung war und ist heute eine wichtige Grundlage der Entstehung und Behauptung bestimmter rechtsextremer Strukturen und Ideologien, welche die Germanen instrumentalisieren. Tatsächlich konnte hier ja verschiedentlich gezeigt werden, dass gerade im Neuheidentum nie eine neue rechtsextreme Theorie oder Ideologie entstanden ist. Es ist dort auch niemals eine neue Germanentheorie entstanden. Alles, was man dort vorfindet, sind mehr oder weniger verzerrte Versionen von Elementen aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts.

Es ist an der Zeit, noch einen weiteren Faktor anzusprechen, nämlich das totale Versagen des zeitgenössischen "Asatru" (also derjenigen neuheidnischen Strömung, die sich auf die Germanen bezieht) bezüglich der Kultur, die angeblich rezipiert wird. Sie wird nicht rezipiert, diskutiert oder in irgendeiner Weise umgesetzt. Stattdessen wird mit unverstandenen und aus dem Kontext gerissenen Mythologien esoterisch-okkultistischer Hokuspokus getrieben oder eine "Religion" praktiziert, deren Hauptelement ein "Glaube" ist und die auch ansonsten vollkommen abhängig vom kirchlich-christlichen Modell ist. Dass sie ebenfalls vom Kartesianismus abhängig ist, habe ich gezeigt.

Zum sanctum der Germaninnen oder auch nur zu diesen selbst gibt es nirgendwo irgend einen erkennbaren Ansatz, die einzige Ausnahme ist bezeichnenderweise die "Intuitionsthese" des Armanenordens. Die Präsenz des Heiligen in der Welt ist mit Glaubenssystemen nicht zu vereinbaren. Das wurde weder erkannt noch umgesetzt.

Offensichtlich bestand bei den Germanen ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen sozialem und gesellschaftlichem Handeln einerseits und ihrer "Spiritualität" andererseits, sofern sich diese überhaupt vom Bereich des Lebens und Handelns trennen lässt, was ich bezweifle. Ich sehe Wikinger-Rollenspieler und Figuren, die sich fortwährend wie die Besucher des "Berliner Heidenfests" verhalten (von den Kofferträgern rassistischer Oberpriester und diesen selbst ganz abgesehen). Sich selbst so definierende "unpolitische" Gruppen dienen als Plattform für rechte Agitatoren und lassen sich für deren Tarn- und sonstige Manöver einspannen. Es ist selbst hier und heute abzusehen, dass ihr opportunistisches und verantwortungsloses Kalkül nicht aufgehen wird, wo ihnen gewissermaßen andere Formen des Opportunismus und der Verantwortungslosigkeit erlauben, mit dem lärmenden Hintergrund quasi zu verschmelzen. Die eklatanten Widersprüche ihres Verhaltens und ihrer Lehren zu der Kultur, auf die sie sich angeblich beziehen, sehen sie bezeichnenderweise nicht.

Wo sind die ernsthaften Publikationen zum Thema germanische Kultur von all den Leuten, die sich Asatru nennen und die sich angeblich fortwährend mit dieser Kultur befassen? Ich sehe sie nicht. Was hat man denn überhaupt vorzuweisen außer Förderung rassistischer Ideologien oder bestenfalls Gejammer über die eigene Situation? Großkotzige Erklärungen irgendwelcher Grüppchen im Internet, das allerdings zuhauf.

Die Katholikin Chrodechilde war mutiger und stärker, vor allem aber germanischer als alle "neugermanischen Heiden", denen ich bisher begegnet bin.

Kapitel 7: Tiefer Graben


Fußnoten:

(1)Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1974, S. 70

(2)ebd., S.72

(3)Caesar, Der Gallische Krieg, VI 27

(4)Foucault, Michel, die Ordnung der Dinge, 46 ff.

(5)Ein ertragreiches Beispiel ist „Von der teutschen Haupt-Sprache“ von Schottelius

(6)Dahn, Felix, Ein Kampf um Rom, Bd. 1, s.10

(7)ebd., S. 12

(8)Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Teil 1. Frankfurt am Main 1983, S. 97ff.

(9)ebd., 126

(10)Foucault, Michel, In Verteidigung der Gesellschaft, Frankfurt an Main 2001, S. 100f.

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