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Hans Schuhmacher Germanische Frau Die Fraenkinnen
28.04.2017, 09:55

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Die Gotinnen

Die Fränkinnen

Begeben wir uns nunmehr zu den Franken, gewissermaßen ans andere Ende des Spektrums. Dies gilt nicht nur in geographischer Hinsicht: während, wie wir gesehen haben, die Goten ein wandernder "Altstamm" waren, bildete sich der Stammesverband der Franken auf ganz andere Weise. Wir befinden uns hier am Schauplatz der langen und blutigen Auseinandersetzung mit Rom, sehr im Gegensatz zur ursprünglichen "Heimat" der Goten und den ersten Stationen ihrer Wanderung. Nichts wäre aber unsinniger, als den Dauerkonflikt als den Kampf "der Germanen" gegen Rom anzusehen - das mag im Großen und Ganzen aus der Sicht der Römer so gewesen sein, aber seitens "der Germanen" sah das mit Sicherheit ganz anders aus, was durch die Kurzlebigkeit von Bündnissen unter Stämmen und Kämpfe zwischen Stämmen sehr deutlich wird. Das soll nicht heißen, dass "der Stamm" die einzige politische Komponente war. Tacitus beispielsweise wusste, dass die Sueben non una ut Chattorum Tencterorumque gens (1), also "nicht ein einziger Stamm wie die Chatten und Tencterer" waren, und geriet an die Grenzen seiner Terminologie, als er versuchte, diesen "Verband" zu beschreiben. Ich erwähne das alles nur, um kurz darauf hinzuweisen, dass man bei der Bildung einer neuen politischen Entität sich keinen einfachen oder gar einheitlichen Prozess vorstellen sollte. Wenskus´ komplexe und differenzierte Besprechung fokussiert nicht ohne Grund auf "Stammesbildung und Verfassung" - eine zeitgenössische Diskussion des so benanntem Themas müsste in jeder Hinsicht in einem erweiterten Rahmen stattfinden, worauf ich im letzten Kapitel zu sprechen kommen werde. Hier sei lediglich gesagt, dass "die Germanen" ein Objekt des historischen Diskurses sind, das gilt auch für ihre gentes. Anhand der Germanen ist zu beobachten, wie nichtgermanische Diskurse (vom römischen bis hin zur modernen Germanenforschung) sie konstituieren. Man muss sich bemühen, bei der Rekonstruktion germanischer Diskurse diese nicht mit den Diskursen zu vermischen, deren Objekt sie sind.

Wenskus fasst bezüglich der Franken folgendermaßen zusammen: "So scheint uns jene Stämmegruppe, als die uns anfänglich die Franken entgegentreten, durch ein Geflecht verschiedenartiger Bindungen zusammengehalten ... Aber nicht jede dieser Bindungen wird in allen Fällen den gleichen Kreis von Völkerschaften erfasst haben wie die andere. Schon aus diesem Grunde mag auch der Geltungsbereich des Frankennamens geschwankt haben." (2) Dies ist nur eine leise Andeutung der tatsächlichen Schwierigkeiten.

Schwierigkeiten hatte und hat aber nicht nur die Germanenforschung, Schwierigkeiten ganz anderer Art hatten auch die Römer, selbst wenn sie nicht wirklich wussten, wer denn nun zum jeweils gegebenen Zeitpunkt die Franken eigentlich waren, eins stand fest: sie griffen an, und zwar äußerst erfolgreich. Erst als, vorsichtig ausgedrückt, "die Franken" die Provinz Gallien erobert hatten, gelang es dem Merowinger Chlodovech, unter den Franken in Gallien (nicht den Franken insgesamt!), überschaubare Verhältnisse herzustellen, und zwar indem er die anderen Frankenkönige einen nach dem anderen umbrachte. In dieser Hinsicht ist es ein glücklicher Umstand, dass der Verfasser unserer wichtigsten Schriftquelle, der Bischof Gregor von Tours, die Franken ganz und gar nicht liebte. Er dachte überhaupt nicht daran, die Vorgänge etwa zu beschönigen, sondern schwelgte geradezu in Schilderungen, wie die Barbaren sich aufführten.

Der Bischof und die Könige

Ein Beispiel: Chlodovech überredete den Sohn König Sigeberts, seinen Vater zu ermorden, und versicherte ihn seiner Freundschaft. Dieser tat das auch und bat Chlodovech, ihm Boten zu schicken, denen er einige Stücke aus dem Schatz des Sigebert überreichen würde. "Jener aber sprach: "Dank für deinen guten Willen; wenn unsere Leute zu dir kommen, so zeige ihnen, ich bitte dich, nur alles, du magst es dann selbst behalten." Und da sie kamen, öffnete er ihnen den Schatz seines Vaters. Als sie nun dies und jenes in Augenschein nahmen, sagte er: "In diesen Kasten pflegte mein Vater seine Goldstücke zu legen." "Stecke doch einmal deine Hand hinein bis zum Boden", sagten sie, "und finde alles." Er tat dies und beugte sich tief, da aber erhob einer den Arm und hieb ihm mit der Axt in den Hirnschädel. So traf ihn das selbe Los, das er ruchlos seinem Vater bereitet hatte." (3) Chlodovech begibt sich zum Ort des Geschehens, beruft eine Versammlung ein und berichtet dieser persönlich von den tragischen Todesfällen. "An all diesem bin ich durchaus ohne Schuld. Denn das Blut meiner Stammvettern darf ich ja nicht vergießen, und schändlich wäre es, wenn ich es täte. Da es jedoch einmal so gekommen ist, so gebe ich euch diesen Rat, wenn es euch genehm ist: wendet euch zu mir, dass ihr sicher lebt unter meinem Schutze." Als sie dies hörten, schlugen sie an ihre Schilde, riefen Beifall, hoben ihn auf den Schild und setzten ihn zum König über sich. So empfing er Sigeberts Reich und seine Schätze, und es kamen die Leute desselben unter seine Herrschaft. Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, dass er rechten Herzens vor ihm wandelte und tat, was seinen Augen wohlgefällig war." (4)

Der Schluss mag verblüffen, aber die Erklärung ist recht einfach: Chlodovech hatte sich katholisch taufen lassen.

Der Vorgang von Chlodovechs Königserhebung ist in vielerlei Hinsicht interessant: in sehr höflicher Sprache erteilt er der Versammlung seinen Rat, diese macht ihn in ritueller Weise (Akklamation, Heben auf den Schild) zum König. Chlodovech kann (als Katholik!) kein taciteischer Sakralkönig sein, das ändert aber nichts daran, dass es die rituelle Erwählung ist, die ihn zum König macht.

Gregor entstammte der gallorömischen Oberschicht, und deren Bastion war die Kirche. Die Städte hatten eine fast ausschließlich aus katholischen Provinzialen bestehende Bevölkerung, bei der die Bischöfe enorm großen Einfluss besaßen. Die Franken hingegen siedelten mehrheitlich getrennt von den Gallorömern auf dem Lande, die jeweiligen Lebenssphären berührten sich daher kaum. Gregors Hauptinteresse galt Städten und Kirche, doch mit den Frankenkönigen musste er sich befassen, denn diese hatten beispielsweise ein Mitspracherecht bei der Bischofsinvestitur, Gregors Kreise und die der Frankenkönige überschnitten sich demzufolge. Sein mit Adam und Eva beginnendes Geschichtswerk schrieb er aus folgendem Grund: "Da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens in Verfall geraten, ja sogar im Untergang begriffen ist, hat sich kein in der Redekunst erfahrener Grammatiker gefunden, um in Prosa oder Versen zu schildern, was sich unter uns zugetragen hat; und doch hat sich Vieles ereignet, Gutes wie Böses, es raste die Wildheit der Heiden, und die Wut der Könige wurde groß, von den Irrgläubigen wurden die Kirchen angegriffen und geschützt von den Rechtgläubigen, in vielen erglühte und nicht in wenigen erkaltete der Glaube an Christus, die heiligen Stätten wurden von den Frommen reich geschmückt und geplündert von den Gottlosen ... " (5). In der Tat hatte sich vieles ereignet - zumal seit Adam und Eva - und Gregor versuchte gar nicht erst, irgendwie zu systematisieren. Sein Werk ist im Grunde eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Im Gegensatz zu Tacitus, der behauptet hatte: "Deshalb plane ich, nur weniges von der Geschichte des Augustus und seinem Ausgang zu überliefern, dann den Prinzipat des Tiberius und seiner Nachfolger, alles ohne Hass und Vorliebe (sine ira et studio), wofür mir jeglicher Grund fehlt." (6) um sich dann nicht im Allermindesten daran zu halten (7), macht Gregor von vornherein und an allen Stellen klar, wo er steht. Er mag die Barbaren nicht und interessiert sich im Grunde überhaupt nicht für sie, aber sein Hass gilt den Arianern. "Christen" sind für Gregor nur Katholiken, gemäß dem Dekret des Kaisers Theodosius.

Als Quelle für die Franken jenseits der "Königsebene" dürfen wir von Gregor wenig erwarten. Allerdings fällt bereits bei den Kapitelübersichten auf, dass bei ihm recht viele Fränkinnen auftreten, wertlos ist er für uns also auf keinen Fall. Diese Fränkinnen gehören zwar der "Königsebene" an, agieren aber auch zumeist im fränkischen Kontext. Dieser fränkische Kontext enthält für uns zwei wichtige Faktoren. Erstens: die auftretenden Fränkinnen sind alle katholische Christinnen (zumindest formal gesehen). Zweitens. Die Merowinger, deren Herkunft als stirps regia alles andere als eindeutig ist, gaben sich - möglicherweise darum - betont archaisch. Anscheinend behaupteten sie, die eigentlich verloschene stirps regia der einst berühmten Sugambrer zu sein, die wir im vorigen Kapitel kurz erwähnt haben. Bei Chlodovechs Taufe, die Gregor mit äußerster Farbenpracht schildert, spricht der Bischof zu ihm: "Mitis deone colla, Sigamber, adora quod incedisti, incende quod adorasti" (8), also: "Beuge still deinen Nacken, Sugambrer (?), verehre, was du verfolgtest, verfolge, was du verehrtest." Diese Lesart (Sugambrer) ist allerdings nicht unumstritten (9). Gesichert und bekannt dagegen sind ihre Umfahrten auf den traditionellen Ochsenwagen sowie die Tatsache, dass das Scheren des Haars ihnen die Königsqualifikation nahm.

Als Chlodovech sich beispielsweise gegen König Chararich wandte, der ihn einst aus Opportunismus nicht unterstützt hatte, bemächtigte er sich seiner und seines Sohnes, ließ sie scheren und zu Priestern weihen. Chararichs Sohn stieß unklugerweise Drohungen gegen Chlodovech aus. "Dies Wort drang zu Chlodovechs Ohren, dass sie drohten, ihr Haar wieder wachsen zu lassen und ihn zu töten. Da befahl er, sie zu derselben Zeit zu enthaupten. Nach ihrem Tode gewann er ihr Reich, ihren Schatz und ihr Volk." (10) Das erklärt hinreichend Chlodovechs üblichen modus operandi: nur wenn er die anderen Könige tötete, schaffte er klare Verhältnisse. Da es aber bei den Franken kein Erstgeburtsrecht gab, waren nach Chlodovechs Tod sofort wieder mehrere Könige vorhanden, die sich hin und wieder gegenseitig umbrachten oder es zumindest versuchten.

Andere Stellen zeigen, dass den Befugnissen dieser Könige recht enge Grenzen gesetzt waren. Als Chlodovech noch vor seiner Taufe einmal einen erbeuteten Krug der Kirche zurückgeben wollte, muss er die Heeresversammlung um das Gefäß bitten: "Ich bitte euch, tapfere Krieger, sprach der König, erzeigt mir die Gunst, mir außer meinem Teil (das durch Los entschieden wurde, Anm. d. Verf.) auch jenes Gefäß da zu geben." (11) Ein Frankenkrieger zerschlägt daraufhin den Krug mit der Axt und teilt Chlodovech mit, niemals werde er mehr bekommen, als ihm rechtlich zustünde. Chlodovech wartet ein Jahr lang ab und bringt den Krieger dann öffentlich eigenhändig um (12). Gregor charakterisiert den Krieger allerdings als leichtsinnig, neidisch und unbedachtsam und legt den "Verständigeren" eine Gehorsamserklärung gegenüber Chlodovech in den Mund, was aber schon die ältere Forschung als Übertragung aus Gregors Rechtsvorstellungen erkannte. Chlodovechs öffentliche Rache legt nahe, dass er nicht den Rechtsappell des Kriegers in Frage stellen konnte, wohl aber persönlich beleidigt worden war und dementsprechend handelte. Darum erschlug er ihn auch eigenhändig.

Sowohl die sehr beschränkte Macht der Merowingerkönige als auch Gregors völlig andersgeartete Vorstellungen zeigen sich an einer anderen Stelle sehr deutlich. König Chlotachar geriet in einen Konflikt mit den Sachsen, rief seine Krieger zusammen und zog gegen sie aus. Daraufhin baten die Sachsen um Frieden, was Gregor in dreimaliger, sich dramatisch steigernder Wiederholung schildert. Bei jedem Friedensangebot will Chlotachar den Feldzug abbrechen: "Stehet ab, ich bitte euch, von diesen Menschen, damit nicht der Zorn Gottes über uns komme." (13) Aber jedes Mal setzen die Krieger sich durch. "Darauf erhoben sich jene wütend gegen König Chlotachar, zerrissen sein Zelt, verfolgten ihn mit Schmähungen, ergriffen ihn mit Gewalt und wollten ihn töten, wenn er noch länger zögerte, mit ihnen zu ziehen." (14) Der Feldzug findet statt, scheitert aber kläglich. Zweierlei ist klar. Erstens: die Krieger entschieden und wandten notfalls Gewalt an, um ihren Willen durchzusetzen. Die Drohung, Chlotachar zu töten, ist aber allem Anschein nach eine Übertreibung Gregors, denn die Krieger bestanden ja darauf, den König dabei zu haben - davon, den Feldzug ohne ihn durchzuführen, ist nirgends die Rede. Zweitens: Gregor, der die "Hand Gottes" auch bei regelrechten Trivialitäten am Werk sah, tritt die Episode darum breit, um seiner Auffassung von Königtum (nicht dem der Franken) Raum zu verschaffen. Ganz offensichtlich hätten die Krieger Gregors Auffassung nach dem an Gott appellierenden König gehorchen sollen. Die Morddrohung illustriert, dass er den "charismatischen" Charakter der Merowingerkönige nicht einmal wirklich verstand. Die Episode war ihm so wichtig, dass er sogar die "Hand Gottes" die heidnischen Sachsen beschützen ließ.

Das Kreuz der Gallorömerinnen

In vorigen Kapitel fiel auf, dass Vorstellungen von Keuschheit sehr viel mit unserem Thema zu tun haben, denn wir haben gesehen, wie die tatsächlichen Vorstellungen sich auf die Frauen in den jeweiligen Gesellschaften auswirken, was ihr Verfügen über sich selbst betrifft, und wie die bei den Quellenautoren vorherrschenden Vorstellungen sich drastisch auf ihre Schilderung der Verhältnisse auswirken. Man darf erwarten, dass der Bischof von Tours zu diesem Thema viel zu sagen hatte, und tatsächlich ist das auch so.

Charakteristisch ist eine Episode im I. Buch. Zwei junge Leute aus der gallorömischen Oberschicht heiraten. Während der Hochzeitsfeier beginnt die Braut zu weinen und spricht, vom Bräutigam befragt, was sie denn bedrücke, schließlich so: "Wenn ich auch alle Tage meines Lebens weinte, würden meine Tränen wohl ausreichen, den gewaltigen Schmerz abzuwaschen, der mein Herz erdrückt? Wisse denn, ich hatte beschlossen, meinen Leib unbefleckt von eines Mannes Berührung Christo zu bewahren, aber wehe mir, ich bin so von ihm verlassen, dass ich meinen Willen nicht zu erfüllen vermag und an diesem letzten Tage, den ich nimmer hätte sehen sollen, das verlor, was ich von Anbeginn meines Lebens bewahrt hatte. Denn siehe da, Christus hat mich verlassen, der Unsterbliche, der mir zur Morgengabe das Paradies versprach, und eines Sterblichen Gemahl bin ich geworden; statt unverwelklicher Rosen ziert, nein schändet mich nun ein Kranz welker Rosen. Und da ich an den vier Füssen des Lammes das Gewand der Reinheit anziehen sollte, ist dies Brautkleid mir eine Last, nicht Lust. Aber was bedarf es so vieler Worte? Ich Unglückliche sollte erhoben werden über die Himmel und werde heute in die Tiefe geschleudert. O, wenn das mein Los sein sollte, warum war nicht der Tag, der mir das Dasein gab, auch meines Daseins Ende? Hätte ich doch die Pforte des Todes betreten, ehe ich noch an der Brust der Mutter gelegen! Hätten die lieben Eltern doch damals meine Leiche geküsst! Denn es schaudert mir vor der Erde Pracht, weil ich hinaufschaue zu den Händen des Erlösers, die für das Leben der Welt durchbohrt wurden. Ich sehe nicht auf die Kronen hier, die glänzen von hellem Edelstein, da jene Dornenkrone vor meinem Sinne schwebt. Nichts gelten mir deine Güter, die weit über das Land sich erstrecken, denn mein Sinn steht nach des Paradieses Freuden. Mich ekeln deine weiten Säle, da ich droben thronen sehe den Herrn über den Gestirnen." (15) Nach kurzem Zwiegespräch willigt der Bräutigam ein, ein abstinentes Leben mit seiner Angetrauten zu führen. Das tun die beiden auch bis zu ihrem Tod, worauf sich an ihrem Grab Wunder ereignen. (16)

Selbstverständlich liegt hier keine ungebrochene Kontinuität der römischen Vorstellungen vor. Der Kontext ist ein anderer, desgleichen die Kausalitätsvorstellungen, wenn man auch davon ausgehen darf, dass römische Vorstellungen die christlichen stark mitgeformt haben. Das Frauenbild der damaligen katholischen Theologie, im Wesentlichen paulinisch, kann und braucht hier nicht referiert zu werden. Die heiligmäßige Braut unseres Beispiels verkörpert das weibliche Ideal in Gregors Zeit und Umfeld und war freilich das, was die Gallorömerinnen vergeblich anzustreben hatten.

Unbeugsam bis zuletzt

Scherten sich die Franken und ihre Könige wenig darum, wie sie nach Meinung Gregors denken und handeln sollten, wie man ja gesehen hat, so darf man davon ausgehen, dass das für die Fränkinnen ebenso galt. Ich habe darauf hingewiesen, dass sich die Lebensbereiche von Gallorömern und Franken nur wenig berührten. Das Fortdauern der "charismatischen" Vorstellung von Königtum trotz Taufe setzt ein Fortleben des fränkischen Diskurses ohne wesentliche Einschnitte geradezu voraus: es kann nicht sein, dass bezüglich des Königs eine völlig andere Vorstellung von der Welt und ihrem Funktionieren vorherrscht als bezüglich anderer Gegebenheiten, die man heute als "gesellschaftspolitisch" ansieht. Ich relativiere den Begriff, weil es sich bei den Vorstellungen vom Charisma um Wirkmächtigkeit in der Welt dreht, nicht um etwas von ihr verschiedenes. Die Chlotachar-Episode zeigt, was ein König für die Franken war, nämlich im Wortsinne ein "Glücks-bringer", den man dabei haben musste, ganz unabhängig von dem, was der König wollte (17). Erst die Usurpation der Karolinger mit Hilfe der Kirche, die die Bastion der gallorömischen Oberschicht war, änderte das und anderes später grundlegend.

König Charibert heiratete eine Schäferstochter namens Theudichilde (18) . Als er starb, sandte sie von sich aus Boten an König Gunthramn (Chariberts Bruder) und bot sich ihm zur Ehe an. Dieser war hocherfreut, als Theudichildes Boten ihn erreichten: "Ihnen antwortete der König: "Es möge sie nicht verdrießen, zu mir zu kommen mit ihren Schätzen. Ich werde sie zur Ehe nehmen und hoch stellen in meinem Volke, so dass sie noch größere Ehren bei mir genießen soll als bei meinem Bruder, der jüngst verstorben ist." (19) Gunthramn hielt aber sein Wort nicht, nahm Theudichilde den Großteil der Schätze weg, behauptete, sie sei unwürdig gewesen, seinen Bruder zu heiraten und steckte sie in ein Kloster in Arles. Dort gefiel es Theudichilde gar nicht, also wandte sie sich "durch geheime Boten an einen Goten; wenn er sie nach Spanien entführen und sich mit ihr vermählen wolle, so versprach sie ihm, mit ihren Schätzen das Kloster zu verlassen und ihm freudig zu folgen." (20) Der Gote ist begeistert, aber der Plan fliegt auf, Theudichilde wird ausgepeitscht und stirbt im Kerker.

Bemerkenswert ist hier nicht nur, dass Theudichilde König und Äbtissin bis zum bitteren Ende trotzt, sondern auch, dass sie nach dem Tod Chariberts über Schätze verfügt. Dies vor allem darum, weil diese Schätze (die der Merowinger) nicht aus ökonomischen Gründen gehortet wurden: sie gehörten zum Königscharisma. Theudichilde im Kloster einzusperren, reicht offenbar nicht aus, man nimmt sie in Sicherheitsverwahrung. Aus der Sicht König Gunthramns und der Äbtissin ist das nicht einmal übertrieben, denn immerhin war Theudichilde ohne weiteres imstande, aus dem Kloster heraus einen Goten zu kontaktieren und ihre Flucht zu organisieren. In Spanien wäre sie ein für allemal aus Gunthramns Reichweite gewesen und hätte vielleicht sogar Gelegenheit gefunden, ihm seinen Wortbruch heimzuzahlen: der Gotenkönig wäre womöglich nicht abgeneigt gewesen, Gunthramn eins auszuwischen. Es sei noch einmal betont, dass sie eine Schäferstochter war, keine "Aristokratin" wie die Königin Fredegunde, gewissermaßen die "Lady Macbeth" in Gregors Werk, deren Geschichte trotz ihrer Dramatik uns hier nicht viel weiterhilft, weil es wegen Gregors offensichtlicher Abneigung gegen sie schwierig ist, ihre wirklichen Aktivitäten von denen zu trennen, deren Gregor sie nur bezichtigte (21). Theudichilde ist für uns ein besseres Beispiel. Ihre Findigkeit und Unbeugsamkeit sind offensichtlich, vor allem aber ist bemerkenswert, dass sie nicht im Mindesten daran denkt, sich nach König und Äbtissin zu richten, und für wie gefährlich diese sie offenbar halten.

Die Königin

Einmal wurde Gregor selbst mit rebellischen Fränkinnen konfrontiert, und zwar in einer Klosterangelegenheit, also in seinem eigenen Wirkungsbereich. "In dem Kloster von Poitiers entstand Hader und Zwietracht, da der Teufel das Herz der Crodechilde verführte, die sich weiland König Chariberts Tochter zu sein rühmte; im Vertrauen auf ihre königlichen Verwandten nahm sie den Nonnen einen Eid ab, dass sie der Äbtissin Leubowera Verbrechen vorwerfen, sie aus dem Kloster entfernen und stattdessen sie selbst zum Haupt desselben einsetzen wollten, sie verließ darauf mit vierzig oder noch mehr Jungfrauen, wie auch mit ihrer Base Basina, der Tochter Chilperichs, das Kloster und sprach: "Ich gehe zu den Königen, meinen Verwandten, um ihnen die Schmach melden zu können, die wir erleiden; denn man erniedrigt uns hier, gleich als seien wir nicht Königstöchter..." (22)

Als nächstes kam es zur Konfrontation mit Gregor, denn Crodechilde sprach bei ihm vor (er war der Bischof der Nachbardiözese) und bat ihn, die Frauen zu beherbergen, während sie selbst sich an die Könige wenden würde. Das wollte Gregor keinesfalls, er wollte die Angelegenheit selbst mit dem Bischof von Poitiers regeln: " ... wenn dann die Sache ausgeglichen ist, mögt ihr wieder in euer Kloster zurückkehren, damit nicht durch einen Mangel an Zucht verschleudert werde, was die heilige Radegunde mit Fasten, unablässigem Gebet und unermüdlichen Spenden gesammelt hat." (23) Darauf will sich Crodechilde nicht einlassen, worauf Gregor mit Verstoß aus der Kirchengemeinschaft gegen alle beteiligten Frauen durch die Bischofsversammlung droht. Er beruft sich hierbei auf einen Brief der an der Synode von Tors im Jahre 567 beteiligten Bischöfe an die Klostergründer, den er im vollen Wortlaut wiedergibt. Der inhaltlich wichtigste Punkt ist die Unmöglichkeit des Wiederaustritts aus dem Kloster. Auf Zuwiderhandlung setzten die Bischöfe den Kirchenbann, der im Falle der Verheiratung der Verfluchten auch jeden traf, der irgend mit der Angelegenheit zu tun hatte. (24)

"Als dieser Brief verlesen war, sagte Crodechilde: "Nichts wird uns davon abhalten, uns zu den Königen zu begeben, welche, wie wir wissen, unsere Blutsverwandten sind." Sie hatten aber den Weg von Poitiers zu Fuß gemacht und nicht einmal ein Pferd zu ihrer Verfügung gehabt, deshalb waren sie sehr erschöpft und angegriffen. Auch hatte ihnen niemand auf dem Wege etwas zu essen gegeben. Überdies kamen sie gerade am ersten März bei uns an, wo es stark geregnet hatte und die Wege wegen des großen Wassers bodenlos waren." (25)

All das ficht Crodechilde nicht an. Gregor gibt nach! Er beherbergt alle Frauen bis zum Sommer. Crodechilde setzt ihre Verwandte Basina sozusagen zu ihrer Stellvertreterin ein, die anderen Frauen bleiben in Tours, und Crodechilde begibt sich mit einigen Begleiterinnen zu König Gunthramn, der sie ehrt, beschenkt und eine Bischofsversammlung wegen der Angelegenheit veranlasst.

Aber die Sache eskaliert. "Viele von den Nonnen waren indessen von Männern umgarnt worden und verheirateten sich, noch ehe jene vom Könige zurückkehrte. Und als sie nach langem Warten auf die Zusammenkunft der Bischöfe endlich vernahmen, dass keiner sich einstellte, kehrten sie nach Poiters zurück, begaben sich zu ihrer Sicherheit in die Kirche der heiligen Hilarius und sammelten hier um sich eine Schar von Dieben, Mördern, Ehebrechern und Menschen, die aller Verbrechen schuldig waren; sie rüsteten sich zum Widerstande (stabilientes se ad bellum, die Rede ist von Krieg) und sprachen: "Königstöchter sind wir (reginae sumus, also Königinnen!) und kehren nicht eher in das Kloster zurück, als bis die Äbtissin fortgeschafft ist." (26)

Das freilich ruft die Bischöfe auf den Plan. Crodechilde und die anderen Frauen weigern sich, der Aufforderung nachzukommen, ins Kloster zurückzukehren, worauf der Kirchenbann gegen sie geschleudert wird. Das Ergebnis der kirchlichen Machtdemonstration ist sichtlich nicht das von den Bischöfen erwartete, denn es "erhob sich jene Schar von Unsinnigen, deren wir vorhin gedachten, und fiel in der Kirche des heiligen Hilarius selbst über sie mit solchen Faustschlägen her, dass die Bischöfe zu Boden sanken und sich kaum wieder erheben konnten, aber auch die Diakonen und die anderen Geistlichen liefen mit Blut bespritzt und mit zerschlagenen Köpfen aus der Kirche. Ein solcher Schrecken befiel sie alle" und das war des Teufels Werk, wie ich glaube", dass sie, als sie die heilige Stätte verließen, einander nicht einmal Lebewohl sagten und sich jeder auf dem ersten besten Wege nach der Heimat aufmachte." (27)

Crodechilde macht Ernst. "Hierauf bestellte Crodechilde Verwalter, bemächtigte sich der Güter des Klosters und nötigte alle seine Dienstleute, deren sie habhaft werden konnte, mit Schlägen und Streichen, sich ihr zu unterwerfen; sie drohte, wenn es ihr gelänge, in das Kloster zu kommen, so würde sie die Äbtissin von der Mauer herabstürzen." (28)

Jetzt zieht die Angelegenheit Kreise. König Childebert, dessen Verhältnis zu oben erwähntem König Gunthramn kein unproblematisches ist, entsendet einen Grafen mit einem Erlass, um die Krise in den Griff zu bekommen, während sich die verprügelten Bischöfe an ihre Amtsbrüder wenden, die gerade bei König Gunthramn versammelt sind. Aber Graf, Bischöfe und König Childebert erreichen überhaupt nichts.

Man darf bezweifeln, dass die Schar um Crodechilde außer den gebannten Nonnen eine Zusammensetzung aufwies, wie Gregor sie schildert: "Mörder, Giftmischer, Hurer, Landflüchtige und Verbrecher anderer Art." (29) Die Ereignisse machen deutlich, dass Gregor Gründe hatte, Crodechildes Anhängerschaft als eine grässliche Horde zu schildern. Erwartet man aber von Mördern, Giftmischern und anderen Verbrechern, dass sie sich solidarisch um eine Frau scharen, die sich als regina bezeichnet? Möglicherweise wollte Gregor genau das insinuieren - ein sehr interessanter Punkt. Es ist nämlich nirgends die Rede davon, all diese Menschen seien Franken gewesen. Wenn sie es nicht waren - und der Ort des Geschehens (Poitiers) spricht dafür, dass sie es nicht waren - verhalten sich in dieser Geschichte Gallorömer nach fränkischem Muster! Das allerdings würde höchste Alarmstufe für Gregor und seine Kollegen bedeutet haben. Es würde auch, nebenbei gesagt, höchst beunruhigend wirken auf diejenigen, die bis heute die "Zivilisierung" (durch Christianisierung und Romanisierung) der Franken als glorreichen Prozess hinstellen.

Tatsache ist, dass sich alle über den Kirchenbann hinwegsetzten, ganz egal wie viele Bischöfe ihn bekräftigten, und auch König Childebert gelang es nicht, Crodechildes Anhänger einzuschüchtern. Es wird deutlich, dass ihr Selbstverständnis, eine Königin zu sein, sehr handfeste Ergebnisse zeitigt. Ich erinnere hier an die Chlotachar-Episode: mit Befehlsgewalt hat dies alles nichts zu tun, zumal in diesem Fall der offizielle Status Crodechildes der einer Nonne im Kirchenbann ist, also einer Unberührbaren, der niemand Hilfe gewähren darf, ohne selbst dem Bann zu verfallen und zur Hölle zu fahren.

Als nächstes (30) befiehlt Crodechilde den Angriff auf das Kloster. Die Äbtissin wird gefangengenommen und auch auf die Drohung des Bischofs von Poitiers hin, in seiner Diözese das Osterfest nicht zu feiern und niemanden mehr zu taufen, nicht freigelassen. Schließlich sieht sich König Childebert veranlasst, mit König Gunthramn zu konferieren und alle Bischöfe in der Angelegenheit zusammenzutrommeln. Das ist der Höhepunkt: beide Könige und der gesamte Klerus konzentrieren ihre Kräfte gegen Crodechilde. Der Aufstand wird militärisch niedergekämpft, da die Bischöfe sich weigern - Gregor ist unter ihnen - vorher Crodechilde nahe zu kommen. Es folgt ein pompöse Gerichtssitzung. Da sich Crodechilde aber immer noch weigert, ins Kloster zurückzukehren, wird sie auf königliche Intervention hin schließlich in die Kirchengemeinschaft wiederaufgenommen und zieht sich auf ein Landgut zurück, das der König ihr schenkte. Das ist das Ende der Geschichte.

Verfügten die Fränkinnen der Merowingerzeit über sich selbst? Ich habe oben klargestellt, dass Gregor sich bezüglich der Franken nur für die "Königsebene" interessiert. Die Geschichten von Theudichilde und Crodechilde spielen beide im kirchlich-klösterlichen Milieu, und wie man da Frauen sah und behandelte, wissen wir hinlänglich. Es focht sie sichtlich nicht an, obwohl man bei beiden voraussetzen muss, dass sie genau wussten, was von ihnen als Katholikinnen erwartet wurde. Auch das focht sie nicht an. Es ist sicher kein Fehlschluss, wenn man sagt, dass das Verhalten beider das selbstverständliche Recht, über sich selbst zu verfügen, zur eigentlichen Wurzel hat.

Kapitel 5: Mythologie und Kosmologie - Fragmente des Denkens


Fußnotens:

(1)Tacitus, de origine et situ Germanporum liber, 38

(2)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 517 f.

(3)Gregor von Tours: Zehn Bücher Geschichten, Band I, Darmstadt 1977, S. 137 (I 40)

(4)ebd.

(5)ebd., S.3 (I1)

(6)Tacitus, Annalen, I1

(7)Tacitus hatte aus seiner Sicht sehr gute Gründe für Hass und Vorliebe, und denen ließ er freien Lauf. Ich habe bereits auf seine Intention bezüglich seines Werks über die Germanen hingewiesen – diese Intention durchzieht durchaus sichtbar seine Schriften zur römischen Geschichte ebenso.

(8)Gregor von Tours, Geschichten ,Bd. I, S.118 (II 31)

(9)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 534f.

(10)Gregor von Tours, Geschichten, Bd.I, 139 (II 41)

(11)Gregor von Tours, Geschichten, Bd. I, S. 113 (II 27)

(12)ebd.

(13)Ebd., S. 213 (IV 14). Gregor legt Chlotachar ein Bibelzitat in den Mund, Jos. 9,20

(14)ebd.

(15)Ebd., 47 ff, (I 47)

(16)ebd.

(17)Man muss sich aber insgesamt vor der Übertragung neuzeitlicher Vorstellungen vom Zusammenhang zwischen Person und Position hüten, wenn es um historische Sachverhalte geht. Foucault hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Suche nach der Person, die die Macht „hat“, oder sich Macht als Instrument von Personen, Personengruppen oder Institutionen vorzustellen, gewissen Denkmustern, aber nicht der Realität entspricht. Man darf sich daher nicht wundern, wenn man in historischen Verhältnissen ein ganz anderes Denken vorfindet, das in unseren Zeiten zunächst verblüfft. Als beispielsweise Anselm von Canterbury im 11. Jh. als Erzbischof daselbst eingesetzt werden sollte, aber nicht wollte, da er sich als Mönch verstand, überwältigte man ihn physisch und zwang ihm den Bischofsring an den Finger sowie den Stab in die Hand, so geschehen am 6. März 1093. Nachher sträubte sich Anselm nicht mehr, denn die Prozedur war gültig, auch für ihn. (Jäschke, Kurt-Ulrich, Die Anglo-Normannen, Stuttgart 1981, S. 131). Viele unserer Zeitgenossen werden Anselms Sträuben und die erwähnten Vorgänge für ein bloßes Schauspiel halten, denn Anselm musste „natürlich“ nach der Macht und den Einkünften des wichtigsten Kirchenamts in England streben. Ich habe ihn aber darum als Beispiel ausgesucht, weil seine provokante Theologie und mithin, was er dachte, überliefert ist. Wer will, kann freilich weiterhin auch Anselms gesamte theologische Ernsthaftigkeit als zynische Machtgier seinerseits interpretieren, wird aber in große argumentative Schwierigkeiten geraten. Dass heutzutage über all diese Dinge so und nicht anders gedacht und dieses Denken auf alle Zeiten und Kulturen übertragen wird, hängt in erster Linie damit zusammen, dass die christlich-abendländische Zivilisation seit einigen Jahrhunderten gar nicht mehr dazu fähig ist, eine Moral zu bilden, weil ihr die Grundlagen dafür fehlen (Mac Intyre?, Alasdair, Der Verlust der Tugend, Frankfurt am Main 1995) und man gar nicht mehr weiß, was moralisches Denken überhaupt ist. Gregor, Chlotachar, Anselm, Tacitus, Caesar, Thusnelda, Arminius und alle anderen hingegen handelten aufgrund eines Denkens (Moral ist Denken, nicht blindes Befolgen von Regeln), das zwar scharf mit der Moral der jeweils anderen kollidierte, aber sie alle wussten genau, was Moral ist und was Tugend bedeutet. Im Rahmen einer Moral wird freilich über „Machtpositionen“ völlig anders gedacht als jenseits aller Moral (also hier und heute). Anselm wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine persönlichen Wünsche Vorrang hätten, schon gar nicht vor dem Willen Gottes, und die Welt (Erzbischofssitz inbegriffen) war für ihn kein passives Objekt. Der Akt der Investitur galt, denn hätte er nicht gegolten, was hätte gegolten? Nichts. Das durfte nicht nur nicht sein, das war undenkbar. Heutzutage aber, da Disziplinaranstalten und Normalisierungstechniken sich fadenscheinig in das Kostüm einer „Moral“ hüllen, die gepredigt und mit Sanktionen unterstützt, aber ganz zurecht immer wieder als billiger Schwindel zur Verbrämung von Eigeninteresse entlarvt wird, gilt nichts mehr. „Moral“ ist jetzt die Einhaltung von Normen und das Funktionieren im Disziplinarapparat. So wird der Journalist zum öffentlichen Ankläger, der Psychologe zum Richter (und der Richter zum Psychologen, wie Foucault ausführte), das Fernsehen zum Pranger, und wer hinter dem rhythmisch klatschenden Studiopublikum den Gleichschritt marschierender Stiefel hört, liegt vielleicht gar nicht so falsch. Im Rahmen unserer Thematik ist es nicht uninteressant, zu beobachten, dass eine Frau, die offen Freude an ihrer „Sexualität“ zeigt, „unmoralisch“ ist, wogegen es zum Beispiel nicht als Unmoral gilt, wenn Unternehmen in südostasiatischen Staaten produzieren, wo Militärregierungen für niedrige Lohnkosten sorgen. Den Gegnern der Agenda 2010 wird Unmoral unterstellt (Egoismus), das Drangsalieren von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern ist nicht unmoralisch. Daher braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man sehr lange und umständliche Erklärungen braucht, um Menschen in anderen Zeiten und Kulturen nicht als nihilistische Zyniker darzustellen.

(18)Gregor von Tours, Geschichten, Bd. I, S. 229 (IV 26) Es ist an dieser Stelle von diversen Ehefrauen Chariberts die Rede, aber es ist leider unklar, ob er gleichzeitig mit mehreren von ihnen verheiratet war oder auch nur, in welcher Reihenfolge. Ich erwähne das, weil Charibert laut Gregor durch die Hand Gottes im Kirchenbann starb, und zwar wegen einer anderen Ehegeschichte – die geneigte Leserschaft sehe es mir nach, dass ich davon absehe, Gregors Durcheinander aufzuräumen und Chariberts Ehefrauen zu sortieren.

(19)ebd, S. 231 (IV 26)

(20)ebd.

(21) Was außerordentlich schade ist, denn Fredegunde ist eine faszinierende Gestalt. Ihr Wirken in der „hohen Politik“ würde es aber erfordern, diese in ihrer gesamten Bandbreite hier zu diskutieren. Fredegunde war die Gemahlin König Chilperichs, des „Nero und Herodes unserer Zeit“ (Gregor von Tours, Geschichten, VI 46). Er wurde im Jahre 584 ermordet und „hauchte seine schwarze Seele aus“ (ebd.), als Gregor etwa 45 Jahre alt war. „Die Bischöfe des Herrn lästerte er unaufhörlich, und über nichts trieb er im vertrauten Kreise lieber Spott und Scherz, als über die Bischöfe der Kirchen“ (ebd.), es verwundert also nicht weiter, dass Gregor meinte, man könne sich gar keine Ausschweifung vorstellen, „die er nicht wirklich verübt hätte.“ (ebd.) Ganz gleichgültig was Chilperich auch tat, Gregor kommentierte es entsprechend. Fredegunde überlebte ihren Gemahl aber nicht nur, sie blieb keinesfalls untätig, und wenn Gregor wenigstens an einen Teil der zahlreichen Mordkomplotte selbst glaubte, die er ihr ankreidete, muss er beträchtliche Angst vor ihr gehabt haben.

(22)ebd., S.297 (IX 39)

(23)ebd.

(24)Ebd., S.301 (IX 39)

(25)ebd., S. 303 (IX 39)

(26)ebd., S.305 (IX 40)

(27)ebd., S.307, (IX 41)

(28)ebd.

(29)Gregor von Tours, Geschichten, S. 359 (X 15)

(30)ebd., 359 ff. Ich fasse mich hier ein wenig kurz, denn man sieht auch ohne Gregors dramatische Rhetorik, worauf es ankommt.

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